Nachbarschaft bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur

Gleich nach den ersten Zeilen habe ich an der atmosphärischen Schilderung die Synagoge am Fraenkelufer erkannt:

Bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt wurde die in Kreuzberg aufgewachsene Autorin Dana Vowinckel mit einem Auszug aus ihrem geplanten Roman „Gewässer im Ziplock“ über eine jüdische Familie mit dem Deutschlandfunk-Preis ausgezeichnet. Der Text ist ein Fragment einer Drei-Generationen-Diaspora-Geschichte zwischen Berlin, Chicago und Israel und zwar aus einer zweifachen, sehr weit auseinanderliegenden Perspektive von Vater und Tochter. Die Synagoge Fraenkel Ufer spielt eine tragende Rolle. Der Vater ist dort Vorbeter.  Man kann den ausgezeichneten Text hier nachlesen.

Befremdlich finde ich die Rezeption in einigen Medien, die „einen Blick auf die orthodoxe jüdische Szene“ sehen, was auch bei den Juror*innen eine Rolle spielt. Die Synagoge Fraenkelufer rechnet sich der konservativen Richtung zu. Das wird auch deutlich durch die Feststellung, daß  „viel gestritten (wurde), ob man nicht die Frauen auch zählen sollte, aber bis heute setzten sich ein paar der Alten durch, der Männer, die wollten, dass die Dinge blieben, wie sie waren, er mischte sich nicht ein.“ Eine solche Diskussion wäre im Kontext einer orthodoxen Synagoge nicht denkbar. Außerdem wird erzählt, daß der Vorbeter im Prenzlauer Berg wohnt. Als orthodox Praktizierender würde er in der Nähe der Synagoge leben, sodaß er sie am Schabbat zu Fuß erreichen kann.

Der Ingeborg-Bachmann-Preis wurde 1976 von der Stadt Klagenfurt im Gedenken an die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann gestiftet und wird seit 1977 jährlich während der mehrtägigen Tage der deutschsprachigen Literatur verliehen. Er gilt als eine der wichtigsten literarischen Auszeichnungen im deutschen Sprachraum. (Wikipedia).

Zum Weiterlesen oder Schauen:
Die Diskussion der Jury kann man sich hier ansehen (25 Minuten)
Blog von Dana Vowinckel

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Zivilcourage: Unsere Nachbarschaft im Spielfilm

 

mit Götz George in der Hauptrolle (Dauer: 90 Minuten)

Ein Mitbewohner hat ihn im Internet entdeckt: „Zivilcourage“, einen Spielfilm, auf Straßen und Plätzen unserer Nachbarschaft gedreht wurde und Lebensrealitäten in der „Hausmannstraße“ – wie sie im Film heißt – abbildet. 

Wir haben den Film miteinander angeschaut. Schon eine ungewohnte Erfahrung, das eigene Stadtviertel, die Straßen, auf denen man täglich unterwegs ist, und einiges, was uns begegnet, im Film zu sehen. 

Infos zum Inhalt, zu den Mitwirkenden und zur Herstellung
Eine Filmkritik in der WELT

Mehr aus unserer Nachbarschaft

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Lob des Gehens …

heißt ein Podcast, der gerade gestartet wurde und den ich über Herrn Buddenbohm entdeckt habe. Die erste Folge fand ich sehr ansprechend und bin gespannt auf die nächsten Beiträge, die hier zu finden sein werden. Nicola Wessinghage aus Hamburg unterhält sich

„mit verschiedenen Menschen über die vielen Facetten des Gehens. Dabei bewege ich mich in ganz unterschiedlichen Themenfeldern, von der Anatomie über Architektur, Neurologie, Kommunikation, Kunst, Kultur und Geschichte. In einigen Episoden wird es auch um kleine Experimente bzw. Erfahrungsberichte gehen. Denn Aufhänger für diesen Podcast waren vor allem meine eigene Lust am Gehen und die Neugier, besser zu verstehen, warum es auf so verschiedene Arten so gut tut, zu Fuß unterwegs zu sein.“

In unserer WG spielt das Unterwegs sein zu Fuß, das Gehen im Alltag eine große Rolle. Vielleicht ist unsere Gemeinschaft auch deshalb der Ort geworden, an dem die Exerzitien auf der Straße entstanden sind ohne daß das jemand geplant hätte.

Zum Weiterlesen und Weiterhören:
Podcast Lob des Gehens
Beiträge hier im Blog über  Exerzitien auf der Straße

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Wohngemeinschaft mit Gott

 

Das Magazin 3_2020 zeigt die Lichtinstallation mit dem Hashtag #hope auf das Matterhorn

Was für eine Überraschung als letzte Woche die aktuelle Ausgabe von andere Zeiten – Magazin zum Kirchenjahr bei uns im Briefkasten lag. Reportagen, Betrachtungen und informative Texte eröffnen Zugänge zu den besonderen Tagen und Zeiten des Kirchenjahres – dieses Mal vom Franziskus-tag über das Rosenkranzfest, den-Reformations-tag und Buß- und Bettag bis hin zum Ewigkeitssonntag. Erst einmal blieb das Heft bis zum Wochenende liegen um mit mehr Zeit und Muße hineinzuschauen. Aber am Samstag war es dann soweit, gerade noch rechtzeitig vor dem Franziskusfest, das bei uns eine herausgehobene Rolle spielt, weil der Chefkoch an diesem Tag Namenstag feiert.  Die letzten Jahre waren immer einige von uns beim Transitus, einer Liturgie der franziskanischen Gemeinschaften am Vorabend des Namenstags, in dem der Heimgang von Franziskus im Mittelpunkt steht. Jedes Jahr lädt eine andere der franziskanischen Gemeinschaften in Berlin dazu ein. Und wir durften dazu kommen. Aber aus den bekannten Gründen fand dieses feierliche Treffen mit Gottesdienst und anschließendem Beisammensein mit einem schönen Essen und anregenden Gesprächen leider nicht in dieser Form statt. 

Ich nehme nun am Samstagabend das „andere Zeiten“ – Heft zur Hand, lese auf den ersten beiden Seiten einige kurze Hinweise und schlage dann auf Seite vier den ersten doppelseitigen Artikel auf: „Wohngemeinschaft mit Gott“ springt mir die Überschrift entgegen. Da steht auf einer Rasenfläche ein langer Tisch mit Gartenstühlen. Nicht unser Tisch – einen solchen Tisch haben wir nicht, aber es geht um uns, um unsere WG in Kreuzberg.

Zum Franziskusfest erzählt Schwester Birgitta Harsch, eine Franziskanerin aus Reute, wie die Frage „wie wir unseren einfachen und alternativen Lebensstil in unserer Gemeinschaft leben oder an manchen Stellen nicht leben“ sie auf neues Terrain führte, nämlich zu Exerzitien auf der Straße in unsere Wohngemeinschaft mitten in Kreuzberg, was sie erlebt hat und wie das ihren weiteren Weg in ihrem Ordensleben beeinflußt hat. Sie schreibt: 

„Moment mal … waren da vor meiner Zeit in der WG nicht auch Vorbehalte und Ängste gegenüber Menschen aus verschiedenen Kulturen und anderer Hautfarbe? Monate zuvor hatte ich die Sehnsucht verspürt, ganz einfach leben zu wollen. Und wo hatte Gott mich hingeführt? Wunderbare Menschen hatten mich unkompliziert und selbstverständlich abgeholt in ihre Gemeinschaft hinein und einer, Gott, war mittendrin, um mich zu empfangen – einfach! Er wußte um meine tiefe Sehnsucht …“

Wir wußten nichts von diesem Artikel. Er war und ist ein Geschenk. Wir haben ihn am Sonntagmorgen beim Feiertagsfrühstück zum Franziskusfest gelesen, waren sehr berührt und haben uns sehr gefreut. Was für ein schöner Tagesbeginn mit diesem Gruß von einer den meisten jetzigen Mitbewohnern unbekannten Schwester.

Wer das Magazin „Andere Zeiten“ kostenlos beziehen möchte, kann die aktuelle Ausgabe      hier bestellen. Es liegt dann drei Mal im Jahr im Briefkasten. 

Zum Weiterlesen:
Wer gastfreundlich sein will, muß Platz schaffen…  – ein Gespräch von Angela Krumpen (domradio) mit Christian Herwartz
Mehr zu Exerzitien auf der Straße

 

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Seelsorge zwischen Werkbank und Gestapo …

… ist ein Artikel in der aktuellen Ausgabe von Publik Forum erschienen, der das Wirken von französischen Arbeiterpriestern in Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus thematisiert. Sie halfen französischen Zwangsarbeitern, die nach Deutschland verschleppt worden waren und in der Rüstungsindustrie arbeiten mußten. Die Arbeiterpriester haben sich bewußt in diese Situation begeben um ihren Landsleuten nahe zu sein. Sie wußten, daß es für sie negative Konsequenzen haben würde, wenn sie entdeckt werden würden.

Der Verfasser, Hugh Williamson, ist in Großbritannien als Sohn eines Arbeiterpriesters aufgewachsen. Auf seinem Blog (englisch) sind Artikel über Arbeiterpriester (worker priests / prêtres ouvriers) in verschiedenen Ländern zu finden.

Artikel in diesem Blog über Arbeiterpriester:
Gottesdienst am Küchentisch
Exerzitien auf der Straße – Leben mit Straßenkontakt (Christian Herwartz)
Wer gastfreundlich sein will …
Les Prêtres Ouvriers existent
Seite über Arbeiterpriester – Arbeitergeschwister
Nachgerufen: Dieter Kirschner

Nachruf Franz Keller (Tagesspiegel)

über Arbeiterpriester heute:
katholische Kirche ganz anders – Priester im Overall (taz)

 

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Leben mit Menschen am Rand der Gesellschaft

Notübernachtung St. Pius

Seit vielen Jahren gehören Wolfgang Willsch und die „Gemeinschaft Brot des Lebens“, in der er mit seiner Familie und ehemals obdachlosen Menschen in Berlin-Friedrichshain lebt, zu den Freunden unserer Gemeinschaft. Schon oft durften wir die Räume, in denen sie im Winter Gastgeber einer Notübernachtung im Rahmen der Berliner Kältehilfe sind, während der Sommermonate für Exerzitien auf der Straße nutzen.

Was das Leben mit Menschen am Rand der Gesellschaft mit Freiheit zu tun hat, kann man auf einem Beitrag von Deutschlandfunk Kultur über die Gemeinschaft Brot des Lebens nachlesen und nachhören (sieben Minuten) und zwar hier.

Mehr zur Gemeinschaft Brot des Lebens
Exerzitien auf der Straße – Leben mit Straßenkontakt
WG Naunynstraße als Straßenexerzitien-Herberge

 

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Tatort Kirche – Macht und Mißbrauch …

Zu diesem Thema gibt es ein etwa einstündiges Gespräch im SWR-Fernsehen mit Klaus Mertes (SJ), das man in den nächsten Wochen noch hier nachhören kann. Es ist ein Live-Mitschnitt von einer Sendung, die Ende Mai aufgezeichnet wurde. Auf der Sendungshomepage heißt es:

Nach der Aufdeckung von Missbrauchsfällen erhielt Pater Mertes Anfeindungen von allen Seiten, auch aus der Kirche. Kurien-Erzbischof Georg Gänswein in Rom bezeichnete ihn noch kürzlich als „abgefallenen Priester“. Das ist er aber nicht. Vielmehr lebt der Jesuitenpater und frühere Rektor des Berliner Canisius-Kollegs heute im Schwarzwald und leitet das Kolleg St. Blasien.

Doch Klaus Mertes ist nicht ruhiger geworden. Er fordert, aus der Aufarbeitung von Missbrauch auch strukturelle Konsequenzen zu ziehen, zum Beispiel monarchische Strukturen sowie Macht- und Elitedenken auf den Prüfstand zu stellen, die Zölibatspflicht für Priester aufzuheben und falsch verstandenen Gehorsam einfach sein zu lassen.

Was hat das mit diesem Blog zu tun? Klaus Mertes ist ein langjähriger Freund unserer WG. Nachdem er den Mißbrauch im Canisius-Kolleg öffentlich gemacht hat, bekam er auch zahlreiche Hassmails. Mitbewohner unserer WG haben seine Mails gelesen und vorsortiert. Immer wieder hat ihn die Kommunität, in der er lebte, nach Kreuzberg geschickt, weil es hier immer Mitbewohner gab, die Erfahrungen mit sexuellen Mißbrauch hatten.

Nachtrag am 19. März 2021:
Im April wird Klaus Mertes das Bundesverdienstkreuz überreicht bekommen. Mehr dazu hier

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Fünfzigtausend …

Gestern in der Stunde vor Mitternacht war es soweit: Der 50 000 Seitenaufruf auf diesem Nischenblog, in dem von unserer Gemeinschaft und vielem, was uns beschäftigt, die Rede ist. Im Januar 2016 wurde dieser Blog gestartet. 15730 Menschen aus 84 Ländern waren da – kürzer oder länger. 430 Beiträge sind geschrieben worden und  zahlreiche Bilder wurden gezeigt. 301 Kommentare wurden verfaßt.

Allen Freunden, Freundinnen, Wegbegleiter_innen, Unterstützer_innen und Mitlesenden auf diesem Weg ein großes Dankeschön.

 

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Mosaic und Feiertage von drei Religionen

Am Dienstag war der letzte Tag des muslimischen Zuckerfestes, am Donnerstagabend beginnt das jüdische Wochenfest Schawuot und am Sonntag feiern Christen das Pfingstfest. Deshalb haben wir beim Kommunitätsabend, dem wöchentlichen Treffen unserer Gemeinschaft, den Film „Mosaic“ miteinander gesehen. Es ist eine filmische Collage – eine Art Filmmeditation: Bilder von Moscheen und Synagogen aus sechs Ländern mit Musik von Künstlern und Künstlerinnen aus den jeweiligen Kulturen unterlegt mit Instrumenten aus dem jeweiligen kulturellen Kontext bestehend aus tausenden Detailaufnahmen: Eine Symphonie von Bildern, Klängen, Licht, Bewegung …

Die Künstlerin Debora Philipps hat für diesen Film Usbekistan, die Türkei, Ägypten, den Iran, Marokko und Andalusien bereist und ist in über 6000 Detailaufnahmen den Gemeinsamkeiten, Unterschieden und Gegensätzen von Moscheen und Synagogen nachgegangen. Da beide Religionen figurative Abbildungen nicht erlauben, haben sich die Künstler bei der Ausgestaltung auf botanische, kalligraphische und geometrische Muster konzentriert.

Wer – wie wir – in diesem Gesamtkunstwerk schwelgen will, kann seit kurzem den Film auch im Internet ansehen und zwar hier. 

 

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