Selbstbildnis …

von unserem Ex-Mitbewohner Rockn Rollf

Mehr dazu auf seiner Facebook-Seite

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Heute vor zwei Jahren – und: Uns gibt es nach wie vor

Heute vor zwei Jahren – es war ein Samstag. Es war Christians 73 Geburtstag und wir feierten ein großes Fest mit vielen Gästen. Es war Geburtstag, Abschied und Übergabe zugleich. Dazu hat Christian den Blog-Beitrag „ein Tisch als Zeichen der Gemein-schaft“ verfaßt und auch unser Wohnzimmertisch kam zu Wort. Inzwischen ist viel passiert. Einiges kann man in diesem Blog nachlesen – anderes nicht. Auf jeden Fall war es eine sehr intensive Zeit. Der Weggang von Christian als dem letzten der Gründer der WG war und ist ein Einschnitt. Wie könnte es auch anders sein.

Vor drei Wochen ist im Publik-Forum vom 23. März 2018 der Artikel „eine Arche für Essen“ erschienen, in dem die Willkom-menskommunität der Jesuiten in Essen vorgestellt wird. Leider sind einige Äußerungen mißverständlich und legen für Außen-stehende den Eindruck nahe, daß unsere Wohngemeinschat zwar eine Vergangenheit aber keine Gegenwart hat. Deshalb ist der Redaktion der folgende Leserbrief zugegangen, der leider in der aktuellen Ausgabe vom 12. April nicht abgedruckt wurde:

Sehr geehrte Redaktion,
Der PuFo-Artikel scheint zu meinen, dass es die Wohngemeinschaft in der Naunynstraße nicht mehr gibt und dass nun eine Jesuiten-Kommunität in Essen die Tradition von dort weiterführt.
So heißt es über die beiden Jesuiten:
„Wir stellen uns in die Tradition des langjährigen Miteinander-Wohnprojekts der Jesuiten Franz Keller und Christian Herwartz … Kreuzberg war eine Wohngemeinschaft für Bedürftige aller Art“.
Auch wenn Franz Keller verstorben ist und Christian H erwartz vor zwei Jahren ausge-zogen ist, so führen wir – die Bewohnerinnen und Bewohner der Wohngemeinschaft Naunynstraße, zu denen auch der Jesuit Christian Schmidt gehört, die Traditionen hier am alten Standort in eigener Verantwortung weiter und zwar mit Unterstützung der Jesuiten und auf dem Boden dessen, was seit der Gründung im Jahr 1978 gewachsen ist. Wir freuen uns, wenn das, was hier gelebt wird eine Inspiration für andere ist.
Einen Absatz später schreiben Sie über die zwei Jesuiten in Essen
„Sie wohnen unterm Dach und haben auch einen persönlichen Rückzugs- und
Andachtsraum – anders als im früheren Wohnprojekt in Berlin“
Die beiden Essener Jesuiten haben nicht in der Naunynstraße gewohnt. Es ist auch kein Wohnprojekt, das es „früher“ gegeben hat und somit nichts abgeschlossenes. Bei uns wird nach wie vor jedem geöffnet, der kommt für kürzer oder länger – egal ob jemand um etwas zu essen bittet, eine schwangere Geflüchtete einen Ort braucht oder jemand spirituell auf der Suche ist.
Jede/r kann uns im Rahmen unseres wöchentlichen Samstagsfrühstücks von 9.30 bis 12.30 h kennenlernen. Unser virtuelles Wohnzimmer ist hier:
Mit freundlichen Grüßen
Zum Weiterlesen:

Aphorismen (9): von der Einsicht

wenn die Einsicht fehlt
ist die Aussicht schlecht
Christian Schmidt

Unser ältester Mitbewohner und der letzte hier lebende Jesuit, Bruder Christian Schmidt hat in den letzten Monaten in sehr konzentrierter Form zusammengefaßt, was ihm wichtig ist und erlaubt, daß diese Aphorismen auch im Blog erscheinen. So werden sie in lockerer Folge vielleicht den einen oder anderen Denkanstoß geben.

Jom haSchoah: jeder Mensch hat einen Namen

Heute ist Jom haSchoah, der Tag an dem an die 6 Millionen Juden erinnert wird, die während der Zeit des Nationalsozialismus ermordet wurden. Vor dem Gemeinde-zentrum der jüdischen Gemeinde zu Berlin findet die Lesung der Namen der ermordeten Berliner Juden statt.

Jeder Mensch hat einen Namen
(Lechol isch jesch schem)

Jeder Mensch hat einen Namen
den GOTT ihm gegeben
den Vater und Mutter ihm gegeben.

Jeder Mensch hat einen Namen,
den seine Gestalt und sein Lächeln ihm geben.

Jeder Mensch hat einen Namen,
den das Gebirge ihm gibt
und die Wände, in denen er lebt.

Jeder Mensch hat einen Namen,
den seine Sünde ihm gibt
und die Sehnsucht, die sein Leben prägt.

Jeder Mensch hat einen Namen,
den seine Feinde ihm geben
und den seine Liebe ihm gibt.

Jeder Mensch hat einen Namen,
den seine Feste ihm geben
den seine Arbeit ihm gibt.

Jeder Mensch hat einen Namen
vom Kreislauf des Jahres
und von seiner Blindheit ihm beigelegt.

Jeder Mensch hat einen Namen,
den das Meer ihm gibt
und schließlich auch der eigene Tod

Zelda Schneersohn Mishkovsky (1914-1984)

W wie Werner oder wie Weitergeber

Später Samstagnachmittag. Es läutet. Eine Männerstimme im Treppenhaus: Kann mal jemand runterkommen und tragen helfen? Es ist Werner, 65 Jahre alt. Man sieht ihm an, daß er kein einfaches Leben hatte. In seiner Nachbarschaft fragt er in den Lebensmittel-geschäften nach Waren, die nicht mehr verkauft werden können und verteilt sie mit seinem eigenen Auto. Manchmal sehen wir ihn monatelang nicht. Letzte Woche und diese Woche war er zwei Mal da. Für uns war das eine willkommene Unterstützung, denn in beiden Wochen haben wir nichts von der Tafel bekommen, was Werner allerdings nicht wissen konnte.

Kennengelernt habe ich ihn vor drei Jahren. Ich erinnere mich noch genau an unsere erste Begegnung. Es war einige Wochen nach Weihnachten. Werner kam schwer atmend mit einem Riesenkarton die Treppe herauf. Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen als ich sechzig (!) Packungen Ferrero-Küßchen vor mir sah. Ich habe nachgezählt, weil ich so fassungslos war.  Heute brachte er Gemüse, Kartoffeln, Wurst, Eier und Geleebananen.

Vor ein paar Wochen hatte er einen halben Umzugskarton mit ungewöhnlichem Inhalt bei den Schwestern für uns hinterlassen. An die – geschätzt – 200 Romanhefte warteten auf uns: Arztromane, Adelsromane, Liebesromane, Heimatromane und die Serie „der Bergpfarrer“.

Ich frage ihn, ob er Internet hat. Nein. Ich erzähle ihm von unserem Blog und frage, ob ich über ihn schreiben darf. Kannste machen. Ich bin der Weitergeber. So schreibste das. Ich brauch ja nicht viel für mich. 90 Prozent geb ich weiter. Danke, Werner. für deine Unterstützung.

Osterhase – koscher oder nicht?

Ein Mitbewohner bringt für alle Schokoladenosterhasen mit. Nur ich bekomme ein Schokoladenküken.  Auf meine Frage, warum ich mit einem Küken bedacht werde, meint er: „Habe mich erkundigt. Hase ist nicht koscher. Deswegen weiß ich nicht, ob Du Schokohasen ißt. Küken ist koscher. Kannst Du essen und ich bin auf der sicheren Seite.“