Markenzeichen für unsere Gemeinschaft

Ein Mitbewohner, der seit fast einem Jahr mit uns zusammenlebt, hat sich Gedanken über ein Markenzeichen, über ein Signet für unsere Gemeinschaft gemacht, so wie er sie sieht und erlebt. Er ist Agnostiker. In der religiösen Tradition, in der er aufgewachsen ist – erzählt er – steht die Farbe grün für Liebe, Leben, Paradies und Auferstehung:

 

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Begriffe und Bedeutungen

Immer wieder entdecken wir, wie unterschiedlich wir Begriffe verwenden und welche unterschiedlichen Bedeutungen und Konzepte wir damit verbinden. Unsere Frühstücksgespräche sind ein bevorzugter Ort dafür.

Im Französischunterricht der 1970iger Jahre in der alten BRD wurde unter dem Begriff der Magreb-‚Staaten Marokko, Algerien und Tunesien subsumiert. Plötzlich kommt es zu einem Perspektivwechsel, denn Mitbewohner Herr Marokko widerspricht. Al-Maghrib sei die Selbstbezeichnung seines Landes. In einem weiteren Sinn würden auch die Länder Marokko, Tunesien, Algerien, Libyen und Mauretanien als Magreb bezeichnet. Diese bilden auch eine Union, die politisch, wirtschaftlich und kulturell zusammenarbeitet (Union des arabischen Magreb).

So haben wir durch die internationale Zusammensetzung unserer Gemeinschaft immer wieder die Chance, unsere Wahrnehmung zu erweitern und dazuzulernen.

 

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Mitten in der Nacht …

Ein halbes Jahr hat Bruder Gerhard mit uns gelebt, unseren Alltag geteilt, viele Diskussionen über die Wachstumsideologie und Umweltfragen mit uns geführt, Holz gemacht und uns bei den gemeinsamen G-ttesdiensten mit der Gitarre begleitet. Am Donnerstag vor zwei Wochen haben wir uns von ihm verabschiedet mit einem leckeren Abendessen, einigen Liedern und einem Austausch, was uns in dieser Zeit und durch ihn wichtig geworden ist. Er zieht weiter mit seinem Fahrrad und seinem Fahrradanhänger und hat uns die folgende Geschichte – wie könnte es anders sein – aus der Landwirtschaft erzählt:

Vor langer Zeit wohnten zwei Brüder zusammen.  Die zwei Brüder waren fromm und lebten nach dem Gesetz des Ewigen. Der Jüngere von ihnen war verheiratet und hatte Kinder, der ältere war ledig und allein. Die beiden Brüder arbeiteten zusammen, pflügten gemeinsam das Feld und streuten miteinander den Getreidesamen aus. 

Zur Zeit der Ernte brachten sie das Getreide herein und teilten die Garben in zwei gleich grosse Haufen. Als es Nacht wurde, legte sich jeder der beiden Brüder bei seinen Garben nieder. Der ältere aber konnte nicht einschlafen und sprach in seinem Herzen: Mein Bruder hat eine Familie, ich bin allein und ohne Kinder. Trotzdem habe ich gleich viele Garben bekommen wie er. Das ist nicht gerecht. Er überlegte lange hin und her und konnte keine Ruhe finden, bis er aufstand, etwas von seinen Garben nahm und sie heimlich und leise zu den Garben seines Bruders schichtete. Dann legte er sich wieder hin und schlief sorgenlos ein. 

In der gleichen Nacht nun erwachte der jüngere Bruder von seinem Schlaf. Er hatte von seinem Bruder geträumt, der allein war und keine Kinder hat. Wer wird in seinen alten Tagen für ihn sorgen? Vielleicht war er selber bis dahin schon gestorben. Was sollte dann aus seinem Bruder werden? So stand er auf, nahm etwas von seinen Garben, die neben ihm lagen, und trug sie heimlich und leise hinüber zu dem Stoss des älteren. Als die Morgensonne aufging, erhoben sich die beiden Brüder. Jeder war erstaunt, dass die Garbenstösse dieselben waren wie am Abend zuvor. Aber keiner sagte dem anderen etwas von seinen verwunderten Gedanken, sondern sann weiter auf Abhilfe. 

In der zweiten Nacht wartete jeder ein Weilchen, bis er den Eindruck hatte, dass der andere sich im tiefen Schlaf befand. Dann erhoben sie sich und jeder nahm von seinen Garben, um sie zum Stoss des anderen Bruders zu tragen. Auf halbem Wege trafen sie plötzlich aufeinander und jeder erkannte, wie gerecht und gut es der andere mit ihm gemeint hat. Da ließen sie ihre Garben fallen und umarmten einander in brüderlicher Ergriffenheit. Gott im Himmel sah sie und sprach: Heilig ist mir dieser Ort! Hier will ich unter den Menschen wohnen! 

 

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Sprachlos …

Eine ehemalige Mitbewohnerin hat uns am Sonntag besucht. Ihre Oma, zu der sie ein sehr enges Verhältnis hat, war drei Tage vorher verstorben und ist ohne sie beerdigt worden. Wegen des Corona-Virus konnte sie nicht zur Beerdigung anreisen. Sie hat ihre Traurigkeit mit uns geteilt.

„Gibt es ein Lied, das deine Oma besonders gern mag, das dich mit ihr verbindet und das wir mit dir singen können?“
„Meine Oma mochte besonders gern Marienlieder“

Da müssen wir leider passen. Unser ältester Mitbewohner – katholisch – singt nicht, und die beiden anderen Katholiken unserer WG sind aus anderen Erdteilen. Dann fällt ihr noch ein Lied ein, das wir mit ihr singen können:

Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir.
Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu dir.
Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen Dir.
(Nikolaus von Flue)

 

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Anders – ganz anders

Eine Seelsorgerin hat eine junge Frau zu uns geschickt, die für eine Zeit einen Platz sucht, wo sie zur Ruhe kommen kann. Als die junge Frau nach unserem Frühstück die Wohnung betritt und zwei Mitbewohner im Wohnzimmer sitzen sieht, gerät sie in Panik. An einen Ort, an dem Männer sind, will sie nicht sein. Sie hat zu viel Schlimmes und Gewalt erlebt. Sie dachte, sie kommt in ein Frauenhaus. Es findet sich ein Ort für sie. Als die Männer fragen, wo die neue Bewohnerin sei und ich von der Begegnung am Morgen erzähle, meint einer: Wenn sie sich nochmal meldet, dann sag ihr, bei uns ist es anders – ganz anders. Vielleicht will sie es später nochmal hier probieren.

 

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Dezember-Geburtstag

Eine ehemaligen Mitbewohnerin hat bei uns ihren Geburtstag gefeiert mit Musik, Liedern und Tanz. Leider konnte ich nur kurz dabei sein und mußte die Feier wegen einer anderen Verabredung vor dem Ende verlassen. Am neuen Treffpunkt, erzählte ich von dem Fest, das ich eben verlassen hatte. Die ‚Gastgeberin, die das Geburtstagskind kennt, zündete spontan ein Bündel Kerzen an, wünschte „viel Licht und gute Energie fürs neue Lebensjahr“ und sprach ein alevitisches Segensgebet für das Geburtstagskind und alle auf der Geburtstagsfeier – sehr berührend.

Vorgeschmack auf 2019

„ein neues jahr  eine neue zahl   die wir dreihundertfünfundsechzig tage schreiben
ein neues jahr  es bleibt keine wahl  auch das müssen wir uns vertreiben“
luke sonnenglanz schrieb diese heiteren worte in seinen song „zweitausendneun“
und damit dieses vertreiben zum verbleiben einlädt  schenkt uns luke einige schöne
bilder  die der „kleine-WELTEN-verlag“ zu drei schönen kalendern werden ließ

Im Turbo-Modus unterwegs …

Im Lauf des Monats September haben wir ihn zurück erwartet. Immer wieder hat er in den letzten Monaten während des Samstagsfrühstücks von seinem Land aus angerufen und gefragt, wie es uns geht und ob er im September wieder kommen darf. Die Zeit verging und es wurde Oktober. Wir fragten uns schon, wann es soweit wäre. Am Dienstag dann: Er saß total übermüdet am Frühstückstisch – nach 26stündiger Busfahrt. Am Mittwoch war Feiertag, und am Donnerstag war er den ganzen Tag unterwegs und kam erst nach Mitternacht zurück. Heute (am Freitag) erzählte er, daß er am Montag ein Vorstellungsgespräch hat für eine neue Arbeit. Bitte Daumen drücken, daß es klappt.