Knoblauch-Zahn oder: Armut hat viele Gesichter

Ich stehe am Herd und mache Kartoffelbrei. Ein Besucher stellt sich neben mich und entzündet die Flamme rechts von der ich arbeite. Er hat etwas Weisses in der Hand, das er über die Gasflamme hält und knetet. Ich sehe es mit halbem Auge und frage interessiert: Was machst Du denn da? Er hält seinen Kopf gesenkt und antwortet: „Ich knete eine Knoblauchzehe weich. Die tue ich mir dann so in den Mund, daß man meine Zahnlücke nicht sieht.“

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Brunnen graben in der Wüste

Ein jüngerer afrikanischer Mitbewohner wurde nach einem Arbeitsunfall wegen Rückenschmerzen ins Krankenhaus gebracht und mit der Auflage entlassen, sich ambulant untersuchen zu lassen. Wir mußten lange warten. In dieser Zeit unterhalten wir uns, und er zeigt mir auf dem Smartphone ein Video aus seinem Heimatland. Polizisten prügeln auf nackte junge Männer ein, die am Boden liegen uns sich durch Wegrollen versuchen aus der Reichweite der Schläger zu bringen, was nicht gelingt. Sie haben – so mein Mitbewohner – für Meinungsfreiheit und Demokratie demonstriert. Die nächste Einstellung zeigt, wie die jungen Männer – immer noch nackt – hintereinander in einer Reihe mit gesenkten Köpfen vor ihren Peinigern knien.

Bei der Untersuchung vermutet der Arzt, daß es ein Langzeitschaden sein könnte und will wissen, seit wann der Mitbewohner Rückenschmerzen hat? Seit zwei Wochen. Und wann zum ersten Mal? Mit zwölf Jahren. Und was war da? Der Mitbewohner versteht den Zusammenhang und die Frage nicht. Weil wir gerade vorher im Wartezimmer darüber gesprochen haben sage ich: Da hat er Brunnen gegraben in der Sahara. Der Arzt reagiert entsetzt:  Das ist doch keine Arbeit für jemanden mit zwölf Jahren. Bei uns nicht – sage ich.

Arbeitergeschwister – Arbeiterpriester

Die Anfänge unserer Kommunität und Wohngemeinschaft gehen darauf zurück, daß vor fast vierzig Jahren Christian Herwartz (SJ) und Michael Walzer (SJ) als Arbeiterpriester nach Berlin gekommen sind. Nach einiger Zeit in einem Arbeiterwohnheim im Wedding sind sie nach Kreuzberg gezogen – erst in die Sorauer Straße, später dann in die Naunynstraße. Christian hat vor einigen Wochen begonnen, eine Website über die Arbeitergeschwister zusammenzustellen, auf der schon einige interessante Texte zu finden sind. Man darf gespannt sein, was noch dazu kommt. Die Seite ist hier zu finden.

 

 

 

Gutschein-Terror

Besuch von einem unserer afrikanischen Freunde. Als Geflüchteter lebt er in der Nähe von Halle. Bis jetzt hat er Geld bekommen um Lebensmittel und Hygieneartikel kaufen zu können. Nun wurde auf Gutscheine umgestellt. Die Gutscheine sind nur in einem bestimmten Laden einzulösen, der überteuert ist. Seine Bedürfnisse nach Fleisch, das halal ist, kann er nicht erwerben. Wechselgeld wird nicht herausgegeben, sondern einbehalten, d.h. der Betrag, der zum im Gutschein festgelegten Einkaufsbetrag fehlt, kommt dem Geschäft zugute. Selbst die Geflüchteten, die nicht mehr der Residenzpflicht unterliegen, sind so an einen Ort gebunden, denn nur dort können sie Lebensmittel kaufen.

Eigentlich dachte ich, daß die Zeit der Lebensmittelgutscheine weitgehend vorbei ist, denn in den letzten Jahren haben sich viele Initiativen dafür stark gemacht, daß Geflüchtete Bargeld zur Verfügung haben und nicht Gutscheine. Vor Jahren habe ich eine Initiative unterstützt, deren Mitglieder in Brandenburg Flüchtlingen ihre Gutscheine abgekauft haben, damit diese dann Bargeld zur Verfügung haben.

Hat jemand der Mitlesenden eine Idee, wie unserem Freund geholfen werden kann.

Zum Weiterlesen:
Einkaufen in Brandenburg: Gutscheine für Flüchtlinge (Erfahrungen von zwei Reportern von Deutschalndradio)

Armutskonferenz in Kreuzberg

Foto: C. Boisseree

Foto: C. Boisseree

Die Pfarrei Sankt Michael, in deren Nachbarschaft sich unsere Gemeinschaft befindet, ist die kleinste und finanziell ärmste der Gemeinden, die den neuen „Pastoralen Raum Mitte“ bilden werden. Das besondere Anliegen dieser Gemeinde ist das Leben mit den Armen. Deshalb bereiteten Ehrenamtliche aus dieser Gemeinde die Armutskonferenz vor, zu der gestern eingeladen wurde. Alle Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen der vier katholischen Gemeinden, die zum neuen patoralen Großraum gehören und denen das Leben mit den Armen ein Anliegen ist, waren gekommen – sowie auch evangelische Aktive, denn in Kreuzberg hat die Ökumene in ihren Facetten einen sehr hohen Stellenwert. Wir begannen mit einem Bibliolog, der die Begegnung einer Witwe mit dem Propheten Elischa, deren Söhne in Schuldknechtschaft geraten sollten, in den Blick nahm. Der Prophet stellt ihr zwei Fragen: Was soll ich für dich tun? und: Sag mir, was Du im Haus hast? (Den ganzen Text kann man hier nachlesen). Er sieht sie mit ihren Möglichkeiten und nimmt sie ernst.

Beeindruckt hat mich eine Collage, auf der die Orte und Formen des Engagements mit den Armen und Ausgegrenzten dargestellt sind:

Orte des Lebens mit Armen

Orte des Lebens mit Armen (Foto: C. Boisseree)

Die Themen, die wir verabredet hatten, waren wo umfangreich, daß schnell deutlich wurde, wie wichtig eine Fortsetzung der Armutskonferenz wichtig ist. Einige konkrete Umsetzungen und Formen der Zusammenarbeit konnten verabredet werden, aber die politische Dimension, was beispielsweise die Gemeinden gegen die Vertreibung der Armen aus Kreuzberg tun können oder wie verhindert werden kann, daß verschiedene Gruppen von Armen gegeneinander ausgespielt werden, blieb offen.

Hier einige Themen, mit denen wir uns beschäftigt haben:

einige Themen der Armutskonferenz (Foto: C. Boisseree)

einige Themen der Armutskonferenz (Foto: C. Boisseree)

Das Flehen des Armen …

Nach der Messe um 11.00 Uhr in Sankt Michael gibt es ein gemeinsames Frühstück. Immer sind materiell arme Menschen dabei. Regelmäßig wird über die Predigt oder anderes, was einzelne nach der Messe beschäftigt, gesprochen. Heute hat besonders ein Satz aus der ersten Lesung, dem Buch Jesus Sirach im 35. Kapitel, viele besonders berührt und einzelne getröstet:

Das Flehen des Armen dringt durch die Wolken, es ruht nicht, bis es am Ziel ist.
Es weicht nicht, bis Gott eingreift 
und Recht schafft als gerechter Richter.

Die Härte für Arme: Zwei Monate mit 31 Tagen

Die katholische Kirchengemeinde St. Michael, in deren Gemeindegebiet unsere Wohngemeinschaft liegt, hat ein besonderes Herz für arme – man könnte auch sagen arm gemachte – Menschen. Viele von ihnen sind aktiv an der Gestaltung der Messe beteiligt. Jeden Sonntag nach der Messfeier gibt es im Gemeindehaus ein gemeinsames Frühstück. Jede/r ist willkommen unabhängig davon, ob sie bei der Messe waren oder nicht. Viele tragen etwas zum Frühstück bei – jede/r nach seinen Möglichkeiten.

Letzten Sonntag – es war der 21. August – sagte M., der auch schon in der WG Naunynstraße gewohnt hat und jetzt in einer eigenen Wohnung lebt: „Tut mir echt leid. Habe heute gar nichts dabei. Zwei Monate hintereinander mit 31. Tagen – erst der Juli und jetzt der August – das ist voll die Härte“. Einige andere nicken zustimmend. Ich schlucke und merke, daß ich einen Kloß im Hals habe. Drei der Frühstücksgäste konnten Essensbeiträge mitbringen, und ich sehe Menschen essen, die Hunger haben. Aus dieser Perspektive habe ich noch nie gesehen, was es bedeuten kann, daß zwei Monate hintereinander 31 Tage haben.

Durch dieses Erlebnis bin ich aufmerksam geworden und biete Menschen, die nach einem Gespräch fragen, einen Zeitraum an, wo bei uns in der Wohngemeinschaft gegessen wird. Einer wird mir beim Abschied erzählen, daß es das erste warme Essen ist, das er seit drei Wochen bekommen hat. Er hatte für 250 Euro Lebensmittel gekauft – es waren Sonderangebote. Sein Kühlschrank ging kaputt. Alles war verdorben und mußte weggeworfen werden.