Jerusalem in Kreuzberg

Vorletztes Weihnachten kam als große Überraschung neben einem opulenten  Süßigkeitenpaket, das er schon viele Jahre an uns schickt, sein Seidenmalbild Jerusalem bei uns an. Es ist das Erste, das Gäste sehen, wenn sie unsere Wohnung betreten. Es hängt gleich gegenüber von unserer Wohnungseingangstür:

– Jerusalem – von Michael KagelD

Diese Woche haben wir Michael, der um 2002 für ein halbes Jahr hier gelebt hat, endlich persönlich kennengelernt. Wegen Corona mußte der Besuch zwei Mal verschoben werden. Wir freuen uns sehr über die gemeinsame Zeit mit ihm und sind lecker beim Kommunitätsabend bekocht worden (Nudeln mit Tomaten-Thunfisch-Sauce). Der Chefkoch will das Rezept übernehmen, was einem Ritterschlag gleichkommt. 

xxxx

Blick aus unserem Wohnzimmerfenster: Kastanien

Jedes Jahr immer wieder eine große Freude und ein Genuss für die Augen mitten in Kreuzberg – wohltuend in einer besonders anstrengenden Woche wie dieser – in einer emotional angespannten Situation:

blühender Kastanienbaum vor unserem Wohnzimmerfenster 2022

… und im letzten Jahr die ganze Straße entlang (von Ilona fotografiert)

xxx

Muttertagsgruß vom Chefkoch

für alle Mütter, aber besonders die ukrainischen Mütter, die nicht wissen, wo ihre Söhne sind – und für die Mütter in Afghanistan, die unter den neuen Einschränkungen noch mehr leiden.

Muttertagsgruß 2022 vom Chefkoch

Alles Gute zum Muttertag und einen schönen Tag.

xx

#WMDEDGT April 2022 ganz normaler Donnerstag

Am 5. des Monats ruft die Nachbarbloggerin immer zum Tagebuchbloggen auf unter dem Motto „WMDEDGT?“ (kurz und knackig für „Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“). Manchmal melde ich mich auch hier im Blog zu Wort und dieses Mal habe ich nicht viel zu erzählen.

Ich bin der Tisch von der Wohngemeinschaft Naunynstraße mitten in Kreuzberg  im ehemaligen SO 36. Heute war alles unauffällig – durchschnittlich.

Nein. Halt! Der Chefkoch hat Urlaub. Deshalb kann er beim Frühstück dabei sein. Er hat einen Erdbeer-Bananen-Kokos-Quark gemacht. Von gestern waren noch Ofenpfannkuchen mit Erdbeeren und Rhabarber übrig.

Frühstück ist seit kurzem unter der Woche wieder um 8.00 Uhr – wie vor der Pandemie. In den letzten Monaten waren meistens ein oder zwei Gäste dabei, die durch ihre Lebenssituation sehr isoliert waren und nicht wie sonst gewohnt viel unter Menschen sein konnten. Wir haben aber gemerkt, daß wir auch Frühstückszeiten für uns als Gemeinschaft brauchen. Deshalb können die beiden am Dienstag und am Donnerstag dazu kommen und natürlich zum offenen Samstagsfrühstück.

Ein Gast kam. Trotzdem waren wir in kleiner Runde, denn einer hat auswärts eine Fortbildung, zwei waren schon zur Arbeit gegangen und zwei hatten andere Termine.  Das Frühstücksgespräch war sehr lebhaft. Es ging um die Veranstaltungen, die zum Tag der Befreiung stattfinden werden: Von der Friko-Berlin, von der evangelischen Sophienkirche und der jüdischen Gemeinde. Außerdem wollte ein Bewohner wissen, in welchen Gegenden der Stadt besonders viele Neonazis unterwegs sind. Irgendwann ging es dann um die Privilegien, die weiße Menschen durch ihr weiß sein haben.

Für den Chefkoch ist Muttertag sehr wichtig. Deshalb mußten letzte Details für die Muttertagstorte geklärt werden, die dieses Mal in besonderer Weise den Frauen in und aus der Ukraine gewidmet werden soll.

Nach dem Frühstück sollte dann ein Eimer Suppe bei Suppengrün abgeholt werden. Suppengrün ist ein Bistro, in dem es immer sechs oder sieben Suppen gibt. Eine Portion kostet 7,50 Euro: bio, regional und saisonal. Immer am Mittwoch wechselt der Wochenplan. Am Donnerstag bekommen wir dann, was übrig ist, geschenkt und sind dadurch suppenkulinarisch schon weit herumgekommen. Heute war es eine Minestrone.

Ansonsten gab es ein paar Anrufe: Von M., der uns nächste Woche besucht und von einem anderen M., der wieder mal im Krankenhaus ist.

Ein ruhiger Tag. An mir wurde geschrieben, gelernt für einen Fernkurs. Im Nebenraum wurde Gitarre gespielt. Gemeinsame Mahlzeiten gab es heute nicht.

In den Regionalnachrichten war zu erfahren, daß am 8. Mai fünfzig Veranstaltungen angemeldet sind und die Berliner Polizei aus anderen Bundesländern und von der Bundespolizei Unterstützung braucht.

Die anderen Beiträge zum WMDEDGT sind hier

xxx

An eurer Seite: Christian Herwartz – ein Leben jenseits der Komfortzone

ein Nachruf von Jörg Machel

Jesus war Schreiner wie auch sein Vater, viele seiner Weggefährten waren Fischer. Die ersten Christen würde man heute wohl eine Graswurzelbewegung nennen. Das religiöse Establishment misstraute ihnen. Seit die Kirche auf die Seite der Macht gewechselt ist, hat sie den Kontakt zur Arbeiterschaft verloren. So sah das mein Onkel. Der war ein sehr selbstbewusster VW-Arbeiter. Und mit der Kirche hatte er schon früh gebrochen. Die paktiert mit denen da oben, nicht mit uns. Meinte mein Onkel.

Christian Herwartz hätte meinen Onkel verstanden. Ja, so hat er die Kirche auch erlebt, egal ob katholisch oder evangelisch, weit weg von der Welt der Arbeiterklasse. Der Begriff klingt heute altmodisch. Aber in den sechziger, siebziger Jahren gab es noch die Rede vom „Klassenbewusstsein“. Da stand mein Onkel am Band. Und Christian Herwartz wurde Arbeiter-Priester. Missionar im Sinne dessen, was mein Onkel befürchtete, war Christian nicht. Seine Mission war es, verstehen zu wollen. Christian Herwartz wollte das Leben der Menschen teilen, im Betrieb und auf der Straße.

Sein Vater war U-Bootkapitän, später Offizier der Bundeswehr. Seine Kindheit war durch ständige Umzüge geprägt. In keiner Schule war er lange genug, um sich einzuleben, immer neue Klassenkameraden, neue Lehrer, neue Lernstoffe. Nur schnell raus aus der Schule. Das Maschinenbaupraktikum in Kiel gefiel ihm. Unter den Werftarbeitern fühlte sich Christian wohl. Von dort wechselte er zur Bundeswehr. Dann aber entschied er sich, das Abitur nachzuholen, auf dem Collegium Marianum in Neuss. Christian entdeckte seine Liebe – die Gemeinschaft der Jesuiten. Denen trat er bei, studierte Theologie und Philosophie und wurde Priester.

Die Achtundsechziger brachten eine Aufbruchszeit, auch bei den Jesuiten. Das Zweite Vatikanum ließ Hoffnungen keimen. Er ging nach Frankreich, dort gab es die Bewegung der Arbeiterpriester. Sie entstand in der Zeit der Resistance, als Priester sich solidarisch und unerkannt an die Seite der Zwangsarbeiter stellten. Eine Konsequenz für Christian war es, den Kriegsdienst nun doch noch zu verweigern. Er ließ sich von der Theologie der Befreiung inspirieren: der Ansatz, die Menschen nicht zu belehren, sondern ihnen zuzuhören, war genau das, was er wollte. Wie gestaltet sich euer Leben? Woran liegt es, dass euch die gute Botschaft von Jesus Christus nicht erreicht? Welche Fragen, welche Sorgen bewegen euch? Was kann ich von euch lernen?

Und Christian hat gelernt. Zunächst an der Werkbank. Er wurde in Frankreich Dreher, später sogar Ausbilder an einer hochmodernen Maschine aus Deutschland. Doch er war auch Gewerkschafter, sympathisierte mit den französischen Kommunisten. Die vertraten für Christian die Interessen der Arbeiterschaft am konsequentesten.

Die Zeit in Frankreich hat Christian Herwartz geprägt und blieb ihm immer präsent. Nach seiner Priesterweihe 1976 zog er nach Berlin, begann dort als Lagerarbeiter und Dreher. Er wohnte nicht in der komfortablen Unterkunft der Jesuiten am Lietzensee, sondern im Arbeiterwohnheim, zusammen mit vielen ausländischen Arbeitnehmern. Man kannte Christian im Betrieb als engagierten Gewerkschafter, nur wenige wussten, dass er ein Studierter war. Einige, die es wussten, misstrauten ihm. Für sie war er nicht als ein „Priester“, der sich im Blaumann versteckt. Manche Ordensbrüder hingegen sahen in ihm einen „Kommunisten“ unter der Soutane.

Als es bei einer Protestaktion vor den Werkstoren mal wieder zur Sache ging, die Polizei sich einem türkischen Kollegen gegenüber fremdenfeindlich äußerte: da ging Christian dazwischen. Wahrscheinlich auch mit Leidenschaft und Lautstärke. Es gab eine Anzeige, Christian Herwartz wurde verurteilt zu einer Geldstrafe. Er zahlte nicht. Das Angebot der Gewerkschaft, die Schuld zu übernehmen, nahm er nicht an. Es folgten zwei Wochen Gefängnis. Christian lachte, als er sich von den türkischen Freunden vor dem Gefängnistor verabschiedete. Sie verliehen ihm am Eingang des Tores den Titel „Löwe der Gerechtigkeit“.

 Hier gehörte er jetzt hin, zu den Ausgestoßenen, den Knackis. Christian Herwartz deshalb für einen Menschen zu halten, der das Martyrium suchte, wäre allerdings falsch. Er fand nur, dass man sich bei Anfeindungen nicht wegducken sollte. Und dass ihm sein Weg in den Knast eine Möglichkeit bot: eine fremde Welt kennenzulernen, die er sonst nur aus Erzählungen oder durch Besuche kannte.

In den achtziger Jahren suchte Christian Herwartz die Nähe zu den Angehörigen der RAF-Gefangenen. Mit ihnen diskutierte er die Haftbedingungen und setzte sich für eine menschliche Behandlung ein. Er erfuhr von Übergriffen auf vermeintliche Sympathisanten. Und sah doch eigentlich nur Familienangehörige, die den Terror zwar verurteilten, ihre Lieben aber nicht im Stich lassen wollten. Auch mit diesem Engagement machte er sich nicht nur Freunde innerhalb seines Ordens. Es gab da ja auch solche, die aus Familien kamen, die unter Morddrohung der RAF standen.

In Berlin-Kreuzberg kannte man Christian Herwartz durch seine Wohngemeinschaft über dem „Trinkteufel“ in der Naunynstraße. Viele Kreuzberger saßen irgendwann schon mal an dem großen Tisch zum Samstagsfrühstück. Da kann kommen wer mag, meist sind es ein gutes Dutzend, gelegentlich doppelt so viele. Und tatsächlich treffen sich dort Hinz und Kunz, von der Professorin bis zum Freigänger aus Tegel. Unten ist eine Klingel. Eine Gegensprechanlage gibt es nicht. Man klingelt, es surrt – komm rein, setz dich, Tee oder Kaffee? Das war´s, du bist da, du bist willkommen. Es gilt als unanständig zu fragen woher und wohin und warum. Du kannst erzählen und du darfst schweigen. Die meisten schweigen, jedenfalls über sich. Ansonsten wird viel geredet, laut gestritten, manchmal gesungen, geplant und verabredet. Wer keine Bleibe hat, kann nach einem Bett fragen. Ist eines frei, kannst du bleiben, wenn nicht, wir rücken zusammen, wird schon gehen. Siebzig Nationalitäten sind im Laufe der Jahre durch die WG gezogen, so hat Christian einmal überschlagen. Illegale, Halblegale, Untergetauchte, Abgedrehte. Eine Zeitlang stand häufig die Polizei vor der Tür und suchte nach Verdächtigen aus der Besetzerszene. Später nach Leuten, die sich der Abschiebung entziehen wollten. Man wusste ja, wie es hier zuging. Das hat nachgelassen in den letzten Jahren.

Wenn die Besucherinnen und Besucher von dieser speziellen Atmosphäre erzählen: sie schwärmen von der Offenheit und Freiheit, die in diesen abgewohnten Räumen herrscht. Das ist keine Sozialeinrichtung. Hier wird nicht von oben herab geholfen. Hier wird einfach nur gelebt. So als wäre die Menschheit eine Familie, in der jede und jeder ein Recht hat, dazuzugehören. Es darf nichts Wertvolles in der Wohnung sein, sonst müsste man ja aufpassen, kontrollieren. Das will Christian nicht. Was geklaut wird, war zu wertvoll oder einfach zu viel. Geradezu allergisch reagierte Christian, wenn man ihn zu einem Sozialpastor stempeln wollte. Schon mit der Zuschreibung als Helfer erhebt man sich über den anderen. Er wollte zusammenleben, Mitmensch sein, nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Etwas Urchristliches aber brachte er mit: das Bewusstsein, dass es sich bei jeder Begegnung mit einem Menschen um das Geschenk einer Begegnung mit Gott handelt. Mit jedem Hungernden, Dürstenden, Nackten, Wohnungslosen, der an deine Tür klopft, meldet sich Christus bei dir und gibt dir die Chance, sein Gastgeber zu sein.

Bei einem Samstagsfrühstück begann man die Knastjahre zusammenzuzählen, die zufällig am Tisch versammelt sind und kam auf sechzig Jahre. Es folgte eine intensive Diskussion was für Einzel-, Doppel- und Vierbettzellen spricht.

Wenn Christian von solchen Begegnungen erzählte, dann spürte man: das war kein Trick, um zu guten Taten zu ermuntern oder Bescheidenheit zu signalisieren. Sondern eine Erfahrung, die sich immer wieder bestätigt: Gott begegnet überall, auf der Straße, in der Wohngemeinschaft, im Betrieb, im Mitmenschen, jeden Tag.

Aus dieser Erfahrung heraus hat Christian Herwartz sein Konzept der „Exerzitien auf der Straße“ entwickelt und damit den geistlichen Übungen seines Ordens eine neue Gestalt gegeben. Dazu lud er Menschen ein, sich für einige Tage aus ihren gewohnten Bezügen zu befreien und das unkalkulierbare Leben der Straße zu führen. Als Quartier bot sich im Sommer eine unterbelegte Notunterkunft für Obdachlose an. Dort begann er die Übungen. Er las die Geschichte vom brennenden Dornbusch, in dem Mose eine Gotteserscheinung sah.

So läuft das, erklärte er. Schaut hin, wo es für euch brennt und dann zieht die Schuhe aus, das ist heiliger Boden, und nehmt wahr, was passiert. Die zweite Regieanweisung entlehnte er dem Lukasevangelium. Dort schickt Jesus die Jünger hinaus in die Welt. Zieht ohne Geld los, es gibt keine Sicherheit, nehmt keine Tasche mit, bittet wenn ihr etwas braucht, habt keinen Stock dabei, macht euch wehrlos, zieht die Schuhe aus, so dass ihr den Boden spürt, auf dem ihr geht und grüßt die Leute nicht, das heißt, versucht es ohne die eingeübten Konventionen. Du musst nicht alles befolgen, schau, was dich herausfordert und: lass dich überraschen!

Am Abend kommen die Straßenpilger zusammen und werten aus, was sie erlebt haben. Es ist erstaunlich, was diese kleine Übung in Achtsamkeit bei den meisten bewirkt. Gern lud er Leute aus seiner WG dazu ein. Fachleute in Straßenangelegenheiten. Ein Priester beispielsweise erzählte, wie er sich bei der Armenspeisung versorgte. Es gab Tüten mit einer Stulle, einem Saft und einem Schokoriegel. Der allerdings war seit zwei Jahren abgelaufen und so ließ er ihn unbemerkt verschwinden. Als sein Tischnachbar bemerkte, dass in der Tüte des Kollegen keine Süßigkeit war, teilte er seinen Riegel und war etwas enttäuscht, dass der die Gabe ablehnte. Der Mann von der Straße, der diesen Bericht hörte, schaltete sich ein und bemerkte etwas sarkastisch: weißt du eigentlich, dass du dem Mann die Kommunion verweigert hast?

Die Aufdeckung der Missbrauchsfälle am Canisiuskolleg erschüttert ihn, wie alle Brüder der Berliner Ordensgemeinschaft. Er hätte sich abwenden können. Euer Problem, ich gehörte nie dazu. Ich war extern, ich war in Kreuzberg. Doch so einfach machte er es sich nicht. Es ging bei all dem ja nicht allein um fehlgeleitete Sexualität, es ging um Machtmissbrauch. Und den gibt es überall. Die Anfrage traf also auch ihn. Die Frage der Gewalt und Gewaltvermeidung war immer wieder Thema, wenn sich die WG über dem ‚Trinkteufel‘ zusammenfand. Hat er da immer richtig reagiert? Hat er zu stark agiert oder zu wenig? Das trieb ihn um. In dieser Zeit schätzte er den engen Austausch mit Brüdern aus dem Orden, um sich abzugleichen. Und man schätzte ihn als Stimme von außen, um den Prozess im Orden voranzubringen.

Vor Jahren schon traf Christian die Diagnose Parkinson. Eine schleichende Krankheit, lange konnte er mit den Einschränkungen relativ gut leben. Auch sie: nur ein Aspekt der Lebenswirklichkeit. Es geht eben nicht darum, sich als Helfer zu betätigen. Hilflosigkeit zuzulassen, das ist die schwerste geistliche Übung. Christian legte die WG in der Naunynstraße in die Hände seiner Nachfolgerin und zog sich in die Betreuung des Jesuitenordens zurück. Ging zu denen, die sein Tun über Jahre mit einigem Misstrauen beobachtet hatten und denen er oft mit gehöriger Arroganz begegnet war. Auch dasE eine durchaus geistliche Übung, für beide Seiten.

Wäre er auf der Straße und ohne Papiere gestorben, man hätte wohl zunächst in der Obdachlosenszene recherchiert. Alter Mann, langer weißer Bart, tätowiert am ganzen Körper. Über die Tattoos wäre man ihm dann vielleicht auf die Spur gekommen, lauter religiöse Motive. Offenbar ein frommer Mann, der da gestorben ist.

Das hätte Christian gefallen, darüber hätte er herzhaft gelacht.

Dieser Nachruf ist vom Deutschlandfunk am 1. Mai gesendet worden. Man kann ihn  hier (knapp 15 Minuten) nachhören.

xxx

Frühstücksgespräche (20) im April

 

Seit kurzem frühstücken wir unter der Woche wieder um 8.00 Uhr. Manchmal sind Gäste dabei – derzeit dienstags und donnerstags. Wir haben gemerkt, daß wir auch Frühstückszeiten für uns als Gemeinschaft brauchen. Da die strikten Corona-Einschränkungen vorbei sind und damit für Ungeimpfte auch wieder mehr Gruppen, Bibliotheken und andere Angebote zugänglich sind, haben wir nach längerem Abwägen zu dieser Lösung gefunden. Während der Corona-Einschränkungen waren wir für einige Ungeimpfte der einzige soziale Raum, der für sie zugänglich war.

Unser Samstagsfrühstück findet nach wie vor immer von 9.30 h bis 12.30 h statt und ist offen für alle. Es kommen wieder mehr Menschen und jeden Samstag sind neue Gäste dabei, was uns sehr freut. denn das war während der zwei Jahre der Pandemie anders. Da kamen nur sehr selten neue Menschen dazu. 

Im April haben uns diese Themen bewegt :

– Was sind „displaced persons“ (DPs)
– DP-Lager in der amerikanischen und britischen Besatzungszone: Gemeinsamkeiten und Unterschiede
– (Selbst-)Organisation von DP-Lagern
– illegale Auswanderung Überlebender: Wie lief das ab?
– Wie wurde über die Zeit des Nationalsozialismus gesprochen bzw. geschwiegen: Perspektiven von Tätern, Mitläufern, Opfern
– Kindheit im DP-Lager
– Gibt es ein Recht auf Rache – und wenn ja, unter welchen Umständen?
– Vergebung: Nur die Betroffenen entscheiden – nicht die Täter
– Kommunalpolitisches Engagement: unterschiedliche Erfahrungen
– Schülerelternsprecher und ihre Aufgaben
– Taizé und die Jugendtreffen in Burgund: Woher kommt die Popularität und wie haben sie sich entwickelt
– Homeschooling ist in Deutschland nicht möglich: Reiche können auswandern, Arme müssen andere Möglichkeiten finden
– Warum ist die Hilfsbereitschaft für Geflüchtete aus der Ukraine so groß, größer als für afrikanische Menschen
– Leihmutterschaft als Geschäftsmodell in der Ukraine
– der „Bullenwinkel“ wird zum Maria-von-Maltzan Platz   
– Autobiografie der Widerstandkämpferin Maria von Maltzan „Schlage die Trommel und fürchte dich nicht“
Solwodi, Hilfe für Frauen die von Menschenhandel und Zwangsprostitution betroffen sind
– das katholische Hedwigskrankenhaus, seine Geschichte und seine Besonderheiten (Hilfe für verfolgte Juden)
– Planung der Kar- und Ostertage in der WG
– Angst vor steigenden Preisen bei Lebensmitteln und Energie von Gästen
– Wann dürfen Männer an Veranstaltungen für Frauen teilnehmen (Beispiel Weltgebetstag der Frauen im März)
– Wie geht es der Kultureinrichtung für schwarze Menschen „Yaam Club“
– Erfahrungen mit der Weinlese in Pomeyrol (Provence)
– Johannespassion aktualisiert mit Texten der Widerstandskämpfer Moltke und Delp
– Seminar über Blumenarrangements und Gestaltungen in Kirchenräumen
– aus der Ukraine entkommen durch Tiertransporte
– verschiedene Richtungen von Zen-Meditation – Zen und soziales Engagement
– Wohnsituationen und Schwierigkeiten auf dem Berliner Wohnungsmarkt
– Prognosen bei unterschiedlichen Krebserkrankungen
– Wo gibt es in Berlin noch Wagenburgen
– Ostermärsche: wann und wo in Berlin
– Geburtstag von Christian Herwartz
– Straßenexerzitien / buddhistische street retreats: Gemeinsamkeiten und Unterschiede
– Wer war Moses Mendelssohn (Philosoph der Aufklärung)
– Umwandlung von Mietwohnungen in Eigentum in unserer Nachbarschaft.
– Schönste unbekannte Plätze in Berlin laut rbb-Sendung: Platz 1 ist das Engelbecken in unserer Nachbarschaft
– alternative Wohn- und Vermietungskonzepte
– Theologie im Fernkurs
– Geburtstag feiern oder nicht – und wenn ja: wie?
– warum man Bilder oder Werkstücke, die in einem vom Jobcenter finanzierten Kurs entstanden sind, nicht behalten darf.
– Yoga: Richtungen und Orte
– Erfahrungen als Bioladner
– Leben mit dementen Angehörigen auf dem Land
– Arbeitsteilung von Männern und Frauen im Wandel, Care-Arbeit, 
– Als Sitzwache im Krankenhaus arbeiten
– Einblicke in unterschiedliche Pflegeheime
– was hat sich bei den Tafelausgabestellen durch den Krieg in der Ukraine verändert
– vom Umgang mit seelischen Befindlichkeiten und Verletzungen
– Selbstschutz hat Vorrang
– Psychiatrie- und Antipsychiatrie-Erfahrungen
– Projekt: dezentrale antifaschistische Streuobstwiese
– interkulturelle und interreligiöse Tage der Begegnung im Graefekiez
– wie erinnern wir uns an Christian und dürfen seine Schwächen auch Teil dieser Erinnerung sein
– als kleine Schwester Jesu in Ostberlin in einer Spielzeugfabrik arbeitend
 

Mehr Frühstücksgespräche sind hier

xxx

Erinnerungen an Christian – Bruchstücke

Maria S. schreibt: 

Erinnerungen an Christian. Bruchstücke, unsortiert, einfach was oben auf ist.

Bei einem Besuch in Berlin. Durch die Straße gehend.
An einem Platz kommt ein Obdachloser auf uns zu. Er sagt ganz aufgeregt etwas , was ich nicht verstehe.
Christian erklärt „Er wollte Dich auf das Müllauto hinter uns aufmerksam machen. Dich warnen. Ihm ist es schon passiert, das er mit Müll zusammen eingesammelt wurde.“

In Basel, bei Exerzitien auf der Straße:
Abschluss Fußwaschung. Ich sage warum willst Du allen die Füße waschen? Wir können das einer nach dem anderen für den je anderen tun.  Christian greift das auf.  Im Nachhinein , auch heute noch, denke ich, dass das schmerzhaft war für ihn.

Erste Begegnung:
Beim Treffen der Arbeitergeschwister. In der Runde erzähle ich was von mir- ich bin Schwäbin-  Christian: „Kannst Du auch deutsch reden?“ Nachher kommt er her, er entschuldigt sich nicht, aber er greift gefühlsmäßig seine Barschheit auf und ist mir nahe. Das ist der Beginn eines Weges.

Bei einem Besuch in Berlin.
Wir sitzen auf einer Bank an einem See und teilen eine Schokolade.
Er spricht von Jesus als Freund. Es war leibhaftig spürbar, wovon er sprach.

Bei Straßenexerzitien.
Wir suchen einen Ort, an dem wir von Erfahrungen erzählen können.
Das Erzählen gehört zu den Exerzitien. Heute noch trage ich ein befreiendes Lachen in mir: Christian geht einfach los und sucht einen Ort, an dem wir erzählen. Ich gehe neben ihm und es ist als ob wir direkt in der Bibel spazieren gehen.

Bei einem Treffen der Arbeitergeschwister.
In einer Pause. Ich gehe mit Christian ein paar Schritte. „Was ist ein Priester?“  Christian: „Ein Priester erinnert dich an die Würde, die Du in Dir trägst. Prophet, König, Gesalbter.“

Bei einem Besuch in Berlin.
Wir gehen zu einer Wagenburg, Köpenick. Wir dürfen das zu Hause einer Frau besuchen, die dort lebt, sie arbeitet halbtags in einer Schulküche. Sie selbst ist nicht da. Eine Ikone steht unter ihrem Schlafplatz. Christian: „Spürst Du es?  …   Einheit….“
Ich : „Ja“.

Ein Besuch in Aalen.
Christian lässt einen Spruch da. „Gehe eine Meile um einen Kranken zu besuchen, zwei um einen Gefangenen zu sehen. Gehe drei Meilen (oder mehr) um bei einem Freund zu sein.“

Christian stirbt und die Worte mit denen er den Tod begrüßt sind so echt wie sein ganzes Leben.

(Anmerkung: Gemeint ist das Gebet, das Christian im Januar 2022 schrieb:
DANKE
Du Tod, Sprung ins Leben
Du kündigst dich an
Du bist die abschließende Freude
Ich danke Dir für Dein Kommen
         Amen   Christian)

Er hat mich öfters gebeten von meinen Erfahrungen zu sprechen. (Auch mit denE Teegläsern als Hilfsmittel), ich konnte es nie.

Jetzt, mit ihm zusammen zu sprechen, das geht.

xxx

Ostermontag: grabauswärts

Heute am Ostermontag hat uns ein Gedicht von Andreas Knapp begleitet:

unter der tränen trauerflohr
glaube
kommt vom hören des namens

es braucht keinen gärtner zur grabespflege
hoffnung
ist dem tod einen atemzug voraus

niemanden einbalsamieren
liebe
heißt loslassen können

(aus: Mit Pauke und Salböl, Gedichte zu Frauen der Bibel, 
Würzburg 2021)


xxx

 

Zu Beginn der Karwoche – Hungertuch 2022

 

Hungertuch 2021 – Du stellst meine Füße auf weiten Raum

Gerade sehe ich, daß dieser Beitrag in der Warteschleife hängengeblieben ist. Am Anfang der Karwoche haben wir dieses Hungertuch im Wohnzimmer aufgehängt. Es ist eine Erinnerung an Christian, aus dessen Nachlaß wir es bekommen haben.

A ist eine Zeichnung, der ein Röntgenbild von einem Fuß zugrunde liegt, der durch Polizeigewalt in Südamerika schwer verletzt wurde. Im Mittelteil des Tryptichons kann man erkennen, daß es sich um einen komplizierten Bruch handelt.

Der Bibelvers, der dazu ausgewählt wurde, stammt aus Psalm 31 Vers 9: Du stellst meine Füße auf weiten Raum. In der Kombination mit diesem geschädigten, verletzten Fuß eröffnet das eine ganz neue Perspektive. Auch für Leben mit Brüchen, verletztes Leben gibt es eine Hoffnungsperspektive. In den Füßen spiegelt sich die Befindlichkeit von allen Organen (Reflexzonenmassage), also des ganzen Menschen.

:xxx

Nachruf im Tagesspiegel: Christian Herwartz (SJ)

Vor gut drei Wochen hat uns Jörg besucht. Viele Jahre war er Pfarrer der evangelischen Emmauskirche in Kreuzberg und mit Christian Herwartz immer wieder in diversen Anliegen verbunden. Jörg schreibt schon viele Jahre Nachrufe für den Tagesspiegel über ganz normale Berliner. Wir haben lang mit ihm gesprochen. Nun ist gestern – also im Tagesspiegel vom 10. April – eine sehr gekürzte Fassung erschienen und zwei Wochen später auch online – und zwar hier  

Nachruf Christian Herwartz im Tagesspiegel vom 10. April 2022

.

Die vollständige Fassung des Nachrufs wird Anfang Mai in einem anderen Medium publiziert. Wir dürfen sie dann auf dem Blog übernehmen. Dieser ausführliche Nachruf wird dann unter dem Headerbild in der Spalte „Seiten“ abrufbar sein, aus presse- und medienrechtlichen Gründen nach der Erstveröffentlichung. Anhören kann man den Beitrag unter dem Titel „Christian Herwartz – ein Leben jenseits der Komfortzone“ beim Deutschlandfunk und zwar hier.

xxx