Wenn ein Bild von Befreiung erzählt …

Unübersehbar ist dieses Bild von Katja Sommer in unserem Wohnzimmer für jeden, der es betritt. Vor einigen Tagen habe ich in der Textsammlung „Gastfreundschaft – 25 Jahre Wohngemeinschaft Naunynstraße“ die Zeilen entdeckt, die Katja darüber verfaßt hat. Am letzten Kommunitätsabend haben wir diese Geschichte miteinander gelesen. Niemand von den jetzigen Bewohnern kennt Katja, und es ist schön in diesem Text eine Brücke zu haben.

Befreiung

Angefangen hat alles mit der Verbindung meines Vaters zur Naunynstraße. 1997 war das Jahr, in dem ich nach Berlin zog. Meine Freundin hatte mich eingeladen, hierher zu kommen. Von ihrer Wohnung aus suchte ich mir ein Zimmer im Prenzlauer Berg. Mein Vater besuchte mich bald. Er war in Sorge, daß ich in der großen Stadt verloren gehen könnte, und lud mich ein, mit ihm zur Naunynstraße zu kommen und Christian kennenzulernen. Das war der Beginn einer ganz besonderen Freundschaft.

Gab es Momente, in denen sich die Sorge meines Vaters zu bestätigen schien, so fand ich immer wieder Halt und Geborgenheit in langen Gesprä-chen mit Christian, auf Spaziergängen oder in einer Ecke der Wohnung. Und traf auf Menschen, denen es wohl ähnlich ging wie mir. Schritt für Schritt löste sich auf, was ich bisher als mein persönliches, einzigartiges Unglück zu betrachten gelernt hatte.

Kein Schritt, vielmehr ein Sprung auf diesem Weg war Christians Wunsch an mich, für sein Fest ein Bild zum Thema Befreiung zu malen. Inzwischen hatte ich nämlich ein Studium für das Lehramt Bildende Kunst an der Kunsthochschule begonnen, und Christian wußte, daß ich viel malte. Ich freute mich über diese Idee.

Ich wählte ein großformatiges Bild aus, das überwiegend in Blau und Weiß gemalt ist und eine abstrakte Form darstellt, die ich am ehesten als eine Art Zwiebel beschreiben würde. Eine Zwiebel, und das ist das Entscheidende, die sich nach oben öffnet und Farbe sprüht.

Das Bild bekam einen Platz neben den anderen Geschenken, und mehrere Leute fotografierten mich und sich und andere Leute davor. Ich war stolz und glücklich über die positiven Rückmeldungen der Betrachter.

Doch es sollte noch besser kommen. Eines Tages rief Christian mich an und berichtete begeistert, er habe das Bild, und auch eines von Albert, in der Naunynstraße aufgehängt und ich solle vorbeikommen um es mir anzusehen. Es habe einen wunderbaren Platz im Wohnzimmer bekommen, wo es aussehe, als gehöre es dorthin. Ich glaube, ich fuhr noch am selben Tag hin. Und richtig: Das Bild hing im Wohnzimmer, als sei es extra für diesen Platz gemalt. Vielleicht fing es erst jetzt an, auch mir selber zu gefallen. Christian sagt, es erfreue die Menschen, die zu ihm zu Besuch kommen, und erfülle den Raum mit Dynamik, Licht und Freude. Und wenn ich jetzt zu Besuch komme, bin ich für diejenigen, die ich dort zum ersten Mal treffe, oftmals die Künstlerin, die dieses Bild gemalt hat. Das ist eine große Ehre für mich.

Und in diesen Momenten funkt die Hoffnung in mir auf, daß die Befreiung, die ja der Ausgangspunkt dieser Geschichte ist, hier erst ihren Anfang nimmt. Zum Beispiel, daß ich noch viele Bilder malen werde, die anderen Menschen Mut machen, und wir zusammen weitergehen … in Richtung Licht.

Meinen Dank für viele schöne Stunden möchte ich an dieser Stelle auch Hans und Helma aussprechen, die mit ihren Essenseinladungen einen wichtigen Teil zu meinem „Leben in Berlin“-Wohlgefühl beitragen. Und ich möchte auch Franz nicht vergessen, dessen liebes, freundliches Gesicht und Sein mir jedesmal das Herz erwärmt, wenn ich es erlebe.

Katja Sommer – Berlin 1.1.2003 aus der Textsammlung „Gastfreundschaft – 25 Jahre Wohngemeinschaft Naunynstraße“, S. 280

Zum Weiterlesen:
Auch ein Tisch – unser Wohnzimmertisch hat eine besondere Bedeutung: Ein Tisch als Zeichen der Gemeinschaft

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CAJ-Psalm

In der zweiten Januarhälfte treffen sich zu einer Abendmesse am Donnerstag Menschen aus Sankt Michael, aus der CAJ (christliche Arbeiterjugend) und aus unserer Wohnge-meinschaft um an Michael Walzer und Franz Keller zu erinnern. Die meisten kennen Michael nicht mehr persönlich, der vor 36 Jahren verstorben ist, aber einige sind treu seit dieser langen Zeit jedes Jahr wieder dabei. Eine große Freude ist die Neugründung der CAJ, deren Begründer in Berlin Michael war. In diesem Jahr fand ich den Beitrag der jungen CAJler, Christen und Muslime, besonders bewegend.

Angelehnt an Psalm 22 haben junge CAJler_innen aus ganz Deutschland zu Ostern 2018 einen Psalm formuliert, der im G-ttesdienst gelesen wurde und erlaubt, dass er hier ins Blog eingestellt werden darf:

Mein Gott, mein Gott,
warum hast du mich verlassen?
Risse öffnen sich in der Welt,
zwischen arm und reich,
zwischen denen, die alles und denen, die nichts haben,
zwischen bekannten und
unbekannten, zwischen
Hass und Liebe.
Ich liege am Wegesrand, aber niemand sieht mich, schaut zu mir hin.
Oder
sie
sehen mich alle, schauen weg, gehen vorbei.
Ich bin ganz allein.
Menschen hasten unter Zeitdruck, sind überfordert, ohnmächtig.
Und über allem
die
Skyline.
Im Raum
voller Menschen bin ich allein,
vergessen, verloren. Muss das sein?
Ich laufe durch die Menschenmenge und fühle mich verloren, ziellos, einsam.
Ich liege am Boden und flehe um Hilfe, doch alle gehen nur stumm an mir vorüber.
Mein sicherer Halt, das sind meine Leute,
doch von jetzt auf gleich verwandeln sie sich zur Falle,
die mich herabzieht, zur Droge, die mich verheißungsvoll böse anzieht.
Sucht, Angst, Wut um mich herum
mein Gott, wo finde ich Halt?
Herr, ich klage dich an, denn meine Schuld und Scham frisst mich von innen auf.
In dieser Ohnmacht fällt es mir schwer, an
einen guten Gott zu glauben.
Du hast mich fallen gelassen
und
hast mir wieder hoch geholfen.
Du hast mich kaputt gemacht
und
hast mich wieder repariert.
Du hast mir Angst gemacht
und
hast mich dann in den Arm genommen.
In einem Riss: die Hoffnung wie ein Löwenzahn,
der den Riss im Asphalt nutzt, um zu leben.
Wie ein Kind, das aufgrund seines Alters nur Hoffnung kennt,
wie eine Freundschaft, die alle Hindernisse überwindet.
Was bleibt: Leben.
Wir werden gemeinsam aufstehen.
Werden uns an den Händen fassen und uns in die Augen schauen.
Jede*r ist dabei, jede*r gehört dazu.
Niemand bleibt am Wegesrand zurück.
Reiche mir deine Hand, lass
uns nach vorne zusammen gehen.
Es soll kein Mensch alleine stehen.
Wir werden alle
gemeinsam im Gotteshaus zusammenkommen und Solidarität leben.
Meine Familie und Freunde geben mir den Schutz, nach dem ich mich sehne
Und
die Unterstützung, nach der ich nicht zu fragen wage.
UnsereGesichter werden in fröhlichem Lachen schön aussehen,
wir bauen miteinander ein Haus, in dem wir mit Dir leben werden.
In Liebe und Freundschaft sorgen wir füreinander,
singen lautstark Lieder und richten uns auf, um von deiner Güte zu erzählen.
Dann blicke ich empor zu Dir.
Deine durchbohrten Arme,
weit ausgestreckt, sind eine Einladung.
Einladung zur Vergebung und Friede.
Darum jubeln wir.
Es ist vollbracht.
Du hast gesiegt.

Mehr vom Samstagsfrühstück mit den Sternsingern (Teil 2)

Ilona, die oft zum Samstagsfrühstück kommt, hat uns einige Zeilen zum Samstagsfrühstück vom letzten Samstag geschickt. Sie schreibt:

Dieses Samstagsfrühstück war für mich ein ganz Besonderes.

Es hatten sich viele Gäste eingefunden, die kürzer oder auch länger blieben, und die Tafel war immer gut besetzt. Der Tisch war wieder reichlich gedeckt und es gab extra Leckereien, wobei ich die selbstgemachten Trüffel von Iris hervorheben möchte.

Dann wurde uns der Besuch der Sternsinger angekündigt, die etwas später auch eintrafen. Sie erzählten uns von einem Projekt für behinderte Kinder in Peru, für das sie dieses Jahr sammeln. Ich erfuhr vom Brauch des „Dreikönigskuchen“. Iris hatte für diesen Anlass extra einen gebacken und die Sternsinger durften sich als erste jeder ein Stück davon nehmen. Sie sangen für uns, räucherten die Stube mit Weihrauch, und wir sangen auch alle etwas gemeinsam. Als Abschluß wurde das Segenszeichen für das neue Jahr an den Türrahmen geschrieben.

Wer wollte, konnte ein Klebchen mit dem Segenszeichen darauf für zuhause erhalten. Ich freute mich sehr, einen „Segen-to-go“ zu erhalten.

Schon während der Gesänge hatte ich das Gefühl, die Atmosphäre im Raum verdichtet sich irgendwie. Zum Schluß war dieses Gefühl ganz stark, es hielt auch noch an, als die Sternsinger wieder weg waren. Ich glaube, der Geist Gottes war sehr präsent anwesend.

Mir ist nicht bekannt, ob andere auch etwas spürten. Jedenfalls war es so, dass an diesem Tag nach Frühstücksende nicht wie sonst die meisten plötzlich gingen. Alle blieben sitzen und scherten sich nicht um die Uhrzeit. Mehrere Grüppchen hatten sich gebildet, die sich lebhaft unterhielten. Ich saß still inmitten des Stimmengewirrs, während der eine oder andere Gesprächsfetzen an mein Ohr drang. Es gab mir ein Gefühl des Friedens, die vielen unterschiedlichen Menschen so zusammensitzen und miteinander reden zu sehen.

Mit diesem schönen Gefühl in mir verabschiedete ich mich. Ich fühlte mich bis zum Abend wie in einem Kokon, in dem der Geist Gottes mich umgab.

Dieses Frühstück war ein Geschenk für mich!

Samstagsfrühstück mit den Sternsingern (Teil 1)

 

Nikolausüberraschung im Januar oder: aller guten Dinge sind drei

Nikolaus-Überraschung

Am 6. Dezember hatten wir in der Wohngemeinschaft ein religions-übergreifendes Nikolaus-Frühstück. Am 19. Dezember feierte ein Mitbewohner mit diesem Namen, der orthodoxer Christ ist, seinen Namenstag und gestern brachte uns ein evangelischer Nikolaus noch ein Paket, das über mehrere Stationen unterwegs hängen geblieben war. Und das kam so: Irgendwann im vergangenen Jahr wurde im Seniorenkreis der Hephatha-Gemeinde in Berlin-Neukölln eine der Geschichten aus dem Einfach-ohne-Buch vorgelesen. Im November sprachen dann die Mitglieder des Seniorenkreises darüber, wem sie dieses Jahr eine Nikolausfreude machen wollen. Zehn Empfänger – darunter unsere Wohngemeinschaft – wurden ausgewählt. Jedes Mitglied brachte von einem Produkt zehn Stück mit. Da gab es Tee, Honigkuchen, Rotkäppchen-Sekt, Süßigkeiten, Stollen, Honig, Brotaufstrich … Dann wurden die Pakete zusammengestellt und auf den Weg geschickt. Wir haben uns darüber sehr gefreut und sagen ein herzliches Dankeschön.

Dezember-Geburtstag

Eine ehemaligen Mitbewohnerin hat bei uns ihren Geburtstag gefeiert mit Musik, Liedern und Tanz. Leider konnte ich nur kurz dabei sein und mußte die Feier wegen einer anderen Verabredung vor dem Ende verlassen. Am neuen Treffpunkt, erzählte ich von dem Fest, das ich eben verlassen hatte. Die ‚Gastgeberin, die das Geburtstagskind kennt, zündete spontan ein Bündel Kerzen an, wünschte „viel Licht und gute Energie fürs neue Lebensjahr“ und sprach ein alevitisches Segensgebet für das Geburtstagskind und alle auf der Geburtstagsfeier – sehr berührend.

Advent meets Chanukka

Spinat-Latkes

Beim Frühstück haben wir die erste Kerze am Adventskranz angezündet und einen Text zum Advent als Zeit  des „dazwischen“ gelesen. Nach der Messe in Sankt Michael hat Roswitha zu ihrem Geburtstag eingeladen. Vor vielen Jahren hat sie den Kreis gegründet, der sich immer nach dem Gottesdienst zum gemeinsamen Frühstück und Gespräch trifft. Viele sind gekommen, die irgendeinmal zu diesem Kreis gehörten. Der kleine Gemeindesaal war brechend voll, weil viele Menschen sich mit Roswitha freuen wollten.

Am Abend wurde dann die erste Kerze am Chanukka-Leuchter angezündet, die Chanukka-Geschichte vom Aufstand der Makkabäer erzählt – ein Bilderbuch half dabei. Um an das Wunder zu erinnern, daß das Öl für den Leuchter acht Tage gereicht hat statt nur für einen Tag, gibt es Speisen die in Öl gebacken sind. So verzehrten wir mit großem Appetit Spinat-Latkes (Kartoffelpuffer) mit Lachsfrischkäse.

Ein fröhliches Chanukka – allen, die es feiern.

Stand der Lichter 1 (Adventskranz) : 1 (Chanukka-Leuchter)

Novemberausklang

Zum Ewigkeitssonntag hat Andreas, der auch hier mit liest, auf seiner Facebook-Seite ein Gedicht von Rose Ausländer geteilt:

Noch bist du da

Wirf deine Angst
in die Luft

Bald 
ist deine Zeit um
bald wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume ins Nirgends.

Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da

Sei was du bist
Gib was du hast