Fußball WM – Identifikation

Heute am Abend vor dem WM Spiel Deutschland gegen Schweden unterhalten sich vier Mitbewohner aus drei Kontinenten. Ein schwarzer Mitbewohner, dessen Herkunftsland sich nicht qualifiziert hat, fragt: „Und was ist, wenn wir morgen verlieren?“ Irritierte Reaktion des einzigen deutschen Gesprächsteilnehmers: „Von welchem WIR sprichst du?“ Antwort: „Ach von Deutschland“.

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Ernte-Segen

Am Samstagabend haben wir ganz überraschend von den Schwestern von Mutter Teresa eine Menge Erdbeeren bekommen, weil am Sonntag und Montag die Suppenküche geschlossen ist und die Früchte sich nicht bis Dienstag halten. Nachdem wir sie geputzt und verlesen hatten, waren es mehr als zehn Kilo, die gegessen, zubereitet oder verarbeitet werden wollten. Zum Sonntagsfrühstück in Sankt Michael gab es Erdbeerquark.  In unserem Marmeladenregal sind jetzt auch die Sorten Erdbeere pur, Erdbeer-Pfeffer, Erdbeer-Vanille, Erdbeer-Kokos, Erdbeer-Mandel und Erdbeer-Balsamico zu finden. Heute Vormittag waren wir zur Kirschenernte eingeladen und sind mit vier Eimern zurückgekommen. Wir freuen uns sehr über diese Geschenke.

Zwei Schlangen, zwei Welten und nur 80 Meter Luftlinie

Samstagabend kurz nach neun. Ich bin auf dem Weg zum Kottbuser Tor. Dort möchte ich die kleine Schwester Anna und einige Leute treffen. Ich gehe die Adalbertstraße hinunter. Der Gehsteig ist knallvoll. Eine lange Warteschlange hat sich gebildet. Kein Durch-kommen. Wird was verschenkt? Ich komme nicht weiter. Deshalb wechsle ich die Straßenseite. So geht es schneller. Auf der Verkehrsinsel unter der U-Bahn-Trasse sehe ich schon von Weitem den weißen Transporter der Berliner Obdachlosenhilfe. Ehrenamtliche finden sich jeden Mittwoch und Samstag um 13.30 in den Räumen im Wedding ein um warme Mahlzeiten, Getränke und Obstsalat zuzubereiten und Hygieneartikel und Kleidung zu packen. Dann fahren sie los, erst zum Leopoldplatz, dann zum Alexanderplatz und schließlich zum letzten Halt Kottbuser Tor.

Drei Biertische sind schon für die Essensausgabe aufgebaut. Da es unter dem Kottbuser Tor nur einige Poller gibt, wird eine Biertischganitur für diejenigen aufgebaut, die nicht stehen können. Die Essensausgabe fängt gerade an. Es gibt zwei warme Gerichte, Salat, Obstsalat, oft auch Joghurt und warme Getränke. Die Ersten haben schon angefangen eine Schlange zu bilden. Ich schaue mich um. Anna ist noch nicht da. Ich sehe U. Sie ist Mitte siebzig, hat eine eigene Wohnung und lebt von Grundsicherung. Sie kommt regelmäßig her, weil es hinten und vorne nicht reicht.  G., der immer wieder zu unserem Samstagsfrühstück kommt, ist auch da. Ich habe ihn schon Monate nicht gesehen. Er hatte den Winter über einen Platz in einer Notunterkunft. W. erzählt mir, daß er immer noch in seinem Zelt in der Hasenheide ist. Schon zehn Jahre lebt er da. Sein Zelt ist so gut getarnt, daß niemand es findet. Eine Notunterkunft kommt für ihn nicht in Frage. Jetzt ist er fünfzig. Zehn Jahre gibt er sich noch – hat er mir vor ein paar Wochen erzählt. Die Atmosphäre ist freundlich und entspannt. Manchmal wird es lauter wenn jemand von den Drogenabhängigen dazu kommt. Dann hat immer eine/r von den Mitarbeitenden Zeit für ein Gespräch. Anna kommt heute anscheinend nicht. Ich beschließe nach einiger Zeit und einigen Gesprächen wieder zurückzugehen, wähle gleich die andere Straßenseite von vorher.

Ich staune nicht schlecht. Inzwischen ist die Schlange noch länger geworden. Gegenüber vor dem Heimatmuseum Kreuzberg bleibe ich stehen, schaue mir das Treiben an. Es ist die „vegane Snackbar“ von Attila Hil.dmann vor der sich die Wochenend-Nachtschwärmer drängeln. Attila Hild.mann ist sowas wie der Papst der veganen Ernährung. 2012 wurde sein Kochbuch „Vegan for Fun“ Kochbuch des Jahres.   Er vermarktet einen Lebensstil, ein Lebensgefühl über die unterschiedlichen Kanäle. Und hier stehen diejenigen in der Schlange, die sich das leisten wollen und können. Einer der veganen Burger kostet 5,50, die anderen liegen bei 6,90 Euro. Das kleine Softeis kostet 3,50 €. Neben mir steht plötzlich eine Frau aus unserer Nachbarschaft. Sie war bei einer Geburtstagsfeier  und schaut auch verwundert auf das Drängeln und Treiben. Mein Blick fällt auf eine Tafel die draußen angebracht ist. „Vegan food porns“ lese ich. Ich fasse es nicht und frage sie, die viele Jahre im Ausland gelebt hat: „Steht da wirklich vegan food porns“? Ja .

Für diejenigen, die noch nichts von „food porn“ gehört haben: Im Internet führen Menschen Tagebücher (Blogs) zu ganz unterschiedlichen Themen. Da gibt es Berufsblogs (ein Kinderarzt bloggt aus seinem beruflichen Alltags), Modeblogs, Familienblogs, Politikblogs und viele andere Themen – so wie etwa dieses Blog, in dem unsere WG Thema ist. Eine große Bedeutung in der Bloggerszene haben Foodblogs, in denen es um das Zubereiten, Anrichten und Fotografieren von Gerichten geht. Die Extremform ist dann „Food porn“ (food = Essen, porn=Porno). Dabei werden Gerichte so inszeniert, daß sie superstylish rüberkommen unter anderem durch Verwendung von Haarspray und Rasierschaum. Letzterer ist „fotogener“ als Schlagsahne. Es gibt Workshops für Foodblogger, in denen man lernen kann, mit welchen Hilfsmitteln man Essen wie in Szene setzen kann. Dabei geht es dann gar nicht mehr darum, daß das Gericht tatsächlich verspeist wird. Nach der Verwendung von Haarspray, der einer Torte bestimmte Glanzeffekte verschafft, ist diese nicht mehr essbar. Bei Foodporn geht es um Selbstdarstellung über Essen, um Inszenierung und Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe um Status. Inzwischen ist der Trend auch in der Gastronomie angekommen. ..

Wir stehen da und gucken. Ich schaue nach rechts – unter die Hochbahntrasse. Der weiße Transporter steht immer noch da. Zwei Schlangen, zwei Welten und achtzig Meter Luftlinie.

Zum Weiterlesen:
Aktivitäten der Berliner Obdachlosenhilfe

Europäische Bibeldialoge: Heil und Heilung

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Schon wieder ist es eine Woche her, daß eine Gruppe der europäischen Bibeldialoge (früher Berliner Bibelwochen) die WG besuchte. 28 Ehrenamtliche aus verschiedenen Ländern, die sich in unterschiedlichen Bereichen der Seelsorge engagieren, waren einige Tage zum Thema „Heil und Heilung“ zusammengekommen. Nach einer Einführung in die Exerzitien auf der Straße unter diesem Themenschwerpunkt waren sie eineinhalb Stunden auf Kreuzberger Straßen unterwegs und konnten eigene Erfahrungen machen. Zum Nachgespräch in zwei Gruppen konnten wir uns dann im Kirchenraum von Sankt Michael treffen, denn dafür wäre unser Wohngemeinschaftswohnzimmer zu klein gewesen. Sankt Michael hat auch insofern mit den Exerzitien auf der Straße zu tun, weil dort die ersten Kurse in der damaligen Notübernachtung stattfanden. Ein besonderes Geschenk war, daß Christian dabei sein konnte und ein anderer Begleiter seine ersten Erfahrungen mit dem Begleiten machen konnte. Auf dem ‚Weblog der europäischen Bibeldialoge kann man noch mehr dazu nachlesen.

Einladung zum interreligiösen Friedensgebet Juni 2018: Lebenszeichen

Gruppe Interreligiöses Friedensgebet Berlin
auf dem Gendarmenmarkt

Sonntag, 3. Juni 2018 um 15:00 Uhr (Nähe Deutscher Dom)

Lebenszeichen

Am Beginn des Monats Juni schon erfüllt die hochsommerliche Feststimmung und heiße Festlaune unsere Stadt Berlin. Die Religionen feiern ihre so beliebten Feste auf ihren
Höfen unter schattigen Bäumen. Mit Gästen – versteht sich – denn gerade Gäste sind Teil der Menschheitsfamilie – vielleicht entdecken sie sich als Geschwister in der Familie Gottes, wenn sie gemeinsam die Festfreude erleben am Ende des Ramadan oder beim Johannisfeuer und zur Sommersonnenwende?

Vielfältig sind die Einladungen zu den Festen. An vorgerückter Stelle sind Licht und Leben – Essen und Trinken – Lebensfreude und Lebenshilfe. Die Botschaft vom Wachsen und Werden hat uns erreicht. Die Religionen dieser Stadt tragen insgesamt dazu bei, dass wir eintreten ins volle Leben. Das geschieht durch die Schlüsselworte ihrer Botschaften. Wir erleben es in diesen Tagen. Aber wir erfahren auch dieses: Unter den Gästen unserer Sommerfeste befinden sich auch diejenigen, die vom vollen Leben ausgeschlossen sind. Sie sind unter uns als Opfer und Zeugen der dunklen und lebenszerstörenden Kräfte. Sie kommen als Schutzsuchende zu uns. Ein neuer Klang in der traditionellen Feststimmung weckt die Aufmerksamkeit für Stimmen der Verfolgten und Bedrängten. Und dann hören wir deren Aufatmen und sehen die wiederkehrende Hoffnung in ihren Gesichtern. Das Seufzen derer, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, steht unter der Verheißung: ‚…denn sie sollen satt werden. Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.‘

Unter diesem Licht zeigen wir unsere Verbundenheit mit denen, die an Geist und Seele wachsen und werden. Darauf hat der in der Weltgeschichte geachtete Prophet Johannes, genannt der Täufer, hingewiesen. Einem alten Brauch folgend, brennen und glühen deshalb am Johannistag an den Seen und in unseren Parks die Johannisfeuer.
Wachsame Frauen und Männer feiern in den Sommerfesten ihrer Gemeinschaften also nicht den Übergang aus dem längsten Tag in eine romantische Nacht, sondern die wiederkehrende Hoffnung und bleibende Gewissheit:

Das schöpferische Licht in unserer Welt wird nicht abnehmen. Das Feuer der Liebe wird nicht verlöschen. Die Wärme der Barmherzigkeit wird nicht erkalten. Dieses Wissen und Glauben und Verstehen verbindet angesichts aller dunklen Drohkulissen erst recht die Familie der Kinder Gottes. Sie findet sich zusammen bei abnehmendem und zunehmen-dem Licht in allen Religionen. Das ist das Zeugnis des Lebens der Menschheitsfamilie.

Fasten brechen

Fastenbrechen – Ramadan

Letztes Jahr haben wir während des Ramadan unsere muslimischen Mitbewohner vermißt. Wir haben sie nur wenig gesehen. Die gemein-samen Mahlzeiten fielen als Treffpunkt weg und ansonsten waren sie viel in der Moschee. Das sollte in diesem Jahr anders werden. Deshalb kam die Idee auf, das Fastenbrechen dann und wann gemeinsam zu begehen. Der Samstag-abend war ein guter Zeitpunkt dafür.  Franz hatte Datteln, Lammgulasch, bunten Reis, Salat und Melone vorbereitet. So haben wir zu unge-wöhnlich später Zeit miteinander gegessen und einiges neu über die spirituelle Praxis erfahren. Der Ramadan ist auch der Monat, in dem Mohammed den Koran empfangen hat. So haben sich in diesem Jahr die drei Feste der monotheistischen Religionen, in denen es um Offenbarung geht, überschnitten: Schawuot (Gabe der Torah am Sinai), Pfingsten und der Ramadan.