Nachgerufen: Dieter Kirschner (1953 – 2018)

Dieter Kirschner 2006

Dieter Kirschner ist am Samstag den 13. Januar im Alter von 64 Jahren im St. Josefskrankenhaus verstorben. Seit Februar 2017 war er pastoraler Mitarbeiter in St. Marien-Liebfrauen / St. Michael und regelmäßiger Gast bei unserem Samstagsfrühstück.

Mich verbindet eine längere gemeinsame Geschichte mit ihm. Ich habe ihn 2006 kennengelernt, einige Jahre aus den Augen verloren  und im Frühjahr 2017 bei einer Pfarrge-meinderatsklausur von Sankt Michael wieder getroffen. Ich war eingeladen den biblischen Impuls zu gestalten, und da sah ich ihn sitzen. „Den kenne ich doch – aber von früher“ – war mein erster Gedanke. Er wurde mir als neuer pastoraler Mitarbeiter vorgestellt. Später erzählte er mir, daß er ins Priesteramt zurückkehren wolle und in der Wartezeit in Sankt Marien-Liebfrauen eingesetzt sei.

Ich hatte ihn als „Bruder Johannes“ kennengelernt – so sein Ordensname, den er während des Noviziats bei den Franziskanern erhalten hatte. Und nun stand er in Schöneberg in einem lichtdurchfluteten Raum mit warmen Holzmöbeln hinter dem Tresen vom Cafe-Bereich des interreligiösen Klosters Meister Eckhart.

Kloster Meister Eckhart, Schöneberg

Gegründet hatte er es mit Bruder Frank zusammen, der eher zurückgezogen in der Küche wirkte. Das Kloster Meister Eckhart (KME) wollte als Gemeinschaft ein Ort für Menschen verschiedener Religionen sein, die in ihrer Tradition den mystischen Weg gehen.

Mit der Zeit entwickelte sich ein vielfältiges Veranstaltungsangebot von Konzerten, Lesungen, Gesprächskreisen, Vorträgen und Informationsabenden. Auch ich habe gelegentlich dort interreligiöse Bibliolog-Veranstaltungen angeboten. Später kam eine Bioladen-Ecke dazu und auch Produkte aus verschiedenen Klöstern. Ich habe dort immer wieder anregende Stunden mit guten, vielfältigen Begegnungen verbracht.

Im ersten Stockwerk gab es einen Meditationsraum, in den man sich zurückziehen konnte. Regelmäßig wurde dort Kontemplation und Zen-Meditation angeboten.  Außerdem gab es die „Kapelle der Religionen“ mit den Symbolen der Weltreligionen, in der verschiedene Gebetsformen und einmal monatlich die „Feier des Lebens“ angeboten wurden.

Bruder Johannes war die Seele des Ganzen. Er betrieb das Cafe mit Bioladen-Ecke, organisierte und moderierte Veranstaltungen, initiierte Gesprächsrunden und lud zu Gebetszeiten ein. Besonders am Herzen lag ihm der Gesprächskreis zu Meister Eckhart. Für viele Menschen war er ein gefragter Gesprächspartner. Nach kurzer Zeit hatte Bruder Frank das Kloster verlassen. Es gab immer wieder Menschen, die kürzer oder länger mitleben wollten, aber niemand, der / die sich für ein dauerhaftes Engagement entschied. Auch Ehrenamtliche waren im Cafe aktiv. Dort gab es selbst gebackenen Kuchen, Suppen und kleine Gerichte – alles in Bioqualität. Ein Freundeskreis und ein Förderverein wurden gegründet.

Mit der Zeit erfuhr ich, daß Bruder Johannes in der DDR aufgewachsen war, in Naumburg im Priesterseminar war und 1981 in der Hedwigskathedrale zum Priester geweiht worden und in Berlin als Kaplan tätig war. Zu Meister Eckhart und dessen Mystik war er auf der Insel Juist gekommen, wo er Priester war und eine Frau in seiner Gemeinde einen Vortrag über Meister Eckhart hielt. 1996 bekam er von seinem Bischof die Erlaubnis als Arbeiterpriester in Prenzlau zu leben. Diese Jahre hat er als sehr wichtig und prägend erlebt.  2001 trat er aus Gewissensgründen zur altkatholischen Kirche über, hat dort jedoch nicht die Beheimatung gefunden, die er ersehnte.

So vielfältig die Angebote waren, letztlich trugen sich Cafe, Bioladen und Veranstaltungs-bereich finanziell nicht. Das Cafe und der Veranstaltungsbereich wurden verkleinert und dann ganz geschlossen. Danach eröffneten Maria und er in Friedrichshain einen Bioladen mit Cafe-Ecke, der gut angenommen wurde und drei Jahre lief bis eine Bio-Supermarkt-Kette einige hundert Meter weiter eine Niederlassung eröffnete.

Als ich ihn in St. Marien-Liebfrauen / St. Michael wieder traf, war er schon sichtbar sehr krank. Am Montag und Freitag engagierte er sich in St. Marien-Liebfrauen sowie im Mittwochscafe. Am Dienstag und Donnerstag war er in St. Michael, hielt die Kirche offen und stand für Gespräche bereit. Die Zeit, die er auf den Bescheid aus Rom über die Wiederaufnahme ins Priesteramt warten mußte, wurde ihm sehr lang. Mitte Dezember kam er ins Krankenhaus. Am 12. Januar konnten ihm Mitarbeiter des Ordinariats übermitteln, daß er von Papst Franziskus wieder ins Priesteramt aufgenommen worden ist. Kurz darauf ist er verstorben.

Ich denke gerne an die Gespräche mit ihm. Seine Freundlichkeit, sein Humor und sein wacher und gleichzeitig liebevoll kritischer Blick waren wichtig für mich. Ich verdanke ihm viel bei der Entwicklung meiner interreligiösen Bibliolog-Aktivitäten durch zahlreiche hilfreiche Hinweise und sehr differenziertes Feedback. Er hat sehr unterschiedliche Menschen zusammen gebracht und war so ein Brückenbauer im besten Sinn. Auch beim Samstagsfrühstück und bei der Sonntagsrunde in Sankt Michael wird er fehlen.

Zum Weiterlesen:

Nachruf des Erzbistums Berlin für  Dieter Kirschner .
Artikel über das Kloster Meister Eckhart im Tagesspiegel
Interview auf der Weise-Männer-Seite (ca. 1 Stunde)
Ein TAZ-Artikel über den Bioladen ist hier
Eine Liebeserklärung an den Bioladen ist hier

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3 Gedanken zu „Nachgerufen: Dieter Kirschner (1953 – 2018)

  1. Sehr traurig – Er war für mich ein vertrauensvoller Kollege auf der Insel Juist – Ökumene war kein Fremdwort für ihn – sondern seine Lebenshaltung – werde nie das gemeinsame Abendmahl mit ihm in der Osternacht vergessen

  2. 2011 lernte ich Bruder Johannes / Dieter in Nordwestuckermark OT Rittgarten kennen, wo er das „kleine“ Kloster Meister Eckhart“ gegründet hatte. Dort war er mir oft seelsorgender Gesprächs-,auch Streitge-sprächspartner. Nach seiner Erkrankung ist er weggezogen und ich habe ihn leider aus den Augen verloren. Ich habe erst gestern erfahren, daß er verstorben ist. Er hat mich auch durch schwere Stunden begleitet. Dafür bin ich ihm dankbar.
    Ihn in Glaubensdingen fragend und suchend zu erleben, machte ihn für mich nur glaubwürdiger. Nun ist er angekommen im Ziel seines „Lebenslabyrinths“, im Frieden.

  3. Habe Dieter durch eine Suchanfrage („Meister Eckhart“) im Internet kennen und schätzen gelernt und ihn einmal in Berlin besucht. Wir hatten einen jahrelangen freundschaftlich-fruchtbaren und zum Teil auch kontroversen E-Mail-Austausch. Es war schön. Wir sind eins.

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