Gut angekommen …

Gestern ist unser ältester (und längster) Mitbewohner, Bruder Christian Schmidt, ins Seniorenstift Sankt Marien umgezogen. Die ersten Gespräche darüber hat der Delegat für die älteren Mitbrüder, Pater Kügler, mit ihm im November geführt. Für Christian war immer klar, daß er in Kreuzberg bleiben will. Er hat viele Freunde und Bekannte hier und kann die Kontakte hier besser halten als im Peter-Faber-Haus der Jesuiten in Kladow, das doch etwas abgelegen ist.

Am Dienstag hatten wir noch unseren Kommunitätsabend, bei dem Klaus Mertes zu Gast war. Wir konnten noch mit Christian Eucharistie feiern. Klaus hat das als Abschiedsmahl sehr bewegend auf die aktuelle Situation von Christian und unserer Gemeinschaft bezogen. Für alle ist es ein großer Einschnitt – besonders für Christian, der ganz klar äußerte, daß es der Ort für seinen letzten Lebensabschnitt ist. 

Klaus Mertes, zu dessen Kommunität in Charlottenburg Christian gehört, und Iris haben Christian am nächsten Morgen ins Marienstift begleitet. Er hat im Wohnbereich 4 ein großes Zimmer mit Blick auf den Garten. Eine Bewohnerin, Roswitha, kennt er bereits von der gemeinsamen Zeit in der Pfarrgemeinde Sankt Michael. Bei Familie Bretzinger hat wöchentlich in den letzten fünfzehn Jahren ein Bibelkreis stattgefunden, an dem Christian regelmäßig teilgenommen hat bis zum ersten Lockdown. Sobald es die Situation zuläßt soll der Bibelkreis im Marienstift stattfinden.

Wegen der Pandemie war die Aufnahmeprozedur nicht ganz einfach. Eigentlich darf nur eine Person Christian begleiten, aber Klaus Mertes ist der Bevollmächtigte von Christian  für gesundheitliche Fragen und Iris kennt die alltäglichen Abläufe und Vorlieben von Christian. So durften ausnahmsweise beide ins Haus und mußten gleich einen Corona-Schnelltest machen bevor die Gespräche mit dem sehr aufgeschlossenem Pflegedienstleiter und den Verwaltungsmitarbeitern stattfinden konnten. 

Eigentlich dürfen keine Besucher*innen in die Wohnbereiche. Der Pflegedienstleiter hatte großes Verständnis dafür, daß die Mitbewohner in der Naunynstraße aus eigener Anschauung  von Iris über die Wohnsituation von Christian etwas erfahren wollen. Und so wurde eine Ausnahme gemacht. Christian hatte schon zu den ersten beiden Mitarbeitenden Kontakt aufgenommen und erste Gedanken geäußert, wie er seine Kunstwerke an den Wänden anordnen möchte.

Auch ein Essensplan wurde kopiert und mitgegeben, weil besonders der Chefkoch wissen will, wie die kulinarische Versorgungslage von  Christian im Pflegeheim ist. 

Speiseplan 24.- 28. Februar

Außerdem fragte er, ob seine Lieblingskirche, die Johannesbasilika in der Nähe sei. Zwei Kilometer werden es schon sein. „Dann wohne ich ja bei der Nuntiatur.“ Dieser Gedanke gefiel ihm so gut, daß er ihn mehrmals wiederholte. Beim Abschied nach fast einer Stunde meinte er: „Sag allen, daß ich gut angekommen bin“.

Für uns ist es sehr gewöhnungsbedürftig, daß Christian nicht mehr bei uns ist. Beim Frühstück heute morgen meinte einer der Mitbewohner vom 3. Stock: „In der Nacht ich mehrmals in seine Zimmer geschaut, ob alles in Ordnung mit Christian. Und kein Christian mehr da bei uns.“

Man kann Christian gerne besuchen. Näheres dazu per eMail.

Zum Weiterlesen:
Aphorismen von Bruder Christian Schmidt
Samstagsfrühstück: Monastische und andere Traditionen
Am 8.8. – 88 Jahre
Krippe 2016 – gestaltet von Christian Schmidt, Maria Cruz und Rana
Krippe 2018 – gestaltet von Christian Schmidt und Maria Cruz
Krippe 2019 – gestaltet von Christian Schmidt und Gerhard
Geburtstagsgedicht – von Christian bei jedem Geburtstag vorgetragen
Besuch von P. Markus Franz (mit Foto von Christian)
Video: Christian Schmidt – Jesuit sein und die Kunst
Einen ersten Einblick in das Seniorenstift St. Marien gibt es hier

 

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ein letzter Gruß

Beim vorletzten Kommunitätsabend wartete eine Überraschung auf uns: Alle, die Rockn Rollf noch als MitbewohnerINNEN gekannt hat, bekamen eine CD mit fünf Liedern, die er im letzten Herbst mit Musikerfreunden aufgenommen hat.


Drei der Lieder gibt es auch in älteren Fassungen auf You.tube:

Roll away the Pain (Video beginnt in unserem Treppenhaus)   
Den Song hat er unserer WG gewidmet 

Horses and Hares (Song)

Good bye Old Friend (Song)

Horses and Hares (Konzert im Juli 2020)

Und einige Poster von Rockn Rollf als Zeichner / Karrikaturist für unsere WG sind: hier  oder hier  oder hier  oder  hier oder hier  oder hier.

Und hier Facepainting für einen glücklichen Löwen:

Rockn Rollf wird heute um 14.00 h in der Nähe von Potsdam beigesetzt. Wir werden ihn nicht vergessen. 

Weitere Nachrufe von Ex-Mitbewohner*innen und Freunden unserer WG sind   

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Gedenkgottesdienst für Michael Walzer (SJ), Franz Keller (SJ) und andere

Jedes Jahr Ende Januar oder Anfang Februar treffen wir – Gemeindemitglieder Sankt Michael), (Ex-)BewohnerINNEN der WG Naunynstraße und Mitglieder der CAJ (christliche Arbeiterjugend) uns in Sankt Michael. Ursprünglich war es ein Gottesdienst mit Nachtreffen für Michael Walzer (SJ), einen der Begründer der WG Naunynstraße, der 1986 im Alter von 38 Jahren an einem Gehirntumor verstorben ist. 

Dieses Jahr ist also zum 35. Mal dieser Gottesdienst gefeiert worden, in kleinerer Form und ohne Nachtreffen mit Essen, Austausch und gemütlichem Beisammensein. Ich staune, daß jedes Jahr noch Menschen kommen, die Michael gekannt haben und sich mit ihm in der CAJ engagiert haben.

Kerzen für die Verstorbenen

Im Januar 2014 ist dann Bruder Franz Keller verstorben, der seitdem auch ins Gedenken einbezogen wird, das sich inzwischen erweitert hat auf verstorbene Mitarbeiter der Gemeinde, (Ex-)Bewohner und Freunde der WG Naunynstraße sowie der CAJ: Pfarrer Schlüter, Godehard Pünder, Dieter Kirschner, Johannes Siebner (SJ), Jutta Becker, Heinrich Müller, Karlheinz, Bernd, Tiger-Lilli, Petra Löbenau, Rolf Kutschera (Rockn Rollf) und Christian Becker.

Wir waren sehr bewegt als Alain am Schluß des G-ttesdienstes das Lied von kleinen Vogel sang, das wir sonst immer gemeinsam singen.

Wir waren sehr traurig, daß Christian Herwartz nicht bei uns sein konnte.

Zum Weiterlesen:

Erinnerungen an Franz Keller von Bewohnern
Ein Nachruf von Franz Keller ist hier oder auch hier.
Ein Nachruf und andere Texte von / über Michael Walzer ist hier
Mehr zu Heinrich Müller (genannt „der Eiermann) ist hier
Nachruf Dieter Kirschner
Zum Tod von Margit Forster und Jutta Becker
Zum Tod von Provinzial Johannes Siebner (SJ)

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Berlin – Kastanienallee: Von Häusern und Menschen

Sie ist Inbegriff des ewigen Berliner Wandels: die Kastanienallee, Prenzlauer Berg. Einst Arbeiterkiez, dann Bohème-Quartier, Szenemeile und internationale Touristen-Attraktion. Früher arm, heute sexy. 950 Meter Großstadt zwischen Hochglanz und Tradition.

Vera, eine ehemalige Mitbewohnerin, kam 1990 aus der Schweiz nach Berlin und wohnte einige Monate in unserer WG. Dann zog es sie nach Ostberlin in den Prenzlauer Berg. Als Fotografin hat sie historische und aktuelle Fotos zu dieser sehenswerten Dokumentation beigetragen, die in der  Mediathek des RBB  abgerufen werden kann.

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Rettungsort

Gestern hat er sich auf den Weg gemacht: Auf den Weg zurück zu seiner Familie, zurück in sein Land: „Eine neue Seite aufschlagen“ – wie er sagt. Er hat es gewagt, weiß nicht wie lange wegen Corona der Weg noch offen bleibt. Zurück bleiben im Gewürzfach zwei Tüten Ras el-Hanout, die Erinnerung an seine Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, an die herrlich duftenden und wunderbar schmeckenden Tajines und Couscousgerichte – und an einem Kommunitätsabend, an dem einer sagte: „Hier ist mein Rettungsort“ und er zustimmte: „Meiner auch“. Er wird vermißt.

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Heute am 1. Oktober ist Weltmusiktag …

… und auch unser Ex-Mitbwohner Rock’n RollF ist dabei – und wie könnte es anders sein:
Tribute to Bob Dylan:

Mehr von ihm kann man hier  oder hier  oder hier  oder  hier oder hier  oder hier sehen oder hören und zwar hier und hier

 

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Neugestaltung unserer Wohnzimmer-Gedenkwand

Viele Jahre war sie neben dem Kachelofen. Jetzt ist sie nach der Renovierung des Wohnzimmers umgezogen: Unsere Gedenkwand mit den Fotos, die an Menschen erinnern, die hier in der Gemeinschaft gelebt haben und verstorben sind oder in der letzten Lebensphase von der Gemeinschaft begleitet wurden sowie verstorbene Freunde und Freundinnen der Kommunität.

 

Gedenkwand im Wohnzimmer

 

Und so sah sie vor der Renovierung aus: die Gedenkwand
Mehr zur Renovierung und Neugestaltung steht hier und  hier und  hier.

 

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Von der Schildkröte und vom Skorpion am Fluß

In einer Gemeinschaft wie der unseren, in der Menschen aus unterschiedlichen Ländern (derzeit acht Länder und drei Erdteile), Kulturen, sozialen Hintergründen und religiösen Wegen (derzeit vier: christlich, muslimisch, buddisthisch, jüdisch) zusammenleben, manche Flucht, Gefängnis, Psychiatrie oder Leben auf der Straße und andere schwierige Situationen hinter und in sich haben, kommt es immer wieder zu Spannungen und Konflikten. Viele können gelöst, beigelegt oder befriedet werden. Andere müssen ausgehalten und immer wieder neu verhandelt werden und ganz selten ist der Konflikt über längere Zeit so destruktiv, daß eine Trennung unausweichlich ist.

Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes kann von sehr schwierigen Situationen hier nur  gelegentlich erzählt werden. Gerade weil wir so verschieden sind, hilft uns dabei die Bildersprache von Geschichten aus verschiedenen Traditionen um über unser Erleben und wie wir es deuten ins Gespräch zu kommen.

Für einen Konflikt, der uns mehrere Wochen in Atem gehalten hat, hat Herr Tunesien – LeserINNEN, die schon länger dabei sind, kennen ihn vom Couscous-Duell mit Herrn Marokko, eine Geschichte aus seiner muslimischen Tradition gefunden und große Zustimmung bekommen. Und weil gerade Ramadan ist, paßt sie besonders gut. Er erzählt:

An einem Fluß lebt eine Schildkröte. Die Schildkröte kann schwimmen. Ein Skorpion kommt vorbei. Er kann nicht schwimmen und fragt die Schildkröte, ob sie ihn ans andere Ufer mitnimmt wenn sie rüber schwimmt. Die Schildkröte weigert sich und sagt: „Das mache ich nicht, denn wenn ich dich mitnehme, dann stichst du mich unterwegs“. Der Skorpion antwortet: „Warum sollte ich dich stechen. Dann sterben wir ja beide.“ Schließlich läßt die Schildkröte sich breit schlagen und nimmt ihn mit. Unterwegs sticht er sie. Die Schildkröte fragt ihn: „Warum stichst du mich? Du hast doch versprochen mich nicht zu stechen?“ Der Skorpion sagt: „Ich kann nicht anders. Dein Job ist es, mir zu helfen. Und mein Job ist es, zu stechen. Das ist mein Charakter.“

Zum Weiterlesen:
Vom Bauarbeiter-Professor und vom Taxi-Doktor

 

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Frühstücksgespräche (1)

Unter der Woche frühstücken wir immer um 8.00 Uhr – also die BewohnerINNEN, die zuhause sind und nicht nachts gearbeitet haben. Manchmal kommt der eine oder andere Frühstücksgast dazu. Wenn Menschen aus so verschiedenen Ländern, Kulturen, Religionen und Alters zusammen sind, dann kommen ganz unterschiedliche Themen und Positionen ins Gespräch. In der letzten Zeit kam folgendes auf den Tisch:

  • Gewalt in Familien – wann wird von außen eingegriffen
  • Gewalt gegen Männer (von Frauen ausgeübt)
  • Arbeiten auf der Baustelle
  • Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus: Wer erinnert sich wie und an was?
  • Was genau ist der Unterschied zwischen Prostituierte, Nutte, Hure, Flittchen
  • Eifersucht
  • Trauer – ist sie kulturspezifisch?
  • Schlachten, Verhältnis zu Haustieren
  • Umgang mit Nacktheit – FKK
  • Schnarchverhalten einzelner Mitbewohner
  • Kalendersysteme und Zeiterleben
  • Fastenzeiten in unterschiedlichen Kulturen
  • Taize und Assisi: Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Zum Weiterlesen:
mehr Frühstücksgespräche