Leider immer noch aktuell: Laubhüttenfest in Zeiten von Corona

Wir begehen die jüdischen Feiertage zum zweiten Mal im Corona-Modus. Mein Beitrag dazu vom letzten Jahr ist leider unverändert aktuell. Deshalb verlinke ich ihn hier, denn es gibt nichts hinzuzufügen. Die Not derer, die kein Zuhause haben, ist nach wie vor groß:
Laubhüttenfest in Zeiten von Corona oder von der Verletzlichkeit unseres Lebens

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#WMDEDGT September 2021

Seit April 2013 ruft die Nachbarbloggerin immer am 5. des Monats zum Tagebuchbloggen auf unter dem Motto „WMDEDGT?“ (kurz und knackig für „Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“). Manchmal melde ich mich auch hier im Blog zu Wort und das ist jetzt wieder mal eine prima Gelegenheit. 

Ich bin der Tisch von der Wohngemeinschaft Naunynstraße. Seit 43 Jahren stehe ich nun schon hier mitten im im Wohnzimmer. Ganz viele Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und aus aller Welt haben sich schon an mir versammelt, gegessen, erzählt, gespielt, gearbeitet, gelacht und geweint … Mit dem Zählen habe ich schon lange aufgehört. Was ich schon alles gehört und erlebt habe, das geht auf keine Kuhhaut hat auf keiner Tischplatte Platz

Und jetzt habe ich Lust, mich an dieser Aktion zu beteiligen. Ich hoffe, das ist o.k. Weil der 5. des Monats auf einen Samstag fällt, wird morgens wieder das offene Samstagsfrühstück der WG stattfinden, das nur ausfällt, wenn Weihnachten oder Sylvester auf einen Samstag fallen. Da kocht der Chefkoch nämlich für ganz viele Leute und hat zu viel Streß, wenn er erst nach dem Samstagsfrühstück anfangen kann. Ja, und dann gab es noch eine einzige Ausnahme, an der ich maßgeblich beteiligt war vor etwas mehr als fünf Jahren, da fiel es auch aus. 

Aber am Samstag – ist nämlich seit Corona – immer schon kurz vor 0.00 Uhr hier einiges los. I. ist dann nämlich in New York zugange – virtuell natürlich und so spät oder früh wegen der Zeitverschiebung. Sie nimmt dann am Schabbatg-ttesdienst der Central Synagogue teil – zumindest jetzt seit 1 1/2 Jahren in der Zeit von Corona. Vorher muß dann schon für den Kiddusch am Ende des G-ttesdienstes vorbereitet werden. Und so steht dann auf meiner verlängerten Tischplatte die beiden Schabbatkerzen, die beiden Schabbatbrote, die „Challa“ heißen und ein Becher mit rotem Traubensaft, manchmal auch noch ein Blumenstrauß, wenn wir einen von der Tafel bekommen haben wie hier auf dem Bild.

Weil M., die im Zimmer neben mir wohnt, gerade nicht da ist – sie kocht auf einem Seminar in einem buddhistischen Zentrum – war der Kopfhörer ausgesteckt und die Lautsprecher angestellt. So konnte ich alles mithören (hier). G. war auch ein paar Minuten dabei und fragte am nächsten Tag, ob das hier in den Synagogen auch so abgeht. Es war fröhlich und wurde ganz viel gesungen. Dort sitzen die Leute schon wieder sehr nah zusammen in der Synagoge. So nah sitzt hier niemand am Tisch seit Corona-Beginn.

Unglaublich, von woher sich Leute zugeschaltet haben. Ich konnte das in den Kommentaren mitlesen: Portugal, Luxemburg, Brasilien, Moskau, Australien und wir in Berlin … – also eine weltweite Community. Der Rabbinatsstudent, der gerade Praktikum macht und eine Regenbogenkippa trägt, hat viele Lieder mit einem kurzen Satz eingeführt und auch Gedichte vorgelesen. Es ging darum, daß am Montagabend das jüdische neue Jahr beginnt und der Schabbat so eine Art Crescendo sei.

Von der Ansprache habe ich wenig mitbekommen. Ich war irritiert. Seit längerer Zeit war nämlich Rabbi Hilly wieder mal dran, aber ganz verändert im Aussehen. Ich hatte Hilly als sehr jungenhaften, burschikosen Mann in Erinnerung. So ist er auch auf der Seite der Synagoge zu sehen – mit einem Holzfällerhemd. Jetzt aber: Rabbi Hilly viel weicher von den Gesichtskonturen und etwas unsicherem Auftreten. Mann? Frau? Mann? Frau? dachte ich. Aber die Facebook-Kommentare klärten mich auf: „Rabbi Hilly – I like her sermons. It’s really great“ war da zu lesen. Alles klar – dachte ich: Transition. 

Das kenne ich. Wir haben oft Besuch von Leuten aus der LGBT-Community. MM., den ich schon viele Jahre kenne und der während einer Krise mal hier gewohnt hat, hat das auch durch – allerdings in die andere Richtung. Ich weiß also, was Trans-Frauen und Cis-Männer sind. Neulich war er ziemlich geschafft, weil seine Family ihn eigentlich nicht bei der Beerdigung vom Lieblingsonkel dabei haben wollte. Den Schabbat-G-ttesdienst fand ich ziemlich lang mit 1 1/4 Stunden Dauer, aber I. sagt, das sei noch gar nichts. Am Samstagvormittag der G-ttesdienst hier in Deutschland ginge gut und gerne 2 1/2 Stunden oder länger. Jedenfalls gefällt mir der Schluß besonders gut, wenn der Segen über Wein und Brot gesungen wird und sich alle über den Schabbat freuen. Und zusätzlich hört I. dann immer als Schlußlied „Adon Olam“ (Text hebräisch / deutsch) von der spanisch-portugiesischen Synagoge in Montreal auf die Melodie „Sounds of Silence“ von Simon & Garfunkel:

 

Nachts war es wieder sehr turbulent vor unserem Haus – wie immer am Wochenende, wenn nicht Lockdown ist. Im Erdgeschoß von unserem Haus befindet sich nämlich die Kneipe „Trinkteufel – Tor zur Hölle“ – die heißt wirklich so – und gegenüber ist ein Späti, der die Kundschaft bis in die frühen Morgenstunden mit Alkoholischem Getränken abfüllt versorgt.

Samstagsfrühstück

Um 8.00 Uhr kommen dann die ersten Bewohner um das Samstagsfrühstück (Einladung mit Bild von mir) vorzubereiten: Tisch decken, Kaffee und Tee kochen, Marmeladen, Käse, Aufstriche aus dem Kühlschrank holen, Quarkspeise zubereiten – dieses Mal mit Johannesbeeren, Birnen und Schokoraspeln. Zwischen halb zehn und halb eins ist dann immer ein Kommen und Gehen. Jetzt während Corona kommen weniger Leute, aber vorher waren zwanzig bis fünfundzwanzig Gäste während dieser Zeit nichts Ungewöhnliches. Die Gespräche gehen um G-tt und die Welt. Einige Themen – sicher nicht alle – habe ich noch in Erinnerung: Trans- und Intersexualität und warum Lesben sich von Transfrauen dominiert erleben, welche selbstverwalteten Orte durch Corona beendet wurden (Cafe positiv für HIV Positive und ihre Freunde, Cafe Seidenfaden …), Erfahrungen mit Paketbetrug und Internet-Kriminalität, ob und wie der Holocaust in der Schule thematisiert wurde, Umgang mit Schuld und Schuldgefühlen, Situation in Afghanistan, Unteilbar-Demo, Pater Gregor fliegt am Montag in den Südsudan zurück und lädt zu seinem Abschiedsfest ein … Ich war richtig geschafft am Ende.

G. mußte dann um halb drei alleine zur Tafel von den Schwestern von Mutter Teresa gehen und brachte viele gute Sachen mit: Obst, Gemüse und Milchprodukte. Schwester Ma-ri-hu-ana (running Gag) Myrionia ließ ausrichten, daß wir uns später noch mal melden sollen, weil noch Sachen von Edeka erwartet werden, die sie nach dem Wochenende nicht mehr verkaufen können. Außerdem hat sie für M, unseren grünen Daumen, noch einige Pflanzen. 

M. mußte dann im Computer neben mir herausfinden, wie er am besten nach L. kommt: Ein kleiner Ort in der Nähe von Rostock. Mitbewohner N. hat dort in den letzten Tagen gearbeitet und kommt wegen dem Bahnstreik nicht weg. Deswegen soll M. ihn und seinen Chef abholen und macht sich auf den Weg. Der Chef darf nämlich derzeit nicht Auto fahren. Ich sage nur: Alkohol am Steuer …

Gegen fünf Uhr kommt der Chefkoch runter und bereitet das Abendessen vor – das erste Mal seit Tagen, daß er wieder kocht. Er hat großen Kummer. Um sechs Uhr gab es dann Abendessen: Ofengemüse, Hähnchenschenkel und zum Nachtisch Melonenscheiben. 

Später rief dann M. aus R. an. Er war schon öfter bei uns zu Besuch. Er war wieder einige Wochen in der Psychiatrie und möchte gern wieder bei uns mitleben. Im betreuten Wohnen bekommt er Taschengeld und das spart er für die Fahrkarte zu uns. Weil man unser Telefon auf laut stellen kann, konnte ich das alles mithören.

Ansonsten war H. noch da. Er wohnt in der Nachbarschaft und hat in Brandenburg einen Garten mit vielen Obstbäumen. Er läßt uns immer an seiner Obsternte teilhaben. Heute hatte er Lorbeerblätter dabei. Eigentlich ist er im Moment mit uns zerkracht und erzählt überall herum, daß er bei uns rausgeschmissen worden ist. Was nicht stimmt. Ich habe es mitbekommen. Er kam unmöglich früh und M. war gerade am Kofferpacken für das buddhistische Seminar und wollte noch ihr Zimmer aufräumen und sauber machen. Deshalb hat sie ihm gesagt, daß in einer Stunde Frühstück ist (unter der Woche) und er dann gern dazu kommen kann. Das hat er übel genommen. Doch jetzt besteht Hoffnung, daß wir doch noch Pfirsiche und gelbe Pflaumen bekommen. Die gelbe-Pflaumen-mit-Tonkabohnen-Marmelade ist ein Gedicht …

Marmeladenregal

Dann gab es noch eine traurige Nachricht: Schrotti, ein Freund von Mitbewohner M. ist verstorben. Er wohnte viele Jahre in einer Wagenburg in unserer Nähe und hat die letzte Zeit in einem Pflegeheim im Prenzlauer Berg verbracht. Auf mir wurde eine Kerze aufgestellt und angezündet wie wir das immer machen wenn eine Todesnachricht eintrifft oder wir einen Todestag begehen.

Hier kann man nachlesen, was andere über ihren 5. September geschrieben haben.

Nachtrag: Und erst Stunden nach der Veröffentlichung ist mir aufgefallen, dass Samstag ja der 4. September war und nicht der 5. 

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Von Häuptling Seattle zu Häuptling White Eagle

Vor 40 Jahren zu Beginn der Ökologie-Bewegung spielte die Rede von Häuptling Seattle „wir sind ein Teil der Erde“ eine große Rolle. Nun findet ein Text seinen Weg durch die sozialen Medien von Häuptling White Eagle. Eine Mitbewohnerin hat ihn entdeckt:

Der Häuptling der Hopi-Indianer, White Eagle, äußerte sich vor einigen Tagen zur aktuellen Situation:

„Diesen Moment, den die Menschheit gerade erlebt, kann man als eine Tür oder ein Loch betrachten. Die Entscheidung, ob du in das Loch oder durch die Tür fällst, liegt bei dir. Wenn du 24 Stunden am Tag die Nachrichten konsumierst, mit negativer Energie, ständig nervös, pessimistisch, wirst du in dieses Loch fallen.

Aber wenn du die Gelegenheit ergreifst, dich selbst zu betrachten, über Leben und Tod nachzudenken, dich um dich selbst und andere zu kümmern, dann wirst du durch das Portal gehen.

Kümmere dich um dein Zuhause, kümmere dich um deinen Körper. Verbinde dich mit deinem spirituellen Zuhause. Wenn man sich um sich selbst kümmert, kümmert man sich gleichzeitig auch um alle anderen.

Unterschätze die spirituelle Dimension dieser Krise nicht. Nimm die Perspektive eines Adlers ein, der alles von oben sieht und einen weiten Blick hat. Diese Krise ist eine soziale Frage, aber auch eine spirituelle Frage. Die beiden gehen Hand in Hand.

Ohne die soziale Dimension verfallen wir in Fanatismus. Ohne die geistige Dimension verfallen wir in Pessimismus und Aussichtslosigkeit.

Du bist bereit, dich dieser Krise zu stellen. Hole deinen Werkzeugkasten und benutze alle Werkzeuge, die dir zur Verfügung stehen.
Lerne Widerstand am Beispiel der indigenen und afrikanischen Völker: Wir wurden und werden ausgerottet. Aber wir haben nie aufgehört zu singen, zu tanzen, ein Feuer anzuzünden und uns zu freuen. Fühle dich nicht schuldig, wenn du in diesen schwierigen Zeiten glücklich bist. Traurig oder wütend zu sein, hilft überhaupt nicht. Widerstand ist Widerstand durch Freude!

Du hast das Recht, stark und positiv zu sein. Und es gibt keinen anderen Weg, dies zu tun, als eine schöne, glückliche und strahlende Haltung zu bewahren. Es hat nichts mit Entfremdung (Unwissenheit über die Welt) zu tun. Es ist eine Strategie des Widerstandes.

Wenn wir die Schwelle überschreiten, haben wir einen neuen Blick auf die Welt, weil wir uns unseren Ängsten und Schwierigkeiten gestellt haben. Das ist alles, was du jetzt tun kannst:

– Gelassenheit im Sturm
– Ruhe bewahren, jeden Tag beten
– Mache es dir zur Gewohnheit, dem Heiligen jeden Tag zu begegnen.
Zeige Widerstandsfähigkeit durch Kunst, Freude, Vertrauen und Liebe.

Häuptling der Hopi-Indianer, White Eagle 9. Juli 2021

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Frühstücksgespräche im Sommer (19)

Unter der Woche frühstücken wir jetzt zur Zeit um 8.30 Uhr – also die BewohnerINNEN, die zuhause sind und nicht nachts gearbeitet haben.  Wenn Menschen aus so verschiedenen Ländern, Kulturen, Religionen und Alters zusammen sind, dann kommen ganz unterschiedliche Anliegen und Positionen ins Gespräch. Hier einige der Themen, die uns im Juli und August bewegten:

  • Gastarbeiterkinder – was es bedeutet in der Heimat bei Verwandten zurückgelassen zu werden wenn die Eltern nach Deutschland auswandern
  • Fragen an zwei Priester über ihr Selbstverständnis
  • ein Denkmal für Gastarbeiter am Moritzplatz
  • wie merken Lehrer sich viele Schülernamen
  • Gastarbeiter in der BRD
  • Earth-Overshoot-Day: Jedes Jahr sind die Ressourcen für ein Jahr früher verbraucht – wir leben über unsere Verhältnisse
  • Peter Knauer und seine Übersetzung des Neuen Testaments
  • Nachbarschaftskonflikte und ihre Lösungen
  • Christopher Street Day
  • Psychiatrie-Erfahrungen aus beruflicher und betroffener Perspektive
  • Behandlung von Brandverletzungen
  • Hagel als besonderes Wetterphänomen in Nigeria
  • Wie kann man von Sucht loskommen
  • Zustände Rahmenbedingungen in verschiedenen Altenpflegeheimen
  • Als Handwerksgeselle auf der Walz
  • persönliche Assistenz für Menschen mit Hilfebedarf
  • 60. Jahrestag des Mauerbaus
  • Dokumentation: Wir Kinder der Mauer
  • Heimerfahrungen BRD – DDR
  • Misstände im Hochleistungssport (Olympische Spiele)
  • Erfahrungen mit Freiwilligenarbeit im Flüchtlingslager auf Lesbos
  • Situation in Afghanistan und Brände in der Türkei
  • Wörter, die aussterben: Schrankpapier, Droschke; Wählscheibentelefon …
  • verschiedene Möglichkeiten Lebensmittel haltbar zu machen: Einkochen, Räuchern, Trocknen, Säuern, Einlegen …
  • Poesiealben BRD – DDR und Freundschaftsbücher (in der DDR hatten auch Jungen Poesie-Alben, in der BRD war es ein reines Mädchenphänomen)
  • Fahrradunfälle mit Todesfolge durch rechts abbiegende Lastwagen
  • Umgang mit Wölfen in Brandenburg und Heimatländern von Mitbewohnern
  • Rio Reiser und seine Lieder
  • Ehrenmord oder Femizid: Ist das Wort „Femizid“ hilfreich oder verschleiert es die Realität von Frauen, die ermordet werden, weil sie die „Ehrbegriffe“ männlicher Verwandter verletzt haben?
  • „Gastarbeiter“ der 1. Generation und ihr Beitrag zum Wirtschaftswunder BRD
  • das Asure-Fest und die Einladung der Aleviten
  • was sind „Laientheologen“? Geschichte und Inhalt dieser katholischen Berufsgruppen (Pastoral- und GemeindereferentINNen)
  • Wer war Benhard von Clairvaux – seine Licht- und Schattenseiten (Begründer der Zisterzienser, einer Reformbewegung – Kreuzzugsprediger)
  • Was ist „Intersektionalität“ (Mehrfachdiskriminierung z.B. als Frau und Behinderte) und bringt dieser Begriff etwas außerhalb von sozialwissenschaftlichen Kreisen
  • Wie wird man Priester / evang. PfarrerIN sowie deren Privilegien
  • Was hat der Auslandseinsatz in Afghanistan gebracht
  • Wie geht es weiter mit Corona – 3. Impfung ja oder nein

mehr Frühstücksgespräche       

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Abschied von Ricarda

Diese Karte hat Ricarda selber für ihre Todesanzeige ausgesucht. Sie ist überschrieben mit dem ersten Vers aus Psalm 21:

Der Herr ist mein Hirte
mir wird nichts fehlen

 

Ricarda ist am 6. Juli nach einer langen Krebserkrankung gestorben. Sie war oft in Sankt Michael bei den Exerzitien im Alltag, die im Advent und während der Passionszeit angeboten wurden, dabei. 

Ricarda hat unsere Wohngemeinschaft vor vielen Jahren im Rahmen ihres Engagements für die Communauté de Taizé kennengelernt. 

Sie hat uns gelegentlich beim Samstagsfrühstück und auch sonst in der Wohngemeinschaft besucht. Wir hatten intensive Begegnungen mit ihr. Immer wieder hat sie uns ganz praktisch und mit ihrem Wissen über Gesundheits- und andere Fragen unterstützt. Sie hatte ein ganz weites Herz und ihre Fröhlichkeit, selbst in der Krankheitszeit und mit Schmerzen, war berührend. Wir vermissen sie sehr.

Sie hat viele unterschiedliche Menschen gekannt und zusammen gebracht. Das wurde auch auf ihrer Beerdigung und dem Nachtreffen sichtbar.

Ricarda Praetorius 8.8.1950 – 6.7.2021

weitere Nachrufe von Freunden und ehemaligen MitbewohnerINNEn der Wohngemeinschaft

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A wie Asure und wie Afghanistan

In diesen Tagen, in denen es so viele Orte auf der Welt gibt, an denen viele Menschen schweren Situationen ausgesetzt sind und wir nach Afghanistan schauen, wie es dort weiter geht und wie viele Menschen nach dem Einmarsch der Taliban ausgeflogen und gerettet werden können, fällt es schwer, über unserem Wohngemeinschaftsalltag zu schreiben.

Asure-Speise

Heute, am 10. des islamischen Monat Muharrem, waren wir mit Sankt Michael von der alevitischen Gemeinde in unserer Nachbarschaft in Kreuzberg zum Asure-Fest (Aschura) eingeladen und bekamen nach einer sehr herzlichen Begrüßung die Ashure-Speise (dazu mehr unten) und eine Einführung, worum es bei diesem Feiertag geht. 

„Durch die zwölftägige Trauerzeit zeigen die Aleviten ihre Verbundenheit mit dem Imam Hüseyin, der im Jahre 680 n. Chr. in Kerbala er­mordet wurde. Um seinen Leidensweg nachzuempfinden, wird bei der Trauer gefastet und Enthaltsamkeit ausge­übt. Später wurden auch weitere Nachkommen der Pro­phetenfamilie von der Omaijaden-dynastie ermordet. Zu Ehren weiterer Imame wird deshalb zwölf Tage gefastet.

Nach dem bis zu 12tägigen Moharrem-Fasten wird eine Süßspeise (Ashure) gekocht und als Symbol der Dankbarkeit unter Bekannten, Verwandten und Nach­barn verteilt und gemeinsam gegessen. Aleviten bringen mit Ashure ihren Dank zum Ausdruck, dass Zeynel Abi­din, der Sohn von Imam Hüseyin aufgrund seiner Krank­heit das Massaker von Kerbala überlebte.

Aschure ist eine – aus zwölf verschiedenen Zutaten beste­hende – Süßspeise. Die Zutaten können variieren, aber sie müssen zwölf an der Zahl sein, denn diese symboli­sieren die 12 Imame. Es sind z.B. Weizen, Bohnen, Sau­bohnen, Kichererbsen, Kastanien, Haselnüsse, Pistazien, Mandeln, Sultaninen, Feigen, Aprikosen und Walnüsse.“
(von  hier). Soweit die Erläuterung auf der Website der Aleviten.

Ich kannte bis dahin die Variante der sunnitischen Muslime und kannte die Süßspeise, die uns gereicht wurde als „Noahs Pudding“. Ihre Tradition sagt, daß Noah an diesem Tag mit der Arche auf dem Berg Ararat landete und aus den noch vorhandenen Vorräten an Körnern, Hülsenfrüchten und Trockenfrüchten eine Suppe zubereitet hat. Das Wort Aschure soll vom Wort Aschere (das die Zahl ZEHN bedeutet) stammen. An diesem Tag sind zu verschiedenen Zeiten wichtige Taten durch die Gnade G-ttes geschehen: 

1. ER hat  Musa /Moses geholfen, indem ER für ihre Flucht das Meer gespalten hat und die Truppen der Ägypter hinterher darin ertränkt hat.

2. Der Prophet Noah hat an diesem Tag seine Arche auf dem Berg Ararat die Arche verlassen können.

3. Der Prophet Yunus / Jona / Jonas konnte an dem Tag aus dem Bauch des Fisches entkommen.

4. Die Reue von Adam wurde an diesem Tag von G-tt angenommen.

5. Der Prophet Yusuf /Josef, der von seinen Brüdern in einen Brunnen geworfen wurde, wurde an diesem Tag daraus gerettet.

6. Isa / Jesus wurde an diesem Tag geboren und ist auch an diesem Tag zum Himmel hinauf gestiegen.

7. Die Reue von Davud / David wurde von G-tt an diesem Tage angenommen.

8. Abraham wurde an diesem Tag sein Sohn Ismael geschenkt. (Gemeint ist damit nicht die Geburt von Ismael. Muslime gehen anders als Juden und Christen davon aus, daß Ismael der Sohn Abrahams ist, der gebunden / geopfert werden sollte und nicht Isaak)

9. Der Prophet Yakub / Jakob dessen Augen durch die Sehnsucht nach seinen Sohn Yusuf  erblindete, bekam an diesem Tag sein Augenlicht wieder.

10.  Eyyub / Hiob (Friede sei mit ihm), der die Bürde einer schweren Krankheit trug, wurde an diesem Tag davon geheilt.

Alle diese biblischen Personen gelten im Islam als Propheten.

Die meisten dieser Taten erzählen von Hilfe und Rettung aus lebensbedrohlichen Situationen. Und damit schließt sich der Kreis zur Situation in Afghanistan heute. Wir wünschen uns, daß möglichst viele Menschen gerettet werden können.

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Ein Denkmal für Gastarbeiter am Oranienplatz

Im Oktober ist der 60. Jahrestag des Anwerbeabkommens zwischen der BRD und der Türkei. Bis zum Anwerbestopp zwölf Jahre später kamen 867.000 türkische GastarbeiterINNEN nach Deutschland. Das nimmt Sevim Aydin von der SPD-Fraktion des Berliner Abgeordnetenhauses zum Anlaß, ein Denkmal für Gastarbeiter auf dem Oranienplatz in unserer Nachbarschaft anzuregen. Es geht darum, den Beitrag der ersten Gastarbeitergeneration zum deutschen Wirtschaftswunder zu würdigen – und zwar GastarbeiterINNEN der unterschiedlichen ethnischen Gruppen. 

Darüber hat die Berliner Abendschau vorgestern berichtet. In dem Video (8 Minuten) werden unterschiedliche Menschen dazu befragt. In einem historischen Rückblick sieht man auch unser Haus mit der Kneipe Plassmann (heute Trinkteufel) auf Minute 3:56 und 3:57 und zwar hier.

Beim letzten Samstagsfrühstück waren zwei Frauen zu Gast, die sich bei uns kennen lernten und Gemeinsamkeiten entdeckten. Bei beiden waren die Mütter vor den Vätern aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Beide waren als kleine Kinder bei Verwandten zurück gelassen worden und erst einige Jahre später nach Deutschland geholt worden. Sie ließen uns daran teilhaben, was es für sie bedeutet hat, als Kinder zurück gelassen zu werden, erst später nach Deutschland zu kommen und welche Schwierigkeiten damit verbunden waren, die Herkunftskultur und die neue Kultur in Deutschland miteinander auszubalancieren. Wir waren sehr dankbar für diese Offenheit und die Einblicke, die uns dadurch ermöglicht wurden.

Zum Weiterlesen:
Sevim Aydin beim Samstagsfrühstück

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Cafe Schlürf in der Regenbogenfabrik

Am 1. Februar 2020 hat das Regenbogencafé seinen Betrieb eingestellt. Ein wichtiger Treffpunkt im Kiez ging damit verloren. Die Trauer unter den Besucher:innen war groß. Nun gibt es eine gute Nachricht: An gleicher Stelle hat das Cafe Schlürf heute seinen Betrieb aufgenommen.

 

Eine kleine Gruppe von jungen Leuten hat sich im Herbst 2019 zusammengefunden und an drei Tagen den offenen Betrieb im Bethanien bespielt. Es gab Softdrinks, Kaffee und andere Heissgetränke sowie Kuchen und Torten (unter anderem auch vegan oder glutenfrei). Im März 2020 mußte der Cafe-Betrieb wegen Corona eingestellt werden.

Heute war nun der vielversprechende Start am neuen Ort in der Lausitzer Straße 22. Ein gemischtes Publikum freute sich über Kaffee und andere Getränke sowie leckere Kuchen in fröhlicher Atmosphäre:

Alle Gäste geben, was sie wollen oder können. Ein Teil des gesammelten Geldes wird an Einzelpersonen gespendet, die von Repressionen betroffen sind. Der andere Teil geht an die Infrastruktur des Cafés (z.B. auch Miete).

Das Café Schlürf öffnet immer donnerstags von 12.00 Uhr bis 18.00 Uhr. Mit der Zeit sollen die Öffnungszeiten erweitert werden.

Café Schlürf
Lausitzer Straße 22
donnerstags 12.00 – 18.00 Uhr

Zum Weiterlesen:
Mehr zum Cafè Schlürf
Zum 40. Geburtstag der Regenbogenfabrik

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