Fünf Jahre …

… sind es schon – auf den Tag genau, an dem wir mit fast 350 Menschen an einem Samstag im Refugio den 73. Gaburtstag von Christian gefeiert haben, seinen Abschied und die Übergabe der Verantwortung für die Wohngemeinschaft.

Unser Wohnzimmertisch, an dem wir uns zu den Mahlzeiten, zu Gesprächen, zum Kommunitätsabend, zum Gottesdienst feiern, mit Besucher*innen, zur Klärung von Konflikten, zum Feiern und zu vielen anderen Anlässen versammeln, erzählt in zwei Beiträgen vom Fest. Im dritten Beitrag hat dann Christian das Wort:

Ich bin der Tisch von der Wohngemeinschaft Naunynstraße. Seit 38 Jahren stehe ich nun schon hier mitten im im Wohnzimmer. Ganz viele Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und aus aller Welt haben sich schon an mir versammelt, gegessen, erzählt, gespielt, gearbeitet, gelacht und geweint … Mit dem Zählen habe ich schon lange aufgehört. Was ich schon alles gehört und erlebt habe, das geht auf keine Kuhhaut hat auf keiner Tischplatte Platz:

Tisch nach dem Dankgottesdienst vor der Michaelskirche mit den Resten vom Fest (Foto: Miriam Bondy)

Ein Tisch erzählt vom ‚Fest (1)
ein Tisch erzählt vom Fest (2)

ein Tisch als Zeichen der Gemeinschaft (3)

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Ein Weg, der immer weiterführt …

… ist ein Artikel im Tagesspiegel zum 40. Geburtstag der Kreuzberger Regenbogenfabrik überschrieben, der in diesem Jahr gefeiert werden soll: 

Von der Besetzung bis zur Legalisierung dauerte es Jahrzehnte – heute ist die Regenbogenfabrik eines der erfolgreichsten Lebens- und Wohnprojekte:
Der Durchgang durch die enge Einfahrt in das Hofgelände mutet wie eine Zeitreise an. Auf der Lausitzer Straße künden prachtvoll sanierte Stuckfassaden von veränderten Zeiten, und drinnen auf dem Hof taucht man ein in die regenbogen-bunte Alternativszene der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Genau so ist es ja auch: Auf dem Höhepunkt der Hausbesetzerzeit, als im damaligen West-Berlin über 100 Häuser vor der Abrissorgie im Namen einer fehlgeleiteten Stadterneuerung gerettet wurden, wurde das heruntergekommene und Abriss-bedrohte Industriegelände am 14. März 1981 von den Aktiven „instandbesetzt“. Die Regenbogenfabrik war geboren – und hat sich in den vergangenen vierzig Jahren zu einem der erfolgreichsten und nachhaltigsten Wohn- und Lebensprojekte der inzwischen wiedervereinten Stadt entwickelt…        Der ganze Artikel steht hier.

Franz Keller (SJ), der vor sieben Jahren verstorben ist und zum Urgestein unserer WG gehört, hat die Besetzer*innen tatkräftig und kenntnisreich bei vielen der anfallenden Renovierungsarbeiten unterstützt und sich auch in der Holzwerkstatt engagiert. Seit dieser Zeit gibt es immer wieder Querverbindungen zwischen hier und dort.

zum Weiterlesen:
Website der  Regenbogenfabrikx
mehr zu Franz Keller


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Berlin – Kastanienallee: Von Häusern und Menschen

Sie ist Inbegriff des ewigen Berliner Wandels: die Kastanienallee, Prenzlauer Berg. Einst Arbeiterkiez, dann Bohème-Quartier, Szenemeile und internationale Touristen-Attraktion. Früher arm, heute sexy. 950 Meter Großstadt zwischen Hochglanz und Tradition.

Vera, eine ehemalige Mitbewohnerin, kam 1990 aus der Schweiz nach Berlin und wohnte einige Monate in unserer WG. Dann zog es sie nach Ostberlin in den Prenzlauer Berg. Als Fotografin hat sie historische und aktuelle Fotos zu dieser sehenswerten Dokumentation beigetragen, die in der  Mediathek des RBB  abgerufen werden kann.

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Sackgasse Europa

Schon viele Monate haben wir ihn nicht mehr gesehen. Seit ein paar Jahren ist er in Deutschland – einige Monate auch bei uns. Er arbeitet für seine Familie in Afrika – schmutzige Arbeit bei der Reinigung von mit Öl verschmierten Maschinen. Er arbeitet im Drei-Schicht-System und versucht so viele Überstunden wie möglich zu machen, arbeitet auch zwei Schichten hintereinander wenn es sich ergibt. Nur den Sonntag nimmt er für sich in einer schwarzen Gemeinde. 

Die Ansprüche der Familie in Afrika sind hoch. Er ist das älteste von acht Kindern. Für die jüngeren Geschwister soll er Schuluniformen und Schulbildung finanzieren. Der Vater ist immer wieder wochenlang im Krankenhaus. Auch dafür braucht die Familie Geld. Und das Dorf möchte eine Mangoplantage. Er selber kommt mit ganz wenig aus: Jeden Tag Maisbrei und Kleidung aus der Kleiderkammer – da, wo man keine Papiere vorzeigen muß. Seit wir ihn kennen hat er Bauchweh, Kopfweh, Atemprobleme – manchmal mehreres gleichzeitig. Die Medikamente, die er bekommt, greifen nicht. 

Heute wird er von Weinkrämpfen geschüttelt. Er will zurück in sein Heimatland, obwohl das eine Riesenschande ist. Er hat es nicht geschafft. Aber er hält es nicht mehr aus hier. Er war schon bei der Botschaft seines Landes. Sie sagen, sie können nichts für ihn tun.

Heißt konkret: Sie wollen nicht. So ist die Strategie von manchem afrikanischen Land. Die Bürger sollen hier arbeiten und Geld nach Hause schicken. Man will sie nicht zurück haben. Das ist Kalkül. Wer keinen Paß hat, kann seine Staatsbürgerschaft nicht nachweisen und bleibt draußen – in Europa. Das wissen sie nicht, wenn sie sich auf den Weg machen und denken, sie könnten zurück nach Hause, wenn es doch nicht gut läuft in Europa: Zurück in die Heimat – wenn auch mit Schande.

Aber in diesem Punkt hat er Glück. Er hat einen gültigen Paß seines Landes.  Für ihn kommt ein Rückkehrerprogramm der Bundesrepublik in Frage – man mag davon halten, was man will. Davon hat er noch nichts gehört und ist erleichtert als er erfährt, wo er sich dazu beraten lassen kann. Ob es für ihn einen Weg zurück gibt?

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Gefunden … Fotos von Bine und Nadine Eggert

Nachdem wir Anfang der Woche die Ausräumaktion abgeschlossen haben, waren wir ziemlich geschafft. Viele zurückgelassene Kisten, Koffer und andere Behältnisse von ehemaligen Mitbewohnern waren jahre- ja teilweise jahrzehntelang nicht abgeholt worden. Auch verschiedene vermisste Gegenstände haben sich wiedergefunden: Bücher, ein Radio-CD-Player, Fotoalben (Priesterweihe von Christian), unsere Advents- und Weihnachtsliederhefte vom letzten Jahr, diverse Haushaltsgegenstände und Fotos von Sabine (Bine) und Nadine Eggert. Einige Fotos hatten wir schon – andere sind jetzt noch gefunden worden.

Nadine Eggert

Dahinter steckt folgende Geschichte Sabine (genannt Bine) wohnte in Kreuzberg und hatte sechs Jahre lang Kontakt zur WG. Sie war chronisch krank. Deshalb ist ihre kleine Tochter Nadine bei Sabines Eltern aufgewachsen. Sabine hat sich gewünscht, bei uns in der Wohnge-meinschaft sterben zu dürfen. Dieser Wunsch konnte ihr erfüllt werden. So ist es dann auch geschehen. Bine (geb. am 17.09.1962) ist am 5. Juni 1996 in der Naunynstraße verstorben. Ihre Tochter Nadine war damals fünf Jahre alt. Der Kontakt von Nadine zu ihrer Mutter war sehr selten. Vielleicht erinnert sie sich noch an den Kater Tarzan.  Wir würden Nadine, die heute 29 Jahre alt ist, gern die Fotos geben. Allerdings haben die bisherigen Versuche Nadine zu finden keinen Erfolg gehabt (telefonbuch.de, Kontaktaufnahme über Fxxxbook mit den Frauen dieses Namens…). Es gibt noch einige Menschen, die Bine erlebt haben und von ihr erzählen können.

Nun unsere Bitte an diejenigen, die hier mitlesen und in sozialen Netzwerken unterwegs sind. Wir würden uns freuen, wenn Ihr diesen Blogeintrag teilen würdet. Vielleicht finden wir Nadine auf diese Weise.

Zum Weiterlesen:
Ausgeräumt …
Mehr von (ehemaligen) Mitbewohner*innen
Neugestaltung unserer Wohnzimmer-Gedenkwand
weitere Nachrufe auf Ex-Bewohner*innen und Freunde unserer WG

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Hinzugefügt … Johannes Siebner (SJ)

Im Wohnzimmer unserer Gemeinschaft gibt es seit vielen Jahren eine Gedenkwand mit den Fotos von Menschen, die hier gelebt haben, in ihrer letzten Lebensphase hier begleitet wurden oder als Freunde für uns wichtig geworden sind.

Ein solch  guter Freund war der Provinzial der Jesuiten, Pater Johannes Siebner (SJ), der am 16. Juli 2020 an den Folgen einer Krebserkrankung verstorben ist. Wir haben sein Foto unserer Gedenkwand hinzugefügt.

Mehr zu Johannes Siebner (SJ)und unserer Gemeinschaft
Mehr zu unserer Gedenkwand
Artikel über die Trauerfeier von Johannes Siebner

 

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Seelsorge zwischen Werkbank und Gestapo …

… ist ein Artikel in der aktuellen Ausgabe von Publik Forum erschienen, der das Wirken von französischen Arbeiterpriestern in Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus thematisiert. Sie halfen französischen Zwangsarbeitern, die nach Deutschland verschleppt worden waren und in der Rüstungsindustrie arbeiten mußten. Die Arbeiterpriester haben sich bewußt in diese Situation begeben um ihren Landsleuten nahe zu sein. Sie wußten, daß es für sie negative Konsequenzen haben würde, wenn sie entdeckt werden würden.

Der Verfasser, Hugh Williamson, ist in Großbritannien als Sohn eines Arbeiterpriesters aufgewachsen. Auf seinem Blog (englisch) sind Artikel über Arbeiterpriester (worker priests / prêtres ouvriers) in verschiedenen Ländern zu finden.

Artikel in diesem Blog über Arbeiterpriester:
Gottesdienst am Küchentisch
Exerzitien auf der Straße – Leben mit Straßenkontakt (Christian Herwartz)
Wer gastfreundlich sein will …
Les Prêtres Ouvriers existent
Seite über Arbeiterpriester – Arbeitergeschwister
Nachgerufen: Dieter Kirschner

Nachruf Franz Keller (Tagesspiegel)

über Arbeiterpriester heute:
katholische Kirche ganz anders – Priester im Overall (taz)

 

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Neugestaltung unserer Wohnzimmer-Gedenkwand

Viele Jahre war sie neben dem Kachelofen. Jetzt ist sie nach der Renovierung des Wohnzimmers umgezogen: Unsere Gedenkwand mit den Fotos, die an Menschen erinnern, die hier in der Gemeinschaft gelebt haben und verstorben sind oder in der letzten Lebensphase von der Gemeinschaft begleitet wurden sowie verstorbene Freunde und Freundinnen der Kommunität.

 

Gedenkwand im Wohnzimmer

 

Und so sah sie vor der Renovierung aus: die Gedenkwand
Mehr zur Renovierung und Neugestaltung steht hier und  hier und  hier.

 

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Leben mit Menschen am Rand der Gesellschaft

Notübernachtung St. Pius

Seit vielen Jahren gehören Wolfgang Willsch und die „Gemeinschaft Brot des Lebens“, in der er mit seiner Familie und ehemals obdachlosen Menschen in Berlin-Friedrichshain lebt, zu den Freunden unserer Gemeinschaft. Schon oft durften wir die Räume, in denen sie im Winter Gastgeber einer Notübernachtung im Rahmen der Berliner Kältehilfe sind, während der Sommermonate für Exerzitien auf der Straße nutzen.

Was das Leben mit Menschen am Rand der Gesellschaft mit Freiheit zu tun hat, kann man auf einem Beitrag von Deutschlandfunk Kultur über die Gemeinschaft Brot des Lebens nachlesen und nachhören (sieben Minuten) und zwar hier.

Mehr zur Gemeinschaft Brot des Lebens
Exerzitien auf der Straße – Leben mit Straßenkontakt
WG Naunynstraße als Straßenexerzitien-Herberge

 

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Fülle und Leere

Diese Geschichte hat jemand mit uns geteilt, der auf einem buddhistischen Weg unterwegs ist:

Eines Tages kam eine junge Frau zu einem Meister.Sie hatte schon so viel von dem weisen Mann gehört, dass sie unbedingt bei ihm studieren wollte. Vor ihrer Reise zu ihm hatte sie alle ihre Angelegenheiten geregelt, ihr Bündel geschnürt und war den Berg zu ihm hinauf gestiegen, was sie zwei Tage Fußmarsch gekostet hatte.

Als die Frau beim Meister ankam, saß der im Lotussitz vor seinem Haus auf dem Boden und trank Tee. Sie begrüßte ihn überschwänglich und erzählte ihm, was sie bisher schon alles gelernt hatte, wie viel sie schon weiß und kann. Dann bat sie den Meister, bei ihm weiter lernen zu dürfen.

Der Meister lächelte freundlich und sagte: „Komm in einem Monat wieder.“
Von dieser Antwort verwirrt ging die Frau zurück ins Tal. Sie diskutierte mit Freunden und Bekannten darüber, aus welchem Grund der Meister sie wohl zurückgeschickt hatte.

Einen Monat später erklomm sie wieder den Berg und kam zu dem Meister, der wieder Tee trinkend am Boden saß. Diesmal erzählte die Schülerin auch von all den Vermutungen, die sie und  ihre Freunde darüber hatten, warum er sie wohl fortgeschickt hatte. Und wieder bat sie ihn, bei ihm lernen zu dürfen. Der Meister lächelte sie freundlich an und sagte: „Komm in einem Monat wieder.“ Dieses „Spiel“ wiederholte sich einige Male. Es waren also schon viele vergebliche Versuche in vielen Monaten, nach denen sich die Frau wiederum aufmachte, um zu dem Meister zu gehen. Als sie diesmal bei dem Meister ankam und ihn wieder Tee trinkend antraf, setzte sie sich ihm gegenüber, lächelte nur und sagte nichts.

Nach einer Weile ging der Meister in sein Haus und kam mit einer Tasse zurück.
Er schenkte ihr Tee ein und sagte dabei: „Jetzt kannst Du hier bleiben, damit ich Dich lehren kann.“  Als sie ihn fragte, warum er sie vorher immer wieder weg geschickt hatte, antwortete er ihr: „In ein volles Gefäß kann ich nichts füllen.“
(Quelle: unbekannt)

 

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