Pessach-Impuls: Maror (Bitteres)

Im letzten Blog-Eintrag habe ich vom Pessach-Paket erzählt und den Impuls- bzw. Meditationskarten, die es enthielt. Ein Beispiel möchte ich hier vorstellen, nämlich die Maror-Karte. „Mar“ ist das hebräische Wort für „bitter“. „Maror“ sind die bitteren Kräuter, die wir zu Pessach in einer der symbolischen Speisen zu uns nehmen, die an die bittere Situation des Sklavendaseins erinnern. 

Hier ist die künstlerische Darstellung von Polina Lifshitz :
Maror Karte
Den Impuls-Text findet man hier.

Zum Weiterlesen:
Pessach 5779
die einzelnen Teile des Seder
Was gehört auf den Seder-Teller?

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Das Hungertuch als Wegweiser auf der Straße …

… hat Christian Herwartz seinen Text zum diesjährigen Hungertuch von Misereor überschrieben.

Es steht unter dem Motto: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ (Psalm 31,9).

Das MISEREOR-Hungertuch 2021 „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ von Lilian Moreno Sánchez © MISEREOR

(Basis des Bildes ist ein Röntgenbild, das den gebrochenen Fuß eines Menschen zeigt, der in Santiago de Chile bei Demonstrationen gegen soziale Ungleichheit durch die Staatsgewalt verletzt worden ist.

Das Bild ist auf drei Keilrahmen, bespannt mit Bettwäsche, angelegt. Der Stoff stammt aus einem Krankenhaus und aus dem Kloster Beuerberg nahe München. Zeichen der Heilung sind eingearbeitet: goldene Nähte und Blumen als Zeichen der Solidarität und Liebe. Leinöl im Stoff verweist auf die Frau, die Jesu Füße salbt (Lk 7,37f) und auf die Fußwaschung (Joh 13,14ff ))

Hier Christians Impuls: 

Wenn wir etwas Neues mit den Händen schaffen, dann vergessen wir oft die uns tragenden Füße. Bei einem Kind oder einer Geliebten streicheln wir sie noch; beim Tanzen drücken wir mit ihnen unsere Freude aus, und beim Pilgern lassen wir uns wie Israel aus dem babylonischen Exil in die Weite Gottes tragen: „Du stellst meine Füße auf
weiten Raum.“ (Psalm 31,9)

Im Gegensatz zu den Füßen öffnen sich bei der Begrüßung eines Gastes unsere Hände. Die Füße bleiben oft verborgen. Auf ihnen sehen wir wie auf einem zweiten Gesicht intime Spuren der Lebensabschnitte, in denen wir nicht gesehen wurden.

Doch mit ihnen hinterlassen wir unseren Fußabdruck
auf der Straße des Lebens.
Wird sie uns in eine lebensfreundliche Welt mit Hand und Fuß führen, oder haben wir die Natur so stark ausgebeutet, dass die Lebensmöglichkeiten der kommenden Gene-rationen beschnitten sind?

Bei einer Demonstration gegen steigende Lebenshaltungskosten und ungerechte Bildungs- und Arbeitschancen in Santiago de Chile verlor im Oktober 2019 der uns
entgegenkommende Fuß auf dem Hungertuch den „Boden unter den Füßen“ und zerbrach beim anschließenden Polizeieinsatz, der von der landesweiten sozialen
Ungleichheit ablenken sollte: 5000 Verletzte, 26 Todesfälle, mehr als 7000 Verhaftungen.
Lilian Moreno Sánchez
erinnert das Geschehen und zeichnete das Röntgenbild
auf die Bettwäsche.

Im Lukasevangelium lesen wir: Eine in der Gesellschaft verstoßene Frau wäscht in ihrer Not Jesu Füße mit ihren Tränen. Jesus verteidigt ihre Würde vor den versammelten
Männern. Als ihn die Angst vor seiner Ermordung überwältigen will, wäscht er seinen Jüngern und Jüngerinnen die Füße (Joh 13). Petrus will diesen Sklavendienst nicht
annehmen. Doch Jesus ermahnt ihn, dies zuzulassen und ihn selbst zu erlernen. Petrus zieht – ähnlich wie Mose vor dem Angesicht Gottes im brennenden, aber nicht verbrennenden Dornbusch – seine Schuhe im Respekt vor der ganzen Wirklichkeit des Lebens aus, die wir Gott nennen.

In dieses Jetzt sind auch wir gerufen. Für diesen alltäglichen Kampf – so ermahnt uns Paulus im Epheserbrief – sollten wir nach der Rüstung Gottes greifen, den Gürtel
der Wahrheit anlegen und in die Schuhe der Bereitschaft schlüpfen und uns so für das Evangelium des Friedens einsetzen (Eph 6,15). Der Brief ist an Juden gerichtet, die
sich zu Jesus als ihrem Messias bekennen. Paulus listet die Schritte ins Leben für sie und uns nach einer solchen Glaubensvertiefung auf: Dank, Entdecken des Glaubens
der Kirche, Beistand für die Bedrängten und das Gebet für die Menschen (Lk 7,36ff).

Wir sind eingeladen, den intimen Raum unserer Herzen zu öffnen und unseren Fuß in den weiten Raum Gottes zu setzen, der uns, mit ihm verwandt (Gen 1,26) und
nach seinem Bild als Mann und Frau erschuf und der uns seinen Geist einhauchte (Gen 2,7; Joh 20,22), der in der Nachfolge Jesu zum liebenden Rollenwechsel befähigt (Lk
24,30). Unser Mitgefühl mit den Beiseite-Geschobenen, den Trauernden, Kranken, Hungrigen, Verirrten entfaltet sich (Mt 10,7) und lässt uns in dem anvertrauten Licht
wachsen (Joh 8,12), das in unserer Liebe auch für andere sichtbar wird.

Zum Weiterlesen: 
Exerzitien auf der Straße – Leben mit Straßenkontakt 
Misereor-Hungertuch 2021 / 2022


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Gott – wie eine Hebamme

Zum neuen Jahr

Gott –
wie eine Hebamme
hast du uns ans Licht geholt,
wie eine Hebamme
hast du uns an die Mutterbrust gelegt,
wie eine Hebamme
hast du uns ins Leben begleitet.

So leite uns ins Neue Jahr,
hol uns wieder ans Licht,
lass uns wieder trinken
von der Nahrung fürs Leben!

Gott –
bleib du unsere fürsorgende Hebamme
bei Tag und Nacht.
Amen

(Hanna Strack, nach Psalm 22,10+11, zitiert nach FrauenKirchenKalender 2011)

 

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Zeit für das Leben

Alle sind willkommen / Everybody is welcome
Hoffnung für Frieden / Hope for Peace
innehalten, schweigen, sprechen, singen, beten
pause for a moment, in silence, speaking, singing, praying
Gruppe Interreligiöses Friedensgebet Berlin

Januar 2021

Zeit für das Leben

Der erste Sonntag jeden Monats ist für die Freunde des IRFG (interreligiösen Friedensgebets) Berlin noch immer und auch weiterhin wichtig für den Austausch unserer Gebetsanliegen.
Unsere Einladungen sind Weckrufe, dass wir aufstehen und eintreten als Mahnwache
für die, deren Leben durch Friedlosigkeit bedroht ist. Sie brauchen Fürsprache und Fürbitte.
Um den Gebetskreis bilden die meditativen Gesänge und das erwartungsvolle Schweigen ein lichtgewirktes Gewebe. Darin bergen wir uns und erfahren menschliche Nähe und spürbare Verbundenheit.

Die vorherrschenden Versammlungsbestimmungen berührt nicht unsere spirituelle Komposition, trifft uns aber in der physischen Konstellation – zutiefst und erst recht
am Anfang des Jahres.

Der Januar ruft uns den globalen Kalender ins Gedächtnis und erinnert uns an die interreligiöse planetarische Gemeinschaft der bewohnten Erde. Vielfältig sind die religiösen und kulturellen Riten zu Neujahr. Diese wecken Freude, denn wir erleben das geistige Erbe der Menschheit in seiner geistlich-geistigen Heilkraft. Unser Planet ist beschenkt mit der Heiligen Gabe des Lebens. Nun aber brachte der Ausgang des alten und auch der Anfang des neuen Jahres echte Bedrohungen für die Lebenden. Nicht der schöpferische Odem des Lebens weht uns hier und heute an; vielmehr umschleicht uns ein das Leben gefährdender Hauch.

Er wird uns nicht vernichten, wenn wir uns aufmachen als eine Gemeinschaft der Ehrfürchtigen, die der Quelle des Lebens nachspüren, um zur Einsicht undr echtzeitig zur Umkehr kommen. Dabei sind wir unterwegs mit lebenden Weltreligionen und lebensbejahen-den Weltanschauungen. Überall treffen wir Wissenschaftler und Weltweise, die aus der Begegnung mit dem lebendigen Gott und den heiligen Schriften Einweisungen in die Lebensordnung Gottes erkannten. Im interreligiösen Dialog empfangen wir die Inspiration zum tieferen Verständnis der Lebenszusagen bei den Völkern und ihren Kulturen.

Könnte es sein, dass das pandemische Virus eine warnende Botschaft unter allen Völkern– pandemisch eben! – verstanden werden will? Um des Lebens willen! Aus einer hellenistischen Weltreligion hat der erste Monat des Jahres den Namen Januar behalten. Dies wurde bestätigt 1582 durch den gregorianischen Kalender der aufstrebenden Weltkirche. Es besteht Überein-stimmung aller Religionen weltweit, dass der Umgang mit der Zeit göttlicher Anordnung folgt. Dies gilt auch im okzidentalen Kulturkreis, in dem die zeitübergreifende Anwesenheit Gottes autorisiert wird durch den Namen der Gottheit Janus.

Auch 2021 gilt dies, damit wir durch Rückblick und Ausblick auf die Jahre gefestigt werden, aber auch Torschwelle und Türrahmen unseres Lebensweges mit Gottvertrauen durchschreiten. Wir dürfen beten um die demutsvolle Einsicht, damit mutige Umkehr bereitet werde, und dass ein neues Eintreten geschehe: für das Leben und zum ehrfürchtigen Empfang der Heiligen Gabe des Lebens.


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Ein anderer Advent

Müßiggang ist aller Laster Anfang, hieß es früher im Volksmund. Ich würde sagen: Müßiggang ist allen guten Lebens Anfang, ist Lebenskunst. Einfach mal nichts tun ist Widerstand gegen die heillose Hektik unserer Zeit, gegen Konsumrausch und Selbstoptimierungszwang. Der Advent ist eine Zeit, in der Nichtstun sogar zur religiösen „Tugend“ wird: eine Zeit der Unterbrechung des Alltags mit seinen hundertfachen Anforderungen und Erwartungen an uns. Eine Zeit der Offenheit für Unerwartetes, der Besinnung auf das Wesentliche und der stillen Gewissheit, dass da eine Verheißung in der Luft liegt: dass da etwas kommen wird, das nicht einfach machbar ist und über unsere Erwartungen hinausweist.

Doris Strahm
(aus: S. Burster, P. Heilig, S. Herzog: Frauenkalender 2020 Was wag
en)

zum Weiterlesen:
Advent als Perspektivwechsel (Gedicht)

 

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Zuflucht in Zeiten von Corona (Psalm 91)

Manche Gedanken und Impulse für Blogposts liegen länger im Entwürfe-Ordner. Einige reifen, andere werden gelöscht – dann und wann scheint einer aktueller als zu der Zeit als man ihn ursprünglich entdeckte und ablegte. So ging es mir mit einer Neufassung von Psalm 91, die ich vor mehr als zwei Jahren bei Conny, einer Freundin unserer Gemeinschaft, entdeckte und kopierte.

Psalm 91 kommt täglich im Abendgebet der Kirche (Komplet) vor und wird bei jüdischen Beerdigungen gesprochen. Er paßt gut in diese Jahreszeit, in der Christen den Ewigkeitssonntag / Christkönigssonntag begehen, auf Advent und Weihnachten zugehen und in der Juden sich auf das Chanukka-Fest vorbereiten:

Dass deine Flügel über uns sich breiten,
und Schatten spenden in der Glut.
Dass wir nicht irre geh’n in dunklen Zeiten:
Gott, gib uns Zuversicht und Mut.

Dass wir geschützt sind
vor dem Pfeil der Lüge,
vor Falschheit, vor Betrug und Gier.
Und dass wir aufsteh’n
gegen Hass und Kriege:
Die Kraft dazu erbitten wir.

Dass auf der Welt Vernunft
und Rücksicht walten,
dass nie ein Mensch mit Menschen spielt,
dass wir die Erde pflegen und gestalten
als Garten Gottes, sei uns Ziel.

Dass deine Engel uns auf Händen tragen,
uns retten vor der Feindschaft Pest.
dass mutig wir Versöhnungswege wagen
und uns dein Geist niemals verlässt.

Dass wir wie Kinder uns dir anvertrauen
dass uns niemals die Angst verzehrt,
dass wir am Ende unverhüllt dich schauen
in deinem Reich, sei uns gewährt.

Helmut Schlegel OFM

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Aktuell: Martin Luther zur Corona Seuche

Vermutlich weil gestern Reformationstag war, hat F.cebook mehrfach ein Zitat von Martin Luther angespült. Als 1527 in Wittenberg die Pest ausbrach sagte er:

„Wenn Gott tödliche Seuchen schickt, will ich Gott bitten, gnädig zu sein und der Seuche zu wehren. Dann will ich das Haus räuchern und lüften, Arznei geben und nehmen, Orte meiden, wo man mich nicht braucht, damit ich nicht andere vergifte und anstecke und ihnen durch meine Nachlässigkeit eine Ursache zum Tode werde. Wenn mein Nächster mich aber braucht, so will ich weder Ort noch Person meiden, sondern frei zu ihm gehen und helfen. Siehe, das ist ein gottesfürchtiger Glaube, der nicht tollkühn und dumm und dreist ist und Gott nicht versucht.“ (Quelle: Luthers Werke, Band 5, Seite 334f)

 

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Lob des Gehens …

heißt ein Podcast, der gerade gestartet wurde und den ich über Herrn Buddenbohm entdeckt habe. Die erste Folge fand ich sehr ansprechend und bin gespannt auf die nächsten Beiträge, die hier zu finden sein werden. Nicola Wessinghage aus Hamburg unterhält sich

„mit verschiedenen Menschen über die vielen Facetten des Gehens. Dabei bewege ich mich in ganz unterschiedlichen Themenfeldern, von der Anatomie über Architektur, Neurologie, Kommunikation, Kunst, Kultur und Geschichte. In einigen Episoden wird es auch um kleine Experimente bzw. Erfahrungsberichte gehen. Denn Aufhänger für diesen Podcast waren vor allem meine eigene Lust am Gehen und die Neugier, besser zu verstehen, warum es auf so verschiedene Arten so gut tut, zu Fuß unterwegs zu sein.“

In unserer WG spielt das Unterwegs sein zu Fuß, das Gehen im Alltag eine große Rolle. Vielleicht ist unsere Gemeinschaft auch deshalb der Ort geworden, an dem die Exerzitien auf der Straße entstanden sind ohne daß das jemand geplant hätte.

Zum Weiterlesen und Weiterhören:
Podcast Lob des Gehens
Beiträge hier im Blog über  Exerzitien auf der Straße

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Laubhüttenfest in Zeiten von Corona oder von der Verletzlichkeit unseres Lebens

Dach einer Laubhütte

Sieben Tage Laubhüttenfest (Sukkot) – ein Erntedankfest und eine Erinnerung an die vierzig Jahre in der Wüste. EINER geht voran – geht mit: Tags als Wolkensäule – nachts als Feuersäule. Die Israeliten – wir – unterwegs, verletzbar, verwundbar, ausgesetzt äußerlich und innerlich. Die Sukka – ein Schutz: auf Zeit, vorläufig bis zum nächsten Aufbrechen – ein Provisorium. Sieben Tage in einer Laubhütte leben und wo das von den Temperaturen her nicht möglich ist, zumindest die Mahlzeiten dort einnehmen. Sich mit Freunden und Bekannten treffen zum Reden, Lernen … Spontan hingehen – ins Gemeindezentrum oder wo „privat“ eine steht. All das ist in diesem Jahr der Pandemie so nicht möglich. Und doch bringt uns Corona und die damit verbundenen Umstände näher an die ursprüngliche Bedeutung dieses Festes.

Unsere Vorfahren waren vierzig Jahre in der Wüste unterwegs nach ihrer Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten auf ihrem Weg ins Land der Verheißung. Sie waren der Hitze, der Kälte und den Sandstürmen ausgesetzt und bauten immer wieder an neuen Rastplätzen provisorische Hütten. Die Mehrzahl derer, die aus Ägypten ausgezogen waren, starben unterwegs und kamen nicht im Land der Verheißung an.Sie erlebten die Zerbrechlichkeit, Verletzbarkeit und Vorläufigkeit des Lebens. Ihre Lebensbedingungen waren ganz andere als unsere unter „normalen“ Umständen. Aber was ist in diesem Jahr – in diesen Zeiten –  normal?

Wenn ich aus dem Haus gehe und auf den Straßen Kreuzbergs unterwegs bin, sehe ich immer mehr Leute, die sich in Hauseingängen, auf Treppenstufen, auf Sitzplätzen von Bushaltestellen oder auf den Parkbänken im Engelbecken provisorisch eingerichtet haben und versuchen zu schlafen oder mit Einkaufswägen unterwegs sind, in denen sie ihre Habseligkeiten mit sich führen. Immer mehr Menschen verlieren ihr Zuhause, sind auf öffentliche Essensausgabestellen und in der kalten Jahreszeit immer mehr auf Notübernachtungsprogramme angewiesen.

Zu Vor-Corona-Zeiten hat uns die Sukka an die Brüchigkeit, Begrenzungen und Endlichkeit unseres Alltagslebens erinnert. Dieses Jahr 2020 brauchen wir die Laubhütte, damit sie uns daran erinnert, daß die Zerbrechlichkeit, wie wir sie in diesen Zeiten erleben, vorübergehend und vorläufig ist. Wir brauchen die Laubhütte um uns bewußt zu machen, daß die zeitweiligen Strukturen, in denen wir leben, keine Lösung auf Dauer sind und auch nicht sein können und dürfen.

Dieses Jahr können wir nicht wie in anderen Jahren viele Gäste in die Sukka einladen. Es gibt einen schönen Brauch, Gäste aus biblischen Zeiten in die Sukka einzuladen, die „Uschpisim“. Das kann uns nähren und stärken. Uschpisim ist das aramäische Wort für Gäste, die besonders wertgeschätzt werden. Man lädt sie in die Sukka ein, denn jeder Tag steht unter dem Zeichen eines anderen himmlischen Gastes. Der Brauch ist in einem mystischem Zweig des Judentums entstanden, – bei den Kabbalisten von Sefat. Die sieben Gäste haben gemeinsam, dass sie alle Hirten waren: Am ersten Abend ist es Abraham, am zweiten Isaak, am dritten Jakob, am vierten Josef, am fünften Moses, am sechsten Aaron und am siebten David. Da das sehr einseitig auf Männer zentriert ist, kamen jüdische Frauen in den letzten drei Jahrzehnten auf die Idee, auch biblische Frauen als Gäste einzuladen. Nach dem Verständnis der Kabbala ordnen wir unser Wesen, wenn wir jeden Abend einen anderen himmlischen Gast empfangen und ehren. Diese Gäste werden als uschpisin dimnuta (Gäste des Glaubens) gesehen.

Auch wenn wir uns um den Tisch in der Laubhütte nicht so versammeln können wie in anderen Jahren und Gastfreundschaft üben können, wie wir es gern tun würden, so brauchen wir diesen Tisch als Zeichen der Erinnerung an die Menschen, die sich nicht aussuchen können wie wir, ob sie sich draußen oder drinnen aufhalten, weil es für sie kein DRINNEN mehr gibt und nur gelegentlich die Möglichkeit besteht, sich für eine halbe Stunde zur Einnahme eines warmen Essens hinzusetzen, wenn sie nicht gar gleich nach dem Austeilen eines Essenspackets gehen müssen, weil sonst die Einhaltung der Corona-Regeln nicht mehr zu bewerkstelligen ist und die Schließung der Essensausgabe droht.  Alte Menschen sitzen am Ostbahnhof auf Bordsteinen um die warme Mahlzeit zu verzehren, die sie vom Caritas-Foodtruck erhalten haben. Im Bahnhofsbereich weisen Beschilderungen darauf hin, daß sich dort nur aufhalten darf, wer eine gültige Fahrkarte vorweisen kann.

Man mag das mit Zweigen bedeckte Dach der Sukkah malerisch und die Sicht auf die Sterne und den Mond großartig finden, aber die, die unter Planen und wackeligen Zeltkonstruktionen die Nacht verbringen, für sie bedeutet jedes Loch weniger Schutz vor Regen, Wind, Kälte und ist ein mögliches Einfallstor für Krankheiten, die für sie bedrohlicher sind als für uns, weil viele von ihnen von medizinischer Versorgung weitgehend abgeschnitten sind.

Was können wir tun?

1. Wir können Essensausgabestellen, Suppenküchen, den Caritas-Foodtruck, Einrichtungen der Kältehilfe durch Geld- oder Sachspenden unterstützen.

2. Auch Menschen, die sich ehrenamtlich in diesem Bereich engagieren wollen, werden gesucht. Gerade jetzt werden an vielen Stellen neue Ehrenamtliche gebraucht, weil aus Altersgründen viele, die seit Jahren im Einsatz sind, wegen erhöhter Gefährdung vor Corona ihr Engagement nicht mehr fortsetzen können.

3. Auch häusliche Gewalt nimmt in diesen Zeiten zu. Wir können Einrichtungen, die sich in diesem Bereich einsetzen, unterstützen. Auch wenn wir selber gerade ein mehr zurückgezogenes Leben führen, können wir achtsam sein, ob wir in unserem Umfeld Zeichen häuslicher Gewalt wahrnehmen.

4. Viele von denen, die bis jetzt immer wieder zu den Helfenden gehört haben und in scheinbar gesicherten Verhältnissen gelebt haben, sind durch Corona in Not geraten, weil sie keine oder stark eingeschränkte Arbeitsmöglichkeiten haben. Für sie kann es schwer sein, sich mit ihrer Not und Bedürftigkeit zu zeigen. Wem es schwer fällt, sich direkt an andere oder auch an soziale Einrichtungen zu wenden, für den oder die kann eine der Telefonberatungsstellen ein erster Ort zum Gespräch darüber sein (Telefonseelsorge, Corona-Telefon …).

Mehr Infos zum Laubhüttenfest
Mehr zum Caritas-Foodtruck


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Es könnte sein …

Zu Beginn der Corona-Krise wurde dieser Text an unterschiedlichen Orten des Internets geteilt. Auch in unserer Wohngemeinschaft war er Thema. Er lädt dazu ein zu überlegen, was gutes Leben ist.

Es könnte sein…

Es könnte sein, dass in Italiens Häfen die Schiffe für die nächste Zeit brach liegen, … es kann aber auch sein, dass sich Delfine und andere Meereslebewesen endlich ihren natürlichen Lebensraum zurückzuholen dürfen. Delfine werden in Italiens Häfen gesichtet, die Fische schwimmen wieder in Venedigs Kanälen!

Es könnte sein, dass sich Menschen in ihren Häusern und Wohnungen eingesperrt fühlen, … es kann aber auch sein, dass sie endlich wieder miteinander singen, sich gegenseitig helfen und seit langem wieder ein Gemeinschaftsgefühl erleben. Menschen singen miteinander!!! Das berührt mich zutiefst!

Es könnte sein, dass die Einschränkung des Flugverkehrs für viele eine Freiheitsberaubung bedeutet und berufliche Einschränkungen mit sich bringt,… es kann aber auch sein, dass die Erde aufatmet, der Himmel an Farbenkraft gewinnt und Kinder in China zum ersten Mal in ihrem Leben den blauen Himmel erblicken. Sieh dir heute selbst den Himmel an, wie ruhig und blau er geworden ist!

Es könnte sein, dass die Schließung von Kindergärten und Schulen für viele Eltern eine immense Herausforderung bedeutet,…es kann aber auch sein, dass viele Kinder seit langem die Chance bekommen, endlich selbst kreativ zu werden, selbstbestimmter zu handeln und langsamer zu machen. Und auch Eltern ihre Kinder auf einer neuen Ebene kennenlernen dürfen.

Es könnte sein, dass unsere Wirtschaft einen ungeheuren Schaden erleidet,… es kann aber auch sein, dass wir endlich erkennen, was wirklich wichtig ist in unserem Leben und dass ständiges Wachstum eine absurde Idee der Konsumgesellschaft ist. Wir sind zu Marionetten der Wirtschaft geworden. Es wurde Zeit zu spüren, wie wenig wir eigentlich tatsächlich brauchen.

Es könnte sein, dass dich das auf irgendeine Art und Weise überfordert, … es kann aber auch sein, dass du spürst, dass in dieser Krise die Chance für einen längst überfälligen Wandel liegt,
– der die Erde aufatmen lässt,
– die Kinder mit längst vergessenen Werten in Kontakt bringt,
– unsere Gesellschaft enorm entschleunigt,
– die Geburtsstunde für eine neue Form des Miteinanders sein kann,
– der Müllberge zumindest einmal für die nächsten Wochen reduziert,
– und uns zeigt, wie schnell die Erde bereit ist, ihre Regenaration einzuläuten, wenn wir Menschen Rücksicht auf sie nehmen und sie wieder atmen lassen.

Wir werden wachgerüttelt, weil wir nicht bereit waren es selbst zu tun. Denn es geht um unsere Zukunft. Es geht um die Zukunft unserer Kinder!!!

(Autorin: Tanja Draxler – http://www.tanjadraxler.com)
Übersetzungen dieses Textes in verschiedenen Sprachen sind hier