Markenzeichen für unsere Gemeinschaft

Ein Mitbewohner, der seit fast einem Jahr mit uns zusammenlebt, hat sich Gedanken über ein Markenzeichen, über ein Signet für unsere Gemeinschaft gemacht, so wie er sie sieht und erlebt. Er ist Agnostiker. In der religiösen Tradition, in der er aufgewachsen ist – erzählt er – steht die Farbe grün für Liebe, Leben, Paradies und Auferstehung:

 

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Mosaic und Feiertage von drei Religionen

Am Dienstag war der letzte Tag des muslimischen Zuckerfestes, am Donnerstagabend beginnt das jüdische Wochenfest Schawuot und am Sonntag feiern Christen das Pfingstfest. Deshalb haben wir beim Kommunitätsabend, dem wöchentlichen Treffen unserer Gemeinschaft, den Film „Mosaic“ miteinander gesehen. Es ist eine filmische Collage – eine Art Filmmeditation: Bilder von Moscheen und Synagogen aus sechs Ländern mit Musik von Künstlern und Künstlerinnen aus den jeweiligen Kulturen unterlegt mit Instrumenten aus dem jeweiligen kulturellen Kontext bestehend aus tausenden Detailaufnahmen: Eine Symphonie von Bildern, Klängen, Licht, Bewegung …

Die Künstlerin Debora Philipps hat für diesen Film Usbekistan, die Türkei, Ägypten, den Iran, Marokko und Andalusien bereist und ist in über 6000 Detailaufnahmen den Gemeinsamkeiten, Unterschieden und Gegensätzen von Moscheen und Synagogen nachgegangen. Da beide Religionen figurative Abbildungen nicht erlauben, haben sich die Künstler bei der Ausgestaltung auf botanische, kalligraphische und geometrische Muster konzentriert.

Wer – wie wir – in diesem Gesamtkunstwerk schwelgen will, kann seit kurzem den Film auch im Internet ansehen und zwar hier. 

 

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Osterlichtsegen

Möge das Licht der
Auferstehungssonne
unserem Dunkel
heimleuchten

Mögen Risse und Brüche
unseres Lebens
es einlassen
durchscheinen lassen
in ihm verwandelt werden

Mögen uns die Augen
des Herzens aufgehen
für seine Gegenwart
in uns
durch uns
unter uns

Katja Süss

 

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Nachricht von Corona

Hallo Entschuldigen Sie, dass ich ohne Vorwarnung in Ihr Haus eingebrochen bin. Mein Name ist Corona. Sie kennen mich wahrscheinlich. Seien Sie nicht überrascht und haben Sie keine Angst. Ich möchte nur reden und einige Dinge erklären. Zunächst einmal verzeihen Sie mir, wie ich Sie behandelt habe. Ich kam aus dem Nichts und stellte Ihr Leben auf den Kopf. Ich bin aus dem Nichts angekommen und habe Ihr Leben durcheinander gebracht. Sie fragen sich sicher, warum ich gekommen bin und warum gerade jetzt! Eigentlich ist es nicht das erste Mal, dass ich Sie besuche, ich war schon zweimal zu Ihnen eingeladen, 2002 und erst kürzlich, 2012, erinnern Sie sich an den Kamelzustrom?

Jedes Mal dachte ich, dass sie diesmal die Lektion gelernt haben, aber so sind die Menschen. Heute bin ich es leid, zu sehen, wie Sie unermüdlich diesen Weg der Sünde gehen, wie Sie die Erde, die Sie verödet haben, veröden, wie Sie all diese Wälder verbrannt haben, wie Sie diese Atmosphäre und diese Ozeane, die Sie verschmutzt haben, die Flora, die Sie vergiftet haben, sehen, Die Tiere, die ihr geschlachtet habt, und ihr habt nicht damit aufgehört, eure Barbarei hat die Misshandlung der Erde und anderer lebender Spezies übertroffen, eure Wildheit wendet ihr auf euch selbst und untereinander an, wenn eure Brüder in der Menschheit zu euren Feinden werden.

Ja, ich bin es leid, ganze Völker zu sehen, die Sie versklavt haben, Länder und Kontinente, die Sie verarmt haben, die Sie für Ihre eigenen Interessen benutzt haben, Stämme mit chemischen Waffen, die Sie ausgelöscht haben, stolze Generationen, die gierig nach Gerechtigkeit und Freiheit waren, die Sie unterdrückt haben, wie viele Menschen Sie ausgehungert haben. und wie viele Menschenrechtsbewegungen Sie unterdrückt haben, Ihre Integrität haben Sie für mehr Geld verkauft, Sie haben die Welt in Stücke geschnitten, um so viel wie möglich zu essen. Ich mache diese Gefangenschaft, die ich euch auferlege, nicht umsonst, ich möchte, dass ihr daraus lernt, dass ihr die Wut der Unterdrückten fühlt, dass ihr fühlt, was die Hungrigen fühlen, dass ihr fühlt, was die Behinderten fühlen, dass ihr fühlt, was Frauen jeden Tag wie eingesperrte Bestien fühlen.

Sie mögen mich hart, kriminell oder sogar mörderisch finden, aber die Verantwortung für all dieses Unglück liegt bei Ihnen und nur bei Ihnen, ich musste etwas tun, damit Sie endlich aufwachen, damit Sie endlich Ihre Augen öffnen, damit Sie endlich das Feuer löschen, das Sie selbst entzündet haben; Lange habe ich darauf gewartet, dass du näher kommst, aber du entfernst dich immer weiter, ich bin es leid, zuzusehen, wie der Egoismus dich verschlingt, Neid, Hass dich zerreißt, Gier dich unterwandert. Während du in meinem Gefängnis eingesperrt bist, möchte ich, dass du über das Wesentliche nachdenkst. Dinge, die Ihnen egal sind, weil Sie vom Wirbelsturm des Lebens aufgesogen werden.

Ich möchte, dass Sie die Bremse ziehen, dass Sie einen neuen Atemzug nehmen, dass Sie verstehen, dass Ihre menschlichen Beziehungen und Ihre Beziehungen zu dem Land, auf dem Sie leben, und zu der Umwelt, die Sie geboren hat, sich ändern müssen. Ich hoffe, dass Sie diesmal Ihre Lektion gelernt haben und dass dies der letzte Brief ist, den ich Ihnen schicke, Aber Vorsicht, wenn ich Ihnen nicht das Beste zeige, komme ich zurück, um Sie zu besuchen, und dieses Mal werde ich einen neuen Anzug anziehen, und dieses Mal wird Sie nichts retten, weder Handwäsche noch Feuer noch Gegengift. Ich freue mich besonders, wenn Sie klugerweise auf ein Wiedersehen verzichten.

aufgezeichnet von unserem Mitbewohner Nadir

Eine Tasse als Gleichnis

Mehr als 15 Jahre hatte unser ältester Mitbewohner, Bruder Christian, eine schwere braune Steinguttasse in Gebrauch. Vor zwei Wochen ging sie beim Abspülen zu Bruch. Er hat sie sehr vermißt. Einige Tage später hat ihm Silvia eine neue Tasse (Foto links) geschenkt, die ihm gut gefällt und zudem viel leichter ist. Er meinte dazu: „Schon vor meiner Krebsdiagnose vor 15 Jahren hatte ich diese Tasse. Ich habe mich so an sie gewöhnt. Ich habe sie sehr vermisst und habe einige Zeit gebraucht sie innerlich loszulassen. Und jetzt habe ich eine viel schönere Tasse geschenkt bekommen.“

Dieses Gespräch ist mir einige Zeit nachgegangen und mir ist das Gebet der Töpfer von Taize wieder eingefallen:

Gebet der Töpfer von Taizé
Herr,
mache mich zu einer Schale,
offen zum Nehmen,
offen zum Geben,
offen zum Beschenktwerden,
offen zum Bestohlenwerden.
Herr,
mache mich zu einer Schale für Dich,
aus der Du etwas nimmst,
in die Du etwas hineinlegen kannst.
Wirst Du bei mir etwas finden,
was Du nehmen könntest?
Bin ich wertvoll genug,
sodass Du in mich etwas hineinlegen wirst?
Herr,
mache mich zu einer Schale
für meine Mitmenschen,
offen für die Liebe,
für das Schöne,
das sie verschenken wollen,
offen für ihre Sorgen und Nöte,
offen für ihre traurigen Augen
und ängstlichen Blicke,
die von mir etwas fordern.
Herr,
mache mich zu einer Schale.

Wenn ein Bild von Befreiung erzählt …

Unübersehbar ist dieses Bild von Katja Sommer in unserem Wohnzimmer für jeden, der es betritt. Vor einigen Tagen habe ich in der Textsammlung „Gastfreundschaft – 25 Jahre Wohngemeinschaft Naunynstraße“ die Zeilen entdeckt, die Katja darüber verfaßt hat. Am letzten Kommunitätsabend haben wir diese Geschichte miteinander gelesen. Niemand von den jetzigen Bewohnern kennt Katja, und es ist schön in diesem Text eine Brücke zu haben.

Befreiung

Angefangen hat alles mit der Verbindung meines Vaters zur Naunynstraße. 1997 war das Jahr, in dem ich nach Berlin zog. Meine Freundin hatte mich eingeladen, hierher zu kommen. Von ihrer Wohnung aus suchte ich mir ein Zimmer im Prenzlauer Berg. Mein Vater besuchte mich bald. Er war in Sorge, daß ich in der großen Stadt verloren gehen könnte, und lud mich ein, mit ihm zur Naunynstraße zu kommen und Christian kennenzulernen. Das war der Beginn einer ganz besonderen Freundschaft.

Gab es Momente, in denen sich die Sorge meines Vaters zu bestätigen schien, so fand ich immer wieder Halt und Geborgenheit in langen Gesprä-chen mit Christian, auf Spaziergängen oder in einer Ecke der Wohnung. Und traf auf Menschen, denen es wohl ähnlich ging wie mir. Schritt für Schritt löste sich auf, was ich bisher als mein persönliches, einzigartiges Unglück zu betrachten gelernt hatte.

Kein Schritt, vielmehr ein Sprung auf diesem Weg war Christians Wunsch an mich, für sein Fest ein Bild zum Thema Befreiung zu malen. Inzwischen hatte ich nämlich ein Studium für das Lehramt Bildende Kunst an der Kunsthochschule begonnen, und Christian wußte, daß ich viel malte. Ich freute mich über diese Idee.

Ich wählte ein großformatiges Bild aus, das überwiegend in Blau und Weiß gemalt ist und eine abstrakte Form darstellt, die ich am ehesten als eine Art Zwiebel beschreiben würde. Eine Zwiebel, und das ist das Entscheidende, die sich nach oben öffnet und Farbe sprüht.

Das Bild bekam einen Platz neben den anderen Geschenken, und mehrere Leute fotografierten mich und sich und andere Leute davor. Ich war stolz und glücklich über die positiven Rückmeldungen der Betrachter.

Doch es sollte noch besser kommen. Eines Tages rief Christian mich an und berichtete begeistert, er habe das Bild, und auch eines von Albert, in der Naunynstraße aufgehängt und ich solle vorbeikommen um es mir anzusehen. Es habe einen wunderbaren Platz im Wohnzimmer bekommen, wo es aussehe, als gehöre es dorthin. Ich glaube, ich fuhr noch am selben Tag hin. Und richtig: Das Bild hing im Wohnzimmer, als sei es extra für diesen Platz gemalt. Vielleicht fing es erst jetzt an, auch mir selber zu gefallen. Christian sagt, es erfreue die Menschen, die zu ihm zu Besuch kommen, und erfülle den Raum mit Dynamik, Licht und Freude. Und wenn ich jetzt zu Besuch komme, bin ich für diejenigen, die ich dort zum ersten Mal treffe, oftmals die Künstlerin, die dieses Bild gemalt hat. Das ist eine große Ehre für mich.

Und in diesen Momenten funkt die Hoffnung in mir auf, daß die Befreiung, die ja der Ausgangspunkt dieser Geschichte ist, hier erst ihren Anfang nimmt. Zum Beispiel, daß ich noch viele Bilder malen werde, die anderen Menschen Mut machen, und wir zusammen weitergehen … in Richtung Licht.

Meinen Dank für viele schöne Stunden möchte ich an dieser Stelle auch Hans und Helma aussprechen, die mit ihren Essenseinladungen einen wichtigen Teil zu meinem „Leben in Berlin“-Wohlgefühl beitragen. Und ich möchte auch Franz nicht vergessen, dessen liebes, freundliches Gesicht und Sein mir jedesmal das Herz erwärmt, wenn ich es erlebe.

Katja Sommer – Berlin 1.1.2003 aus der Textsammlung „Gastfreundschaft – 25 Jahre Wohngemeinschaft Naunynstraße“, S. 280

Zum Weiterlesen:
Auch ein Tisch – unser Wohnzimmertisch hat eine besondere Bedeutung: Ein Tisch als Zeichen der Gemeinschaft

27. Januar 2019 – Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

Dance Me To The End Of Love
Tanz mit mir die Liebe bis zum Schluss.
Leonard Cohen (Melodie & Text) dachte beim Schreiben dieses Songs an die Ermordeten der Shoah und sang für die Vielen, die nie eine Chance bekamen, ihre Liebe zu leben. Hier eine Interpretation von Karsten Troyke und Sharon Brauner auf der Weidendammbrücke in Berlin:

Novemberausklang

Zum Ewigkeitssonntag hat Andreas, der auch hier mit liest, auf seiner Facebook-Seite ein Gedicht von Rose Ausländer geteilt:

Noch bist du da

Wirf deine Angst
in die Luft

Bald 
ist deine Zeit um
bald wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume ins Nirgends.

Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da

Sei was du bist
Gib was du hast

Vorgeschmack auf 2019

„ein neues jahr  eine neue zahl   die wir dreihundertfünfundsechzig tage schreiben
ein neues jahr  es bleibt keine wahl  auch das müssen wir uns vertreiben“
luke sonnenglanz schrieb diese heiteren worte in seinen song „zweitausendneun“
und damit dieses vertreiben zum verbleiben einlädt  schenkt uns luke einige schöne
bilder  die der „kleine-WELTEN-verlag“ zu drei schönen kalendern werden ließ