#WMDEDGT April 2022: Immer wieder dienstags …

Am 5. des Monats ruft die Nachbarbloggerin immer zum Tagebuchbloggen auf unter dem Motto „WMDEDGT?“ (kurz und knackig für „Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“). Manchmal melde ich mich auch hier im Blog zu Wort und dieses Mal habe ich wieder einiges zu erzählen. 

Ich bin der Tisch von der Wohngemeinschaft Naunynstraße mitten in Kreuzberg  im ehemaligen SO 36. Ich stehe hier mitten im Wohnzimmer seit 38 Jahren und habe schon viele kommen und gehen sehen. Zur Zeit steht neben mir ein kleiner Kollege, auf dem ein Bild von Christian mit Blumen und Kerzen steht. Christian hat die WG mit Michael und Peter 1979 in der Sorauer Straße – auch in Kreuzberg – begonnen. Da war ich auch schon dabei und bin 1984 dann mit umgezogen. Christian ist Ende Februar gestorben. Und sein Tod beschäftigt alle hier sehr.

Christian Herwartz im Herbst 2021

Hier sieht man Christian in Kladow, im Garten des Seniorenheims der Jesuiten. Dorthin mußten wegen Corona die Jesuiten der Altersgruppe 70plus. Es ist das letzte Foto, das wir von ihm haben. 

Zur Zeit wohnen nur zehn Leute um mich herum. Seit letzter Woche findet das Frühstück wieder um 8.00 h statt, zu dem alle kommen, die nicht unterwegs in der Arbeit oder bei anderen Terminen (Ämter, Jobcenter …) sind. Jobcenter findet ja im Moment auch online statt. 

Beim Frühstück waren zwei Menschen aus der Nachbarschaft dabei, die öfter dazu kommen. Es gibt immer interessante Gesprächsthemen. Die beiden Gäste sind politisch sehr interessiert und einer seit Jahrzehnten in der Kommunalpolitik in Kreuzberg aktiv. Da gibt es dann immer interessante Neuigkeiten. Morgen, am Mittwoch, wir der Maria-von-Maltzan-Platz in unserer Nachbarschaft eingeweiht. Maria von Maltzan  war während der Zeit des Nationalsozialsozialismus in einerA Widerstandsgruppe aktiv und hat Juden in ihrer Wilmersdorfer Wohnung versteckt und versteckten Juden geholfen. Später war sie als Zirkustierärztin unterwegs. Am Ende der Naunynstraße ist ein Rondell, das nach ihr benannt wird. Dort hatte sie ab 1984 eine Tierarztpraxis, in der sie die Tiere von Punkern und armen Leuten umsonst behandelt hat. 

 Außerdem wurde noch von Mabels Besuch am Montag erzählt. Sie hat mit ihrer Mitschwester Margit hier ein neun Monate gelebt. Es war eine Art Schwangerschaft. Danach haben sie die Berliner Beratungsstelle von Solwodi gegründet.  Dort bekommen Frauen, die von Menschenhandel und Zwangsprostitution betroffen sind, Hilfe. Bei uns haben auch schon welche gewohnt, wenn in der Zufluchtswohnung von Solwodi kein Platz mehr war. Unser Ex-Mitbewohner Rockn Rolf hat auf mir die Karrikaturen zur Illustration der Solwodi-Website gezeichnet, die hier zu sehen sind. Mabel hat hier von ihren Erinnerungen an die Zeit in der WG erzählt. Für die Gedenkwand hat sie uns ein Foto von Margit mitgebracht, die vor zwei Jahren verstorben ist. 

Ein Besuch hat von der Angst erzählt, durch die steigenden Lebensmittel- und Energiepreise nicht mehr mit dem Geld von der Grundsicherung auszukommen. 

Um die Mittagszeit war es dann recht ruhig hier – abgesehen von einigen Frühjahrsputzaktivitäten – bis dann am Nachmittag der Chefkoch von der Arbeit nach Hause kam. Ein Mitbewohner hatte schon einige Packungen Champignons, die wir von der Tafel bekommen haben, vorbereitet. Sie wurden zu einer Pizza für unseren Gemeinschaftsabend vorbereitet, der jeden Dienstag stattfindet.

Um 18.00 Uhr treffen wir uns immer zum Abendessen. Zwei waren nicht da, weil sie gerade an Straßenexerzitien teilnehmen. Nach dem Essen sitzen wir immer zusammen und erzählen, was uns bewegt: Was uns freut, was uns beschäftigt, was schwer ist.

Einer hat eine Ausbildung zum Lokführer begonnen und muß sich in eine neue Tagesstruktur hineinfinden. Ein anderer hofft, daß er endlich in den Sprachkurs einsteigen kann, für den er im März 2020 eine Zusage hatte, der aber wegen dem Lockdown ausgefallen ist. Ein anderer beschäftigt sich mit einer längeren Perspektive für seine Zukunftsplanung …

Danach machen wir eine Viertelstunde Pause und dann treffen sich die BewohnerINNEN, die miteinander singen, meditieren, beten, Texte aus heiligen Schriften hören und sich darüber austauschen wollen – eine Form von Gottesdienst, zu dem jeder etwas beitragen und mitbringen kann. Danach wird es ruhig hier im Wohnzimmer. 

Mehr zu Maria-von-Malteizan
Mehr Beiträge zu #WMDEDGT April 2022 sind hier am Ende des Postings

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Erinnerungsfoto (3): Kinderbesuch in Kladow

Vor zehn Jahren haben A. und M. aus den Niederlanden in Sankt Michael Kreuzberg geheiratet. Christian hat sie getraut. Letztes Jahr im Oktober waren sie an einem verlängerten Wochenende in Berlin. Als wir uns trafen, entstand die Idee, daß sie uns mit ihrem kleinen Sohn bald für einige Tage besuchen. Wegen Corona waren wir unsicher, wann das sein würde: Im Winter oder wenn es draußen schöner sein würde im Mai 2022. Die Entscheidung lag bei ihnen.

Wie gut, daß sie nach Weihnachten 2021 gekommen sind und an einem Tag mit ihrem kleinen Sohn nach Kladow gefahren sind. Christian hat sich sehr gefreut, den kleinen David kennenzulernen. 

Weitere Erinnerungsfotos sind hier

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Abschiedslied für die Kleinen Schwestern

Gestern am Sonntag am Ende des Abschiedsgottesdienstes für die Kleinen Schwestern, die 68 Jahre in Berlin lebten, sang Prälat Dybowski das Abschiedslied „Gute Nacht Freunde“ von Reinhard Mey mit Akkordeonbegleitung:

Nachtrag:
Ein ausführlicher Beitrag über den Abschied der Kleinen Schwestern aus Berlin mit vielen schönen Fotos befindet sich auf dem Blog von St. Marien-Liebfrauen / St. Michael und zwar hier   .

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Analoger und digitaler Nachlass von Christian Herwartz (SJ)

Christian hat drei Lesebücher / Textsammlungen herausgegeben, in denen BewohnerINNEN, Ex-BewohnerINNen, Freunde und Freundinnen sowie Weggefährten unserer Gemeinschaft zu Wort kommen. Zwei Titel sind noch erhältlich. Sie können bei uns in der WG abgeholt werden, liegen in Sankt Michael aus oder werden gegen Portokostenerstattung verschickt (außerhalb Berlins).

Cover


Geschwister erleben wurde 2010 von Christian Herwartz und Renate Trobitzsch herausgegeben. Anlaß war der 85. Geburtstag von Franz Keller, sein 60jähriges Ordensjubiläum und 30 Jahre in der Kommunität Kreuzberg in der Naunynstraße. Menschen in der Gemeinschaft und im Umfeld unserer WG – nah und fern – wurden eingeladen, sich durch Texte oder Bilder zu verschiedenen Themenbereichen einzubringen. Das Buch umfaßt 343 Seiten.


Folgende Schwerpunkte werden in den einzelnen Kapiteln aufgegriffen. 

  • Pilgern, Lebensentscheidungen, Exerzitien
  • Geschwister überall entdecken
  • Voll-, Teilzeit, Nichtbeschäftigung
  • Beziehungen zwischen Generationen, Machtmißbrauch
  • Mauern in und um Europa überwinden
  • Frieden, interreligiöses Gebet

Cover


Das Einfach-ohne-Buch hat Christian Herwartz zusammen mit Nadine Sylla 2016 herausgegeben. Auch hier tragen zahlreiche BewohnerINNen, Ex-BewohnerINNen und Weggefährtinnen zu unterschiedlichen Themenbereichen Texte, Bilder und Fotos bei. Rock’n Rollf (Rolf Kutschera) hat die einzelnen Kapitel-überschriften illustriert und das Cover gezeichnet. (288 Seiten)

 

Inhalt.

  • Einfach ohne Kolonialismus
  • Einfach ohne
  • Einfach ohne Vorgaben
  • Einfach ohne Schuhe
  • Einfach ohne Fragerei
  • Einfach offen
  • Einfach Mensch sein
  • Einfach in Fülle
  • Einfach gemeinsam
  • Einfach freiwerden
  • Einfach mit Solidarität
  • Einfach mit Hoffnung
  • Einfach mit Frieden
  • Einfach mit Geschichte
  • Einfach mit Zukunft

Christian hat zu den unterschiedlichen Themen, die ihm wichtig waren, Websites erstellt. Hier in der Wohngemeinschaft hat er die Exerzitien auf der Straße entdeckt. Die Seite wird schon seit einiger Zeit von Menschen aus der Gruppe der Begleiterinnen und Begleiter weitergeführt. 

Die jüngste Seite widmet sich den Arbeitergeschwistern und ihren Aktivitäten. Er schreibt dazu: „Mit dieser jüngsten Webseite laden wir interessierte Jüngere und Ältere ein, an unserem Weg eines gelebten Perspektivwechsels teil zu nehmen, einem politischen Schritt zur Menschwerdung aller. Unter uns finden sich Christen mit verschiedenen religiösen Traditionen und unterschiedlichem Engagement – darunter sind katholische Arbeiter-Priester, evangelische Arbeiter-Pfarrer*innen und besonders auch Engagierte ohne kirchliche Ämter.
Dokumente aus ihre solidarischen internationalen/interkonfessionellen Geschichte seit Anfang 1940 und aktuelle Fragestellungen werden greifbarer und sollen alle manuell arbeitenden Frauen und Männern verbinden, die sich für eine gerechtere, offene Gesellschaft engagieren. Das Thema des letzten europäischen Treffens in Essen 2017:
Prekarität und politischer Rechtsruck.“

Viele Jahre hat er im Flughafenverfahren dafür gekämpft, dass Mahnwachen vor dem Abschiebegefängnis (heute „Flughafengewahrsam“ stattfinden dürfen – bis hin zum Bundesverfassungsgericht, das ihm Recht gab. Er schreibt:

„Das Engagement für eine weitherzige Gastfreundschaft. Mit der langen Geschichte der „Ordensleute gegen Ausgrenzung“ in Berlin mit ihren Mahnwachen vor dem Abschiebegefängnis in Berlin-Köpenick, dem Widerstand gegen das Verbot der Mahnwachen vor dem neuen Abschiebegefängnis auf dem Flughafen Schönefeld und der gerichtlichen Klärung vor dem Bundesgericht, das entschied:
Straßen sind  auch in umzäunten Gebieten Straßen, also Orte öffentlich geschützte Meinungsäußerung. Nebenbei das Gericht sagte in der öffentlichen Verhandlung:
Straßen können auch die Gänge in Kaufhäusern sein.“

In unheilige Macht schuf er einen Austauschort zum Themenbereich „der Jesuitenorden und die Mißbrauchskrise“. Dazu erschien das gleichnamige Buch. Er schreibt dazu: 

„Diese Internetseite wurde im November 2012 als interaktiver Blog eingerichtet und nun in eine Webseite umgewandelt. Die Auseinandersetzungen der letzten fünf Monate sind weiter nachzulesen…“

Auch dieses Weblog über die Wohngemeinschaft in der Naunynstraße, gehört zu seinem Erbe.

Nachtrag:

 Das Buch „Gastfreundschaft – 25 Jahre Wohngemeinschaft Naunynstraße“ ist nicht mehr erhältlich. Der Inhalt steht komplett online auf Christians Blog „nackte Sohlen“ und zwar hier. Wir sind immer wieder entsetzt erstaunt, zu welch astronomischen Preisen es im Internet angeboten wird. Es war – wie alle von Christian herausgegebenen Büchern umsonst erhältlich, wurde verschenkt und wer wollte konnte eine Spende zu den Druckkosten geben. 

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Marmeladen-Manufaktur 2021

Dieses Foto vom Oktober 2016 zeigt die Anfänge unserer Marmeladenproduktion Manufaktur. Von den Früchten, die wir von der Berliner Tafel oder aus dem einen oder anderen Kleingarten von Freunden bekommen wird immer wieder Marmelade gekocht, weil die Menge entweder zu reichlich zum Essen ist oder schnell verarbeitet werden muß.

Marmeladenregal

Irgendwann im Frühjahr 2016 startete der Chefkoch einen ersten Versuch, der großen Anklang fand. Als er einige Wochen später keine Zeit hatte, übernahm I. Sie hatte keine Erfahrung damit, wollte es aber probieren, ist dabei geblieben und experimentiert seitdem mit unterschiedlichen Zutaten, Kombinationen und Gewürzen. Im ersten Jahr entstanden folgende Sorten:

Wortwolke: Marmeladenregal 2016

Mit den Jahren ist der die Produktion angewachsen und die Produktionslinie wurde erweitert. Die Statistik für 2021 weist 194 Gläser aus. Wir verschenken Marmelade an Freunde und bringen immer wieder etwas aus unseren Beständen zur Lebensmittelausgabe der Schwestern von Mutter Theresa. Folgende Sorten sind 2021 entstanden (neue Sorten):

  • Rhabarber-Mandel
  • Rhabarber-Mandel-Zimt
  • Hollunder
  • Hollunder-Apfel
  • Hollunder-Apfel-Zitronenverbene
  • Erdbeer
  • Erdbeer-Limette-Zitronenverbene
  • Erdbeer-Rhabarber
  • Erdbeer-Vanille-Limette
  • Erdbeer-Granatapfel-Zitrone
  • Pfirsich-Johannisbeer-Vanille
  • gelbe Pflaume-Tonkabohne
  • Mirabelle-Mandel
  • Mirabelle-Kokos
  • Mirabelle-Kokos-Zitrone
  • Mirabelle-Rosmarin-Mandel
  • Brombeer-Cidre
  • Himbeer-Granatapfel
  • Himbeer-Erdbeer-Granatapfel
  • Quitte-Apfel
  • Quitte-Granatapfel-Zitrone
  • Quitten-Birne
  • Quitten-Granatapfel-Zimt
  • Zwetschgen-Zimt-Honig-Balsamico

Die neue Saison startet voraussichtlich im Mai wieder mit Hollunder.

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2G – 3G – Regel für Gottesdienste: Mit Vollgas ins Dilemma?

Ab heute (Samstag 27. November) tritt im Erzbistum Berlin die 2 G-Regel für alle Veranstaltungen in katholischen Räumen in Kraft. Nur noch Geimpfte und Genesene dürfen an Gottesdiensten teilnehmen. In jeder Großpfarrei wird es eine Messe für Nichtgeimpfte geben.
 
Am letzten Samstag hatten wir einen älteren Priester beim wöchentlichen Samstags-Frühstück zu Gast, der uns um Reaktionen bat für eine Situation, die für ihn sehr schwierig ist, nämlich, wie er sich zur 2 G – Regel für katholische Veranstaltungen
– insbesondere die Messen – verhalten soll. Er hat keine eigene Gemeinde, wird aber oft eingeladen.
 
Seit 40 Jahren gibt es unser offenes Samstagsfrühstück. Es kommen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, sozialen Milieus und Religionsgemeinschaften – letzten Samstag vom Obdachlosen bis zum Professor, christlich (fünf Konfessionen), hinduistisch, buddhistisch,jüdisch, aus Deutschland, Indien, der Türkei, Georgien und Nigeria – insgesamt zehn Gäste während der drei Stunden. Sowohl unter den
WG-Bewohnern als auch unter den Gästen sind Ungeimpfte, die sich impfen lassen könnten aber Gründe haben, dies nicht zu tun. Wir halten die WG für ALLE Menschen offen.
 
Wir hatten darüber schon mehrere sehr tiefgehende Gespräche in der WG, mit Besuchern und beim Samstagsfrühstück zu diesem Themenbereich: Immer wieder bedanken sich Nicht-Geimpfte, daß sie weiterhin kommen dürfen. Immer wieder wird gefragt, ob man einen Test mitbringen muß. Alle nicht Geimpften hier bei uns am
Tisch – Gäste und Bewohner – erlebe ich als Menschen, die in unterschiedlichen Bereichen nach ihren Möglichkeiten sich sozial engagieren und die vorsichtig agieren. Niemand bestreitet Corona.

Nach einem langem Gesprächsgang, bei dem Ungeimpfte sich ausführlich und sehr persönlich geäußert hatten, fragte ich ihn, was er daraus mitnimmt. Er meinte, er wird alle Messen absagen. Auch die Mitbrüder seiner Ordensgemeinschaft haben Verständnis für seine Position.

Ich fragte ihn, ob er an den Adventssonntagnachmittagen in unsere WG kommen würde um hier mit uns und denen, die kommen wollen,die Messe zu feiern. Auch uns als Gemeinschaft betreffen diese Einschränkungen, denn wir sind mit der katholischen Gemeinde, auf deren Gemeindegebiet unsere WG liegt, sehr verbunden. Derzeit können wir dann dort nicht mehr gemeinsam den Gottesdienst besuchen.  Zu unserer Freude sagte der Priester, der ein langjähriger Freund unserer Gemeinschaft ist, spontan zu.
 
Als er heute wieder zum Frühstück kam, erzählte er, daß er alle Messen abgesagt hat und es sich für ihn richtig anfühlt. Der Austausch bei uns letzte Woche habe ihm sehr geholfen auch bei einem Artikel zum Thema, den er auf Anfrage der Experten-Initiative Religionspolitik verfaßt hat: 2G-3G-Regelung der Gottesdienste: Mit Vollgas ins Dilemma.
Darin heißt es unter anderem:
 
Die katholische Kirche lehrt, dass die sonntägliche Eucharistie „Quelle und Höhepunkt“ des kirchlichen Lebens ist, Feier der Versöhnung mit Gott und untereinander. Nun ist ein Teil der Getauften von der Teilnahme daran „grundsätzlich“ ausgeschlossen. Die katholische Kirche nutzt nicht den Spielraum, den sie hat, um möglich zu machen, was möglich ist. Obwohl die Politik es nicht verlangt hat, schließt sie die Türen zur Eucharistie – bis auf je eine Ausnahme pro Pfarrei – für Ungeimpfte. Damit finden die allermeisten Eucharistiefeiern unvermeidlich unter der Bedingung von Ausgrenzung statt…
 
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#WMDEDGT Oktober 2021

Seit April 2013 ruft die Nachbarbloggerin immer am 5. des Monats zum Tagebuchbloggen auf unter dem Motto „WMDEDGT?“ (kurz und knackig für „Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“). Manchmal melde ich mich auch hier im Blog zu Wort und das ist jetzt wieder mal eine prima Gelegenheit. 

Ich bin der Tisch von der Wohngemeinschaft Naunynstraße und komme manchmal hier zu Wort. Am Morgen unter der Woche treffen sich die BewohnerINNEN immer um halb neun zum Frühstück bei und an mir. Weil wir am Wochenende von einer benachbarten evangelischen Gemeinde die Gaben vom Erntedank-Altar bekommen haben, ist gerade besonders viel Obst da. Deswegen hat der Chefkoch zusätzlich einen leckeren Obstsalat mit vielen Kernen gemacht.

 

Es gab dann einige Aufregung am Frühstückstisch, denn er hat eine rätselhafte Nachricht bekommen, dass ein Paket unterwegs ist. Er weiß von nichts und hat nichts bestellt. Alle dachten gleich an eine gemeinsame Freundin, die in den letzten Wochen viel Ärger hatte, weil Waren auf den Namen ihres verstorbenen Mannes bestellt worden sind und die Pakete abgefangen wurden: Viel Stress und viel Ärger mit der Polizei. Und Rechnungen weit über tausend Euro. 

Danach gab es erste Absprachen und Vorbereitungen für das Abendessen für den Gemeinschaftsabend, der immer am Dienstagabend stattfindet. Ansonsten war es tagsüber recht ruhig, weil alle mehr oder weniger unterwegs waren. Ein paar Mal läutete das Telefon, aber darauf sprang mein Kollege, der Anrufbeantworter, an.

Gegen halb fünf fing dann M. mit den Vorbereitungen fürs Abendessen an. Es sollte Kartoffeln mit Kräuterquark und Tomatensalat geben. Um sechs Uhr trudelten alle zum Abendessen ein. Einer wurde mit Erkältungssymptomen ins Bett geschickt und mit Tee versorgt. Danach trafen sich die anderen zum gemeinsamen Abendessen.

Um sieben Uhr beginnt dann die Austauschrunde, in der jede/r erzählen und mitteilen kann, was auf dem Herzen liegt an Schönem oder Schweren. Die anderen hören einfach zu, geben Raum und stellen nur Verständnisfragen. Das läuft so seit über vierzig Jahren und hilft, Facetten des eigenen Lebens anzuschauen und in den Blick zu bekommen, „den Brunnen tiefer (zu)graben

Heute war viel Dankbarkeit im Raum über das schöne Franziskus-Namenstagfest eines Mitbewohners am Sonntag. Schon lange war ich nicht mehr so schön geschmückt. So viele Menschen haben schon seit dem Frauentag 2020 nicht mehr an mir Platz genommen. Mir wurde ganz schwindlig vor Aufregung. Und erst die Franz-von-Assisi-Torte … Sie sah fantastisch aus und schmeckte auch so – habe ich gehört.

Zwei Gäste hatten Instrumente mitgebracht: Mandoline und Gitarre. Ich hörte einige Lieder, die ich noch nicht kannte – und ich kenne viele in den über vierzig Jahren, die ich hier zuhause bin. Auch gemeinsam gesungen, erzählt und gelacht wurde viel – ich sage nur: jüdische Witze … Mein Lieblingwitz wurde auch erzählt. Er handelt vom Priester, vom evangelischen Pfarrer und vom Rabbi, die sich regelmäßig zu einer Pokerrunde treffen. Leider tun sie das in einem amerikanischen Bundesstaat, in dem Glücksspiel verboten ist. Der örtliche Sheriff hebt die illegale Pokerrunde aus. Einige Wochen später müssen die drei vor Gericht erscheinen. Der Richter fragt zuerst den Priester: Father, haben Sie Poker gespielt? Der Priester hebt seine Augen gen Himmel und spricht ein stilles Gebet. Das schließt mit den Worten: „Herr, vergib mir“, und er antwortet: Nein, Euer Ehren, ich habe nicht gepokert. Auch der evangelische Pfarrer wird vernommen: „Reverend, haben Sie gepokert“. Der senkt den Kopf, spricht ein stilles Gebet. Das endet mit den Worten: „Herr, vergib mir“ und antwortet:“Nein, Euer Ehren, ich habe nicht Poker gespielt.“ Nun wird auch der Rabbi befragt: „Rabbi, haben Sie Poker gespielt?“ Der Rabbi schaut zu seinen beiden Mitspielern, zum Priester, zum Reverend, dann zum Richter und sagt: „Euer Ehren, mit wem denn?“ Es wurde ein langer und froher Abend …

Jetzt bin ich abgeschweift, aber das und viel anderes hatten Platz in der Austauschrunde: Schönes und Beschwerliches, Reisepläne, gesundheitliche Einschränkungen, Arzttermine, Ärger mit Behörden und einer Telefonhotline …

Das Namenstagskind hatte sich noch gewünscht, daß wir miteinander „Franz von Assisi – Bruder aller Menschen“ anhören. Sein Leben wird aus der Sicht seiner Gefährtin Clara erzählt. Der erste Teil war schon mal sehr spannend mit einigen schönen Liedern und Musikstücken aus mittelalterlicher Zeit. Den Rest hören wir in den nächsten Tagen.

Zum Abschluß des Abends gibt es für die, die mögen noch eine „Feier des Lebens“ – andere würden sagen ein Gottesdienst, aber das weckt immer eher christliche Assoziationen, und bei uns sitzen immer mehrere Weltreligionen am Tisch: Musik, Impuls, Lieder, Räucherstäbchen, Austausch zu einem heiligen Text (meist aus der Bibel), Gedanken und Gebete für Menschen in Not, Segensworte – jede/r kann etwas einbringen…

Danach fiel dem Chefkoch ein, daß er noch Hilfe bei einer Mail braucht. Für diese Woche werden keine Kartoffeln mehr benötigt und müssen beim Bauern abbestellt werden. Danach gingen dann nach und nach alle Lichter aus, und es wurde still …

Andere Beiträge zu #WMDEDGT sind bei der Nachbarbloggerin   nachzulesen.

Franziskus-Fest

Weil der Chefkoch Namenstag hatte, feierten wir mit FreundINNen ein Fest. Es war die erste Einladung seit März letzten Jahres. Noch eine Woche vor dem ersten Lockdown hatten wir unser inzwischen traditionelles Frauentagsessen. So war es eine große Freude mit mehreren Gästen am schön gedeckten Tisch zu sitzen und ein wunderbares 3-Gänge-Menü zu genießen, zu erzählen, miteinander zu singen, Musik zu hören und zu machen und uns darüber freuen, daß das möglich ist.

Als besonderes Highlight gab es zum Nachtisch eine Franz-von-Assisi-Torte in Kreuzform, für die sich der Chefkoch externe Unterstützung holte. Die beiden ersten Kondiitoreien, die er ansteuerte, weigerten sich einne Torte in Kreuzform herzustellen, aber bei der dritten Konditorei klappte es dann doch. Der Chefkoch war aufgebracht und fand vor Ort deutliche Worte: „In Berlin gibt es so vieele Moscheen und zwei Konditoreien von muslimischhen Familien geführt, weigern sich, eine Torte mit Kreuz zu backen.“

Weil word.press im Moment zickt, werden die Fotos später eingestellt.sind die Fotos erst Mal auf Facebook zu sehen und zwar hier .

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Abschied von Ricarda

Diese Karte hat Ricarda selber für ihre Todesanzeige ausgesucht. Sie ist überschrieben mit dem ersten Vers aus Psalm 21:

Der Herr ist mein Hirte
mir wird nichts fehlen

 

Ricarda ist am 6. Juli nach einer langen Krebserkrankung gestorben. Sie war oft in Sankt Michael bei den Exerzitien im Alltag, die im Advent und während der Passionszeit angeboten wurden, dabei. 

Ricarda hat unsere Wohngemeinschaft vor vielen Jahren im Rahmen ihres Engagements für die Communauté de Taizé kennengelernt. 

Sie hat uns gelegentlich beim Samstagsfrühstück und auch sonst in der Wohngemeinschaft besucht. Wir hatten intensive Begegnungen mit ihr. Immer wieder hat sie uns ganz praktisch und mit ihrem Wissen über Gesundheits- und andere Fragen unterstützt. Sie hatte ein ganz weites Herz und ihre Fröhlichkeit, selbst in der Krankheitszeit und mit Schmerzen, war berührend. Wir vermissen sie sehr.

Sie hat viele unterschiedliche Menschen gekannt und zusammen gebracht. Das wurde auch auf ihrer Beerdigung und dem Nachtreffen sichtbar.

Ricarda Praetorius 8.8.1950 – 6.7.2021

weitere Nachrufe von Freunden und ehemaligen MitbewohnerINNEn der Wohngemeinschaft

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Vom Gehen und Kommen …

Soviel haben wir in der gemeinsamen Zeit geteilt: Viele Gespräche, viel praktische Unterstützung, gemeinsame Essen, leckere Marmeladen kochen, miteinander feiern … Sie fehlen uns sehr. Fast zwei Monate ist es nun her, daß Schwester Rita und Schwester Annette am Ostermontag aus Berlin verabschiedet worden sind. Vier Jahre waren es, daß die beiden zusammen in Berlin eine Kommunität bildeten. Schwester Rita führte ein offenes Haus. Schwester Annette hat viele Jahre in der Kita Sankt Michael gearbeitet. Wir sind dankbar für die gemeinsame Zeit mit ihnen und die große Unterstützung.

Nach einer Auszeit im Mutterhaus in Siessen sind beide inzwischen an ihren neuen Wirkungsorten angekommen. Schwester Rita ist wieder im Gästehaus der Siessener Franziskanerinnen in Assisi, wo sie schon einmal acht Jahre gelebt hat.

Schwester Annette hat mit einer Mitschwester in Stuttgart-Birkach einen neuen Konvent begonnen. Dort ist ein Neubauviertel entstanden. Schwester Annette arbeitet seit 1. Juni in der dortigen Kita.

Schwester Ruth bleibt als Ärztin in Berlin. Für Ende des Jahres ist eine weitere Schwester angekündigt, die sie unterstützen wird sobald sie ihre Nachfolgerin auf der jetzigen Stelle eingearbeitet haben wird. Und oh Überraschung: Ganz schnell kam dann letzte Woche ganz unverhofft und plötzlich Schwester Elija nach Berlin, die wir bereits aus ihrem Noviziatspraktikum kennen. Wir freuen uns sehr. 

Zum Weiterlesen:
Brennpunkt Berlin-Kreuzberg – ein Abschied mit Wehmut (mit vielen Fotos).
Einige Bilder mit Schwester Annette zur Konventseröffnung in Stuttgart-Birkach sind hier.
Der Konvent in Assisi ist  hier.

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