Jahr der Barmherzigkeit und Straßenexerzitien

Dominikaner-Kloster St. Paulus in Berlin-Moabit

(Iris schreibt:) Am Sonntag ist zum „Heiligen Jahr der Barmherzigkeit“ im Dominikanerkloster St. Paulus in Berlin-Moabit eine „Pforte der Barmherzigkeit“ eröffnet worden. Deshalb fand dort heute ein Tag für Priester und Diakone aus dem Erzbistum Berlin statt. Am Vormittag gab es unterschiedliche Kleingruppen. Christian, Michael und ich (Iris) waren eingeladen worden,  Strassenexerzitien zu begleiten. 14 Interessierte fanden sich ein und wurden nach einer Einführung für eine Stunde auf die Straße geschickt und ihnen die Anregung mitgegeben, achtsam zu sein, welcher Ort oder welche Situation sie besonders berührt.

Exerzitien auf der Straße sind vor zwanzig Jahren in der Wohngemeinschaft Naunynstraße entstanden als ein junger Jesuit Antwort auf die Frage suchte, ob er in einem Aidshospiz mitarbeiten sollte oder nicht und deshalb in der Naunynstraße Exerzitien machen wollte, also unter Bedingungen, die völlig anders sind als das üblicherweise bei Exerzitienhäusern der Fall ist.

Nach einer Stunde kamen die Teilnehmer wieder zurück und fanden sich in zwei Gruppen zusammen um über das, was sie auf der Straße erlebt hatten zu sprechen. Wir staunten, was die Teilnehmenden in dieser kurzen Zeit von der Straße mitbrachten und mitteilten.

Ich habe für mich die Anregung mitgenommen, in der nächsten Zeit in der Kommunität darüber nachzudenken, inwieweit Straßenexerzitien dazu beitragen können, Barmherzigkeit neu in den Blick zu bekommen. Ich ahne, daß die Straße uns deutlich machen kann, wie Barmherzigkeit und Gerechtigkeit zusammenhängen, denn dort begegnen wir Menschen, die ausgegrenzt werden. Sie zeigen uns, wo es an Gerechtigkeit mangelt.

Moabit wird als Kiez „zwischen Knast und Kanzleramt“ beschrieben. Teilnehmern fiel auf, wieviel Armut es gibt, aber gleichzeitig viele Orte und Initiativen, die Räume für vielfältige Kontakt- und Begegnungsmöglichkeiten eröffnen.

(Christian schreibt:) In meinem Verständnis von solchen geistlichen Übungen ist es sehr wichtig, dass die Teilnehmenden mit ihren Erfahrungen anschließend auf Zuhörende stoßen. Beim Erzählen werden die Ereignisse im geschützten Bereich öffentlich, die darin liegenden Impulse werden auch durch das Nachfragen der Einladenden wie der anderen Teilnehmenden deutlich und von verdeckenden Vorurteilen getrennt. So können richtungsweisende Entscheidungen vorbereitet werden.

Als Einladende hatten wir die Aufgabe die Übenden mit einem Impuls in die Aufmerksamkeit zu locken. Ich habe es mit zwei Sätzen aus dem Lukasevangelium aus dem 10. Kapitel versucht und bemerkte eine große Aufmerksamkeit.

Jesus sendet 72 Jünger und Jüngerinen aus, sein Kommen anzukündigen. Im ersten Satz bereitet er sie auf die Realität vor, in die er sie schickt: Ihr geht wie Schafe unter die Wölfe. Die Lebensgefahr wird deutlich benannt, im Kontext von Jesus unterwegs zu sein. Dann sind vier Regeln aufgelistet sich in dieser Situation zu verhalten: 1. Nehmt kein Futter für die Wölfe mit – lasst Eure Geldbörse weg! 2. Kauft aus falscher Vorsorge kein Überlebenspaket ein – lasst auch den Rucksack weg! 3. Wenn Ihr in die Häuser geht, dann werdet Ihr aus Respekt vor den Menschen die Schuhe ausziehen – vertagt diese Geste der Achtung nicht und lasst auch Eure Schuhe gleich hier. Auch wenn wir diese Anweisungen in unsere Lebensverhältnisse übersetzen, ist das Weglassen vieler von dem Nächsten distanzierenden Dinge oder die uns anscheinend unabhängig machen sollen, eine wichtige Vorübung zum aufmerksamen sehen und hören. Die 4. Anweisung lautet: Grüßt nicht unterwegs! Lasst das „Man muss doch“ weg und grüßt vielleicht mal die, die ihr sonst nicht grüßt. 

Was werden sie sehen, wenn sie mit diesem Impuls und einem von Barmherzigkeit geleiteten Blick auf die Straße gehen? Das war für mich die spannende Frage, als wir sie für eine Stunde auf die Straße geschickt haben. Viele ließen ihre Taschen und Geldbörsen da und gingen um den Häuserblock.

Ihre Erzählungen waren nach der Rückkehr für alle herausfordernd und bereichernd. Viele beteiligten sich beim Freilegen der darin enthaltenen Botschaften.

Hier ist ein Video über Strassenexerzitien beim Katholikentag in Regensburg (ca. 6 Minuten):


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Erzbistum Berlin

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