Ein Denkmal für Gastarbeiter am Oranienplatz

Im Oktober ist der 60. Jahrestag des Anwerbeabkommens zwischen der BRD und der Türkei. Bis zum Anwerbestopp zwölf Jahre später kamen 867.000 türkische GastarbeiterINNEN nach Deutschland. Das nimmt Sevim Aydin von der SPD-Fraktion des Berliner Abgeordnetenhauses zum Anlaß, ein Denkmal für Gastarbeiter auf dem Oranienplatz in unserer Nachbarschaft anzuregen. Es geht darum, den Beitrag der ersten Gastarbeitergeneration zum deutschen Wirtschaftswunder zu würdigen – und zwar GastarbeiterINNEN der unterschiedlichen ethnischen Gruppen. 

Darüber hat die Berliner Abendschau vorgestern berichtet. In dem Video (8 Minuten) werden unterschiedliche Menschen dazu befragt. In einem historischen Rückblick sieht man auch unser Haus mit der Kneipe Plassmann (heute Trinkteufel) auf Minute 3:56 und 3:57 und zwar hier.

Beim letzten Samstagsfrühstück waren zwei Frauen zu Gast, die sich bei uns kennen lernten und Gemeinsamkeiten entdeckten. Bei beiden waren die Mütter vor den Vätern aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Beide waren als kleine Kinder bei Verwandten zurück gelassen worden und erst einige Jahre später nach Deutschland geholt worden. Sie ließen uns daran teilhaben, was es für sie bedeutet hat, als Kinder zurück gelassen zu werden, erst später nach Deutschland zu kommen und welche Schwierigkeiten damit verbunden waren, die Herkunftskultur und die neue Kultur in Deutschland miteinander auszubalancieren. Wir waren sehr dankbar für diese Offenheit und die Einblicke, die uns dadurch ermöglicht wurden.

Zum Weiterlesen:
Sevim Aydin beim Samstagsfrühstück

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Cafe Schlürf in der Regenbogenfabrik

Am 1. Februar 2020 hat das Regenbogencafé seinen Betrieb eingestellt. Ein wichtiger Treffpunkt im Kiez ging damit verloren. Die Trauer unter den Besucher:innen war groß. Nun gibt es eine gute Nachricht: An gleicher Stelle hat das Cafe Schlürf heute seinen Betrieb aufgenommen.

 

Eine kleine Gruppe von jungen Leuten hat sich im Herbst 2019 zusammengefunden und an drei Tagen den offenen Betrieb im Bethanien bespielt. Es gab Softdrinks, Kaffee und andere Heissgetränke sowie Kuchen und Torten (unter anderem auch vegan oder glutenfrei). Im März 2020 mußte der Cafe-Betrieb wegen Corona eingestellt werden.

Heute war nun der vielversprechende Start am neuen Ort in der Lausitzer Straße 22. Ein gemischtes Publikum freute sich über Kaffee und andere Getränke sowie leckere Kuchen in fröhlicher Atmosphäre:

Alle Gäste geben, was sie wollen oder können. Ein Teil des gesammelten Geldes wird an Einzelpersonen gespendet, die von Repressionen betroffen sind. Der andere Teil geht an die Infrastruktur des Cafés (z.B. auch Miete).

Das Café Schlürf öffnet immer donnerstags von 12.00 Uhr bis 18.00 Uhr. Mit der Zeit sollen die Öffnungszeiten erweitert werden.

Café Schlürf
Lausitzer Straße 22
donnerstags 12.00 – 18.00 Uhr

Zum Weiterlesen:
Mehr zum Cafè Schlürf
Zum 40. Geburtstag der Regenbogenfabrik

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Five feet high and rising …

Johnny Cash hat als Kind die Flut am Mississippi erlebt. Die Familie ist geflohen damals, und er hat ein Lied darüber geschrieben.

Well, the rails are washed out north of town
We got to head for higher ground
We can’t come back till the water comes down
Five feet high and rising
Well its five feet high and rising

über hier

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Urlaubszeit – Nichtstun – Müßiggang

Müßiggang ist aller Laster Anfang, hieß es früher im Volksmund. Ich würde sagen: Müßiggang ist allen guten Lebens Anfang, ist Lebenskunst. Einfach mal nichts tun ist Widerstand gegen die heillose Hektik unserer Zeit, gegen Konsumrausch und Selbstoptimierungszwang. Der Advent ist eine Zeit, in der Nichtstun sogar zur religiösen „Tugend“ wird: eine Zeit der Unterbrechung des Alltags mit seinen hundertfachen Anforderungen und Erwartungen an uns. Eine Zeit der Offenheit für Unerwartetes, der Besinnung auf das Wesentliche und der stillen Gewissheit, dass da eine Verheißung in der Luft liegt: dass da etwas kommen wird, das nicht einfach machbar ist und über unsere Erwartungen hinausweist.

Doris Strahm
(aus: S. Burster, P. Heilig, S. Herzog: Frauenkalender 2020 Was wag
en)

Was Doris Stahm hier über den Advent schreib läßt sich auch auf die Ferien und Urlaubszeit übertragen. In der Mediathek vom ORF Radio findet sich eine Sendung Diagonal: Zum Thema Nichtstun entdeckt mit Dank an Herrn Hauptschulblues.

Allen, die hier mitlesen schöne Sommertage daheim oder woanders.

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Frühstücksgespräche Juni (18)

 

Unter der Woche frühstücken wir jetzt zur Zeit um 8.30 Uhr – also die BewohnerINNEN, die zuhause sind und nicht nachts gearbeitet haben.  Wenn Menschen aus so verschiedenen Ländern, Kulturen, Religionen und Alters zusammen sind, dann kommen ganz unterschiedliche Anliegen und Positionen ins Gespräch. Hier einige der Themen, die uns in dieser Zeit bewegten:

  • Alles beginnt im Kleinen (Fall der Mauer …)
  • Corona und Straßenkinder in Nepal
  • Seenotrettung und Strukturen ändern in Herkunftsländern der Geflüchteten
  • Veränderungen auf den Strassen durch neue Corona-Bestimmungen (Einzelhandel und Außengastronomie ohne Testpflicht)
  • wie ein Kräutergarten im Hof das Miteinander der Hausbewohner verändert
  • Bedeutung von Netzwerken im eigenen Leben (beruflich, Freundschaftsnetzwerke, Ordensleben)
  • was ist anders, wenn man keine Netzwerke hat
  • Corona-Testzentren und Betrug
  • ethische Fragen rund um das Sterbefasten
  • Anfänge und Geschichte der WG Naunynstraße
  • wer ist ein Härtefall und wie arbeitet die Härtefallkommission
  • Kardinal Reinhard Marx bietet dem Papst seinen Rücktritt an
  • Horrornachrichten von Corona-Impfungs-Nebenwirkungen oder Langzeitfolgen
  • Schulsport, Sportwettkämpfe und Sportförderung in unterschiedlichen Ländern
  • Welche Eissorten gab es zu welchen Zeiten
  • Einfluß von Schulsport auf weitere sportliche (Nicht-)Aktivitäten im Erwachsenenleben
  • Corona-Impfungsnebenwirkungen real und befürchtet und im Vergleich
  • Fußball-Europameisterschaft-Prognosen
  • Kirchenmitgliedschaft in der DDR: Welche Nachteile hatte man?
  • Umgang vom DDR-Staat mit Religionsgemeinschaften in  unterschiedlichen Phasen der DDR (Christen, Juden, Zeugen Jehovas)
  • Friedhofsbesuche in der Nacht
  • Jugendkulturen, die sich besonders zu Friedhöfen hingezogen fühl(t)en
  • Teufelsaustreibungen und spiritueller Mißbrauch
  • Familiengeheimnisse und ihre Auswirkungen
  • Wo ist unser Ex-Mitbewohner Rainer begraben
  • als Friseur in der DDR arbeiten (Akkord – 12 Minuten für Herrenhaarschnitt – Verpflichtung Pflegeprodukte zu verkaufen)
  • verlassene Kinder von aus der DDR geflüchteten Eltern
  • Verrat
  • wie die Stasi allein gelassene Jugendliche anwarb
  • Aufwachsen als Kind russischer Streitkräfte in der DDR und erzwungene Rückkehr in die UDSSR durch Truppenabzug
  • Kontaktabbruch durch Familie wegen Homosexualität
  • Fußball-EM: die Ergebnisse und wie Deutschlands Chancen eingeschätzt werden, über die Vorrunde hinauszukommen
  • die Grenzen des Helfens, wenn jemand sich nicht helfen lassen will
  • Entführungen von Mädchen in Nord-Nigeria
  • politische Gemengelage in der Kaukasus-Region (Armenien, Aserbaidschan …)
  • Weitergabe von traumatischen Erfahrungen (Völkermord an den Armeniern)
  • Frido Pflüger vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst ist in Uganda an Covid verstorben
  • Was ist eine Genossenschaft – welche Genossenschaften gibt es und wie funktionieren sie
  • Zeitungsartikel über Existenznot ausländischer Studierender während der Pandemie
  • Kastenwesen in Indien

noch mehr Frühstücksgespräche

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Räumung, Verdrängung, Suizid: Das Ende von Kreuzberg

So ist ein Kommentar von Jacek Slaski im Tip-Berlin zum Tod des Musikers Peter Hollinger in unserer Nachbarschaft überschrieben:

Kreuzberg verändert sich. Die Zeit dreht sich weiter, wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Abgedroschene Sprüche bekommen plötzlich Relevanz, was als Floskel so daher gesagt wird, trifft ein. Das ist nicht schön. Gerade weil die Erwartungen an Kreuzberg einst so hoch waren, ist der Wandel besonders schmerzhaft. Denn die Mythen und Sagen vom linken, widerspenstigen Bezirk wirken immer noch nach. Hier sollte ein anderes Leben möglich sein. Jetzt kommt die Einsicht, dass dieses andere Leben eine Hoffnung bleiben muss. Räumung, Verdrängung und Suizid sind die harte Realität und die Seele Kreuzbergs wird Schicht um Schicht abgetragen. Ein Abgesang… (mehr dazu  hier)

Nachruf für Peter Hollinger im Tagesspiegel

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Nachbarschaft bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur

Gleich nach den ersten Zeilen habe ich an der atmosphärischen Schilderung die Synagoge am Fraenkelufer erkannt:

Bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt wurde die in Kreuzberg aufgewachsene Autorin Dana Vowinckel mit einem Auszug aus ihrem geplanten Roman „Gewässer im Ziplock“ über eine jüdische Familie mit dem Deutschlandfunk-Preis ausgezeichnet. Der Text ist ein Fragment einer Drei-Generationen-Diaspora-Geschichte zwischen Berlin, Chicago und Israel und zwar aus einer zweifachen, sehr weit auseinanderliegenden Perspektive von Vater und Tochter. Die Synagoge Fraenkel Ufer spielt eine tragende Rolle. Der Vater ist dort Vorbeter.  Man kann den ausgezeichneten Text hier nachlesen.

Befremdlich finde ich die Rezeption in einigen Medien, die „einen Blick auf die orthodoxe jüdische Szene“ sehen, was auch bei den Juror*innen eine Rolle spielt. Die Synagoge Fraenkelufer rechnet sich der konservativen Richtung zu. Das wird auch deutlich durch die Feststellung, daß  „viel gestritten (wurde), ob man nicht die Frauen auch zählen sollte, aber bis heute setzten sich ein paar der Alten durch, der Männer, die wollten, dass die Dinge blieben, wie sie waren, er mischte sich nicht ein.“ Eine solche Diskussion wäre im Kontext einer orthodoxen Synagoge nicht denkbar. Außerdem wird erzählt, daß der Vorbeter im Prenzlauer Berg wohnt. Als orthodox Praktizierender würde er in der Nähe der Synagoge leben, sodaß er sie am Schabbat zu Fuß erreichen kann.

Der Ingeborg-Bachmann-Preis wurde 1976 von der Stadt Klagenfurt im Gedenken an die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann gestiftet und wird seit 1977 jährlich während der mehrtägigen Tage der deutschsprachigen Literatur verliehen. Er gilt als eine der wichtigsten literarischen Auszeichnungen im deutschen Sprachraum. (Wikipedia).

Zum Weiterlesen oder Schauen:
Die Diskussion der Jury kann man sich hier ansehen (25 Minuten)
Blog von Dana Vowinckel

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Neues vom Bauarbeiter-Professor (2)

Gelegentlich werde ich nach dem Bauarbeiter-Professor gefragt. Im Februar 2020 habe ich von ihm erzählt im Beitrag vom Bauarbeiter-Professor, vom Taxidoktor und unseren Blindheiten.  Vor Kurzem habe ich den Cousin gesprochen und konnte sogar über Whatsapp kurz mit dem Bauarbeiter-Professor sprechen. Auch an seiner Uni ist online-Unterricht angesagt. So hält er seine Vorlesungen und Seminare per Computer. Er findet es sehr anstrengend.

Neue Entwicklungen haben sich aufgetan. In seinem Land ist gewählt worden. Im Rahmen der Regierungsbildung hat man ihm eine neue Aufgabe angeboten. „Gleich unter Minister“ erklärt mir der Cousin. „Sowas wie ‚Staatssekretär‘ bei uns?“ frage ich nach. Ja, genau. Er wird sich dann von der Uni beurlauben lassen.

Zum Weiterlesen:
Vom Bauarbeiter-Professor, vom Taxidoktor und unseren Blindheiten

 

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Vom Gehen und Kommen …

Soviel haben wir in der gemeinsamen Zeit geteilt: Viele Gespräche, viel praktische Unterstützung, gemeinsame Essen, leckere Marmeladen kochen, miteinander feiern … Sie fehlen uns sehr. Fast zwei Monate ist es nun her, daß Schwester Rita und Schwester Annette am Ostermontag aus Berlin verabschiedet worden sind. Vier Jahre waren es, daß die beiden zusammen in Berlin eine Kommunität bildeten. Schwester Rita führte ein offenes Haus. Schwester Annette hat viele Jahre in der Kita Sankt Michael gearbeitet. Wir sind dankbar für die gemeinsame Zeit mit ihnen und die große Unterstützung.

Nach einer Auszeit im Mutterhaus in Siessen sind beide inzwischen an ihren neuen Wirkungsorten angekommen. Schwester Rita ist wieder im Gästehaus der Siessener Franziskanerinnen in Assisi, wo sie schon einmal acht Jahre gelebt hat.

Schwester Annette hat mit einer Mitschwester in Stuttgart-Birkach einen neuen Konvent begonnen. Dort ist ein Neubauviertel entstanden. Schwester Annette arbeitet seit 1. Juni in der dortigen Kita.

Schwester Ruth bleibt als Ärztin in Berlin. Für Ende des Jahres ist eine weitere Schwester angekündigt, die sie unterstützen wird sobald sie ihre Nachfolgerin auf der jetzigen Stelle eingearbeitet haben wird. Und oh Überraschung: Ganz schnell kam dann letzte Woche ganz unverhofft und plötzlich Schwester Elija nach Berlin, die wir bereits aus ihrem Noviziatspraktikum kennen. Wir freuen uns sehr. 

Zum Weiterlesen:
Brennpunkt Berlin-Kreuzberg – ein Abschied mit Wehmut (mit vielen Fotos).
Einige Bilder mit Schwester Annette zur Konventseröffnung in Stuttgart-Birkach sind hier.
Der Konvent in Assisi ist  hier.

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