Zuflucht in Zeiten von Corona (Psalm 91)

Manche Gedanken und Impulse für Blogposts liegen länger im Entwürfe-Ordner. Einige reifen, andere werden gelöscht – dann und wann scheint einer aktueller als zu der Zeit als man ihn ursprünglich entdeckte und ablegte. So ging es mir mit einer Neufassung von Psalm 91, die ich vor mehr als zwei Jahren bei Conny, einer Freundin unserer Gemeinschaft, entdeckte und kopierte.

Psalm 91 kommt täglich im Abendgebet der Kirche (Komplet) vor und wird bei jüdischen Beerdigungen gesprochen. Er paßt gut in diese Jahreszeit, in der Christen den Ewigkeitssonntag / Christkönigssonntag begehen, auf Advent und Weihnachten zugehen und in der Juden sich auf das Chanukka-Fest vorbereiten:

Dass deine Flügel über uns sich breiten,
und Schatten spenden in der Glut.
Dass wir nicht irre geh’n in dunklen Zeiten:
Gott, gib uns Zuversicht und Mut.

Dass wir geschützt sind
vor dem Pfeil der Lüge,
vor Falschheit, vor Betrug und Gier.
Und dass wir aufsteh’n
gegen Hass und Kriege:
Die Kraft dazu erbitten wir.

Dass auf der Welt Vernunft
und Rücksicht walten,
dass nie ein Mensch mit Menschen spielt,
dass wir die Erde pflegen und gestalten
als Garten Gottes, sei uns Ziel.

Dass deine Engel uns auf Händen tragen,
uns retten vor der Feindschaft Pest.
dass mutig wir Versöhnungswege wagen
und uns dein Geist niemals verlässt.

Dass wir wie Kinder uns dir anvertrauen
dass uns niemals die Angst verzehrt,
dass wir am Ende unverhüllt dich schauen
in deinem Reich, sei uns gewährt.

Helmut Schlegel OFM

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Aktuell: Martin Luther zur Corona Seuche

Vermutlich weil gestern Reformationstag war, hat F.cebook mehrfach ein Zitat von Martin Luther angespült. Als 1527 in Wittenberg die Pest ausbrach sagte er:

„Wenn Gott tödliche Seuchen schickt, will ich Gott bitten, gnädig zu sein und der Seuche zu wehren. Dann will ich das Haus räuchern und lüften, Arznei geben und nehmen, Orte meiden, wo man mich nicht braucht, damit ich nicht andere vergifte und anstecke und ihnen durch meine Nachlässigkeit eine Ursache zum Tode werde. Wenn mein Nächster mich aber braucht, so will ich weder Ort noch Person meiden, sondern frei zu ihm gehen und helfen. Siehe, das ist ein gottesfürchtiger Glaube, der nicht tollkühn und dumm und dreist ist und Gott nicht versucht.“ (Quelle: Luthers Werke, Band 5, Seite 334f)

 

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Lob des Gehens …

heißt ein Podcast, der gerade gestartet wurde und den ich über Herrn Buddenbohm entdeckt habe. Die erste Folge fand ich sehr ansprechend und bin gespannt auf die nächsten Beiträge, die hier zu finden sein werden. Nicola Wessinghage aus Hamburg unterhält sich

„mit verschiedenen Menschen über die vielen Facetten des Gehens. Dabei bewege ich mich in ganz unterschiedlichen Themenfeldern, von der Anatomie über Architektur, Neurologie, Kommunikation, Kunst, Kultur und Geschichte. In einigen Episoden wird es auch um kleine Experimente bzw. Erfahrungsberichte gehen. Denn Aufhänger für diesen Podcast waren vor allem meine eigene Lust am Gehen und die Neugier, besser zu verstehen, warum es auf so verschiedene Arten so gut tut, zu Fuß unterwegs zu sein.“

In unserer WG spielt das Unterwegs sein zu Fuß, das Gehen im Alltag eine große Rolle. Vielleicht ist unsere Gemeinschaft auch deshalb der Ort geworden, an dem die Exerzitien auf der Straße entstanden sind ohne daß das jemand geplant hätte.

Zum Weiterlesen und Weiterhören:
Podcast Lob des Gehens
Beiträge hier im Blog über  Exerzitien auf der Straße

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Laubhüttenfest in Zeiten von Corona oder von der Verletzlichkeit unseres Lebens

Dach einer Laubhütte

Sieben Tage Laubhüttenfest (Sukkot) – ein Erntedankfest und eine Erinnerung an die vierzig Jahre in der Wüste. EINER geht voran – geht mit: Tags als Wolkensäule – nachts als Feuersäule. Die Israeliten – wir – unterwegs, verletzbar, verwundbar, ausgesetzt äußerlich und innerlich. Die Sukka – ein Schutz: auf Zeit, vorläufig bis zum nächsten Aufbrechen – ein Provisorium. Sieben Tage in einer Laubhütte leben und wo das von den Temperaturen her nicht möglich ist, zumindest die Mahlzeiten dort einnehmen. Sich mit Freunden und Bekannten treffen zum Reden, Lernen … Spontan hingehen – ins Gemeindezentrum oder wo „privat“ eine steht. All das ist in diesem Jahr der Pandemie so nicht möglich. Und doch bringt uns Corona und die damit verbundenen Umstände näher an die ursprüngliche Bedeutung dieses Festes.

Unsere Vorfahren waren vierzig Jahre in der Wüste unterwegs nach ihrer Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten auf ihrem Weg ins Land der Verheißung. Sie waren der Hitze, der Kälte und den Sandstürmen ausgesetzt und bauten immer wieder an neuen Rastplätzen provisorische Hütten. Die Mehrzahl derer, die aus Ägypten ausgezogen waren, starben unterwegs und kamen nicht im Land der Verheißung an.Sie erlebten die Zerbrechlichkeit, Verletzbarkeit und Vorläufigkeit des Lebens. Ihre Lebensbedingungen waren ganz andere als unsere unter „normalen“ Umständen. Aber was ist in diesem Jahr – in diesen Zeiten –  normal?

Wenn ich aus dem Haus gehe und auf den Straßen Kreuzbergs unterwegs bin, sehe ich immer mehr Leute, die sich in Hauseingängen, auf Treppenstufen, auf Sitzplätzen von Bushaltestellen oder auf den Parkbänken im Engelbecken provisorisch eingerichtet haben und versuchen zu schlafen oder mit Einkaufswägen unterwegs sind, in denen sie ihre Habseligkeiten mit sich führen. Immer mehr Menschen verlieren ihr Zuhause, sind auf öffentliche Essensausgabestellen und in der kalten Jahreszeit immer mehr auf Notübernachtungsprogramme angewiesen.

Zu Vor-Corona-Zeiten hat uns die Sukka an die Brüchigkeit, Begrenzungen und Endlichkeit unseres Alltagslebens erinnert. Dieses Jahr 2020 brauchen wir die Laubhütte, damit sie uns daran erinnert, daß die Zerbrechlichkeit, wie wir sie in diesen Zeiten erleben, vorübergehend und vorläufig ist. Wir brauchen die Laubhütte um uns bewußt zu machen, daß die zeitweiligen Strukturen, in denen wir leben, keine Lösung auf Dauer sind und auch nicht sein können und dürfen.

Dieses Jahr können wir nicht wie in anderen Jahren viele Gäste in die Sukka einladen. Es gibt einen schönen Brauch, Gäste aus biblischen Zeiten in die Sukka einzuladen, die „Uschpisim“. Das kann uns nähren und stärken. Uschpisim ist das aramäische Wort für Gäste, die besonders wertgeschätzt werden. Man lädt sie in die Sukka ein, denn jeder Tag steht unter dem Zeichen eines anderen himmlischen Gastes. Der Brauch ist in einem mystischem Zweig des Judentums entstanden, – bei den Kabbalisten von Sefat. Die sieben Gäste haben gemeinsam, dass sie alle Hirten waren: Am ersten Abend ist es Abraham, am zweiten Isaak, am dritten Jakob, am vierten Josef, am fünften Moses, am sechsten Aaron und am siebten David. Da das sehr einseitig auf Männer zentriert ist, kamen jüdische Frauen in den letzten drei Jahrzehnten auf die Idee, auch biblische Frauen als Gäste einzuladen. Nach dem Verständnis der Kabbala ordnen wir unser Wesen, wenn wir jeden Abend einen anderen himmlischen Gast empfangen und ehren. Diese Gäste werden als uschpisin dimnuta (Gäste des Glaubens) gesehen.

Auch wenn wir uns um den Tisch in der Laubhütte nicht so versammeln können wie in anderen Jahren und Gastfreundschaft üben können, wie wir es gern tun würden, so brauchen wir diesen Tisch als Zeichen der Erinnerung an die Menschen, die sich nicht aussuchen können wie wir, ob sie sich draußen oder drinnen aufhalten, weil es für sie kein DRINNEN mehr gibt und nur gelegentlich die Möglichkeit besteht, sich für eine halbe Stunde zur Einnahme eines warmen Essens hinzusetzen, wenn sie nicht gar gleich nach dem Austeilen eines Essenspackets gehen müssen, weil sonst die Einhaltung der Corona-Regeln nicht mehr zu bewerkstelligen ist und die Schließung der Essensausgabe droht.  Alte Menschen sitzen am Ostbahnhof auf Bordsteinen um die warme Mahlzeit zu verzehren, die sie vom Caritas-Foodtruck erhalten haben. Im Bahnhofsbereich weisen Beschilderungen darauf hin, daß sich dort nur aufhalten darf, wer eine gültige Fahrkarte vorweisen kann.

Man mag das mit Zweigen bedeckte Dach der Sukkah malerisch und die Sicht auf die Sterne und den Mond großartig finden, aber die, die unter Planen und wackeligen Zeltkonstruktionen die Nacht verbringen, für sie bedeutet jedes Loch weniger Schutz vor Regen, Wind, Kälte und ist ein mögliches Einfallstor für Krankheiten, die für sie bedrohlicher sind als für uns, weil viele von ihnen von medizinischer Versorgung weitgehend abgeschnitten sind.

Was können wir tun?

1. Wir können Essensausgabestellen, Suppenküchen, den Caritas-Foodtruck, Einrichtungen der Kältehilfe durch Geld- oder Sachspenden unterstützen.

2. Auch Menschen, die sich ehrenamtlich in diesem Bereich engagieren wollen, werden gesucht. Gerade jetzt werden an vielen Stellen neue Ehrenamtliche gebraucht, weil aus Altersgründen viele, die seit Jahren im Einsatz sind, wegen erhöhter Gefährdung vor Corona ihr Engagement nicht mehr fortsetzen können.

3. Auch häusliche Gewalt nimmt in diesen Zeiten zu. Wir können Einrichtungen, die sich in diesem Bereich einsetzen, unterstützen. Auch wenn wir selber gerade ein mehr zurückgezogenes Leben führen, können wir achtsam sein, ob wir in unserem Umfeld Zeichen häuslicher Gewalt wahrnehmen.

4. Viele von denen, die bis jetzt immer wieder zu den Helfenden gehört haben und in scheinbar gesicherten Verhältnissen gelebt haben, sind durch Corona in Not geraten, weil sie keine oder stark eingeschränkte Arbeitsmöglichkeiten haben. Für sie kann es schwer sein, sich mit ihrer Not und Bedürftigkeit zu zeigen. Wem es schwer fällt, sich direkt an andere oder auch an soziale Einrichtungen zu wenden, für den oder die kann eine der Telefonberatungsstellen ein erster Ort zum Gespräch darüber sein (Telefonseelsorge, Corona-Telefon …).

Mehr Infos zum Laubhüttenfest
Mehr zum Caritas-Foodtruck


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Es könnte sein …

Zu Beginn der Corona-Krise wurde dieser Text an unterschiedlichen Orten des Internets geteilt. Auch in unserer Wohngemeinschaft war er Thema. Er lädt dazu ein zu überlegen, was gutes Leben ist.

Es könnte sein…

Es könnte sein, dass in Italiens Häfen die Schiffe für die nächste Zeit brach liegen, … es kann aber auch sein, dass sich Delfine und andere Meereslebewesen endlich ihren natürlichen Lebensraum zurückzuholen dürfen. Delfine werden in Italiens Häfen gesichtet, die Fische schwimmen wieder in Venedigs Kanälen!

Es könnte sein, dass sich Menschen in ihren Häusern und Wohnungen eingesperrt fühlen, … es kann aber auch sein, dass sie endlich wieder miteinander singen, sich gegenseitig helfen und seit langem wieder ein Gemeinschaftsgefühl erleben. Menschen singen miteinander!!! Das berührt mich zutiefst!

Es könnte sein, dass die Einschränkung des Flugverkehrs für viele eine Freiheitsberaubung bedeutet und berufliche Einschränkungen mit sich bringt,… es kann aber auch sein, dass die Erde aufatmet, der Himmel an Farbenkraft gewinnt und Kinder in China zum ersten Mal in ihrem Leben den blauen Himmel erblicken. Sieh dir heute selbst den Himmel an, wie ruhig und blau er geworden ist!

Es könnte sein, dass die Schließung von Kindergärten und Schulen für viele Eltern eine immense Herausforderung bedeutet,…es kann aber auch sein, dass viele Kinder seit langem die Chance bekommen, endlich selbst kreativ zu werden, selbstbestimmter zu handeln und langsamer zu machen. Und auch Eltern ihre Kinder auf einer neuen Ebene kennenlernen dürfen.

Es könnte sein, dass unsere Wirtschaft einen ungeheuren Schaden erleidet,… es kann aber auch sein, dass wir endlich erkennen, was wirklich wichtig ist in unserem Leben und dass ständiges Wachstum eine absurde Idee der Konsumgesellschaft ist. Wir sind zu Marionetten der Wirtschaft geworden. Es wurde Zeit zu spüren, wie wenig wir eigentlich tatsächlich brauchen.

Es könnte sein, dass dich das auf irgendeine Art und Weise überfordert, … es kann aber auch sein, dass du spürst, dass in dieser Krise die Chance für einen längst überfälligen Wandel liegt,
– der die Erde aufatmen lässt,
– die Kinder mit längst vergessenen Werten in Kontakt bringt,
– unsere Gesellschaft enorm entschleunigt,
– die Geburtsstunde für eine neue Form des Miteinanders sein kann,
– der Müllberge zumindest einmal für die nächsten Wochen reduziert,
– und uns zeigt, wie schnell die Erde bereit ist, ihre Regenaration einzuläuten, wenn wir Menschen Rücksicht auf sie nehmen und sie wieder atmen lassen.

Wir werden wachgerüttelt, weil wir nicht bereit waren es selbst zu tun. Denn es geht um unsere Zukunft. Es geht um die Zukunft unserer Kinder!!!

(Autorin: Tanja Draxler – http://www.tanjadraxler.com)
Übersetzungen dieses Textes in verschiedenen Sprachen sind hier

Kräutersträuße – Kräuterbuschen

Kräuterbuschen

Am 15. August feiert die katholische Kirche das Fest „Maria Aufnahme in den Himmel“ (populär auch als „Maria Himmelfahrt“). In Bayern und im Saarland ist das ein arbeitsfreier Tag.

Dazu gibt es in der Volksfrömmigkeit folgende Legende: Als Maria, die Mutter von Jesus, gestorben war, kamen die Apostel drei Tage später an ihr Grab, doch das Grab war leer. Maria war mit Seele und Leib in den Himmel aufgenommen worden. Doch aus dem Grab strömten die Düfte von Rosen und Lilien, vermischt mit dem Duft von Heilkräutern.

Da um diese Zeit herum die Kraft der (Heil-)Kräuter am Stärksten ist, hat sich schon in vorchristlicher Zeit der Brauch der Kräuterbuschen entwickelt, den die katholische Kirche für den 15. August übernommen hat. Ein solcher Strauß kann zwischen sieben und 99 Kräutern enthalten, je nachdem, an welcher Symbolik man sich orientiert. Das Bild zeigt einen Kräuterbuschen, den uns unsere Freundin Gabriele geschenkt hat. Er ist im Kloster Helfta entstanden.

  • 7 – ist die Anzahl der Schöpfungstage
  • 9 – (3 x 3 ) Zahl der Dreifaltigkeit
  • 12 – Anzahl der Apostel
  • 14 – Zahl der Nothelfer
  • 24 – (2x 12) zwölf Stämme Israels und die zwölf Apostel von Jesus
  • 72 – (6 x 12) Zahl der Jünger von Jesus
  • 99 – (33 x 3 ) drei als Symbol der Dreifaltigkeit

Wir haben aus diesem Anlaß ein Gedicht geschenkt bekommen, das wir hier weitergeben:

Ich wünsche dir
die Unverwüstlichkeit, Tatkraft und Lebensfreude,
die im Löwenzahn steckt.

Ich wünsche dir
die tiefe Verwurzelung einer Ringelblume

Ich wünsche dir
die Geselligkeit des Huflattichs, der nie alleine wächst.

Ich wünsche dir
die Lebensfreude und die Kraft der Sonne,
die das Johanniskraut in dir wecken kann.

Ich wünsche dir
die Hartnäckigkeit der Brennnessel, die als Unkraut gilt,
sich schwer vertreiben lässt und sich zu wehren weiß.

Ich wünsche dir
die Beruhigung und Entspannung,
die die Melisse und der Baldrian schenken.

Ich wünsche dir
Wachstum, Gesundheit und Freude an allem,
was wächst und blüht.

Jutta Schnitzler-Forster
Aus: Jutta Schnitzler-Forster/ Kerstin Schmale-Gebhard, Ein Jahr für die Sinne. Kösel-Verlag 2004.

 

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Klagelieder – Trauer in Zeiten der Pandemie

Nach dem jüdischen Kalender beginnt dieses Jahr am Mittwochabend (29. Juli) der 9. Tag des Monats Aw. Tischa beAw – Der ist ein Gedenk- und Fasttag zur Erinnerung an die Zerstörung des ersten Tempels in Jerusalem durch die Babylonier und an die Zerstörung des zweiten Tempels in Jerusalem durch die Römer. Auch in späterer Zeit fällt der Beginn vieler schlimmer Ereignisse der jüdischen Geschichte auf dieses Datum:

  • Im Jahr 1099 richteten die Kreuzritter am 9. Aw in Jerusalem ein Massaker an.
  • Im Jahr 1290 am 9. Aw wurden die Juden aus England ausgewiesen
  • 1492 endete am 9. Aw das goldene Zeitalter von Spanien mit der Vertreibung der Juden wenn sie sich nicht taufen lassen wollten. 
  • 1671 wurden am 9. Aw die Juden aus Wien vertrieben
  • 1914 begann am 9. Aw der erste Weltkrieg.
  • Am 9. Aw 1942 begannen die Transporte aus dem Warschauer Ghetto ins Konzentrationslager Treblinka, nachdem die SS zuvor den Aufstand im Ghetto niedergeschlagen hatte

Trotz dieser Katastrophen sieht die jüdische Tradition in diesem Tag auch ein verborgenes Potential: An einem 9. Aw wird der Messias geboren.

In der Synagoge wird am 9. Aw Echa (Klagelieder) gelesen.  Vorgestern war es ein halbes Jahr, daß der erste Mensch in Deutschland an Covid19 erkrankt ist. In diesen Wochen und Monaten haben wir zutiefst erschreckende Bilder gesehen und Vieles durchlebt, was wir vorher nicht für möglich gehalten hätten. Deshalb hier ein Versuch, Tischa be Aw, Bilder der Pandemie und die Trauer um einen Freund unserer Gemeinschaft, Johannes Siebner, der vor zwei Wochen gestorben ist und am 30. Juli / 9. Aw beerdigt wird, zum Ausdruck zu bringen.

Ach, wie verödet und einsam ist die einstige Weltstadt geworden (Kgl 1,1)
die U-Bahnen – einst dicht gedrängt mit Menschen – sind fast leer.
Militärlastwagen warten zahlreich auf die Toten,
von denen sich niemand verabschieden durfte.

Bei den Drive-In-Teststationen reihen sich Autos schon zeitig
um dann doch weggeschickt zu werden,
wenn es nicht genug Wattestäbchen und Reagenzien gibt.

Vor Suppenküchen und Essensausgabestellen
stehen die Obdachlosen und Armen in Warteschlangen bis
ein Fremder mit Maske und Handschuhen ein Essenspaket reicht
und zum Weitergehen anhält. Verweilen ist nicht erlaubt.

Zugänge zu Spiel- und Bolzplätzen sind mit Flatterband versperrt.
Kinder. auf ihr Zuhause begrenzt, vergessen, wie Schule sich anfühlt.
Die Glücklicheren unter ihnen sehnen sich nach ihren Freunden, Treffen
und Geburtstagsfeiern. Andere schrecken aus Albträumen hoch –
nicht nur wegen des Virus.

Aus Altenheimen und Behinderten-WGs sind Festungen geworden.
Kein Besuch, keine Vertrautheit, keine Umarmung.
Niemand fragt, ob sie so geschützt werden wollen.

Beerdigung mit begrenzter Teilnehmerzahl. Anmeldung nur online.
Wer kein Internet hat, keinen festen Wohnsitz, ungeklärten
Aufenthaltsstatus oder alles zusammen,  bleibt draußen.
Andere finden Exil bei Youtube oder Zoom.

Und DU, G-tt, aus der Tiefe rufe ich zu Dir. Höre meine Stimme. (Ps 130)

 

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Realpräsenz

Ein Sonntagsgruß:

Realpräsenz

am blühenden Baum
nicht entatmet vorüberhasten
einen Augenblick lang
stehen und staunen
den duftenden Kaffee
nicht gedankenlos
hinunterstürzen
einen Schluck lang
schmecken und kosten
die Stimmen in mir
zum Schweigen bringen
um ganz Ohr zu sein
wenn du mir erzählst
nicht im Vergangenen verbleiben
nicht ins Künftige auswandern

ganz hin und weg sein
und darin ganz da
leben
in der reinen Gegenwart
sie ist Gottes.

(Andreas Knapp)

 

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Fülle und Leere

Diese Geschichte hat jemand mit uns geteilt, der auf einem buddhistischen Weg unterwegs ist:

Eines Tages kam eine junge Frau zu einem Meister.Sie hatte schon so viel von dem weisen Mann gehört, dass sie unbedingt bei ihm studieren wollte. Vor ihrer Reise zu ihm hatte sie alle ihre Angelegenheiten geregelt, ihr Bündel geschnürt und war den Berg zu ihm hinauf gestiegen, was sie zwei Tage Fußmarsch gekostet hatte.

Als die Frau beim Meister ankam, saß der im Lotussitz vor seinem Haus auf dem Boden und trank Tee. Sie begrüßte ihn überschwänglich und erzählte ihm, was sie bisher schon alles gelernt hatte, wie viel sie schon weiß und kann. Dann bat sie den Meister, bei ihm weiter lernen zu dürfen.

Der Meister lächelte freundlich und sagte: „Komm in einem Monat wieder.“
Von dieser Antwort verwirrt ging die Frau zurück ins Tal. Sie diskutierte mit Freunden und Bekannten darüber, aus welchem Grund der Meister sie wohl zurückgeschickt hatte.

Einen Monat später erklomm sie wieder den Berg und kam zu dem Meister, der wieder Tee trinkend am Boden saß. Diesmal erzählte die Schülerin auch von all den Vermutungen, die sie und  ihre Freunde darüber hatten, warum er sie wohl fortgeschickt hatte. Und wieder bat sie ihn, bei ihm lernen zu dürfen. Der Meister lächelte sie freundlich an und sagte: „Komm in einem Monat wieder.“ Dieses „Spiel“ wiederholte sich einige Male. Es waren also schon viele vergebliche Versuche in vielen Monaten, nach denen sich die Frau wiederum aufmachte, um zu dem Meister zu gehen. Als sie diesmal bei dem Meister ankam und ihn wieder Tee trinkend antraf, setzte sie sich ihm gegenüber, lächelte nur und sagte nichts.

Nach einer Weile ging der Meister in sein Haus und kam mit einer Tasse zurück.
Er schenkte ihr Tee ein und sagte dabei: „Jetzt kannst Du hier bleiben, damit ich Dich lehren kann.“  Als sie ihn fragte, warum er sie vorher immer wieder weg geschickt hatte, antwortete er ihr: „In ein volles Gefäß kann ich nichts füllen.“
(Quelle: unbekannt)

 

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still: Karsamstag

Karsamstag: still. Stiller als sonst. Durch Corona. Kollektiver Karsamstag. Wie lange noch?

Palmsonntag und Fußwaschung

Die Sankt Michaelskirche in Kreuzberg ist ein guter Ort. Die Franziskanerinnen haben mit viel Kreativität unterschiedliche Meditationsorte im Kirchenraum gestaltet. Man kann schauen, wo es einen hinzieht. Die Kirche ist zum stillen Gebet geöffnet. Links ist der Einzug nach Jerusalem mit bunten Tüchern und Palmzweigen gestaltet. Vom Altar ein rotes Tuch mit einem Wasserkrug und einer Schüssel. Die Fußwaschung.

 

 

 

leidender Jesus

Der leidende Jesus mit seinen Wunden und seiner Gebrochenheit ist mit einem violetten Tuch umhüllt. Steine können abgelegt werden, die für die eigenen Schmerzen und Belastungen stehen.

Im Hintergrund an der Wand: die Kreuzwegstationen. An jeder hängt ein Stück Stoff mit einem Gedanken.

 

 

 

 

Zum Weiterlesen:
Karsamstag – wie uns die Zeiten ändern