Schneckenpost 2021

Heute hat der Medizindienstleister die am 4. Januar von der Hausärztin ausgestellte Verordnung für unseren pflegebedürftigen Mitbewohner über Inkontinenzmaterial (Windeln) erhalten – nach drei Wochen und einem Tag und mehreren telefonischen Nachfragen jede Woche – im Zeitalter von Fax, eMail und neuen Medien. Gratulation zu diesem Arbeitstempo.

Mehr zur Situation, die wir seit einigen Wochen durchleben, steht hier.

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Gefunden … Fotos von Bine und Nadine Eggert

Nachdem wir Anfang der Woche die Ausräumaktion abgeschlossen haben, waren wir ziemlich geschafft. Viele zurückgelassene Kisten, Koffer und andere Behältnisse von ehemaligen Mitbewohnern waren jahre- ja teilweise jahrzehntelang nicht abgeholt worden. Auch verschiedene vermisste Gegenstände haben sich wiedergefunden: Bücher, ein Radio-CD-Player, Fotoalben (Priesterweihe von Christian), unsere Advents- und Weihnachtsliederhefte vom letzten Jahr, diverse Haushaltsgegenstände und Fotos von Sabine (Bine) und Nadine Eggert. Einige Fotos hatten wir schon – andere sind jetzt noch gefunden worden.

Nadine Eggert

Dahinter steckt folgende Geschichte Sabine (genannt Bine) wohnte in Kreuzberg und hatte sechs Jahre lang Kontakt zur WG. Sie war chronisch krank. Deshalb ist ihre kleine Tochter Nadine bei Sabines Eltern aufgewachsen. Sabine hat sich gewünscht, bei uns in der Wohnge-meinschaft sterben zu dürfen. Dieser Wunsch konnte ihr erfüllt werden. So ist es dann auch geschehen. Bine (geb. am 17.09.1962) ist am 5. Juni 1996 in der Naunynstraße verstorben. Ihre Tochter Nadine war damals fünf Jahre alt. Der Kontakt von Nadine zu ihrer Mutter war sehr selten. Vielleicht erinnert sie sich noch an den Kater Tarzan.  Wir würden Nadine, die heute 29 Jahre alt ist, gern die Fotos geben. Allerdings haben die bisherigen Versuche Nadine zu finden keinen Erfolg gehabt (telefonbuch.de, Kontaktaufnahme über Fxxxbook mit den Frauen dieses Namens…). Es gibt noch einige Menschen, die Bine erlebt haben und von ihr erzählen können.

Nun unsere Bitte an diejenigen, die hier mitlesen und in sozialen Netzwerken unterwegs sind. Wir würden uns freuen, wenn Ihr diesen Blogeintrag teilen würdet. Vielleicht finden wir Nadine auf diese Weise.

Zum Weiterlesen:
Ausgeräumt …
Mehr von (ehemaligen) Mitbewohner*innen
Neugestaltung unserer Wohnzimmer-Gedenkwand
weitere Nachrufe auf Ex-Bewohner*innen und Freunde unserer WG

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Einmalig: Am 8.8. – 88 Jahre

„Ich feiere nicht, aber Ihr könnt machen, was Ihr wollt“ – so tönte es uns in den letzten Jahren entgegen, wenn es um den Geburtstag unseres ältesten Mitbewohners, Bruder Christian Schmidt, ging. Aber dieses Jahr war alles anders. Dieses Jahr wollte er feiern, denn eine solche Schnapszahl kann man nicht an sich vorübergehen lassen. Am 8.8. 88 Jahre alt werden – das passiert nur einmal. Und dann kommt die Acht gleich vier mal vor: Sein Geburtsjahr 1932. So feierten wir mit einem leckeren und ausgiebigen Samstagsfrühstück mit vielen Gästen – coronakonform – und mit noch mehr Anrufen und Briefen. Am Sonntag gab es dann mit besonderen Freunden von Christian und Mitbewohnern ein Geburtstags-kaffeetrinken mit einem Orangen-Mango-Sahne-Herz, einer Beerensahne-Torte und afrikanischen Märchen. Diese Woche wird das Feiern fortgesetzt.

Zum Weiterlesen:
85 Jahre
Noch mehr Feste und Feiern

 

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Markenzeichen für unsere Gemeinschaft

Ein Mitbewohner, der seit fast einem Jahr mit uns zusammenlebt, hat sich Gedanken über ein Markenzeichen, über ein Signet für unsere Gemeinschaft gemacht, so wie er sie sieht und erlebt. Er ist Agnostiker. In der religiösen Tradition, in der er aufgewachsen ist – erzählt er – steht die Farbe grün für Liebe, Leben, Paradies und Auferstehung:

 

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Begriffe und Bedeutungen

Immer wieder entdecken wir, wie unterschiedlich wir Begriffe verwenden und welche unterschiedlichen Bedeutungen und Konzepte wir damit verbinden. Unsere Frühstücksgespräche sind ein bevorzugter Ort dafür.

Im Französischunterricht der 1970iger Jahre in der alten BRD wurde unter dem Begriff der Magreb-‚Staaten Marokko, Algerien und Tunesien subsumiert. Plötzlich kommt es zu einem Perspektivwechsel, denn Mitbewohner Herr Marokko widerspricht. Al-Maghrib sei die Selbstbezeichnung seines Landes. In einem weiteren Sinn würden auch die Länder Marokko, Tunesien, Algerien, Libyen und Mauretanien als Magreb bezeichnet. Diese bilden auch eine Union, die politisch, wirtschaftlich und kulturell zusammenarbeitet (Union des arabischen Magreb).

So haben wir durch die internationale Zusammensetzung unserer Gemeinschaft immer wieder die Chance, unsere Wahrnehmung zu erweitern und dazuzulernen.

 

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Mitten in der Nacht …

Ein halbes Jahr hat Bruder Gerhard mit uns gelebt, unseren Alltag geteilt, viele Diskussionen über die Wachstumsideologie und Umweltfragen mit uns geführt, Holz gemacht und uns bei den gemeinsamen G-ttesdiensten mit der Gitarre begleitet. Am Donnerstag vor zwei Wochen haben wir uns von ihm verabschiedet mit einem leckeren Abendessen, einigen Liedern und einem Austausch, was uns in dieser Zeit und durch ihn wichtig geworden ist. Er zieht weiter mit seinem Fahrrad und seinem Fahrradanhänger und hat uns die folgende Geschichte – wie könnte es anders sein – aus der Landwirtschaft erzählt:

Vor langer Zeit wohnten zwei Brüder zusammen.  Die zwei Brüder waren fromm und lebten nach dem Gesetz des Ewigen. Der Jüngere von ihnen war verheiratet und hatte Kinder, der ältere war ledig und allein. Die beiden Brüder arbeiteten zusammen, pflügten gemeinsam das Feld und streuten miteinander den Getreidesamen aus. 

Zur Zeit der Ernte brachten sie das Getreide herein und teilten die Garben in zwei gleich grosse Haufen. Als es Nacht wurde, legte sich jeder der beiden Brüder bei seinen Garben nieder. Der ältere aber konnte nicht einschlafen und sprach in seinem Herzen: Mein Bruder hat eine Familie, ich bin allein und ohne Kinder. Trotzdem habe ich gleich viele Garben bekommen wie er. Das ist nicht gerecht. Er überlegte lange hin und her und konnte keine Ruhe finden, bis er aufstand, etwas von seinen Garben nahm und sie heimlich und leise zu den Garben seines Bruders schichtete. Dann legte er sich wieder hin und schlief sorgenlos ein. 

In der gleichen Nacht nun erwachte der jüngere Bruder von seinem Schlaf. Er hatte von seinem Bruder geträumt, der allein war und keine Kinder hat. Wer wird in seinen alten Tagen für ihn sorgen? Vielleicht war er selber bis dahin schon gestorben. Was sollte dann aus seinem Bruder werden? So stand er auf, nahm etwas von seinen Garben, die neben ihm lagen, und trug sie heimlich und leise hinüber zu dem Stoss des älteren. Als die Morgensonne aufging, erhoben sich die beiden Brüder. Jeder war erstaunt, dass die Garbenstösse dieselben waren wie am Abend zuvor. Aber keiner sagte dem anderen etwas von seinen verwunderten Gedanken, sondern sann weiter auf Abhilfe. 

In der zweiten Nacht wartete jeder ein Weilchen, bis er den Eindruck hatte, dass der andere sich im tiefen Schlaf befand. Dann erhoben sie sich und jeder nahm von seinen Garben, um sie zum Stoss des anderen Bruders zu tragen. Auf halbem Wege trafen sie plötzlich aufeinander und jeder erkannte, wie gerecht und gut es der andere mit ihm gemeint hat. Da ließen sie ihre Garben fallen und umarmten einander in brüderlicher Ergriffenheit. Gott im Himmel sah sie und sprach: Heilig ist mir dieser Ort! Hier will ich unter den Menschen wohnen! 

 

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Sprachlos …

Eine ehemalige Mitbewohnerin hat uns am Sonntag besucht. Ihre Oma, zu der sie ein sehr enges Verhältnis hat, war drei Tage vorher verstorben und ist ohne sie beerdigt worden. Wegen des Corona-Virus konnte sie nicht zur Beerdigung anreisen. Sie hat ihre Traurigkeit mit uns geteilt.

„Gibt es ein Lied, das deine Oma besonders gern mag, das dich mit ihr verbindet und das wir mit dir singen können?“
„Meine Oma mochte besonders gern Marienlieder“

Da müssen wir leider passen. Unser ältester Mitbewohner – katholisch – singt nicht, und die beiden anderen Katholiken unserer WG sind aus anderen Erdteilen. Dann fällt ihr noch ein Lied ein, das wir mit ihr singen können:

Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir.
Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu dir.
Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen Dir.
(Nikolaus von Flue)

 

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Anders – ganz anders

Eine Seelsorgerin hat eine junge Frau zu uns geschickt, die für eine Zeit einen Platz sucht, wo sie zur Ruhe kommen kann. Als die junge Frau nach unserem Frühstück die Wohnung betritt und zwei Mitbewohner im Wohnzimmer sitzen sieht, gerät sie in Panik. An einen Ort, an dem Männer sind, will sie nicht sein. Sie hat zu viel Schlimmes und Gewalt erlebt. Sie dachte, sie kommt in ein Frauenhaus. Es findet sich ein Ort für sie. Als die Männer fragen, wo die neue Bewohnerin sei und ich von der Begegnung am Morgen erzähle, meint einer: Wenn sie sich nochmal meldet, dann sag ihr, bei uns ist es anders – ganz anders. Vielleicht will sie es später nochmal hier probieren.

 

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