Der Fülle Raum geben

Ostersonne – Sankt Michael 2020; Foto: Sr. Rita

 

 

Ursprünglich eine Spirale aus Tüchern. Jeden Fastensonntag wurde ein Symbol für die jeweilige Lesung aus den Evangelien hinzugefügt. Am Karfreitag wurde alles mit schwarzen Tüchern bedeckt. In der Osternacht wurden die schwarzen Tücher weggenommen, und es erschien mit vielen Strahlen in Gelb- und Rottönen mit Tüchern gelegt – diese Ostersonne.

Wir haben sehr intensive Festtage verlebt und sind dankbar für das Viele, das uns geschenkt wurde im Miteinander und von anderen. Vielen Dank auch an dieser Stelle dafür. Es war immer wieder die Erfahrung des Beschenkt werdens auf verschiedenen Ebenen.

Ab Palmsonntag haben wir eine Ideensammlung gemacht, was und wie wir in den kommenden Tagen die Zeit miteinander gestalten wollen. Wir hatten leckere Mahlzeiten miteinander zu Pessach und den Kar- und Ostertagen. Ansonsten haben wir uns in unterschiedlichen Zusammensetzungen zusammengefunden zu Fernsehg-ttesdiensten mit Laptop und Kerze („Christian, jetzt kommt Papst. Willst Du sehen?“ Und anschließend: „Jetzt ist evangelisch“), zum Hörspiel „der Prozeß Jesu“, zum Kochen, Backen, Eierfärben, zu einem Film über Alfred Delp und Zeiten der Stille in Sankt Michael. Ein Bewohner hat am Freitagnachmittag eine Andacht zu den sieben Worten Jesu am Kreuz vorbereitet.

Erfahrungen der Fülle und des Verbundenseins in einer Zeit, die auch für uns fordernd und in manchen Punkten schwierig ist. Einer arbeitet als Sicherheitsmann in einer Klinik, ein anderer hat viel zu tun im Reinigungsgewerbe. Einer ist im Pausenstatus und sehnt sich danach bald wieder in seine Arbeitsstelle zurückkehren zu können. Alle anderen können nicht arbeiten und haben erstmal keine Arbeit in Aussicht.

 

x

Licht ist da zum Weitergeben

Gethsemane – St. Michael 2020

Später Nachmittag. Ostersonntag. Sankt-Michael-Kreuzberg ist geöffnet. J. hat die Kirchenaufsicht. Zwei kleine migrantische Jungen kommen in die Kirche. Brüder: der eine etwa fünf Jahre alt, der andere im Grund-schulalter. Sie sind interessiert, fragen und schauen sich verschiedene Meditations-Orte an. Ob man da auch draufgehen könne, will der ältere wissen und deutet auf den etwas höher konstruierten Garten Gethsemane neben dem Altar. Leider nicht.

Am Kircheneingang ist ein Hinweis auf Osterkerzen, die am Taufbecken sind. Das wollen sie genauer wissen. Sie schauen sich die Kerzen an. Es gibt dünne längliche und welche, die in einem kleinen Plastikbehälter sind – Teelichterstil. Sie möchten eine Kerze mitnehmen. Unsicherheit, ob das was kostet. Ich sitze beim Taufstein und sage: „Jeder darf sich eine Kerze aussuchen“. Sie ziehen erfreut mit ihren Kerzen ab nach draußen, wo auf dem Platz vor der Kirche Kinder spielen und Jugendliche Skateboard fahren.

Der größere Junge kommt zurück. Sein Freund möchte auch eine Kerze haben. Ok. Er nimmt zwei Kerzen und geht raus. Nach kurzer Zeit kommt er zurück. Der kleine Bruder begleitet ihn. Er legt eine Kerze zurück und sagt: Der Freund sollte doch auch aussuchen können, welche Kerze er mag.

Die beiden spielen draußen weiter. Sie wechseln zwischen drinnen und draußen. Ich beobachte sie im Gespräch mit J. Später kommt dann noch die Oma dazu. Von J. werde ich später erfahren, daß die Jungen nochmal nach Kerzen fragten. Sie hatten ihre draußen liegen lassen. Und während sie in der Kirche waren, hat ein Freund sie mitgenommen.

Auch die Oma braucht eine Kerze. Die Oma spricht kein deutsch. Sie sind Aleviten, gehören zur alevitischen Gemeinde in der Nachbarschaft. Noch besser wäre es – so der ältere Junge – wenn die Oma zwei Kerzen haben könnte. Zuhause hat sie nämlich kein Licht.

 

x

Osterlichtsegen

Möge das Licht der
Auferstehungssonne
unserem Dunkel
heimleuchten

Mögen Risse und Brüche
unseres Lebens
es einlassen
durchscheinen lassen
in ihm verwandelt werden

Mögen uns die Augen
des Herzens aufgehen
für seine Gegenwart
in uns
durch uns
unter uns

Katja Süss

 

x

still: Karsamstag

Karsamstag: still. Stiller als sonst. Durch Corona. Kollektiver Karsamstag. Wie lange noch?

Palmsonntag und Fußwaschung

Die Sankt Michaelskirche in Kreuzberg ist ein guter Ort. Die Franziskanerinnen haben mit viel Kreativität unterschiedliche Meditationsorte im Kirchenraum gestaltet. Man kann schauen, wo es einen hinzieht. Die Kirche ist zum stillen Gebet geöffnet. Links ist der Einzug nach Jerusalem mit bunten Tüchern und Palmzweigen gestaltet. Vom Altar ein rotes Tuch mit einem Wasserkrug und einer Schüssel. Die Fußwaschung.

 

 

 

leidender Jesus

Der leidende Jesus mit seinen Wunden und seiner Gebrochenheit ist mit einem violetten Tuch umhüllt. Steine können abgelegt werden, die für die eigenen Schmerzen und Belastungen stehen.

Im Hintergrund an der Wand: die Kreuzwegstationen. An jeder hängt ein Stück Stoff mit einem Gedanken.

 

 

 

 

Zum Weiterlesen:
Karsamstag – wie uns die Zeiten ändern

 

 

 

Zwei Freundinnen …

Zwei Freundinnen unserer Wohngemeinschaft sind in den letzten Tagen verstorben – beide nach einer langen Krebserkrankung.

Jutta Becker war Pfarrerin der Marthagemeinde in Kreuzberg. Vor vier Jahren, in der Zeit des Übergangs als die Gemeinschaft am Fragen war, wie es nach dem Weggang von Christian – dem letzten Jesuiten der Gründergeneration – weitergehen könnte, hat Jutta acht Abende moderiert. Wir haben uns mit Freunden der WG alle paar Wochen zusammengefunden. Jutta hat durch ihre liebenswerte, kluge, freundliche, bedachtsame und klare Moderation diesen Übergang von der ersten in die zweite Generation ganz wesentlich geprägt und begleitet. Über diese Abende gibt es Texte im Anhang des Einfach-Ohne-Buches. Jutta ist am 30. März 2020 verstorben.

Einige von uns haben sie auch danach regelmäßig bei G-ttesdiensten in der Marthagemeinde gesehen und gesprochen. In den letzten Monaten stand dann immer im Raum, ob es nicht der letzte G-ttesdienst und das letzte Zusammentreffen mit ihr war. Ihre Predigten waren eine Verbindung und ein glückliches Zusammentreffen von großer theologischer Weite und Reflexion mit tief gelebter eigener Spiritualität.

Margit Forster, eine Missionsschwester aus dem Comboni-Orden gehörte zu diesem Freundeskreis. Gerade in der ersten Zeit nach Christians Abschied aus Kreuzberg war sie eine wichtige Ansprechpartnerin und Begleiterin. Mit ihrer Mitschwester Mabel, einer Italienerin, hat sie in der Naunynstraße einige Monate gelebt und ihre Berufung gefunden. Beide haben darüber einen Beitrag für das Einfach-Ohne-Buch geschrieben (Seite 111):

Einfach offen – Comboni Missionsschwestern in Berlin

Ohne Sprache….
Ich konnte damals noch kein Deutsch, als ich zu Straßenexerzitien nach Berlin kam. Es war verrückt. Jetzt weiß ich es, aber ich glaube, ich habe das erst richtig begriffen, als ich schon im Flugzeug war, unterwegs nach Berlin. Ich wusste nur einfach, dass ich das machen musste. Es war ein Moment des Umbruchs für mich. In meinem Orden nannten sie es „Krise“. Und als ich ein paar Monate in Rom war, geparkt, weil meine Oberinnen nicht wussten, was sie mit mir machen sollten, erinnerte ich mich an Gabriella, die mir einmal von den Straßenexerzitien erzählt hatte. Es war der richtige Zeitpunkt. Straße, wieder auf der Straße. Und ich hatte Lust, Gott weg von den Strukturen, weg von Regeln und vom Geplanten zu begegnen. Und du, Margit, warst auch in Rom. Warst die einzige Deutsche in unserem Orden, aber was war mit der deutschen Sprache?

Ach, die war weg. Die war irgendwie weg, ich konnte sie nicht so leicht abrufen, weil ich sie lange nicht benutzte. In den 27 Jahren die ich weg war, habe ich die Sprache nicht benutzt. Nur im Urlaub habe ich Fränkisch mit meinen Eltern gesprochen. Aber die Straßenexerzitien wollte ich einfach machen. Es war der Moment. Ich wusste, dass Christian Herwartz einmal im Jahr Straßenexerzitien in Nürnberg anbot, aber ich hatte nur im Februar Zeit und da gab es keine geplanten Exerzitien. Dann hat Christian gesagt, dass wir nach Berlin kommen könnten. Ich wollte aber nicht alleine nach Berlin, dann habe ich dich, Mabel, gefragt ob du mitkommen möchtest.

Ohne Regeln…
Wir kamen in der Nacht am Kotti an, und alles um uns herum war einfach ganz anders als im Generalat in Rom. Es war die erste Begegnung mit der Straße. Wir kamen in der Naunynstraße an, und alle hießen uns herzlich willkommen. Ich spürte sofort, dass ich an diesem Ort etwas zu finden hatte, oder zu suchen. Es ist schwierig zu beschreiben, aber ich fühlte mich so angezogen, dass ichmich selbst überraschte, als ich sagte, hierher muss ich zurückkommen. Am Tag darauf gab uns Christian ein Blatt mit den Orten, die wir besuchen konnten, am Rande der Stadt, Orte der Armut, Orte des Widerspruchs, des Widerstands, wo Geschichten der Vergangenheit und der Gegenwart sich vermischten. In der Gemeinschaft gibt es keine Regeln, sagte Christian, nur die Gastfreundschaft. Der Kopf konnte das nicht begreifen, aber das Herz spürte einen großen Frieden und eine große Freude, eine Erweiterung. Das war klar: die Gastfreundschaft ist die goldene Regel, und wenn man sie lebt, braucht man keine anderen, sie sind sogar ein Hindernis, eine Ablenkung.

Ohne Uhr…
Und dir Margit wurde die Uhr genommen.
Ja, an einem Sonntag als der Gottesdienst eine Stunde später anfing und wir mit Christian auf dem Gras vor der Thomas Kirche warteten. Sie war weg und ich wusste nicht für wie lange, aber ich wusste es war ok. Acht Monate später beim Auszug habe ich sie wiederbekommen. Die Zeit ohne Uhr war Zeit ohne Druck, ohne Zwänge, ohne etwas zu müssen. Einfach leben. Es war nicht wichtig zu wissen wie spät es war. Nur früh morgens hat der Wecker geklingelt, damit ich um sechs im Café Krause, dem Obdachlosentreff in der Thomas Kirche, sein konnte, um mit den Obdachlosen zu frühstücken. Auch da hatte ich keine Funktion, ich war nur da um mit diesen Menschen zu frühstücken. Der Pfarrer hatte mich gefragt, ob ich das machen würde. Ich bin einfach hingegangen und habe mich dazugesetzt und gefrühstückt. Ich war eine von ihnen. Die Begegnungen haben sich ergeben, dort wie auch im Hause oder auf der Straße. Ich hatte Zeit und konnte sehen wie Menschen kämpfen um zu überleben, materiell oder in zerbrochenen Beziehungen.
Die Obdachlosen hatten oft ganz normale Familien und Beziehungen und sind dann
durch irgendwelche Umstände wie Krankheit oder Arbeitslosigkeit auf der Straße
gelandet. Manche von ihnen waren fast glücklich auf der Straße. Das war mein Eindruck. Im Café Krause waren viele fröhliche Menschen. Manche sind auch gekommen, um dort zu duschen. Manche hatten kleine Tätigkeiten, wie Flaschensammeln. Sie hatten Zeit auch zwei Teller Suppe zu essen, miteinander zu reden. Und ich war da und hatte auch Zeit so wie sie.

Ohne Aufenthaltserlaubnis…
Nach den Exerzitien war es mir klar: Ich musste nach Berlin zurückkommen. Auch wenn es wegen der Sprache verrückt war. Aber in der Gemeinschaft gab es viele Sprachen, und jemand war immer bereit zu übersetzen. In der Gemeinschaft, die schon seit dreißig Jahren am selben Ort bestand, hatten schon viele Menschen von unterschiedlichen Sprachen, Religionen, Kulturen und Richtungen einen Ort gefunden. Dann fragte ich meine Oberin, ob ich vier bis maximal sechs Wochen nach Berlin kommen konnte.

Und du, Margit, warst auch in einer Krise mit deiner Arbeit Rom. Es war dir klar, dass eine Reflexion – und es war deine Aufgabe, diese auf Ordensebene zu organisieren – nur mit dem Kopf keinen Sinn machen würde. Ich habe dich bewundert, dass du den Mut gehabt hast, deine Arbeit im Generalat aufzugeben und auch nach Berlin zu kommen, auf die Spuren, die du während der Exerzitien gesehen hattest.

Ja, das war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. In der Gemeinschaft der
Naunynstraße und auf den Straßen Berlins habe ich das Leben wiedergefunden, Freude über die Zugehörigkeit zu den Suchenden.

Nach sechs Wochen in Berlin waren wir mit unserer Suche noch am Anfang. Das war das einzige was wir wussten. Auch nach drei Monaten war es so. Als Italienerin hätte ich mich nach drei Monaten anmelden sollen, sonst war ich auf eine Art illegal. Die Anmeldung aber hatte mit einer Sesshaftigkeit zu tun, und ich wusste nur jeden Tag, dass ich den Tag dort verbringen musste. Christian, der uns beide begleitet hat, hat uns in dieser Wahrnehmung bestärkt. Und die Gemeinschaft war einfach ein freier und offener Raum, wo Leere und Fülle sich begegneten. Menschen, die alle nur das voneinander wussten: dass auch die andere oder der andere auf der Suche war, auf der Suche nach dem Glauben, nach einem neuen Auftrag, nach einer neuen Richtung, nach einem Obdach. Irgendwie waren wir alle ohne „Aufenthaltstitel“. Alle in diesem offenen Raum, der keine Grenzen kennt.

Ohne zu wissen wie es weiter geht…

Dass ich das mit 51 sagen würde, hätte ich mir auch nie träumen lassen. Gleichzeitig war es gerade dieses Nichtwissen, das stimmig war. Mir wurde langsam klar, dass eine Art zweite Berufung im Raum stand und dass diese mit „einfach leben“ zu tun hatte, ohne viele große Reflexionen und Planungen. Es war mir weder wichtig noch hilfreich zu wissen, wie die nächsten sechs Jahre verlaufen sollten. Es war mir wichtig und hilfreich dagegen, den einfachen Menschen nahe zu sein. Nicht in einer Funktion als Chefin oder Oberin, sondern ganz einfach als Schwester, als eine unter anderen.

Und was war mit dem Comboni Charisma an diesem Ort?

Das Comboni Charisma neu entdecken…

Ich hatte angefangen zu einem Sprachkurs zu gehen um die deutsche Sprache zu lernen. Die letzte Sprache, die ich mir als Comboni Missionsschwester vorgestellt hatte zu lernen. Gerade zu der Zeit, als unsere einzige Gemeinschaft im deutschsprachigen Raum, in Nürnberg, geschlossen wurde, weil in Frage gestellt wurde, ob Deutschland für die Combonischwestern ein Missionsland war. In Berlin aber hatte ich meine Berufung so stark gespürt, sowohl in der Gemeinschaft als auch auf den Straßen einer Stadt, die für mich ein Symbol war für Einheit, für die Vereinbarung von Gegensätzen, eine Stadt, die noch die Spuren der Ungerechtig-keit und Unterdrückung zeigte. In dieser Zeit bekam Margit einen Anruf von Sr. Juvenalis, der wir einmal begegnet waren und mit der wir über unsere Suche nach einer neuen Aufgabe in dieser Stadt als CMS gesprochen hatten, weil wir diese neue Berufung so stark spürten. Sie sagte, dass Sr. Lea Ackermann zwei Ordensschwestern in Berlin suchte, um eine Beratungsstelle von SOLWODI aufzubauen und Frauen auf der Flucht und Opfer von Menschenhandel und anderen Formen von Gewalt zu unterstützen und ihnen dabei zu helfen, ein neues Leben zu finden. Ich hatte schon in den USA im Rahmen meines Studiums der Psychologie in diesem Bereich gearbeitet. Und jetzt war ich froh über solch eine Aufgabe, in der ich nicht als Direktorin wie in Dubai sondern als Begleiterin arbeitete. Diese Arbeit war ein klarer Auftrag Gottes, unser Charisma unter diesen Frauen zu leben, sie zu beschenken und uns von ihnen beschenken zu lassen. Wir wollten besonders afrikanische Frauen, die wegen Rassismus oft mehr benach-teiligt sind, unterstützen. Diese Frauen stärken uns hier in Berlin in unserem Charisma, weil unsere Leidenschaft für ihre Inklusion in die Gesellschaft und für die Gegenseitigkeit im Glauben ein Reflex der Leidenschaft Combonis für eine Welt ohne Sklaverei und ohne Grenzen ist. Für Comboni war Afrika die „schwarze Perle, die in der Kirche noch fehlte“.

Nur Dankbarkeit…
Und jetzt zurück zum Anfang: Einige von diesen Frauen haben wir im Laufe der Zeit in der Naunynstraße unterbringen können, weil sie in Not waren und ein Obdach brauchten. Wir wussten, es war der richtige Ort, ein offener Raum der Inklusion und der Grenzenlosigkeit. Dort haben alle einen Aufenthalt im Reich Gottes, und das ist genug. Und diese Frauen haben das Leben wieder neu gefunden, weil sie sein durften wie sie sind. Ja, das ist die Naunynstraße: der Ort wo jeder und jede sein darf wir er oder sie ist, das ist das Reich Gottes auf der Erde, das Reich Gottes, für das Comboni und andere Held*innen der Geschichte der Menschheit gelebt haben und für das sie gestorben sind.
Am Ende dieser unvollständigen Erzählung bleibt von uns beiden einfach eine tiefe Dankbarkeit.
Mabel und Margit

Ein Artikel über die Solwodi-Beratungsstelle mit einem Foto von Margit ist hier.
Mehr zum Einfach-ohne-Buch ist hier zu finden. Wir haben noch Exemplare.
Ein Nachruf von Sr. Margit Forster auf der Seite der Comboni-Missionare ist hier (nach unten scrollen).
Weitere Nachrufe für Ex-Bewohner*innen oder Freunde unserer WG

Nachricht von Corona

Hallo Entschuldigen Sie, dass ich ohne Vorwarnung in Ihr Haus eingebrochen bin. Mein Name ist Corona. Sie kennen mich wahrscheinlich. Seien Sie nicht überrascht und haben Sie keine Angst. Ich möchte nur reden und einige Dinge erklären. Zunächst einmal verzeihen Sie mir, wie ich Sie behandelt habe. Ich kam aus dem Nichts und stellte Ihr Leben auf den Kopf. Ich bin aus dem Nichts angekommen und habe Ihr Leben durcheinander gebracht. Sie fragen sich sicher, warum ich gekommen bin und warum gerade jetzt! Eigentlich ist es nicht das erste Mal, dass ich Sie besuche, ich war schon zweimal zu Ihnen eingeladen, 2002 und erst kürzlich, 2012, erinnern Sie sich an den Kamelzustrom?

Jedes Mal dachte ich, dass sie diesmal die Lektion gelernt haben, aber so sind die Menschen. Heute bin ich es leid, zu sehen, wie Sie unermüdlich diesen Weg der Sünde gehen, wie Sie die Erde, die Sie verödet haben, veröden, wie Sie all diese Wälder verbrannt haben, wie Sie diese Atmosphäre und diese Ozeane, die Sie verschmutzt haben, die Flora, die Sie vergiftet haben, sehen, Die Tiere, die ihr geschlachtet habt, und ihr habt nicht damit aufgehört, eure Barbarei hat die Misshandlung der Erde und anderer lebender Spezies übertroffen, eure Wildheit wendet ihr auf euch selbst und untereinander an, wenn eure Brüder in der Menschheit zu euren Feinden werden.

Ja, ich bin es leid, ganze Völker zu sehen, die Sie versklavt haben, Länder und Kontinente, die Sie verarmt haben, die Sie für Ihre eigenen Interessen benutzt haben, Stämme mit chemischen Waffen, die Sie ausgelöscht haben, stolze Generationen, die gierig nach Gerechtigkeit und Freiheit waren, die Sie unterdrückt haben, wie viele Menschen Sie ausgehungert haben. und wie viele Menschenrechtsbewegungen Sie unterdrückt haben, Ihre Integrität haben Sie für mehr Geld verkauft, Sie haben die Welt in Stücke geschnitten, um so viel wie möglich zu essen. Ich mache diese Gefangenschaft, die ich euch auferlege, nicht umsonst, ich möchte, dass ihr daraus lernt, dass ihr die Wut der Unterdrückten fühlt, dass ihr fühlt, was die Hungrigen fühlen, dass ihr fühlt, was die Behinderten fühlen, dass ihr fühlt, was Frauen jeden Tag wie eingesperrte Bestien fühlen.

Sie mögen mich hart, kriminell oder sogar mörderisch finden, aber die Verantwortung für all dieses Unglück liegt bei Ihnen und nur bei Ihnen, ich musste etwas tun, damit Sie endlich aufwachen, damit Sie endlich Ihre Augen öffnen, damit Sie endlich das Feuer löschen, das Sie selbst entzündet haben; Lange habe ich darauf gewartet, dass du näher kommst, aber du entfernst dich immer weiter, ich bin es leid, zuzusehen, wie der Egoismus dich verschlingt, Neid, Hass dich zerreißt, Gier dich unterwandert. Während du in meinem Gefängnis eingesperrt bist, möchte ich, dass du über das Wesentliche nachdenkst. Dinge, die Ihnen egal sind, weil Sie vom Wirbelsturm des Lebens aufgesogen werden.

Ich möchte, dass Sie die Bremse ziehen, dass Sie einen neuen Atemzug nehmen, dass Sie verstehen, dass Ihre menschlichen Beziehungen und Ihre Beziehungen zu dem Land, auf dem Sie leben, und zu der Umwelt, die Sie geboren hat, sich ändern müssen. Ich hoffe, dass Sie diesmal Ihre Lektion gelernt haben und dass dies der letzte Brief ist, den ich Ihnen schicke, Aber Vorsicht, wenn ich Ihnen nicht das Beste zeige, komme ich zurück, um Sie zu besuchen, und dieses Mal werde ich einen neuen Anzug anziehen, und dieses Mal wird Sie nichts retten, weder Handwäsche noch Feuer noch Gegengift. Ich freue mich besonders, wenn Sie klugerweise auf ein Wiedersehen verzichten.

aufgezeichnet von unserem Mitbewohner Nadir

Geschenkt …

…bekommen haben wir diesen ungewöhnlichen Tisch vor einigen Wochen von einem Antiquariat im Wedding: Eine Spezialanfertigung um Bücher zu präsentieren. Unter jeder der sechs Seiten sind Regalfächer eingearbeitet, in denen Bücher aufbewahrt wurden. Ein Tisch mit viel Platz, den wir vor dem Verfeuern gerettet haben.

Nun hat er seinen Ort bei uns gefunden im Männerraum. Wir freuen uns sehr darüber. Die Geschichte des Transports durch zwei Mitbewohner und mit dem öffentlichen Nahverkehr (U-Bahn und Bus) wäre einen eigenen Blogeintrag wert. Die beiden Transporteuere mußten mehrmals ein- und aussteigen um Platz für Kinderwagen etc. zu machen. Die anderen Fahrgäste waren sehr interessiert und freundlich. Es gab sogar Tipps für die Verschönerung bzw. Entfernung einiger Schrammen auf der Tischplatte.

x

Gruppe interreligiöses Friedensgebet: Abstand und Anstand

Was brauchen wir – und was muss sich dafür verändern: In uns und um uns. Was können wir dazu beitragen? Diese Frage steht hinter dem monatlichen interreligiösen Friedensgebet in Berlin. Und weil es auch von unserer WG und Freunden von uns nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ausging, geben wir hier immer auch die Einladungen bekannt: Zum ersten Mal seit 2001 findet aufgrund der Corona-Krise kein Friedensgebet auf dem Gendarmenmarkt statt. Die Vorbereitungsgruppe hat dafür folgenden Text verfaßt: 

Gruppe Interreligiöses Friedensgebet Berlin

Sonntag, 5. April 2020

Abstand und Anstand befördern Nähe mit Respekt

Die Gruppe Interreligiöses Friedensgebet Berlin wird am ersten Sonntag dieses Monats
nicht zusammenkommen, sondern die besprochene Anregung für den kommenden Monat April zur persönlichen Anwendung empfehlen. Wir werden nicht auf dem Gendarmenmarkt stehen und die Vorübergehenden zum Innehalten oder Hinzutreten ermuntern. Doch wir werden mit Euch verbunden sein mit unserer erklärten Absicht: Betend den Mut finden zu sprechen.

Neben den angstvoll-entmutigenden Diskussionen über die Corona – Pandemie, ist auch zu vernehmen, dass ermutigend-verantwortungsvoll im Umgang mit der Virus-gefährdung gehandelt wird: Abstand halten bedeutet gleichzeitig Anstand wahren.
Solches Verhalten hat die Epidemologie wissenschaftlich begründet und das medizi- nische Wissen gebietet es so. Die wissenschaftliche Herkunft der Formel erhöht die Bereitschaft zur Annahme, denn wir tragen das Zeitalter der Aufklärung in uns. Wir folgen daher dem ärztlichen Rat zum Abstand und auch der sozialwissenschaftlichen Empfehlung zum Anstand gemäßen Umgang – und beten für baldige wissenschaftlich-medizinische Lösung.

Nun aber gibt es – von den Religionen bewahrt – Einsichten in ein Heilungsgeschehen, die nie an Gültigkeit verlieren. Gerade sie werden ausgelöst durch liebende menschliche Nähe und wo nötig respektvolle Rücksichtnahme. Sie leiten sich ab von der Ehrfurcht vor der heiligen Gabe des Lebens und daraus folgender Ehrerbietung gegenüber der belebten und unbelebten Mitwelt.

Wohl wissend um den Ungeist der etablierten Selbstsucht, lassen wir es nicht unterdrücken, dieses kostbare Wissen, wo sich aus Liebe, aus Solidarität und Helferwille, aus Respekt und Nähe ein lebensförderndes Gedankengut immer wieder neu bildet.

Wir beteiligen uns daran betend und geben Ihnen einen Gruß aus unserer Korres-pondenz mit auf den Gang durch die Zeiten: Wir wünschen Ihnen, dass Sie die Zeit der erzwungenen Entschleunigung gut und vor allem gesund überstehen. Vielleicht ist es auch eine Chance über unsere Abhängigkeiten in der globalisierten Welt nachzudenken.

Die Themen früherer interreligiöser Friedensgebete sind hier.

x

Frühstücksgespräche (6)

Unter der Woche frühstücken wir immer um 8.00 Uhr – also die BewohnerINNEN, die zuhause sind und nicht nachts gearbeitet haben. Jetzt in Zeiten des Corona-Virus haben wir das Frühstück auf 8.30 h verschoben.  Frühstücksgäste kommen nicht mehr dazu. Wenn Menschen aus so verschiedenen Ländern, Kulturen, Religionen und Alters zusammen sind, dann kommen ganz unterschiedliche Anliegen und Positionen ins Gespräch. Im März ging es um folgende Themen:

Früstückstisch in Zeiten des Corona-Virus

  • Sprachvergleiche
  • Kolonialgeschichte einzelner Länder, welche Kolonien hatte Deutschland
  • wie wird eine Notübernachtung organisiert
  • wie wird Bier gebraut – Alkoholkonsum und seine Akzeptanz in verschiedenen Ländern
  • Outdoor-Pinkeln im Kulturvergleich, wo ist es erlaubt und wo nicht und wie wird es sanktioniert
  • Prozeß der Käseherstellung, wie kommen die Löcher in den Käse (die Bakterien pubsen)
  • unser Samstagsfrühstück in Zeiten des Corona-Virus
  • Leben ohne Plastik
  • Abraham / Ibrahim: Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Querverbindungen in Judentum, Christentum und Islam
  • Corona-Virus: die ersten Tafel-Ausgabestellen und Essensausgaben (Suppenküchen) stellen die Verteilung ein
  • zahnmedizinische Behandlung in unterschiedlichen Kulturen
  • Hexenverfolgungen im Mittelalter und heute (Papua Neuguinea)
  • Nahtoderfahrungen
  • Eine Frau aus Polen wird aus dem Gefängnis entlassen. Kann sie kommen?
  • Geistheilung – live und geht das auch per Telefon
  • Machen wir weiter mit dem Samstagsfrühstück?
  • Umgang mit Kontakten in der WG und außerhalb
  • Umgang mit Corona in Unterschiedlichen Ländern

Noch mehr Frühstücksgespräche

x