Ein Tisch erzählt … vom Fest (2)

Ein Tisch erzählt … vom Fest: Teil 1

Am Samstagmorgen, dem großen Tag, versammelten sich alle, die da waren um 8.00 Uhr um mich um zu frühstücken. Das war ungewöhnlich früh, denn normalerweise findet das Samstagsfrühstück immer als offenes Frühstück von 9.30 h bis 12.30 h mit vielen Gästen in großer Runde statt. Es war das erste Mal, daß das Samstags-frühstück in dieser Form ausfiel – und zwar wegen der vielen Vorbereitungen für das Fest, das um 15.00 Uhr beginnen sollte.

Außer den Bewohnern saß noch ein Gast in der Frühstücksrunde: Dorothea aus Frankfurt. Die kannte ich schon von ihrem Aufenthalt im Februar als sie zwei Wochen in der Naunynstraße zu Gast war und in einer Flüchtlingsunterkunft mitgearbeitet hat und zwar im Rahmen eines Praktikums für die Ausbildung zur Exerzitienbegleiterin. Danach hat sie noch das Osterwochenende in der Naunynstraße verbracht. Sie wollte den Bewohnern und Bewohnerinnen etwas Wichtiges mitteilen. Es wurde ganz still. Dorothea erzählte, wie sehr die Zeit in der Naunynstraße sie berührt hat und die Gemeinschaft sie nicht mehr losgelassen hat. Darüber war sie mit verschiedenen Menschen im Gespräch und hat beschlossen, ihre Zelte in Frankfurt abzubrechen und zum September in die Naunynstraße zu ziehen. Was für eine Überraschung für die meisten. Christian und Iris haben es wohl schon gewußt.

Nach dem Frühstück ging es sehr turbulent zu. Es wurden noch einige praktische Absprachen getroffen. Vieles, was zum Fest benötigt wurde und in der Naunynstraße zwischengelagert wurde, mußte zusammengepackt werden und ins Sharehaus gebracht werden, wo das Fest stattfinden sollte.

Und dann – es war inzwischen Mittag geworden – kam eine noch größere Überraschung für mich. Ich wurde – im wahrsten Sinne des Wortes – auseinander genommen: Meine beiden Seitenplatten, die ausziehbar sind, wurden abgenommen und dann auch noch meine Tischplatte entfernt. Ich wurde von Dorothea und Michael zwei Treppen hinunter getragen und in Michaels Transporter verstaut.

Foto: Miriam Bondy

Mittelteil vom Wohnzimmertisch mit Dorothea und Michael; Foto: Miriam Bondy

Das erste Mal seit Jahrzehnten sah ich das Leben außerhalb der Wohnung in der Naunynstraße, von dem immer so viel erzählt wird. Es hat sich viel verändert seit ich das letzte Mal Straßenkontakt hatte. Für mich war das sehr aufregend. Die Fahrt hätte ruhig länger dauern können. Es ging nur ins nahe gelegene Neukölln – ins Sharehaus. Dort leben geflüchtete Menschen. Es gibt Kreativwerkstätten und im Erdgeschoß eine Cafeteria. Neben der Cafeteria befindet sich ein großer Saal, der früher ein Kirchenraum war. Das ist noch deutlich zu sehen. Dort nun sollte das Fest, Christians Geburtstag, sein Abschied, der Generationswechsel und die Übergabe an Iris und Michael gefeiert werden. Ich wurde durch den großen Saal getragen, ganz nach vorne, wo eine Bühne aufgebaut war. Dort wurde ich mit meinen Einzelteilen an die Wand gelehnt.

Mir war ganz schwummerig. Um mich herum im Saal war unglaublich viel los: Es wuselte und brummte. Lange Tischreihen waren von fleißigen Helferinnen und Helfern aufgebaut worden und liebevoll mit Kerzen und Servietten dekoriert. RocknRollF zeichnete Plakate, die auf die verschiedenen Programmpunkte hinwiesen oder deutlich machten, wo Toiletten sind und wo geraucht werden konnte und was es sonst so an Do’s und Don’ts gab. Blumen wurden im Raum verteilt, die Musik- und Lautsprecheranlage überprüft, Biertische und Bänke und viele Getränkekisten hereingebracht.

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In einer Nische in der Wand an der Längsseite waren eine Menge Bücher aufgebaut: Mindestens 400 Exemplare vom Einfach-ohne-Buch, das an die Gäste verschenkt werden sollte. Ich kenne das Buch fast auswendig, weil die Beiträge auf mir sortiert wurden und Hilmtrud wochenlang das Korrekturlesen an mir durchgeführt hat.  Aber ich will nicht abschweifen.

Ein Kollege von mir mit ziemlich bombastischen Ausmaßen, der sonst im Olivenhandel auf den Wochenmärkten im Münsterland tätig ist, wurde an der gegenüberliegenden Längsseite aufgebaut um das Kuchenbüffet und später das Abendbüffet zu tragen. Ich winkte ihm freundlich zu und war froh, daß ich an diesem Tag nichts weiter zu tun hatte – dachte ich zumindest…

Fortsetzung:
Teil 3: Ein Tisch … als Zeichen der Gemeinschaft

 

Einfach ohne … Umwege

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Franz schreibt im EINFACH OHNE -Buch:

Meine Erfahrungen mit Christian Herwartz

Als ich aus der Abschiebehaft ohne Papiere bei Christian ankam und nur Obdach für eine Nacht erbat, hat er mich aufgenommen. Aus einer Nacht sind sieben Jahre geworden. Christian hat mir Tag für Tag neu Mut gemacht, Hoffnung zum Weiterleben und hat alle menschlichen und rechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft, um mir ein Bleiberecht zu verschaffen, ja viel mehr, er hat es ermöglicht, dass ich als freier Mensch leben kann. Die Hilfe, die Christian mir geschenkt hat, ist so groß, dass ich sie nicht in Worte fassen kann. Es ist mehr, als Menschen aus sich heraus geben können. Ich habe bei Christian gesehen, was es heißt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Ich habe in der Person von Christian erfahren, wie die Seligpreisungen Jesu an mir Wirklichkeit geworden sind: Einfach mit Geschichte Ich hatte Hunger und er hat mir zu essen gegeben. Ich hatte kein Obdach und er hat mir Wohnung gegeben. Ich hatte nichts anzuziehen und er hat mir Kleidung gegeben. Ich hatte keinerlei finanzielle Mittel und er hat mir Geld gegeben. Ich hatte keine Papiere und er hat mir Recht verschafft. Ich hatte Angst auf die Straße zu gehen und er hat mir Mut gemacht. Ich hatte keine Arbeit und er hat mir Arbeit beschafft. Ich hatte niemanden hier, den ich kannte und dem ich vertraute und ich habe durch Christian viele Freunde und eine große Familie gefunden. Als ich Christ wurde, habe ich meine Herkunftsfamilie verloren. Durch Christian bin ich in eine neue Familie hineingewachsen. Ich habe in ihm mehr als einen Vater, mehr als einen Bruder gefunden!

Meine Erfahrungen mit Franz Keller

Als ich ganz neu in der Naunynstraße wohnte, habe ich gesehen, dass Franz ein ganz besonderer Mensch ist. Immer wenn er sich mir zuwandte und mit mir sprach, spürte ich seine Liebe und Wärme. Sein Lächeln strahlte so viel Freundlichkeit und Menschlichkeit aus! In der Bibel hatte ich gelesen: Gott ist die Liebe. Und in den Augen von Franz habe ich diese Liebe Gottes gesehen! Im Gottesdienst der Kommunität habe ich immer neben Franz gesessen. Da habe ich ihn mehrmals gebeten, in einem konkreten Anliegen für mich zu Gott zu beten. Als Franz das für mich tat, passierte es mehrmals, dass meine Bitten in kurzer Zeit erfüllt wurden, auf wundersame Weise. Dadurch ist mein Vertrauen zu Gott immer größer geworden. Franz war wie eine Brücke zwischen mir und Gott. Als ich schon begonnen hatte, an Gott zu glauben und erfahren hatte, dass Gott die Bitten erfüllt, die ich über Franz vor ihn bringe, bat ich Franz erneut, weiter in meinem Namen bei Gott zu bitten. Ich hielt dies für einen guten Weg, denn Franz war ein heiliger Mensch für mich, weil Gott offenbar auf ihn hörte. Aber eines Tages sagte Franz zu mir: „Du bist selbst ein Mensch, genau wie ich. Du selbst darfst Vertrauen zu Gott haben. Du selbst hast deine ganz eigene Beziehung, die direkt zu Gott geht. Du musst nicht den Umweg über mich nehmen.“ Während Franz so zu mir sprach, sah ich die Liebe Gottes in seinen Augen. Deshalb habe ich geglaubt, dass es wahr ist, was er mir sagte. Deshalb habe ich es gewagt, selbst in Beziehung zu Gott zu gehen und ihm meine Bitten auf direktem Weg vorzutragen. Durch Franz und Christian ist für mich die Liebe Gottes so deutlich geworden, dass sie mir das Liebste geworden sind, was ich auf Erden habe, gleich nach Gott Vater, Gott Sohn und dem Heiligen Geist.

Mehr zum EINFACH OHNE – Buch, einer Textsammlung der Wohngemeinschaft Naunynstraße

das EINFACH OHNE – Buch ist da

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Am Montag Nachmittag kam der Kleintransporter mit den EINFACH OHNE – Büchern. Zu fünft haben wir die Bücher relativ schnell ausgeladen und verstaut.

Der dritte Band der Textsammlung der Gemeinschaft Naunynstraße „EINFACH OHNE – Briefe und Texte an eine Berliner Wohngemeinschaft“ ist aus Anlass des Generationswechsels in der Naunynstraße, der Suche nach neuen Verantwortlichen und dem Prozess des Neu-Zusammenfindens entstanden. Christian Herwartz wird eine längere Reise machen und feiert den Start am 16. April 2016. Ist die Mission in Kreuzberg in Solidarität zu leben erfüllt und was macht sie eigentlich aus?

Mit dieser Frage sehen wir den vorhandenen Kolonialismus und die scheinbare westliche Überlegenheit bei uns in Europa neu. Die Länder des globalen Südens werden bis heute ausgebeutet, unterstützt von Knebelverträgen und deutschen Waffenlieferungen. Auch in Europa ziehen wir Grenzlinien zwischen denen, die dazugehören und denen, die anders sind. Wie kann es Wege geben, diese koloniale Übergriffigkeit zu überwinden und uns auf Augenhöhe zu begegnen? Die kolonialen Ideen werden auch im Umgang mit Flüchtlingen deutlich. Den Flüchtlingen sollte genauso wie den AutorInnen dieses Buches zugehört werden, damit sie ihre Erfahrungen und Wünsche in unsere Gesellschaft einbringen können. Dann sind sie keine Objekte des Helfens mehr. In diesem Buch erzählen Menschen von ihren Erfahrungen, Perspektiven und Lebensfragen, die der Kommunität auf ihrem neuen Weg, und viele andere begleiten und zum Nachdenken anregen können. Erfreulich sind auch die vielen Beziehungen, die mit der Naunynstraße und ihrer Idee verbunden sind.

Das Buch besteht aus folgenden Kapiteln:
– Einfach ohne Kolonialismus
– Einfach ohne
– Einfach ohne Vorgaben
– Einfach ohne Schuhe
– Einfach ohne Fragerei
– Einfach offen
– Einfach Mensch sein
– Einfach in Fülle
– Einfach gemeinsam
– Einfach freiwerden
– Einfach mit Solidarität
– Einfach mit Hoffnung
– Einfach mit Frieden
– Einfach mit Geschichte
– Einfach mit Zukunft

Mehr als 120 Menschen haben uns Texte und Bilder zur Verfügung gestellt. Das Buch hat 288 Seiten, und wir verschenken es an die, die es lesen mögen. Es ist nicht käuflich. Ein Beitrag zu den Druck- und Versandkosten ist möglich und erwünscht.
Bestellungen unter: naunyn (ät) gmx (dot) de