Mensch wo bist du?

Diese Frage stellt das für dieses Jahr 2019 entworfene Hungertuch des Flensburger Künstlers Uwe Appold. Christian ist von Misereor um einen hinführenden  Text gebeten worden und hat uns eines der beiden Hungertücher, die er von Misereor bekommen hat, geschenkt. Bei unserem Kommunitätsabend heute haben wir uns entschieden, ihm während der 40tägigen Fastenzeit in unserem WG-Wohnzimmer einen Platz zu geben und uns und andere zum Nachdenken und in Gespräch bringen zu lassen. Wir sind gespannt auf diesen Weg, diese Zeit, die Gedanken und Beziehungen, die sich und uns finden und prägen werden.

Misereor Hungertuch 2019

Hier nun einer der beiden Texte, die Christian zum Hungertuch geschrieben hat:

Auf dem Misereor Hungertuch 2019 steht ein Leuchtfeuer auf einer Landzunge.
Leuchttürme weisen den von See kommenden Schiffen den Weg zur Hafeneinfahrt
oder auf gefährliche Untiefen hin. Der Name jedes Feuers wird durch sein regel-mäßiig wiederkehrendes Licht, seine Kennung deutlich. Außerdem sehen die Seefahrer das Licht beim Vorbeifahren mit unterschiedlichen Farben und werden so auf Hindernisse oder Untiefen aufmerksam.

Der Leuchtturm auf dem Hungertuch steht mit großer Strahlkraft auf einer Halbinsel mit Erde aus dem Garten Gethsemane. Dort rang Jesus im Gebet um den entscheidenden Schritt in seinem Leben. In einer halben Stunde konnte er von hier aus in der Nacht unerkannt den Herrschaftsbereich von Herodes verlassen. Die rettende Grenze war zum Greifen nahe. Wird er der Verhaftung ausweichen? Er schwitzt Blut und Wasser. Wie soll er sich angesichts von Leben und Tod entscheiden? Die Jünger in seiner Nähe schlafen ein. Ähnlich wie heute noch?

Auch auf dem Hungertuch stehen die von See Kommenden vor einer Entscheidung: Sollen sie rechts oder links an der Landzunge vorbeifahren? Nach der Zeit auf See, wo sie sich bei gutem Wetter an den Sternen orientieren, die auf Grund der Erddrehung scheinbar ständig in Bewegung sind, geben die Leuchtfeuer an der Küste direkte Hinweise auf Hafeneinfahrten oder Hindernisse auf dem Weg. Sie sind alle durch den Rhythmus ihres Lichtes erkennbar, das in langen und in kurzen Abständen aufleuchtet und Morsezeichen ähnlich auf ihren Standort hinweist. Diese Kennung wird auf den Seekarten unter den Leuchtfeuern eingetragen.

Auf dem Hungertuch ist unter dem goldenen Feuerkreis ebenfalls eine Kennung eingetragen, beginnend links mit einem roten Kreuz bis zum Christuszeichen ganz rechts. Will das ankommende Schiff die Halbinsel backbord oder steuerbord liegen lassen? Welcher Hafen soll angesteuert werden? Links steht vor dem unverständlichen Schriftzug ein senkrecht gestellte Ewigkeitszeichen. Rechts eine an die Taufe erinnernde Schale und die keinen Schatten werfende Kleidung bis hin zu dem Christuszeichen. Wollen wir uns auf dem Weg zum Fest der Auferstehung mit Christus mehr auf den alltäglichen Straßen bewegen oder uns in Zeiten der Stille auf den oft unverständlichen ewig unter uns anwesenden Gott einlassen?

Der zweite Text ist hier. 
Mehr Infos zum Hungertuch sind hier. 

 

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Wenn ein Bild von Befreiung erzählt …

Unübersehbar ist dieses Bild von Katja Sommer in unserem Wohnzimmer für jeden, der es betritt. Vor einigen Tagen habe ich in der Textsammlung „Gastfreundschaft – 25 Jahre Wohngemeinschaft Naunynstraße“ die Zeilen entdeckt, die Katja darüber verfaßt hat. Am letzten Kommunitätsabend haben wir diese Geschichte miteinander gelesen. Niemand von den jetzigen Bewohnern kennt Katja, und es ist schön in diesem Text eine Brücke zu haben.

Befreiung

Angefangen hat alles mit der Verbindung meines Vaters zur Naunynstraße. 1997 war das Jahr, in dem ich nach Berlin zog. Meine Freundin hatte mich eingeladen, hierher zu kommen. Von ihrer Wohnung aus suchte ich mir ein Zimmer im Prenzlauer Berg. Mein Vater besuchte mich bald. Er war in Sorge, daß ich in der großen Stadt verloren gehen könnte, und lud mich ein, mit ihm zur Naunynstraße zu kommen und Christian kennenzulernen. Das war der Beginn einer ganz besonderen Freundschaft.

Gab es Momente, in denen sich die Sorge meines Vaters zu bestätigen schien, so fand ich immer wieder Halt und Geborgenheit in langen Gesprä-chen mit Christian, auf Spaziergängen oder in einer Ecke der Wohnung. Und traf auf Menschen, denen es wohl ähnlich ging wie mir. Schritt für Schritt löste sich auf, was ich bisher als mein persönliches, einzigartiges Unglück zu betrachten gelernt hatte.

Kein Schritt, vielmehr ein Sprung auf diesem Weg war Christians Wunsch an mich, für sein Fest ein Bild zum Thema Befreiung zu malen. Inzwischen hatte ich nämlich ein Studium für das Lehramt Bildende Kunst an der Kunsthochschule begonnen, und Christian wußte, daß ich viel malte. Ich freute mich über diese Idee.

Ich wählte ein großformatiges Bild aus, das überwiegend in Blau und Weiß gemalt ist und eine abstrakte Form darstellt, die ich am ehesten als eine Art Zwiebel beschreiben würde. Eine Zwiebel, und das ist das Entscheidende, die sich nach oben öffnet und Farbe sprüht.

Das Bild bekam einen Platz neben den anderen Geschenken, und mehrere Leute fotografierten mich und sich und andere Leute davor. Ich war stolz und glücklich über die positiven Rückmeldungen der Betrachter.

Doch es sollte noch besser kommen. Eines Tages rief Christian mich an und berichtete begeistert, er habe das Bild, und auch eines von Albert, in der Naunynstraße aufgehängt und ich solle vorbeikommen um es mir anzusehen. Es habe einen wunderbaren Platz im Wohnzimmer bekommen, wo es aussehe, als gehöre es dorthin. Ich glaube, ich fuhr noch am selben Tag hin. Und richtig: Das Bild hing im Wohnzimmer, als sei es extra für diesen Platz gemalt. Vielleicht fing es erst jetzt an, auch mir selber zu gefallen. Christian sagt, es erfreue die Menschen, die zu ihm zu Besuch kommen, und erfülle den Raum mit Dynamik, Licht und Freude. Und wenn ich jetzt zu Besuch komme, bin ich für diejenigen, die ich dort zum ersten Mal treffe, oftmals die Künstlerin, die dieses Bild gemalt hat. Das ist eine große Ehre für mich.

Und in diesen Momenten funkt die Hoffnung in mir auf, daß die Befreiung, die ja der Ausgangspunkt dieser Geschichte ist, hier erst ihren Anfang nimmt. Zum Beispiel, daß ich noch viele Bilder malen werde, die anderen Menschen Mut machen, und wir zusammen weitergehen … in Richtung Licht.

Meinen Dank für viele schöne Stunden möchte ich an dieser Stelle auch Hans und Helma aussprechen, die mit ihren Essenseinladungen einen wichtigen Teil zu meinem „Leben in Berlin“-Wohlgefühl beitragen. Und ich möchte auch Franz nicht vergessen, dessen liebes, freundliches Gesicht und Sein mir jedesmal das Herz erwärmt, wenn ich es erlebe.

Katja Sommer – Berlin 1.1.2003 aus der Textsammlung „Gastfreundschaft – 25 Jahre Wohngemeinschaft Naunynstraße“, S. 280

Zum Weiterlesen:
Auch ein Tisch – unser Wohnzimmertisch hat eine besondere Bedeutung: Ein Tisch als Zeichen der Gemeinschaft

Blasiussegen mal anders

Ein Mitbewohner erzählt, dass in der Sonntagsmesse, die er besucht hat, der Blasiussegen mit gekreuzten Kerzen angeboten worden sei und meint: „Weil ich es immer mit der Blase habe, bin ich auch vorgegangen.“ Als er aufgeklärt wird, daß Blasius als Schutzheiliger für  Halsleiden, Husten, Kehlkopfkrankheiten und Diphterie zuständig sei, antwortet er: „Wenn er schon Blasius heißt, dann muß es auch gegen Blasenbeschwerden helfen.“

Meinem Gott von ganz unten …

Gestern beim Gottesdienst am Ende des Kommunitätsabends hat uns ein Gebet, das Franziska formuliert hat, sehr bewegt. Sie war 2015 bei uns in der WG zu Straßenexerzitien. Das Gebet ist schon 2003 entstanden:

Gott, wenn Menschen mir das Flaschensammeln verbieten,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld 
Gott, wenn ich in der Stunde nur 50 Cent verdient habe,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn ich das wenige Geld dann auch noch verliere,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn ich den Sinn meines Tuns auf einmal in Frage stelle,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn ich trotz Öffnungszeit der Kleiderkammer weggeschickt werde,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn ich von kirchlichen Vertretern nur als Almosenempfänger behandelt werde,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn ich die Essensausgabe nur als Abspeisen erlebe,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn Menschen mich von oben herab behandeln, nur weil ich um ein Glas Wasser bitte,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn mir Seife und Toilettenpapier vorenthalten werden,
weil ich von der Strasse komme,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn ich vor Wut über solche Art von christlicher Nächstenliebe koche,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld …

der ganze Text steht hier

 

 

Seligpreisungen – mal anders

Rana, der gerade zu Besuch bei uns ist, hat uns zum G-ttesdienst am Kommunitätsabend Seligpreisungen formuliert von Klaus Hemmerle (1929 – 1994) mitgebracht:

Selig, die immer  bereit sind  den ersten Schritt zu tun  – denn sie  werden entdecken,  dass der andere viel  offener ist,  als  er zeigen  konnte.

Selig, die nie sagen:  Jetzt  ist Schluss  – denn sie werden den neuen Anfang finden.

Selig, die erst hören und dann reden  – denn man wird ihnen  zuhören.

Selig, die das Körnchen Wahrheit in jedem  Diskussionsbeitrag  heraushören  – denn sie  werden integrieren  und vermitteln  können.

Selig, die ihre Position  nie ausnützen  – denn sie  werden geachtet  werden.

Selig, die nie beleidigt  oder enttäuscht  sind  – denn sie  werden das Klima prägen.

Selig, die verlieren  und unterliegen  können  – denn der Herr kann dann gewinnen. 

Kommunitätsabend mit dem Provinzial

Gestern hatten wir Besuch von Pater Johannes Siebner, der seit einem Jahr Provinzial ist und zum Kommunitätsabend kam. Im Rahmen seiner Visite bei den alten Brüdern in Kladow hat er auch unseren ältesten Mitbewohner Christian Schmidt besucht. Nach einem leckeren Abendessen hatten wir Zeit für intensives aufeinander Hören und Austausch. Pater Siebner ezählte von seiner langjährigen Beziehung zur Naunynstraße (30 Jahre), vom ersten Jahr als Provinzial und nahm Anteil an den Fragen, die uns als Gemeinschaft bewegen. Die Zeit verging wie im Flug. und wir freuen uns auf ein nächstes Zusammentreffen.

den Brunnen tiefer graben … am Kommunitätsabend

Cover des buches

Cover

Der wöchentliche Kommunitätsabend am Dienstag ist das Herzstück unserer Gemeinschaft. Wir treffen uns zum gemeinsamen Abendessen. Danach tauschen wir uns über die zurückliegende Woche aus und teilen miteinander, was uns wichtig war: Schönes und Schweres, Gelungenes und Mißlungenes. Anschließend wird zum Gottesdienst eingeladen.

Vor einigen Tagen hat mir Schwester Ingrid ein Buch mit Meditationen zu Texten von Christian de Cherge geliehen. Er war der Prior der Trappistenmönche von Tibhirine in Algerien, die 1986 ermordet wurden. Die Geschichte ist durch den Film „von Menschen und Göttern“ bekannt geworden.

In dem Büchlein habe ich einige Zeilen von Christian de Cherge gefunden, die ich unserem Austausch vorangestellt habe:

Seit jenem Tag an dem er mich plötzlich bat, ihn beten zu lehren, ist es Mohammed zur Gewohnheit geworden, zu uns zu kommen und sich regelmäßig mit mir zu unterhalten. Er ist ein Nachbar. So haben wir eine lange gemeinsame Geschichte. Oft hatte ich nicht viel Zeit; an manchen Wochenenden, wenn zu viele Gäste da waren und uns ganz in Anspruch nahmen, sah ich ihn gar nicht. Eines Tages fand er eine Formel, um mich zur Ordnung zu rufen und eine Begegnung zu erbitten: „Seit langem haben wir nicht mehr unsere Brunnen tiefer gegraben“. Das Bild ist uns geblieben. Wir greifen darauf zurück, wenn wir das Bedürfnis nach einem tiefen Austausch in uns verspüren.

Am Ende unseres Austausches habe ich die Zeilen nochmals gelesen und auch wie es weitergeht:

Einmal stellte ich ihm im Scherz die Frage: „Und was werden wir auf dem Grund des Brunnens finden? mulimisches oder christliches Wasser?“ Halb lachend, halb ärgerlich blickte er mich an: „Jetzt sind wir schon so lange gemeinsam unterwegs, und du stellst mir immer noch so eine Frage. Du weißt doch, was man auf dem Grund des Brunnens findet, ist das Wasser Gottes“.

Mit dem Bild des Brunnens konnten alle am Gespräch Beteiligten etwas anfangen, und die waren an diesem Abend christlich, jüdisch, muslimisch, buddhistisch und säkular.

Den Brunnen tiefer graben, Meditieren mit Christian de Chergé, Prior der Mönche von Tibhirine (Hrsg. Salenson, Christian), Neue Stadt Verlag, München 2015, S.48