Samu in der Naunynstraße

Ich komme am späten Nachmittag in die Naunynstraße. Außer einem mir unbekannten jungen Mann treffe ich niemand an. Und der junge Mann hat unseren Küchenschrank komplett ausgeräumt, was eine Leistung ist, und und unterzieht ihn einer Intensivreinigung. Ich begrüße ihn und stelle mich vor – er nennt seinen Namen. Auf meinen fragenden Blick spielt sich folgender Dialog ab:

ER: Ich mach Samu.
ICH: mhm (mehr fragend als feststellend)
ER: Ich wohn‘ hinter KahWeh (gemeint ist „Königswusterhausen“) und komm‘ alle paar Monate vorbei. Heute war der G. da. Ich hab‘ ihm erzählt, daß ich einen spirituellen Weg such‘.
ICH: mhm
ER: Da hat der G. gemeint: „Dann machen wir jetzt Samu“. Und dann haben wir in der Küche angefangen. Aber er hat einen Termin gehabt. Deswegen mach‘ ich jetzt hier allein weiter.

(Samu ist im Zen-Buddhismus das Arbeiten zum Wohle der Gemeinschaft, ohne dabei persönliche Ziele und Interessen zu verfolgen. Bei Zen-Retreats ist es üblich, eine Stunde am Tag zu arbeiten, meist putzen, kochen oder Gartenarbeit).

Ein Tisch … als Zeichen der Gemeinschaft

Ein Tisch erzählt … vom Fest (Teil 1)
Ein Tisch erzählt … vom Fest (Teil 2)
und hier der 3. Teil in anderer Form:

Samstagsfrühstück: der Tisch ist gedeckt

Samstagsfrühstück: der Tisch ist gedeckt

Christian Herwartz schreibt: Vor 40 Jahren zogen drei Jesuiten zusammen nach Kreuzberg. Eine Kommunität begann. Nach dem Tod von Franz Keller (Januar 2014) wurde deutlich, dass sie in der jetzigen Form nicht mehr weiterleben kann. Ein Generationswechsel stand an. Ein Generationswechsel in was?

Die Kommunität ist in den Jahren gewachsen. Menschen aus über 70 Ländern wohnten und prägten die WG. Bisher hatten die Jesuiten eingeladen und die Gastgeberfunktion übernommen. Nun mussten sie diese mangels Nachwuchs abtreten. War die Gastgeberfunktion nicht schon längst auf die jetzt hier lebende Gemeinschaft übergegangen?

Ja, die ganze Gemeinschaft trägt die Wohngemeinschaft mit ihren unterschiedlichen Gaben. Doch in ihr leben bei aller Beteiligung auch Schutzsuchende. Diese können nicht alle Dimensionen der Verantwortung selbst übernehmen. Mitten in den vielfältigen Verantwortungen braucht eine Gemeinschaft Personen, die von außen ansprechbar sind und sich auch um die innere Kommunikation bemühen. Wer könnte nach meinem Weggang diese Personengruppe sein? Wer will diese Verantwortung übernehmen?

Nach einer Schockphase berieten wir zusammen mit unseren FreundInnen: Was ist wichtig geworden und wie kann es weiter gehen?

Cover

Cover

Viele Perspektiven wurden genannt und auch wieder verworfen. In dem Buch „Einfach Ohne“ ist dieser Prozess ein wenig festgehalten. Mitten in all den Ängsten, inneren Turbulenzen und Umbrüchen kam Iris W eiss Anfang 2015 für ein paar Tage, um die WG etwas mehr von innen zu erleben, die sie bei Samstagsfrühstücken schon kennen gelernt hatte. Sie blieb, engagierte sich und wollte auch verantwortlich hier leben bleiben. Sie stieg in den Neuanfang ein, der ja jeder Generationswechsel ist.

Wer könnte noch dazu kommen? Michael Peck kommt wöchentlich regelmäßig zwei Tage von Münster und engagiert sich mit ihr und allen anderen zusammen bei der Neuausrichtung.

Vieles soll weitergehen. Anderes, was bisher dazugehörte, ist nicht vorrangig. Iris und Michael übernahmen die nötigen Absprachen mit dem Jesuitenprovinzial und wuchsen immer mehr in die Kommunität hinein. Die Kommunität war schwer in ihrem Kern zu umschreiben. Doch wurde die Hoffnung immer deutlicher: Sie wollen einen schon begonnenen Weg fortsetzen. In dem Lesebuch „Einfach ohne“ sammelten sich Beiträge von Freunden, die vor allem Nadine zusammenstellte und Rolf mit vielen Zeichnungen versah. Das Buch kann im Internet aber auch auf Papier gelesen werden. Noch können Exemplare in der WG – möglichst gegen eine Spende ­ bestellt werden.

Für ein halbes Jahr unterstützte Sr. Hilmtrud­ aus der Congregatio Jesu ­ den Übergang vor Ort, und viele andere auch.

In der Feier übergab ich mitten unter den versammelten Bewohnern und Unterstützern die beiden Seitenteile unseres Wohnzimmertisches an Iris und Michael als Zeichen der Übergabe der Verantwortung.
Foto: Miriam Bondy

Foto: Miriam Bondy

Im Februar hat Dorothea im Rahmen eines zweiwöchigen Praktikums in der Naunynstraße mitgelebt. Bei ihr ist daraus in den folgenden Wochen der Wunsch und die Bereitschaft gewachsen, in die Naunynstraße zu kommen und die Wohngemeinschaft zu unterstützen. Sie hat uns dies am Freitag vor dem Fest gesagt und sich dann beim Fest als zukünftige Mitbewohnerin vorgestellt.
 
Am nächsten Tag stand der ganze Tisch mitten in der Kreuzberger Michaelskirche und wir feierten an ihm Gottesdienst mit allen FreundInnen, wie wir es in der Gemeinschaft all die Jahre auch getan haben.
Tisch beim Gottesdienst (Foto: Miriam Bondy)

Tisch beim Gottesdienst (Foto: Miriam Bondy)

Der Tisch war über die Jahre hinweg Mittelpunkt bei den vielen schönen Essen, Diskussionen und Feiern, auch bei den notwendigen und nicht so notwendigen Auseinandersetzungen sowie den Rückbesinnungen in den Gottesdiensten mit ihrem Ruf nach Entschiedenheit und Versöhnung.

Tisch nach dem Dankgottesdienst vor der Michaelskirche mit den Resten vom Fest (Foto: Miriam Bondy)

Tisch nach dem Dankgottesdienst vor der Michaelskirche mit den Resten vom Fest (Foto: Miriam Bondy)

Hier erlebten Menschen, dass sie auch in extremen Notlagen sprechen konnten und gehört wurden, dass Fremdheit und Streit zugelassen wurde, dass niemand in Harmonie ertränkt wurde. Auch sehr einsame Menschen konnten an diesem Tisch Platz nehmen, Verunsicherungen wurden ihnen zugemutet und nicht einfach verschwiegen. Menschen, die in Exerzitien Gottes Spuren auf der Straße suchten, fanden an dem Tisch Begleitung und Ermutigung. Im Vertrauen auf eine größere, oft unsichtbare Gemeinschaft trafen sich alltäglich hier Menschen verschiedener Glaubensrichtungen, die ja alle dem Frieden zu dienen suchten.

Allen Menschen, die weiter an diesem Tisch Platz nehmen, wünsche ich Wege zum Frieden, der Streit zulassen kann und Versöhnungswege eröffnet.

Vor der Rückkehr ins Wohnzimmer (Foto: Miriam Bondy)

Tisch vor der Rückkehr ins Wohnzimmer (Foto: Miriam Bondy)

DAS SPIELEN IM FRIEDEN – DAS SPIEL MIT DEM FRIEDEN: Einladung zum interreligiösen Friedensgebet im September

MAHNWACHE UND INTERRELIGIÖSES FRIEDENSGEBET AUF DEM GENDARMENMARKT

SONNTAG, 4. September 2016 um 15:00 Uhr
DAS SPIELEN IM FRIEDEN – DAS SPIEL MIT DEM FRIEDEN

FriedensgebetMenschen spielen.
Wir bewundern die Wahrhaftigkeit und den Ernst des Kleinkindes, das friedlich in sein Spiel versunken ist, ganz ohne Spielregeln.

Wir freuen uns an den Spielen der Erwachsenen, mit oder trotz Spielregeln. Regeln, die dem Bemühen um den Ernstfall dienen. Dieser Ernstfall heißt Frieden. Denn seit dem Beginn der Menschheit hat das Bemühen, Frieden zu erlangen und in einer Welt des Friedens zu leben, nie aufgehört.

Beim Vorbereitungsgespräch erinnerten wir an Stimmen von Menschen aus unserer Stadt, die diesen Ernstfall des Friedens konsequent leben. Im Klang der Worte und im Spiel der Gedanken, die der indische Philosoph und Dichter Tagore in seinem Buch „Sangesopfer“ vor uns ausbreitet, fanden wir uns im Einklang mit diesen Stimmen in unserer Stadt.Hier einige Auszüge, die zu den verschiedensten Lebenssituationen passen und eine Friedensbotschaft beinhalten:

Ein Mensch im fremden Land: Du machtest mich bekannt mit Freunden, die ich nicht kannte.
Ein Heimatloser: Du gabest Heimstatt mir in Häusern, die mir nicht gehörten.
Zuschauer der Olympischen Spiele: Du brachtest das Entfernte nah und machtest aus dem Fremdling einen Bruder.
Befreiung zur Gelassenheit: Unbehagen fasst mich, wenn ich das Obdach lassen soll, an das ich mich gewöhnt.
Beruhigende Gewissheit: Ich weiß, dass das Alte in dem Neuen bleibt.

Der sichtbare Schatz solcher Erfahrungen im leuchtenden Monat August wird bleiben, auch wenn die Schatten der Vergangenheit sich im September über uns legen.
Es beginnt mit dem Datum des Beginns des Zweiten Weltkriegs 1939 und bleibt bis heute in unserem Gedächtnis bewusst als Weltfriedenstag. Auch die Kriege unserer Zeit, die sich der Religionen bemächtigen, verdunkeln nicht die Friedensbotschaft der Friedenswilligen. Sie wird auch in diesem Jahr wieder leuchten in der Langen Nacht der Religionen.

Noch einmal Tagore, der dem Geheimnis der widerständigen Kräfte nachsinnt. Er sinnt den Kampfregeln der Menschen nach, die den Spielregeln des Lebens entgegenstehen und damit den Wert des Friedens und ihren höchsten Wert auf’s Spiel setzen.

Kennt einer DICH, so gibt es Fremdes nicht für ihn,
kein Tor ist ihm verschlossen.
Erhöre mein Gebet, ich möge nie die Seligkeit verlieren,
die aus der Gegenwart des EINEN im Spiel der Vielen fließt.

Das interreligiöse Friedensgebet findet immer am ersten Sonntag im Monat vom 15.00 h bis 16.00 h statt, am Gendarmenmarkt vor dem Deutschen Dom

Die Härte für Arme: Zwei Monate mit 31 Tagen

Die katholische Kirchengemeinde St. Michael, in deren Gemeindegebiet unsere Wohngemeinschaft liegt, hat ein besonderes Herz für arme – man könnte auch sagen arm gemachte – Menschen. Viele von ihnen sind aktiv an der Gestaltung der Messe beteiligt. Jeden Sonntag nach der Messfeier gibt es im Gemeindehaus ein gemeinsames Frühstück. Jede/r ist willkommen unabhängig davon, ob sie bei der Messe waren oder nicht. Viele tragen etwas zum Frühstück bei – jede/r nach seinen Möglichkeiten.

Letzten Sonntag – es war der 21. August – sagte M., der auch schon in der WG Naunynstraße gewohnt hat und jetzt in einer eigenen Wohnung lebt: „Tut mir echt leid. Habe heute gar nichts dabei. Zwei Monate hintereinander mit 31. Tagen – erst der Juli und jetzt der August – das ist voll die Härte“. Einige andere nicken zustimmend. Ich schlucke und merke, daß ich einen Kloß im Hals habe. Drei der Frühstücksgäste konnten Essensbeiträge mitbringen, und ich sehe Menschen essen, die Hunger haben. Aus dieser Perspektive habe ich noch nie gesehen, was es bedeuten kann, daß zwei Monate hintereinander 31 Tage haben.

Durch dieses Erlebnis bin ich aufmerksam geworden und biete Menschen, die nach einem Gespräch fragen, einen Zeitraum an, wo bei uns in der Wohngemeinschaft gegessen wird. Einer wird mir beim Abschied erzählen, daß es das erste warme Essen ist, das er seit drei Wochen bekommen hat. Er hatte für 250 Euro Lebensmittel gekauft – es waren Sonderangebote. Sein Kühlschrank ging kaputt. Alles war verdorben und mußte weggeworfen werden.

Bibliolog und die Werke der Barmherzigkeit

blühende Buchstaben

blühende Buchstaben

Gestern haben wir uns zum zweiten Mal zur monatlichen Bibliolog-Runde nach dem Samstagsfrühstück getroffen. In unserem Wohngemeinschaftswohnzimmer wurde es eng.

Beim ersten Treffen im Juli sind wir der Frage nachgegangen: „Wer ist mein Nächster?“ und zwar anhand der Parabel vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25 ff). Wir haben uns damit beschäftigt, was Barmherzigkeit in verschiedenen religiösen Traditionen bedeutet. Bis November begeht die katholische Kirche das Jahr der Barmherzigkeit, was mir als Anregung für die Auswahl des Textes diente.

Die christliche Tradition kennt sieben Werke der Barmherzigkeit:

  • Hungrige speisen
  • Durstige tränken
  • Fremde beherbergen
  • Nackte bekleiden
  • Kranke besuchen
  • Gefangene besuchen
  • Tote bestatten

Die ersten sechs Werke finden sich in der Endzeitrede im Evangelium nach Mätthäus (Kapitel 25). Der Kirchenvater Lactantius (verstorben um 250) hat das siebte Werk (Tote bestatten) hinzugefügt und sich dabei auf das Buch Tobit bezogen, das im nicht zum jüdischen Kanon gehört.

In einem anderen Werk (Epitome divinarum institutionum) benennt dieser Kirchenvater jedoch neun Werke der Barmherzigkeit:

  • Hungernde speisen
  • Nackte kleiden
  • Unterdrückte befreien
  • Fremde und Obdachlose beherbergen
  • Waisen verteidigen
  • Witwen schützen
  • Gefangene vom Feind loskaufen
  • Kranke und Arme besuchen
  • Tote bestatten

Katholische Internetseiten betonen, daß diese Aufzählung nicht aus einer Bibelstelle herzuleiten ist. Mein Kommentar: Sie stammt aus der rabbinischen Tradition des Judentums. Es gibt nach jüdischem Verständnis Gebote, die einen so hohen Stellenwert haben, daß – wenn man sie ausführt – der Lohn nicht erst in der kommenden Welt eintritt, sondern schon in dieser Welt zuteil wird. Im Morgengebet, wie es jeder orthodoxe Jude täglich betet, werden genau diese neun Mizwot (Gebote) in diesem Zusammenhang benannt.

Vorgestern habe ich dann eine Geschichte zum Thema Barmherzigkeit ausgewählt, die normalerweise eher im Kontext von Wundergeschichten thematisiert wird, nämlich die Begegnung vom Propheten Elischa und einer Witwe (2 Könige 4). Die beiden Söhne der Witwe sollen in Schuldknechtschaft verkauft werden. Die Witwe hat noch einen kleinen Krug mit Öl. Der Prophet weist sie an, bei den Nachbarn Gefäße auszuleihen, was sie tut. Diese Gefäße werden mit Öl gefüllt, das sie verkaufen kann und damit die Schulden bezahlen kann.

Im anschließenden Gespräch haben wir unterschiedliche Aspekte vertieft. Dabei fühlte sich ein Teilnehmer auch an die Exerzitien auf der Straße erinnert, bei denen das Hören im Mittelpunkt steht und oft ein Impuls, der ungewohnt ist, der quer liegt, zu etwas führt, was man überhaupt nicht im Blickfeld hatte und so neue Perspektiven eröffnet ähnlich wie bei der Witwe, die sich auf die Anweisung des Elischa einläßt und Gefäße ausleiht.

Die nächsten Termine für die Bibliolog-Treffen werden auf der Termin-Seite unter dem Headerbild zu finden sein.

Zum Weiterlesen:
Bibliolog – aus Liebe zur Schrift (eigener Artikel auf dem Bibliolog-Weblog)