jetzt

Eine Postkarte liegt morgens auf dem Küchentisch: Orange leuchtender Hintergrund und mehrmals in weißer Schrift und in verschiedenen Schriftgrößen leuchtet ein Wort auf: jetzt. Auf der Rückseite ein Gedicht:

Bekehrung

nicht mehr rotieren
um den eigenen Bauchnabel
kopernikanische Wende
Ego-Dezentralisierung

mich gänzlich überlassen
der Anziehungskraft deiner Liebe
im Blick auf dich
finde ich meine Bahn

nicht vor dem Spiegel bleiben
mich einfach umdrehen
die große Wende
du stehst hinter mir

Als Verfasser ist Andreas Knapp angegeben. Ich kenne ihn nicht persönlich, weiß nur, daß er in der Kommunität der kleinen Brüder Jesu in Leipzig-Grünau lebt. Eine Verbindung leuchtet auf zu M., der in den letzten Monaten vor Christians Abschied oft mehrmals wöchentlich bei uns war und beim Archivieren und Abtragen der Papierberge half. Exerzitien auf der Straße hatte er gemacht mit der Frage, wo nach seinem Studium sein Platz sein würde. Danach ging er zu den kleinen Brüdern Jesu nach Leipzig-Grünau um dort einige Zeit mitzuleben. Jetzt ist er im Noviziat – wo auch immer.

Mehr zum Ordensleben im Plattenbau

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„Mit statt für“ – Begegnungen mit Geflüchteten auf Augenhöhe

Nadine, die in der WG Naunynstraße mitgelebt hat und schon öfter Strassenexerzitien begleitet hat, schreibt auf diesem Erfahrungshintergrund über ihre Engagement in der Arbeit mit Geflüchteten und zwar hier.

Nachgerufen: interreligiös engagiert – ohne Religionszugehörigkeit

Reinhard Schaenke gehörte mit Christian Herwartz (SJ), Mohammed Herzog, Klaus Mertes (SJ), Dhiraj Roy und anderen 2002 zu den Initiatoren des monatlich auf dem Gendarmenmarkt stattfindenden interreligiösen Friedensgebets. Solange die Vorbereitungstreffen bei uns in der Naunynstraße stattfanden, habe ich ihn bei diesem Anlaß gesehen. Manchmal hat er uns auch in der Wohngemeinschaft besucht. Am 29. Januar ist er verstorben. Er hat sich als „nicht religionszugehörig“ definiert. Klaus Mertes schreibt an ihn:

„Ich erinnere mich an unsere Begegnung in Berlin beim interreligiösen Gebet. Du hast von Anfang an dazugehört und hast es mit angestoßen. Du warst einer, der sich nicht als religionszugehörig verstand und trotzdem zu den Treuesten der Treuen gehörte, wenn wir uns einmal im Monat am Gendarmenmarkt getroffen haben. An diese Gebetsgemeinschaft werde ich mich immer erinnern.

 

Dadurch, dass Du Dich als nicht religionszugehörig beschrieben hast, warst Du für mich auch eine Herausforderung. Die Herausforderung hat mich zum Nachdenken gebracht und weitergeführt. Auf der einen Seite ist die Sehnsucht und der Wunsch nach Zugehörigkeit ein tiefer Wunsch, den wohl alle Menschen verspüren, ob es nun die Zugehörigkeit zur einer Familie, einer Gruppe, einer Gesinnungsgemeinschaft, einem Kollegium oder was auch immer ist. Aber gerade im Falle der Religion kann wie im Falle der Nation und bei anderen Zusammenschlüssen von Menschen die Zugehörigkeit eine ausgrenzende Rückseite bekommen und hat sie auch oft genug erhalten. Vielleicht ist das sogar unvermeidlich. Ich habe deswegen Deine Selbstbeschreibung als religiös nicht-zugehörig immer auch verstanden als Widerstand und Widerspruch gegen ausgrenzende Zugehörigkeit bzw. gegen die ausgrenzende Seite von Zugehörigkeit. Gerade dadurch hast Du eben dazugehört. Und so hast Du mir auch geholfen, meinerseits Grenzen der Zugehörigkeit zu überschreiten, gerade auch mit den Freunden und Freundinnen des interreligiösen Gebetes in Berlin.“

Einladung zum interreligiösen Friedensgebet Februar 2018: Gemeinsamkeit

G E M E I N S A M K E I T

Alle sind willkommen All are welcome
Hoffnung für Frieden Hope for Peace
innehalten, schweigen, sprechen, singen, beten
pause for a moment, in silence, speaking, singing, praying

zum Friedensgebet auf dem Gendarmenmarkt
am Sonntag den 4. 2. 2018 um 15 Uhr (Nähe Deutscher Dom)

interreligiöses Friedensgebet (Foto: Krüger)

Nach dem Gemeinsamen, was alle Menschen verbindet, suchen wir.
Wir wollen anregen, eigenständig weiter zu suchen. Wo bin ich eingeladen, selbst auf die Suche zu gehen nach dem, was uns alle offen ansprechbarer werden lässt. Menschen so zu begegnen, dass über trennende Verschiedenheiten hinweg das Gemeinsame zu sehen ist – im respektvollen, liebevollen Blick füreinander.

Unsere Antworten wollen anregen, eigenständig weiter zu suchen. Wo bin ich eingeladen, selbst auf die Suche zu gehen nach dem, was uns alle eher offen ansprechbarer werden lässt, Menschen so zu begegnen, dass über trennende Verschiedenheiten hinweg das Gemeinsame zu sehen ist – in respektvollem, liebevollem Blick füreinander.

Was uns alle verbindet ist, dass wir nicht aus eigener Kraft entstanden sind. Dabei müssen wir nicht zu einer Einigung kommen über das Woher und Wohin. Auch die Frage nach den Sinn des Lebens kann für verschiedene Lebenskonzepte oder religiöse Antworten offen bleiben.

Doch wir können über jeden unter uns froh sein, der sich bewusst darauf bezieht, dass wir geschaffen sind. Das führt zu Demut und Dankbarkeit in unserem Verhalten. Wir nähern uns damit der Wirklichkeit an. Ob sich der Einzelne von Wahrscheinlichkeiten oder ein der großen Glaubensrichtungen leiten lässt lassen wir offen.

Wir stellen Fragen. Die Antworten führen zu neuen Fragen. Wir sind auch getrieben von der Sehnsucht nach Sicherheit oder Heimat oder einer umfassend friedenserhaltenden Antwort.
Darin finden wir immer wieder zusammen: Wir Menschen sind wertvoller, als was wir leisten.

Wir stehen hier, um für den Frieden zu beten oder um einander um Frieden zu bitten. Dies kann geschehen in Demut oder Dankbarkeit, in einer gefundenen Offenheit, in Eindeutigkeit der Antwort oder im Suchen:
Sprecht Eure Impulse für ein respektvolles Miteinander aus.
Wir haben Hunger in diesem Geist zu wachsen.

Weihnachtsexerzitien: Arme auf der Straße oder Weihnachten ist Badewanne

Silvia war an Weihnachten bei uns und hat Exerzitien auf der Straße gemacht. Sie schreibt:

Da ich sehr viel U-Bahn fahre, werde ich regelmäßig mit StraßenzeitungsverkäuferINNen und anderen Bedürftigen konfrontiert. Ich gebe zu, daß ich dann häufig meine Nase noch tiefer ins Buch stecke, denn es sind einfach zu viele. meine Vorstellung von Straßenexerzitien über Weihnachten war, mich ganz bewusst auf diese Menschen einzulassen und sie mit Plätzchen zu beglücken. Schließlich wurde ja auch Jesus im Stall geboren und war als Geflüchteter nach Ägypten und später als Wanderprediger auf Almosen angewiesen.

Es sollte anders kommen: Eine Freundin, Gabriele, bot ihre geräumige Wohnung an und überraschend meldete sich noch Gesine aus Erlangen an. Ich beschloss mich darauf einzulassen und zu Gabriele überzusiedeln, anstatt Gesine bei mir aufzunehmen. Und zum Plätzchen backen war ich leider sowieso zu fertig. 

Da ein Freund von mir spontan ins Krankenhaus musste und daher nicht teilnehmen konnte, waren wir, von Christian abgesehen, eine reine Frauenrunde. Beim Eröffnungsgespräch stellte sich heraus, dass wir alle etwas fertig waren von der Arbeit und anderem. Besonders ich fühlte mich ausgelaugt. So lasen wir die Texte von Maria Verkündigung und auf meinen Wunsch noch die Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland. Da ich lange Pilgern war, bot sich dies für mich an. Für mich ist tröstlich, dass am Ende der langen Reise Jesus in der Krippe auf die Könige wartete. Allerdings musste ich auch über den Kindermord in Bethlehem nachdenken. 

Welchem Stern folge ich?  Am 23.12. merkte ich, dass ich meinen Stern komplett verloren hatte und mich einfach nur müde und kaputt fühlte. Dennoch ging ich in die Naunynstraße zum Samstagsfrühstück und vorher zur Bank. Da bei der Bank eine offene Kirche war, betete ich dort kurz. Danach hatte ich die Eingebung schon mal einzukaufen, um das Prozedere abzukürzen. Es dauerte sehr lange und ich war sehr unsicher, denn ich wusste nicht genau, was die anderen wollten. Ich schäme mich, es zuzugeben, aber ich ließ meine Einkaufstüten im Markt stehen und ergriff  die Flucht. 

Komisch, dass tiefes Gebet und schlechtes Benehmen direkt danach sich nicht ausschließen. Darüber grübelnd kam ich zum Frühstück. Später besprachen und koordinierten wir das Einkaufen und ich musste viel weniger schleppen als befürchtet. Ich ging dann, erledigte mein Teil und war fasziniert, dass es gemeinsam in der Gruppe viel einfacher ist. Bei Gabriele erholte ich mich von diesen Strapazen und ließ später das Weihnachtskartenschreiben sein und legte mich stattdessen in die Badewanne. Es tat so gut, einfach nichts tun zu müssen und ganz bewusst alle „Pflichten“ und was ich meine erledigen zu müssen, einfach an Gott abzugeben. Ich weiß, daß er sich um meine Freunde kümmert und auch um die Wohnungslosen, auch wenn ich dazu leider mal wieder nicht in der Lage war. Stattdessen ließ ich mich tief ins warme Nass sinken und übte mich im Vertrauen auf Gott. Schließlich ist der Herr nicht auf mich angewiesen. So vertraute ich mich ihm und seiner Barmherzigkeit an und entspannte mich. 

Später aßen wir zusammen zu Abend. Beim Gespräch am nächsten Tag fasste Christian mein Erlebnis perfekt zusammen: „Weihnachten ist Badewanne.“ Gabriele und ich besuchten dann meinen Freund im Krankenhaus, der sich darüber freute. An Heilig Abend war ich in der Naunynstraße. Besonders freute ich mich, jemanden wieder zu treffen, den ich sehr lange nicht mehr gesehen hatte. Das Fest war einfach und unkompliziert mit sehr gutem Essen. 

Besonders schön in der Naunynstraße ist die schwarze große Krippe, in die dann feierlich das Jesuskind hineingelegt wurde. Die Figuren sind aus Afrika und wurden der WG geschenkt, weil niemand sie haben wollte. 

Wohnzimmerlampe Dezember 2017

Zu meinem Entsetzen bemerkte ich, dass die atemberaubend hässliche Wohnzimmerlampe sich veränderte: Das uralte Unterhemd von Franz, das schon sehr grau war und als Stoffbezug der Lampe herhalten musste, wurde gegen ein anderes Unterhemd eines aktuellen Mitbewohners ausgetauscht, da das Absaugen nicht mehr half. Dadurch war es im Wohnzimmer heller.

Ich musste mich daran erstmal gewöhnen, dass die unverrückbare Scheusslichkeit dieser Lampe sich nach so langer Zeit änderte. Doch manchmal ist es notwendig, Dinge zu ändern, auch in solchen Kleinigkeiten. Ich merke, dass dies auch für mein Leben gilt. Zu oft hänge ich an vergilbten Überzeugungen fest und schaffe es nicht, mich davon zu lösen, obwohl mein Leben heller wäre, wenn ich es täte. 

Mit Gabriele fuhr ich dann heim und verzichtete auf eine Christmette, weil der besinnliche Teil in der Naunynstraße bereits wie Gottesdienst war. Am nächsten Tag frühstückte ich mit Gesine, die am Hauptbahnhof und in der Gedächtniskirche feierte und ging dann wieder zu meinem Freund ins Krankenhaus. Abends kam Christian zu Besuch und später gab es eine Taize-Andacht bei Gabriele und ihren Freunden. 

Einen Tag später feierten wir einen berührenden Abschlussgottesdienst. die gastfreundlichen Jesuiten hatten Kaffee gekocht und Kuchen bereitgestellt. Da Christian Schmerzen hatte, feierten wir den Gottesdienst spontan im Esszimmer der Kommunität. Wir holten die Krippe auf den Tisch und zündeten die Kerzen an. Dies geschah ohne Absprache – ganz spontan. Dadurch entstand eine besondere Atmosphäre. 

Maria, die Mutter Gottes bewahrte alles in ihrem Herzen und sagte JA zu ihrer Bestimmung. 

Schlafen und sich erholen ist sehr wichtig, um nicht an den vielen Anforderungen zugrunde zu gehen. Meinem Stern folgen, bedeutet aufmerksam auf mich und meine Bedürfnisse zu achten und dann die notwendigen Schritte zu gehen. Dies schließt die Wahrnehmung der Bedürfnisse anderer mit ein. Am Ende wartet der menschgewordene Gott auf uns: Weihnachten ist Badewanne. Ich durfte den Schlußsegen beten und wünsche Euch Lesenden auch, daß ihr euren Stern findet und ihm folgt. 

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Erinnerungsabend Franz Keller

Franz hat die WG und einige Freunde zu einem Erinnerungsabend an Franz Keller eingeladen. Es gab das Lieblingsessen von Franz Keller: Kartoffeln, Kräuterquark, Thunfisch und Salat. Durch das Erzählen haben dann auch diejenigen, die Franz Keller nicht mehr kennengelernt haben, erfahren, wie wichtig er mit seiner Geduld, seinem Wohlwollen und seiner Freundlichkeit – seiner Präsenz – für die Wohngemeinschaft war.

Foto vom Foto: Christian Herwartz,, Franz Keller, Christian Schmidt

Den Abschluß bildete ein G-ttesdienst mit Christian Herwartz, in dem wir einzelne Figuren unserer Krippe in die Mitte stellten und deren unterschiedliches Hören (was haben sie wann gehört und welche Auswirkungen hatte das) präsent war.