Buch über Exerzitien auf der Straße

Heute erscheint unter dem Titel „Im Alltag der Straße Gottes Spuren suchen“ ein Buch über Straßenexerzitien im Neukirchener Verlag. Es ist eine Mischung aus Theorie und Praxis. Die Erfahrungen aus der Praxis kommen von 30 Teilnehmenden an Straßenexerzitien. Beim Treffen der Begleiterinnen und Begleiter von Straßenexerzitien im Januar 2015 haben sich einige von ihnen zusammengetan um ein Buch über Exerzitien auf der Straße gemeinsam zu schreiben.

 

Der Verlag schreibt:

Jesuitenpater Christian Herwartz lebt seit über 35 Jahren in einer offenen Wohngemeinschaft in Berlin-Kreuzberg, hat jahrzehntelang als Arbeiterpriester in Fabriken gearbeitet und ist überzeugt, dass Spiritualität und gesellschaftliches Engagement zusammengehören.

In diesem Band beschreiben er und viele andere Autoren und Autorinnen ihre sehr persönlichen Erfahrungen bei Exerzitien auf der Straße.

Sich auf fremde Orte und Menschen sowie überraschende Erfahrungen einzulassen, gehört bei dieser Form der „geistlichen Übungen“ dazu. Eine Frage lautet: Wer will mir heute begegnen? Von diesen Begegnungen mit einer alten türkischen Frau, einem fünfjährigen Mädchen und einem Obdachlosen erzählen die Teilnehmer genauso wie von berührenden Einsichten unter der Brücke. Von dem, was sie als Mensch, Christ verändert hat, wie Gott ihr Herz traf. Geistliche und biblische Reflexionen zu den verschiedenen Etappen der Straßenexerzitien runden diesen Band ab und können eigene Straßenexerzitien anleiten.

Christoph Albrecht (SJ) schreibt:

Ein wundervolles Buch und wohl die gegenwärtig beste Lektüre zum Thema weltzugewandter Spiritualität. Die vielen sehr persönlich erzählten Erfahrungen laden ein, das eigene Leben in einem vielleicht neuen, vielleicht erlösenden Licht zu sehen und der Sehnsucht Raum zu geben, dem göttlichen Geheimnis im eigenen Alltag auf die Spur zu kommen. Nicht unbedingt durch akribisches Studium aller heiligen Schriften, nicht unbedingt durch die strenge Befolgung individueller Frömmigkeitsregeln, sondern eher in der Haltung eines bedürftigen Menschen, der sich überraschen und beschenken lassen kann. Das Buch verbindet poetische Texte und Zeugnisse ehemaliger Straßenexerzitien-Teilnehmer_innen mit sehr praktischen Hinweisen und theologischen Reflexionen zur Gestaltung und Begleitung solcher geistlicher Übungen. Es wird Kenner_innen und Exerzitien-Begleiter_innen genauso ansprechen, wie solche, denen das Wort Exerzitien (noch) nichts sagt.

Für die nächste Zeit sind schon einige Lesungen geplant. Orte und Zeiten sind unter „Termine“ unter dem Headerbild zu finden.

Mehr zu Exerzitien auf der Straße findet sich hier.

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die Welt im Wohnzimmer (1) – Schweiz und die Ausschaffungsinitiative

a1adc86d1a7a0512c8a6f89729c68b09(Iris schreibt:) Durch die vielen Menschen, die uns besuchen, die bei uns mitleben und / oder Exerzitien auf der Straße machen, erfahre ich Vieles aus deren Heimatorten und Heimatländern, von dem ich kaum oder gar nicht auf anderen Wegen erfahren würde. Auch daran möchte ich diejenigen, die hier mitlesen dann und wann teilhaben lassen.

Regelmäßig besucht uns Conny, die einen Schweizer geheiratet hat, dort auch lebt und inzwischen die Schweizer Staatsbürgerschaft hat. Ich habe sie durch die Exerzitien auf der Straße kennengelernt, die sie im Sommer letzten Jahres in Berlin machte. Anfang Oktober kam sie dann wieder zu Besuch und hat diesen Berlinaufenthalt so gelegt, daß sie bei der Mahnwache vor dem Abschiebegefängnis in Schönefeld teilnehmen konnte, die zwei Mal im Jahr (Karfreitag und 3. Oktober) stattfindet. Christian ist für dieses Recht, vor dem Abschiebegewahrsam in Schönefeld demonstrieren zu dürfen bis vor den Bundesgerichtshof gegangen und hat Recht bekommen.

Bei ihrem Berlinaufenthalt zum Jahreswechsel hat uns Conny wieder besucht und von ihrer Fassungslosigkeit erzählt, daß von der Ausschaffungsinitiative („Ausschaffung“ ist das schweizerdeutsche Wort für „Abschiebung“) in deutschen und anderen ausländischen Medien überhaupt nicht berichtet wird. Es gibt zahlreiche Deutsche, die in der Schweiz leben und arbeiten. Auch sie können betroffen sein. Schon ein geringfügiger Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz kann und wird – wenn etwa jemand in den letzten zehn Jahren eine Geldstrafe wegen Geschwindigkeitsüberschreitung beim Autofahren auferlegt bekommen hat – zur „Ausschaffung“ führen.

Mit dieser Initiative der SVP (Schweizerischen Volkspartei)  wird faktisch die Gewaltenteilung als wesentlicher Bestandteil einer Demokratie und damit der Rechtsstaat ausgehebelt. Darüber soll am 28. Februar in einer Volksabstimmung abgestimmt werden.

Ein Überblicksartikel über die „Eidgenössische Volksinitiative «Zur Durchsetzung der Ausschaffung krimineller Ausländer (Durchsetzungsinitiative)“ ist hier. Conny engagiert sich beim Aufruf gegen die Durchsetzungsinitiative.

Teil 2Connys Bericht über ihr Engagement in diesem Bereich, das seine Wurzeln in den Exerzitien auf der Straße hat

Nachtrag 28. Februar 2016: Bei der Volksabstimmung vom 28.2.2016 wurde die Durchsetzungsinitiative abgelehnt.

 

Besuch beim Setzer

Cover

Cover

Heute war ich mit Christian bei Hermann, der schon die beiden früheren Bücher aus der Naunynstraße „Gastfreundschaft“ und „Geschwister erleben“ gesetzt hat. Auch das neue Buch EINFACH OHNE war bei ihm in besten Händen. Christian hat viel von der sehr fruchtbaren Zusammenarbeit erzählt, denn durch Hermanns Genauigkeit und seine Geduld hat das Buch sehr gewonnen. Christian und er saßen ganze Nachmittage über dem Satz. Bei einem Kaffee hatte ich die Gelegenheit noch andere Arbeiten von Hermann kennenzulernen, die er für andere nicht-kommerzielle Projekte erstellt hat. Von Hermann stammt auch der Vorschlag für die Farbgebung des Covers. Weil die ersten beiden Bücher in grün und gelb gehalten sind, ist rot als Farbe für das neue Titelbild naheliegend, das übrigens von Rockn RollF, seines Zeichens Cartoonist und Musiker, gezeichnet worden ist

Hermann ist einer der Aktivisten des Umbruch-Bildarchivs, das 1988 entstanden ist. Es gehört zu den Kollektivbetrieben. In der Projekt-Beschreibung heißt es:

Der großen Worte überdrüssig machten wir, die Umbruch-GründerInnen, uns 1988 auf die Suche nach einer anderen, einer Bildersprache. Einer Sprache, die der Lebendigkeit, mit der sich Menschen hier und anderswo wehren, gerecht wird. Wir fotografieren und archivieren Bilder von Nadelstichen gegen SpekulantInnen und BankerInnen; von Aktionen autonomer Bewegungen, vom Anti-AKW-Widerstand, dem Häuserkampf, der Selbstorganisierung von Flüchtlings- und antifaschistischen Gruppen – Gegenöffentlichkeit sogenannter Minderheiten. Mittlerweile beherbergt das Archiv rund 80.000 Fotos zu sozialen, kulturellen und politischen Brennpunkten. In Zusammenarbeit mit anderen FotografInnen, Gruppen und Initiativen veröffentlicht Umbruch seit 1999 Foto- und Videoberichte zu aktuellen Ereignissen – gegen die Unterbelichtung der linken Bewegung!

Christian schreibt: Die Zusammenarbeit mit Hermann war immer wieder sehr gut und ich habe sein Engagement weiter verfolgt und unterstützt. Da ist mir seine Vielfältigkeit im Engagement immer deutlicher geworden. Umbruch braucht noch viele Unterstützer, damit die Basisarbeit von dort weitergehen kann. Die Räume werden enger, auch in Berlin-Kreuzberg. Es ist nun schon das dritte Buch was uns Hermann gesetzt hat: “Gastfreundschaft” (2004) darin wird vieles aus der damals 25jährigen Geschichte der Kommunität nachgezeichnet wird. Dieses Buch kann wie die beiden nachfolgenden auf der Webseite hier gelesen werden. Der zweite Band (2010) “Geschwister erleben” erschien zum 85. Geburtstag von Franz Keller unserem ältesten Mitglied und ist hier zu finden – und jetzt der dritte mit dem Titel “EINFACH OHNE” zur Übergabe der Kommunität in eine neue Generation kommt voraussichtlich nächste Woche aus der Druckerei.

Die Startseite des Umbruch-Bildarchivs ist hier.

interreligiöses Friedensgebet: Gesprächskultur

interreligiöses Friedensgebet  (Foto: Krüger)

interreligiöses Friedensgebet (Foto: Krüger)

Seit 2002 findet am ersten Sonntag im Monat um 15.00 Uhr auf dem Gendarmenmarkt vor dem Deutschen Dom das interreligiöse Friedensgebet statt.  Immer steht ein anderes Thema im Mittelpunkt. Dieses Mal hatte das Vorbereitungsteam die Vorfälle der Sylvesternacht in Köln zum Anlaß genommen die  Einladung für Februar zum Thema „Gesprächskultur“ zu formulieren.

Es ist immer wieder spannend, wer kommt und wie viele kommen. Heute fanden sich fünfzehn Menschen aus unterschiedlichen religiösen Traditionen zusammen, auch einige, die schon länger nicht mehr da waren. Nach dem Schalom-Salam-Lied wurde der Einladungstext vorgelesen. Darin heißt es:

Was wir in den letzten Wochen nach den Ereignissen von Köln, Hamburg und Stuttgart lesen oder hören konnten, was im Internet und an manchen Stammtischen an Beschimpfungen mit aufgeladenen Emotionen geäußert wurde, war übel. Pauschale Verdächtigungen, rassistische Vorurteile, Ängste, gemixt mit oberflächlichen Informatio-nen  wurden zu einem Meinungsbrei, der Hass und aggressive Stimmung erzeugte. Sicher ist es oft nicht einfach, komplexe Zusammenhänge eines Ereignisses exakt zu analysieren, wenn Vermutungen und/oder ungeprüfte Informationen verbreitet werden. Wenn Geschehnisse herhalten, die eigenen Vorurteile zu zementieren, ist keine Argumentation mehr möglich. Jeder, der anders denkt, wird beschimpft. Fehlinformationen, aggressive Über-schriften oder Kommentare lassen dann bestimmte Gruppen wie Flüchtlinge, Muslime oder Afrikaner unter Generalverdacht geraten. Hemmungslosigkeit in der Sprache kann auch schnell zu körperlicher Gewalt ausufern. Menschen, die anders sind oder anders denken, dürfen nicht herabgesetzt oder niedergemacht werden.

Zu einem Gespräch gehört das Zuhören, das Respektieren der anderen Person sowohl im privaten Bereich als auch in Politik und Gesellschaft. Schon im Mittelalter war es bei bestimmten Gesprächen üblich, die Meinung des anderen zu wiederholen, um zu prüfen, ob man ihn richtig verstanden hat, bevor man etwas dagegen hielt. Der Psychotherapeut Carl Rogers legt auch Wert darauf, die Gefühle des anderen richtig zu erfassen. Viel können wir auch von Martin Bubers Ausführungen über den Dialog lernen. Informationen müssen hinterfragt und reflektiert werden, bevor man sich eine eigene Meinung bildet. These und Antithese ergeben dann eine Synthese.

Religiöse Menschen haben eine besondere Verantwortung für einen menschenwürdigen Umgang im Reden und Handeln. „Du sollst kein falsches Zeugnis geben …“ lautet eine Weisung. Eine „Gebetskultur“ kann helfen, sich selbst zu hinterfragen, versteckte Vorurteile bewusst zu machen, sachlich mit Aggressionen und Verdächtigungen umzugehen und so zu einer guten Gesprächskultur beizutragen. In allen Religionen spielen Wahrhaftigkeit, Achtsamkeit und Barmherzigkeit eine große Rolle. Unser Friedensgebet kann uns helfen, Wege für einen besseren geschwisterlichen Umgang im Reden und Tun zu finden.

Danach wechseln sich kurze einfache Liedverse aus unterschiedlichen Traditionen, Zeiten der Stille, Gebete, Denkanstöße und persönliche Statements ab. Heute hatte Roj, den viele auch vom Samstagsfrühstück in der Naunynstraße kennen, ein neues Gebet aus seiner hinduistischen Tradition mitgebracht.

Das nächste interreligiöse Friedensgebet findet am 6. März 2016 statt. Das Vorbereitungstreffen dafür ist am Montag, den 15. Februar um 16 Uhr bei Helga Ottow, Prenzlauer Promenade 147, 13189 Berlin, Alle Interessierten sind herzlich eingeladen!

Achtung: Bei Großveranstaltungen auf dem Gendarmenmarkt (Classic Open Air, Weihnachtsmarkt) findet das interreligiöse Friedensgebet auf dem Hausvogteiplatz statt, der nur einige Minuten vom Gendarmenmarkt entfernt ist.

Selbstverständnis des interreligiösen Friedensgebets Berlin

 

Maria Lichtmess

(I.ris schreibt:) Unser Kommunitätsabend vorgestern fiel zusammen mit dem Fest Maria Lichtmess , das am 40. Tag nach Weihnachten begangen wird und das Ende des Weihnachtsfestkreises bedeutet.

Wir haben eine Messe gefeiert mit Kerzenweihe und uns zur Lesung aus dem Lukasevangelium ((Lk 2, 22 – 40) ausgetauscht.

Jede Kultur und  jede Religion hat Formen, um ein neu geborenes Kind Willkommen zu heißen, es in die Gemeinschaft aufzunehmen und einzuführen und zugleich den Eltern eine Vergewisserung zu vermitteln, daß sie von der Gemeinschaft unterstützt werden.  Jesus wird – wie jeder jüdische Junge – am achten Tag beschnitten. Die katholische Kirche kennt das Fest der Beschneidung Jesu (1. Januar) bis zum 2. vatikanischen Konzil. Dann wurde es abgeschafft. Lukas ist es einerseits wichtig, die Familie von Jesus als gesetzestreue jüdische Familie darzustellen. Auch die Nähe zum Tempel ist ihm wichtig. Der Tempel ist in der jüdischen Tradition der Mittelpunkt der Welt und zu biblischen Zeiten der Ort der Anwesenheit G-ttes.

 Lukas verknüpft in seinem Evangelium zwei Rituale, die zehn Tage auseinander liegen. Die rituelle Reinigung der Mutter nach der Geburt eines männlichen Kindes findet am 40. Tag nach der Geburt statt. Das Ritual der “Auslösung des Erstgeborenen” (Pidjon haBen – in der NGÜ “um es dem Herrn zu weihen”) findet am 31. Tag nach der Geburt statt meist im privaten Rahmen. Erforderlich ist die Anwesenheit eines Kohen (Priesters) – in biblischer Zeit jedoch nicht, daß das Ritual im Tempel von Jerusalem stattfindet.
Am Ende des Gottesdienstes haben wir unsere Krippe aus Simbabwe weggeräumt. Wer noch einen Blick auf sie werfen will, kann das mit dem Video tun:

Vier Wochen alt ..

… ist unser kleines Blog heute auf dem Tag genau. 300 Leserinnen und Leser waren da mit  1600 verzeichneten Seitenaufrufen. Es gab erste Kommentare und auch eMails haben uns erreicht, für die wir ganz herzlich danke sagen. Besonders gefreut hat mich, daß durch das Blog ein Kontakt entstanden ist. Eine Frau hat sich dafür interessiert nach einem Klinikaufenthalt bei uns mitzuleben. Als sie im Blog von Marias Biobauernhof im Allgäu erfuhr, hatte sie den Eindruck, daß das ein Ort für sie sein könnte und bat uns darum, den Kontakt zu vermitteln. Wir sind gespannt darauf, was durch dieses Blog weiterhin passiert.

Beim Treffen der BegleiterINNEN von Strassenexerzitien in München

(Iris schreibt:) Für mich war es das erste Treffen der Begleiterinnen und Begleiter von Straßenexerzitien, an dem ich am letzten Januarwochenende im spirituellen Zentrum St. Martin in München teilgenommen habe. Vierzig Menschen aus Deutschland, der Schweiz (2) und Frankreich (2) hatten sich angemeldet.

Einige bekannte Gesichter würde ich dort wohl treffen, aber großenteils würde ich auf Unbekannte stoßen – so meine Vorstellung. Einige Begleitende kenne ich, weil sie in der Naunynstraße zu Besuch waren, dort Straßenexerzitien in der Form von Einzelexerzitien machten oder als Begleitende von Straßen-exerzitien dort wohnten. Ich war nicht schlecht erstaunt, als ich feststellte, daß ich fast drei Viertel der Anwesenden bereits kannte. Ich traf sozusagen auf unbekannte Bekannte – oder andersrum, wie man es nimmt 😉 Bei der Vorstellungsrunde sollten wir uns mit einer (noch) unbekannten Person zusammentun und uns zu einer Impulsfrage austauschen (z.B. wann und in welcher Situation hast du zum ersten Mal von Exerzitien auf der Straße erfahren). Es gab mehrere Durchgänge mit unterschiedlichen Fragen und mit wechselnden Unbekannten. Ich hatte richtig Schwierigkeiten unter den bis zu diesem Zeitpunkt Anwesenden so viele Unbekannte zu finden. Von einigen Leuten, die im letzten Jahr seit ich dazugekommenbin in der Naunynstraße waren, hatte ich gar nicht gewußt, daß sie zum Kreis der Begleiterinnen und Begleiter gehören.

Das Vorbereitungsteam hatte Lebensmittel gekauft, die Räume und das Abendessen vorbereitet. Alles andere lag in der Verantwortung der gesamten Gruppe. Wir sammelten die Fragestellungen, die uns auf dem Herzen lagen und entwickelten daraus, welche Themen bedacht werden sollten.

So wurde etwa der Stellenwert einzelner „Basics“ in den Blick genommen und daraufhin befragt, was diese aus der Sicht von Teilnehmenden und aus der Sicht von Begleitenden bedeuten. Welchen Stellenwert hat die abendliche Erzählrunde, in der Erfahrungen des Tages benannt werden können? Wie ist das mit den abendlichen Gottesdienst als freiwilligem oder verbindlichem Angebot? Mit großer Offenheit und großem Respekt konnten die unterschiedlichen Sichtweisen thematisiert werden.

Christian wies darauf hin, daß in Zukunft der Anteil der Priester, die Straßenexerzitien begleiten werden, kleiner werden wird. Von daher werden die Begleitenden vor der Herausforderung stehen, in der jeweiligen Situation kreativ Gottesdienstformen zu entwickeln und andere Arten von Impulsen auszuprobieren. Diese Realität war mir bis dahin noch gar nicht in den Blick gekommen, weil bei den Straßenexerzitien, die ich bis jetzt begleitet habe, immer mindestens ein katholischer Prieser und eine evangelische Pfarrerin begleitet haben.

Ein besonderes Highlight am Samstagabend war die Lesung aus dem Buch über Straßenexerzitien (Im Alltag der Straße Gottes Spuren suchen), das im Februar 2016 erscheinen wird. Erst beim Begleitertreffen im letzten Jahr war die Idee zu diesem Buch entstanden. Sechs Interessierte haben sich zusammengefunden und innerhalb eines Jahres das Buch auf den Weg gebracht. Dreißig Teilnehmende haben ihnen dabei geholfen indem sie eigene Erfahrungen mit Exerzitien auf der Straße aufgeschrieben haben. So ist eine gute Mischung aus Theorie und praktischen Erfahrungen entstanden. Und aus diesem Erfahrungsschatz wurde vorgelesen. Bei einem solchen Vorhaben finde ich es eine anspruchsvolle Aufgabe, die Balance zu finden, an Persönlichem Anteil zu geben und doch die Distanz so zu wählen, daß die spirituelle Intimsphäre des Einzelnen gewahrt bleibt. Das fand ich bei den Erfahrungsberichten, die ich gehört habe, sehr gelungen.

Die Anteilnahme und das Interesse wie es in der Naunynstraße nach dem Weggang von Christian weitergehen wird, war sehr groß. Deshalb machten wir dazu am Sonntagmorgen eine Runde, in der Christian, Michael und ich unsere unterschiedlichen Sichtweisen und auch die Prozesse, in denen wir sind, zur Sprache bringen konnten. Ich fragte am Anfang meines Beitrages, wer noch nicht in der Naunynstraße gewesen ist. Es meldeten sich gerade mal zwei Leute. Mir hat das nochmals deutlich gemacht, daß die Gruppe der Begleitenden eine Verbindung zur Naunynstraße hat ohne daß mir das vorher so bewußt gewesen wäre. Auch nach einzelnen Mitbewohnern wurde gefragt. Und als noch viele Lebensmittel übrig waren, hieß es: „Das kann doch die Naunynstraße brauchen“.

Den Abschluß des Treffens bildete ein Gottesdienst, in dem wir die Texte, die in der evangelischen Kirche an diesem Sonntag dran waren, zu uns sprechen ließen und im gemeinsamen Austausch (deutsch und französisch) auf die Straßenexerzitien bezogen.

In der Lesung aus Jesaja 55 hieß es:

Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben…“

Im Gleichnis vom Sämann (Lukas Kapitel 8,4 ff) ging es um die Saat, die auf ganz unterschiedlichen Boden fällt und was mit ihr passiert:

Als wieder einmal eine große Menschenmenge aus allen Städten zusammengekommen war, erzählte Jesus dieses Gleichnis:„Ein Bauer säte Getreide aus. Dabei fielen ein paar Saatkörner auf den Weg. Sie wurden zertreten und von den Vögeln aufgepickt.Andere Körner fielen auf felsigen Boden. Sie gingen auf, aber weil es nicht feucht genug war, vertrockneten sie.Einige Körner fielen zwischen die Disteln, in denen die junge Saat bald erstickte.Die übrige Saat aber fiel auf fruchtbaren Boden. Das Getreide wuchs heran und brachte das Hundertfache der Aussaat als Ertrag.“

 

Gottesdienst 3
Gottesdienst mit einer senegalesischen Trommlergruppe

Ein besonderes Geschenk waren einige geflüchtete junge Männer aus dem Senegal, die regelmäßig im spirituellen Zentrum St. Martin trommeln. Sie brachten sich als Muslime mit einem Gebet und später mit ihren Trommeln ein. Christian ermutigte sie – soweit sie das wollten – auch zu den Texten etwas zu sagen. Dann teilten wir Wasser und Brot miteinander. Mich hat berührt, daß die Senegalesen sich als Glaubende an verschiedenen Stellen im Gottesdienst einbringen konnten und nicht auf die exotische Sonderrolle derer reduziert wurden, die etwas Musikalisches „beitragen“ durften wie ich das leider schon erlebt habe.

Auch wenn ich danach müde war, so hatte dieses Wochenende für mich etwas Ermutigendes und Stärkendes. Wer von den Teilnehmenden mag, kann gerne in den Kommentaren noch ergänzen, was hier noch nicht oder zu wenig benannt ist.

Zum Weiterlesen:
Exerzitien auf der Straße
Spirituelles Zentrum St. Martin