Eine Tasse als Gleichnis

Mehr als 15 Jahre hatte unser ältester Mitbewohner, Bruder Christian, eine schwere braune Steinguttasse in Gebrauch. Vor zwei Wochen ging sie beim Abspülen zu Bruch. Er hat sie sehr vermißt. Einige Tage später hat ihm Silvia eine neue Tasse (Foto links) geschenkt, die ihm gut gefällt und zudem viel leichter ist. Er meinte dazu: „Schon vor meiner Krebsdiagnose vor 15 Jahren hatte ich diese Tasse. Ich habe mich so an sie gewöhnt. Ich habe sie sehr vermisst und habe einige Zeit gebraucht sie innerlich loszulassen. Und jetzt habe ich eine viel schönere Tasse geschenkt bekommen.“

Dieses Gespräch ist mir einige Zeit nachgegangen und mir ist das Gebet der Töpfer von Taize wieder eingefallen:

Gebet der Töpfer von Taizé
Herr,
mache mich zu einer Schale,
offen zum Nehmen,
offen zum Geben,
offen zum Beschenktwerden,
offen zum Bestohlenwerden.
Herr,
mache mich zu einer Schale für Dich,
aus der Du etwas nimmst,
in die Du etwas hineinlegen kannst.
Wirst Du bei mir etwas finden,
was Du nehmen könntest?
Bin ich wertvoll genug,
sodass Du in mich etwas hineinlegen wirst?
Herr,
mache mich zu einer Schale
für meine Mitmenschen,
offen für die Liebe,
für das Schöne,
das sie verschenken wollen,
offen für ihre Sorgen und Nöte,
offen für ihre traurigen Augen
und ängstlichen Blicke,
die von mir etwas fordern.
Herr,
mache mich zu einer Schale.
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Wenn ein Bild von Befreiung erzählt …

Unübersehbar ist dieses Bild von Katja Sommer in unserem Wohnzimmer für jeden, der es betritt. Vor einigen Tagen habe ich in der Textsammlung „Gastfreundschaft – 25 Jahre Wohngemeinschaft Naunynstraße“ die Zeilen entdeckt, die Katja darüber verfaßt hat. Am letzten Kommunitätsabend haben wir diese Geschichte miteinander gelesen. Niemand von den jetzigen Bewohnern kennt Katja, und es ist schön in diesem Text eine Brücke zu haben.

Befreiung

Angefangen hat alles mit der Verbindung meines Vaters zur Naunynstraße. 1997 war das Jahr, in dem ich nach Berlin zog. Meine Freundin hatte mich eingeladen, hierher zu kommen. Von ihrer Wohnung aus suchte ich mir ein Zimmer im Prenzlauer Berg. Mein Vater besuchte mich bald. Er war in Sorge, daß ich in der großen Stadt verloren gehen könnte, und lud mich ein, mit ihm zur Naunynstraße zu kommen und Christian kennenzulernen. Das war der Beginn einer ganz besonderen Freundschaft.

Gab es Momente, in denen sich die Sorge meines Vaters zu bestätigen schien, so fand ich immer wieder Halt und Geborgenheit in langen Gesprä-chen mit Christian, auf Spaziergängen oder in einer Ecke der Wohnung. Und traf auf Menschen, denen es wohl ähnlich ging wie mir. Schritt für Schritt löste sich auf, was ich bisher als mein persönliches, einzigartiges Unglück zu betrachten gelernt hatte.

Kein Schritt, vielmehr ein Sprung auf diesem Weg war Christians Wunsch an mich, für sein Fest ein Bild zum Thema Befreiung zu malen. Inzwischen hatte ich nämlich ein Studium für das Lehramt Bildende Kunst an der Kunsthochschule begonnen, und Christian wußte, daß ich viel malte. Ich freute mich über diese Idee.

Ich wählte ein großformatiges Bild aus, das überwiegend in Blau und Weiß gemalt ist und eine abstrakte Form darstellt, die ich am ehesten als eine Art Zwiebel beschreiben würde. Eine Zwiebel, und das ist das Entscheidende, die sich nach oben öffnet und Farbe sprüht.

Das Bild bekam einen Platz neben den anderen Geschenken, und mehrere Leute fotografierten mich und sich und andere Leute davor. Ich war stolz und glücklich über die positiven Rückmeldungen der Betrachter.

Doch es sollte noch besser kommen. Eines Tages rief Christian mich an und berichtete begeistert, er habe das Bild, und auch eines von Albert, in der Naunynstraße aufgehängt und ich solle vorbeikommen um es mir anzusehen. Es habe einen wunderbaren Platz im Wohnzimmer bekommen, wo es aussehe, als gehöre es dorthin. Ich glaube, ich fuhr noch am selben Tag hin. Und richtig: Das Bild hing im Wohnzimmer, als sei es extra für diesen Platz gemalt. Vielleicht fing es erst jetzt an, auch mir selber zu gefallen. Christian sagt, es erfreue die Menschen, die zu ihm zu Besuch kommen, und erfülle den Raum mit Dynamik, Licht und Freude. Und wenn ich jetzt zu Besuch komme, bin ich für diejenigen, die ich dort zum ersten Mal treffe, oftmals die Künstlerin, die dieses Bild gemalt hat. Das ist eine große Ehre für mich.

Und in diesen Momenten funkt die Hoffnung in mir auf, daß die Befreiung, die ja der Ausgangspunkt dieser Geschichte ist, hier erst ihren Anfang nimmt. Zum Beispiel, daß ich noch viele Bilder malen werde, die anderen Menschen Mut machen, und wir zusammen weitergehen … in Richtung Licht.

Meinen Dank für viele schöne Stunden möchte ich an dieser Stelle auch Hans und Helma aussprechen, die mit ihren Essenseinladungen einen wichtigen Teil zu meinem „Leben in Berlin“-Wohlgefühl beitragen. Und ich möchte auch Franz nicht vergessen, dessen liebes, freundliches Gesicht und Sein mir jedesmal das Herz erwärmt, wenn ich es erlebe.

Katja Sommer – Berlin 1.1.2003 aus der Textsammlung „Gastfreundschaft – 25 Jahre Wohngemeinschaft Naunynstraße“, S. 280

Zum Weiterlesen:
Auch ein Tisch – unser Wohnzimmertisch hat eine besondere Bedeutung: Ein Tisch als Zeichen der Gemeinschaft

27. Januar 2019 – Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

Dance Me To The End Of Love
Tanz mit mir die Liebe bis zum Schluss.
Leonard Cohen (Melodie & Text) dachte beim Schreiben dieses Songs an die Ermordeten der Shoah und sang für die Vielen, die nie eine Chance bekamen, ihre Liebe zu leben. Hier eine Interpretation von Karsten Troyke und Sharon Brauner auf der Weidendammbrücke in Berlin:

Novemberausklang

Zum Ewigkeitssonntag hat Andreas, der auch hier mit liest, auf seiner Facebook-Seite ein Gedicht von Rose Ausländer geteilt:

Noch bist du da

Wirf deine Angst
in die Luft

Bald 
ist deine Zeit um
bald wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume ins Nirgends.

Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da

Sei was du bist
Gib was du hast

Vorgeschmack auf 2019

„ein neues jahr  eine neue zahl   die wir dreihundertfünfundsechzig tage schreiben
ein neues jahr  es bleibt keine wahl  auch das müssen wir uns vertreiben“
luke sonnenglanz schrieb diese heiteren worte in seinen song „zweitausendneun“
und damit dieses vertreiben zum verbleiben einlädt  schenkt uns luke einige schöne
bilder  die der „kleine-WELTEN-verlag“ zu drei schönen kalendern werden ließ

Zum 3. Oktober 2018

Wiedervereinigung – Rolf Kutschera aka RocknRollf

RocknRolf hat vor einiger Zeit für einen Mitbewohner, der in einem Kindergarten kocht, einen großen Speiseplan gezeichnet, in den für jeden Tag eine Karteikarte eingesteckt wird, auf der man nachlesen kann, was die Kinder an diesem Tag zum Mittagessen bekommen. Da am 3. Oktober die deutsche Wiedervereinigung gefeiert wird und der Kindergarten geschlossen ist, entstand für den „leeren“ Tag die obige Karrikatur. Allen einen schönen, erlebnisreichen Feiertag mit vielfältigen Begegnungen und Anregungen.