Armutskonferenz in Kreuzberg

Foto: C. Boisseree

Foto: C. Boisseree

Die Pfarrei Sankt Michael, in deren Nachbarschaft sich unsere Gemeinschaft befindet, ist die kleinste und finanziell ärmste der Gemeinden, die den neuen „Pastoralen Raum Mitte“ bilden werden. Das besondere Anliegen dieser Gemeinde ist das Leben mit den Armen. Deshalb bereiteten Ehrenamtliche aus dieser Gemeinde die Armutskonferenz vor, zu der gestern eingeladen wurde. Alle Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen der vier katholischen Gemeinden, die zum neuen patoralen Großraum gehören und denen das Leben mit den Armen ein Anliegen ist, waren gekommen – sowie auch evangelische Aktive, denn in Kreuzberg hat die Ökumene in ihren Facetten einen sehr hohen Stellenwert. Wir begannen mit einem Bibliolog, der die Begegnung einer Witwe mit dem Propheten Elischa, deren Söhne in Schuldknechtschaft geraten sollten, in den Blick nahm. Der Prophet stellt ihr zwei Fragen: Was soll ich für dich tun? und: Sag mir, was Du im Haus hast? (Den ganzen Text kann man hier nachlesen). Er sieht sie mit ihren Möglichkeiten und nimmt sie ernst.

Beeindruckt hat mich eine Collage, auf der die Orte und Formen des Engagements mit den Armen und Ausgegrenzten dargestellt sind:

Orte des Lebens mit Armen

Orte des Lebens mit Armen (Foto: C. Boisseree)

Die Themen, die wir verabredet hatten, waren wo umfangreich, daß schnell deutlich wurde, wie wichtig eine Fortsetzung der Armutskonferenz wichtig ist. Einige konkrete Umsetzungen und Formen der Zusammenarbeit konnten verabredet werden, aber die politische Dimension, was beispielsweise die Gemeinden gegen die Vertreibung der Armen aus Kreuzberg tun können oder wie verhindert werden kann, daß verschiedene Gruppen von Armen gegeneinander ausgespielt werden, blieb offen.

Hier einige Themen, mit denen wir uns beschäftigt haben:

einige Themen der Armutskonferenz (Foto: C. Boisseree)

einige Themen der Armutskonferenz (Foto: C. Boisseree)

Das Flehen des Armen …

Nach der Messe um 11.00 Uhr in Sankt Michael gibt es ein gemeinsames Frühstück. Immer sind materiell arme Menschen dabei. Regelmäßig wird über die Predigt oder anderes, was einzelne nach der Messe beschäftigt, gesprochen. Heute hat besonders ein Satz aus der ersten Lesung, dem Buch Jesus Sirach im 35. Kapitel, viele besonders berührt und einzelne getröstet:

Das Flehen des Armen dringt durch die Wolken, es ruht nicht, bis es am Ziel ist.
Es weicht nicht, bis Gott eingreift 
und Recht schafft als gerechter Richter.

Die Härte für Arme: Zwei Monate mit 31 Tagen

Die katholische Kirchengemeinde St. Michael, in deren Gemeindegebiet unsere Wohngemeinschaft liegt, hat ein besonderes Herz für arme – man könnte auch sagen arm gemachte – Menschen. Viele von ihnen sind aktiv an der Gestaltung der Messe beteiligt. Jeden Sonntag nach der Messfeier gibt es im Gemeindehaus ein gemeinsames Frühstück. Jede/r ist willkommen unabhängig davon, ob sie bei der Messe waren oder nicht. Viele tragen etwas zum Frühstück bei – jede/r nach seinen Möglichkeiten.

Letzten Sonntag – es war der 21. August – sagte M., der auch schon in der WG Naunynstraße gewohnt hat und jetzt in einer eigenen Wohnung lebt: „Tut mir echt leid. Habe heute gar nichts dabei. Zwei Monate hintereinander mit 31. Tagen – erst der Juli und jetzt der August – das ist voll die Härte“. Einige andere nicken zustimmend. Ich schlucke und merke, daß ich einen Kloß im Hals habe. Drei der Frühstücksgäste konnten Essensbeiträge mitbringen, und ich sehe Menschen essen, die Hunger haben. Aus dieser Perspektive habe ich noch nie gesehen, was es bedeuten kann, daß zwei Monate hintereinander 31 Tage haben.

Durch dieses Erlebnis bin ich aufmerksam geworden und biete Menschen, die nach einem Gespräch fragen, einen Zeitraum an, wo bei uns in der Wohngemeinschaft gegessen wird. Einer wird mir beim Abschied erzählen, daß es das erste warme Essen ist, das er seit drei Wochen bekommen hat. Er hatte für 250 Euro Lebensmittel gekauft – es waren Sonderangebote. Sein Kühlschrank ging kaputt. Alles war verdorben und mußte weggeworfen werden.