Abschied von Peter Salzmann (Jesus-Peter)

Er war eine feste Größe im alten West-Berlin. Auf dem Ku-Damm oder in öffentlichen Verkehrsmitteln war er unterwegs mit seinem Koffer oder einem Schild, das er an einer Stange trug mit der Aufschrift: „Frag mich nach Jesus“. Er war ein ruhiger und freundlicher Zeitgenosse und unglaublich hilfsbereit. Besonders in Projekten mit armen Menschen hat er sich engagiert, er, der selber einen sehr bescheidenen Lebensstil praktizierte.

Er war keiner von den Missionaren, die andere drängen oder mit der Hölle einschüchtern, sondern einer, der den Menschen zuhörte. Ein paar Stunden war er jeden Tag mit seinem Koffer unterwegs. Mehr als zwanzig Jahre habe ich ihn nicht gesehen. Und dann begegnete er mir wieder hier in der WG, genauer über unseren ehemals ältesten Mitbewohner, Bruder Christian.

Der machte als Jesuit immer über den Jahreswechsel Exerzitien in einem Kloster in der Nähe von Dresden. Als er vor vier Jahren aus gesundheitlichen Gründen sich nicht mehr allein auf den Weg machen konnte, fragte ich ihn, von wem er sich vorstellen könnte begleitet zu werden. Und da fiel der Name von Peter Salzmann. Der stimmte sofort zu und hat dann auch im darauf folgenden Jahr Bruder Christian sehr liebevoll begleitet und so die Exerzitien und den Aufenthalt bei den Nazarethschwestern ermöglicht, die ihn just für einen Jesuiten hielten und mich beim nächsten Kontakt fragten, wie es Bruder Salzmann geht.

Ein Artikel über Peter und seinene Aktivitäten ist  hier.

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Abschied von Ricarda

Diese Karte hat Ricarda selber für ihre Todesanzeige ausgesucht. Sie ist überschrieben mit dem ersten Vers aus Psalm 21:

Der Herr ist mein Hirte
mir wird nichts fehlen

 

Ricarda ist am 6. Juli nach einer langen Krebserkrankung gestorben. Sie war oft in Sankt Michael bei den Exerzitien im Alltag, die im Advent und während der Passionszeit angeboten wurden, dabei. 

Ricarda hat unsere Wohngemeinschaft vor vielen Jahren im Rahmen ihres Engagements für die Communauté de Taizé kennengelernt. 

Sie hat uns gelegentlich beim Samstagsfrühstück und auch sonst in der Wohngemeinschaft besucht. Wir hatten intensive Begegnungen mit ihr. Immer wieder hat sie uns ganz praktisch und mit ihrem Wissen über Gesundheits- und andere Fragen unterstützt. Sie hatte ein ganz weites Herz und ihre Fröhlichkeit, selbst in der Krankheitszeit und mit Schmerzen, war berührend. Wir vermissen sie sehr.

Sie hat viele unterschiedliche Menschen gekannt und zusammen gebracht. Das wurde auch auf ihrer Beerdigung und dem Nachtreffen sichtbar.

Ricarda Praetorius 8.8.1950 – 6.7.2021

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Tschau-i-i-i Werner

Gestern ist Werner Jäger, ein langjähriger Freund unserer Gemeinschaft, an den Folgen seiner Krebserkrankung verstorben. Mehr als zehn Jahre hat er uns besucht, seit dem Tod seiner Lebensgefährtin Ingrid zwei bis drei Mal die Woche. 

Werner war seine eigene private Tafel-Organisation. Er hat Lebensmittel, die abgelaufen waren,  von Geschäften in seiner Umgebung abgeholt und verteilt. Sich selber nannte er „Weitergeber – Ich bin Werner, der Weitergeber. Ich brauche ja nur ganz wenig. Neunzig Prozent gebe ich weiter“. 

Sein Blaumann war sein Markenzeichen. Nur bei der Beerdigung seiner Lebensgefährtin Ingrid trug er einen Anzug. Er begrüßte uns immer mit „hallö-öchen“ (langes Ö) und verabschiedete sich mit einem „Tschau-i-i) (ganz langes I). Wenn irgendetwas besonders wichtig war und besonders unterstrichen werden sollte, wurde ein „HÖMMA“ eingeschoben, was besonders unsere migrantischen Mitbewohner irritierte bis sie herausfanden, daß es „hör mal“ bedeutete. 

Die letzten drei Wochen nach seinem Krankenhausaufenthalt konnte er im Lazarus-Hospiz verbringen. Dort hat er sich sehr wohl und gut aufgehoben gefühlt. Wir sind dankbar für diese Zeit und wissen es zu schätzen, daß dort – auch in Corona-Zeiten – rund um die Uhr Besuche möglich sind. 

Mehr zu Werner: W wie Werner oder Weitergeber
Kommunitätsabend über und mit Werner
Internetseite vom  Lazarus-Hospiz. Auf dem Foto sieht man das Zimmer von Werner.
Artikel über das Lazarus-Hospiz in der Berliner Morgenpost vom 11.5.2021: Im Hospiz muss am Ende niemand allein sein

Hier einige visuelle Eindrücke vom Lazarus-Hospiz (Video 3 Minuten).

weitere Nachrufe von ehemaligen Mitbewohnern und Freunden

 

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Rudi (Rudolf) Fröhlich (1949 – 2021)

Vorgestern stand Bernd vor der Tür. Viele Jahre – solange Rudi in Berlin lebte, waren die beiden mit ihren Hunden gemeinsam unterwegs. Bernd hat uns erzählt, daß Rudi Mitte Januar verstorben ist. Zu seinen Berliner Zeiten hat Rudi uns mehrmals wöchentlich besucht. Meistens war sein Lieblingshund Dackel Benny dabei, manchmal auch Rottweiler Blacky. Rudi hatte eine große Liebe zu Tieren. In seiner Wohnung hielt er immer zwei oder drei Hunde, Vögel (Papageien, Wellensittiche und Kanarienvögel) sowie Kaninchen, Mäuse, Meerschweinchen …

Er hatte immer viel aus seinem bewegten Leben zu erzählen. Letzten Sommer hat er einige Wochen bei uns mitgelebt und war gesundheitlich schon sehr angeschlagen. Rudi war immer sehr direkt und hatte einen ganz eigenen Humor. 

Einmal bat er mich, ihn und seinen Hund Blacky zum Lebensmitteldiscounter zu begleiten um Hundefutter zu kaufen. Er konnte Blacky nicht allein vor dem Laden lassen, weil Blacky immer in Dauergebell ausbrach wenn Rudi nicht in Sichtweite war und keine andere Person sich in dieser Zeit um ihn kümmerte. So gingen wir über den Oranienplatz. Dort zog es Blacky zu einer Hündin, die mit einem schwulen Paar unterwegs war, das sich gerade in den Armen lag. Rudi zum Hund: „Blacky, laß die Dame in Ruh. Die hat schon einen Herrn. Was sag ich: Die hat zwei Herrn“

 

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ein letzter Gruß

Beim vorletzten Kommunitätsabend wartete eine Überraschung auf uns: Alle, die Rockn Rollf noch als MitbewohnerINNEN gekannt hat, bekamen eine CD mit fünf Liedern, die er im letzten Herbst mit Musikerfreunden aufgenommen hat.


Drei der Lieder gibt es auch in älteren Fassungen auf You.tube:

Roll away the Pain (Video beginnt in unserem Treppenhaus)   
Den Song hat er unserer WG gewidmet 

Horses and Hares (Song)

Good bye Old Friend (Song)

Horses and Hares (Konzert im Juli 2020)

Und einige Poster von Rockn Rollf als Zeichner / Karrikaturist für unsere WG sind: hier  oder hier  oder hier  oder  hier oder hier  oder hier.

Und hier Facepainting für einen glücklichen Löwen:

Rockn Rollf wird heute um 14.00 h in der Nähe von Potsdam beigesetzt. Wir werden ihn nicht vergessen. 

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Gefunden … Fotos von Bine und Nadine Eggert

Nachdem wir Anfang der Woche die Ausräumaktion abgeschlossen haben, waren wir ziemlich geschafft. Viele zurückgelassene Kisten, Koffer und andere Behältnisse von ehemaligen Mitbewohnern waren jahre- ja teilweise jahrzehntelang nicht abgeholt worden. Auch verschiedene vermisste Gegenstände haben sich wiedergefunden: Bücher, ein Radio-CD-Player, Fotoalben (Priesterweihe von Christian), unsere Advents- und Weihnachtsliederhefte vom letzten Jahr, diverse Haushaltsgegenstände und Fotos von Sabine (Bine) und Nadine Eggert. Einige Fotos hatten wir schon – andere sind jetzt noch gefunden worden.

Nadine Eggert

Dahinter steckt folgende Geschichte Sabine (genannt Bine) wohnte in Kreuzberg und hatte sechs Jahre lang Kontakt zur WG. Sie war chronisch krank. Deshalb ist ihre kleine Tochter Nadine bei Sabines Eltern aufgewachsen. Sabine hat sich gewünscht, bei uns in der Wohnge-meinschaft sterben zu dürfen. Dieser Wunsch konnte ihr erfüllt werden. So ist es dann auch geschehen. Bine (geb. am 17.09.1962) ist am 5. Juni 1996 in der Naunynstraße verstorben. Ihre Tochter Nadine war damals fünf Jahre alt. Der Kontakt von Nadine zu ihrer Mutter war sehr selten. Vielleicht erinnert sie sich noch an den Kater Tarzan.  Wir würden Nadine, die heute 29 Jahre alt ist, gern die Fotos geben. Allerdings haben die bisherigen Versuche Nadine zu finden keinen Erfolg gehabt (telefonbuch.de, Kontaktaufnahme über Fxxxbook mit den Frauen dieses Namens…). Es gibt noch einige Menschen, die Bine erlebt haben und von ihr erzählen können.

Nun unsere Bitte an diejenigen, die hier mitlesen und in sozialen Netzwerken unterwegs sind. Wir würden uns freuen, wenn Ihr diesen Blogeintrag teilen würdet. Vielleicht finden wir Nadine auf diese Weise.

Zum Weiterlesen:
Ausgeräumt …
Mehr von (ehemaligen) Mitbewohner*innen
Neugestaltung unserer Wohnzimmer-Gedenkwand
weitere Nachrufe auf Ex-Bewohner*innen und Freunde unserer WG

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Ein guter Freund … Johannes Siebner (SJ)

Gestern ist der Provinzial der Jesuiten, Pater Johannes Siebner,  in Berlin-Kladow verstorben. Wir sind sehr traurig. Gern erinnern wir uns an die Begegnungen mit ihm, sein Interesse, seine Zugewandtheit und die Unterstützung und das Engagement für unserer Gemeinschaft. 

Nachruf Pater Johannes Siebner

zum Weiterlesen:
Samstagsfrühstück mit dem Provinzial
Kommunitätsabend mit dem Provinzial
Reformer nach vorne (Kurzportrait Tagesspiegel)
digitales Kondolenzbuch
Artikel über die Trauerfeier von Johannes Siebner in St. Canisius

zum Weiterhören:
Podcast vom Münchener Kirchenradio, Juli 2017, 50 Minuten
Vom linken Pazifisten zum Chef der deutschen Jesuiten
(Gespräch mit Brigitte Strauß-Richters)

Predigten zum Nachhören – P. Johannes Siebner in Sankt Michael München

Das Requiem für Pater Johannes Siebner kann man hier nachhören.

Grabstein Johannes Siebner

Weitere Nachrufe für Ex-Bewohner*innen und Freunde unserer WG

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Abschied von Heinrich genannt „Eiermann“

Gestern haben wir uns von Heinrich (Müller) genannt „der Eiermann“ verabschiedet. „Der Eiermann“ war sein Spitzname in unserer Gemeinschaft, denn einige der migrantischen Mitbewohner konnten seinen Namen nicht aussprechen. Jahrelang kam er regelmäßig zum Samstagsfrühstück und brachte in großer Menge Eier mit aber auch viel anderes. Toilettenpapier ist den Mitbewohnern in besonderer Erinnerung geblieben. Weil er in den letzten Jahren auf einen Rollstuhl angewiesen war, konnte er nicht mehr zu uns in die Wohnung kommen. Aber zum Sonntagsfrühstück nach der Messe in Sankt Michael, kam er immer wieder. Und brachte was mit: EIER – wenigstens zwei große Packungen. Es ist immer wieder bewegend, welche Facetten von einer Person sichtbar werden, wenn nach einer Beerdigung von einer verstorbenen Person gesprochen wird oder wie bei uns gestern nach dem Gottesdienst in Sankt Michael zur Erinnerung an ihn:

  • Heinrich war sehr großzügig. Es war unglaublich, was aus der großen Tasche immer auftauchte, die er zum Sonntagsfrühstück mitbrachte.
  • Heinrich wuchs in den 1950iger Jahren in einem Heim in Bayern auf. Dort hat er viel Schlimmes erlebt. Hunger war an der Tagesordnung. Er gehörte zur Heimkindergruppe, die sich regelmäßig in Sankt Michael trifft.
  • Heinrich hat sich für vieles interessiert und war in ganz unterschiedlichen Themenfeldern sehr belesen.
  • Heinrich war immer sehr direkt. Man wußte immer, woran man mit ihm war.
  • Heinrich war streitbar. Mit ihm konnte es sehr laut werden und gleichzeitig war er niemals nachtragend.
  • Heinrich war in Spandau als Mitglied der Alternativen Liste in der Bezirkspolitik aktiv. Für die Jüngeren unter den Mitlesenden: Aus der Alternativen Liste ist die Partei der Grünen hervorgegangen.
  • Heinrich war im Erstberuf Gärtner. Er liebte die Natur. Besonders hat er sich an den Geranien auf seinem Balkon erfreut.
  • Sein Zweitberuf war Krankenpfleger. Er war regelmäßig beim Mittwochscafe in Sankt Marien-Liebfrauen dabei und hat viele arme Menschen in gesundheitlichen Fragen beraten. Von ihnen war er hoch geschätzt.
  • Heinrich hatte sich nach schlechten Erfahrungen von der katholischen Kirche distanziert. Er hat sich viele Jahre kritisch mit Kirche und Glaube auseinandergesetzt , u. a. auch im Sonntagskreis von Sankt Michael und hat bei seiner Suche den Glauben neu und anders kennen und schätzen gelernt. Er ist wieder in die katholische Kirche aufgenommen worden und hat regelmässig an Gottesdiensten und Treffen in St. Michael und beim Neokatechumenat teilgenommen.

Wer noch andere Facetten von Heinrich beitragen mag, schreibe in den Kommentaren dazu. Es wird dann hier in den Beitrag kopiert.

Weitere Nachrufe über Ex-Mitbewohner*innen und Freunde unserer WG sind hier

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Zwei Freundinnen …

Zwei Freundinnen unserer Wohngemeinschaft sind in den letzten Tagen verstorben – beide nach einer langen Krebserkrankung.

Jutta Becker war Pfarrerin der Marthagemeinde in Kreuzberg. Vor vier Jahren, in der Zeit des Übergangs als die Gemeinschaft am Fragen war, wie es nach dem Weggang von Christian – dem letzten Jesuiten der Gründergeneration – weitergehen könnte, hat Jutta acht Abende moderiert. Wir haben uns mit Freunden der WG alle paar Wochen zusammengefunden. Jutta hat durch ihre liebenswerte, kluge, freundliche, bedachtsame und klare Moderation diesen Übergang von der ersten in die zweite Generation ganz wesentlich geprägt und begleitet. Über diese Abende gibt es Texte im Anhang des Einfach-Ohne-Buches. Jutta ist am 30. März 2020 verstorben.

Einige von uns haben sie auch danach regelmäßig bei G-ttesdiensten in der Marthagemeinde gesehen und gesprochen. In den letzten Monaten stand dann immer im Raum, ob es nicht der letzte G-ttesdienst und das letzte Zusammentreffen mit ihr war. Ihre Predigten waren eine Verbindung und ein glückliches Zusammentreffen von großer theologischer Weite und Reflexion mit tief gelebter eigener Spiritualität.

Margit Forster, eine Missionsschwester aus dem Comboni-Orden gehörte zu diesem Freundeskreis. Gerade in der ersten Zeit nach Christians Abschied aus Kreuzberg war sie eine wichtige Ansprechpartnerin und Begleiterin. Mit ihrer Mitschwester Mabel, einer Italienerin, hat sie in der Naunynstraße einige Monate gelebt und ihre Berufung gefunden. Beide haben darüber einen Beitrag für das Einfach-Ohne-Buch geschrieben (Seite 111):

Einfach offen – Comboni Missionsschwestern in Berlin

Ohne Sprache….
Ich konnte damals noch kein Deutsch, als ich zu Straßenexerzitien nach Berlin kam. Es war verrückt. Jetzt weiß ich es, aber ich glaube, ich habe das erst richtig begriffen, als ich schon im Flugzeug war, unterwegs nach Berlin. Ich wusste nur einfach, dass ich das machen musste. Es war ein Moment des Umbruchs für mich. In meinem Orden nannten sie es „Krise“. Und als ich ein paar Monate in Rom war, geparkt, weil meine Oberinnen nicht wussten, was sie mit mir machen sollten, erinnerte ich mich an Gabriella, die mir einmal von den Straßenexerzitien erzählt hatte. Es war der richtige Zeitpunkt. Straße, wieder auf der Straße. Und ich hatte Lust, Gott weg von den Strukturen, weg von Regeln und vom Geplanten zu begegnen. Und du, Margit, warst auch in Rom. Warst die einzige Deutsche in unserem Orden, aber was war mit der deutschen Sprache?

Ach, die war weg. Die war irgendwie weg, ich konnte sie nicht so leicht abrufen, weil ich sie lange nicht benutzte. In den 27 Jahren die ich weg war, habe ich die Sprache nicht benutzt. Nur im Urlaub habe ich Fränkisch mit meinen Eltern gesprochen. Aber die Straßenexerzitien wollte ich einfach machen. Es war der Moment. Ich wusste, dass Christian Herwartz einmal im Jahr Straßenexerzitien in Nürnberg anbot, aber ich hatte nur im Februar Zeit und da gab es keine geplanten Exerzitien. Dann hat Christian gesagt, dass wir nach Berlin kommen könnten. Ich wollte aber nicht alleine nach Berlin, dann habe ich dich, Mabel, gefragt ob du mitkommen möchtest.

Ohne Regeln…
Wir kamen in der Nacht am Kotti an, und alles um uns herum war einfach ganz anders als im Generalat in Rom. Es war die erste Begegnung mit der Straße. Wir kamen in der Naunynstraße an, und alle hießen uns herzlich willkommen. Ich spürte sofort, dass ich an diesem Ort etwas zu finden hatte, oder zu suchen. Es ist schwierig zu beschreiben, aber ich fühlte mich so angezogen, dass ichmich selbst überraschte, als ich sagte, hierher muss ich zurückkommen. Am Tag darauf gab uns Christian ein Blatt mit den Orten, die wir besuchen konnten, am Rande der Stadt, Orte der Armut, Orte des Widerspruchs, des Widerstands, wo Geschichten der Vergangenheit und der Gegenwart sich vermischten. In der Gemeinschaft gibt es keine Regeln, sagte Christian, nur die Gastfreundschaft. Der Kopf konnte das nicht begreifen, aber das Herz spürte einen großen Frieden und eine große Freude, eine Erweiterung. Das war klar: die Gastfreundschaft ist die goldene Regel, und wenn man sie lebt, braucht man keine anderen, sie sind sogar ein Hindernis, eine Ablenkung.

Ohne Uhr…
Und dir Margit wurde die Uhr genommen.
Ja, an einem Sonntag als der Gottesdienst eine Stunde später anfing und wir mit Christian auf dem Gras vor der Thomas Kirche warteten. Sie war weg und ich wusste nicht für wie lange, aber ich wusste es war ok. Acht Monate später beim Auszug habe ich sie wiederbekommen. Die Zeit ohne Uhr war Zeit ohne Druck, ohne Zwänge, ohne etwas zu müssen. Einfach leben. Es war nicht wichtig zu wissen wie spät es war. Nur früh morgens hat der Wecker geklingelt, damit ich um sechs im Café Krause, dem Obdachlosentreff in der Thomas Kirche, sein konnte, um mit den Obdachlosen zu frühstücken. Auch da hatte ich keine Funktion, ich war nur da um mit diesen Menschen zu frühstücken. Der Pfarrer hatte mich gefragt, ob ich das machen würde. Ich bin einfach hingegangen und habe mich dazugesetzt und gefrühstückt. Ich war eine von ihnen. Die Begegnungen haben sich ergeben, dort wie auch im Hause oder auf der Straße. Ich hatte Zeit und konnte sehen wie Menschen kämpfen um zu überleben, materiell oder in zerbrochenen Beziehungen.
Die Obdachlosen hatten oft ganz normale Familien und Beziehungen und sind dann
durch irgendwelche Umstände wie Krankheit oder Arbeitslosigkeit auf der Straße
gelandet. Manche von ihnen waren fast glücklich auf der Straße. Das war mein Eindruck. Im Café Krause waren viele fröhliche Menschen. Manche sind auch gekommen, um dort zu duschen. Manche hatten kleine Tätigkeiten, wie Flaschensammeln. Sie hatten Zeit auch zwei Teller Suppe zu essen, miteinander zu reden. Und ich war da und hatte auch Zeit so wie sie.

Ohne Aufenthaltserlaubnis…
Nach den Exerzitien war es mir klar: Ich musste nach Berlin zurückkommen. Auch wenn es wegen der Sprache verrückt war. Aber in der Gemeinschaft gab es viele Sprachen, und jemand war immer bereit zu übersetzen. In der Gemeinschaft, die schon seit dreißig Jahren am selben Ort bestand, hatten schon viele Menschen von unterschiedlichen Sprachen, Religionen, Kulturen und Richtungen einen Ort gefunden. Dann fragte ich meine Oberin, ob ich vier bis maximal sechs Wochen nach Berlin kommen konnte.

Und du, Margit, warst auch in einer Krise mit deiner Arbeit Rom. Es war dir klar, dass eine Reflexion – und es war deine Aufgabe, diese auf Ordensebene zu organisieren – nur mit dem Kopf keinen Sinn machen würde. Ich habe dich bewundert, dass du den Mut gehabt hast, deine Arbeit im Generalat aufzugeben und auch nach Berlin zu kommen, auf die Spuren, die du während der Exerzitien gesehen hattest.

Ja, das war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. In der Gemeinschaft der
Naunynstraße und auf den Straßen Berlins habe ich das Leben wiedergefunden, Freude über die Zugehörigkeit zu den Suchenden.

Nach sechs Wochen in Berlin waren wir mit unserer Suche noch am Anfang. Das war das einzige was wir wussten. Auch nach drei Monaten war es so. Als Italienerin hätte ich mich nach drei Monaten anmelden sollen, sonst war ich auf eine Art illegal. Die Anmeldung aber hatte mit einer Sesshaftigkeit zu tun, und ich wusste nur jeden Tag, dass ich den Tag dort verbringen musste. Christian, der uns beide begleitet hat, hat uns in dieser Wahrnehmung bestärkt. Und die Gemeinschaft war einfach ein freier und offener Raum, wo Leere und Fülle sich begegneten. Menschen, die alle nur das voneinander wussten: dass auch die andere oder der andere auf der Suche war, auf der Suche nach dem Glauben, nach einem neuen Auftrag, nach einer neuen Richtung, nach einem Obdach. Irgendwie waren wir alle ohne „Aufenthaltstitel“. Alle in diesem offenen Raum, der keine Grenzen kennt.

Ohne zu wissen wie es weiter geht…

Dass ich das mit 51 sagen würde, hätte ich mir auch nie träumen lassen. Gleichzeitig war es gerade dieses Nichtwissen, das stimmig war. Mir wurde langsam klar, dass eine Art zweite Berufung im Raum stand und dass diese mit „einfach leben“ zu tun hatte, ohne viele große Reflexionen und Planungen. Es war mir weder wichtig noch hilfreich zu wissen, wie die nächsten sechs Jahre verlaufen sollten. Es war mir wichtig und hilfreich dagegen, den einfachen Menschen nahe zu sein. Nicht in einer Funktion als Chefin oder Oberin, sondern ganz einfach als Schwester, als eine unter anderen.

Und was war mit dem Comboni Charisma an diesem Ort?

Das Comboni Charisma neu entdecken…

Ich hatte angefangen zu einem Sprachkurs zu gehen um die deutsche Sprache zu lernen. Die letzte Sprache, die ich mir als Comboni Missionsschwester vorgestellt hatte zu lernen. Gerade zu der Zeit, als unsere einzige Gemeinschaft im deutschsprachigen Raum, in Nürnberg, geschlossen wurde, weil in Frage gestellt wurde, ob Deutschland für die Combonischwestern ein Missionsland war. In Berlin aber hatte ich meine Berufung so stark gespürt, sowohl in der Gemeinschaft als auch auf den Straßen einer Stadt, die für mich ein Symbol war für Einheit, für die Vereinbarung von Gegensätzen, eine Stadt, die noch die Spuren der Ungerechtig-keit und Unterdrückung zeigte. In dieser Zeit bekam Margit einen Anruf von Sr. Juvenalis, der wir einmal begegnet waren und mit der wir über unsere Suche nach einer neuen Aufgabe in dieser Stadt als CMS gesprochen hatten, weil wir diese neue Berufung so stark spürten. Sie sagte, dass Sr. Lea Ackermann zwei Ordensschwestern in Berlin suchte, um eine Beratungsstelle von SOLWODI aufzubauen und Frauen auf der Flucht und Opfer von Menschenhandel und anderen Formen von Gewalt zu unterstützen und ihnen dabei zu helfen, ein neues Leben zu finden. Ich hatte schon in den USA im Rahmen meines Studiums der Psychologie in diesem Bereich gearbeitet. Und jetzt war ich froh über solch eine Aufgabe, in der ich nicht als Direktorin wie in Dubai sondern als Begleiterin arbeitete. Diese Arbeit war ein klarer Auftrag Gottes, unser Charisma unter diesen Frauen zu leben, sie zu beschenken und uns von ihnen beschenken zu lassen. Wir wollten besonders afrikanische Frauen, die wegen Rassismus oft mehr benach-teiligt sind, unterstützen. Diese Frauen stärken uns hier in Berlin in unserem Charisma, weil unsere Leidenschaft für ihre Inklusion in die Gesellschaft und für die Gegenseitigkeit im Glauben ein Reflex der Leidenschaft Combonis für eine Welt ohne Sklaverei und ohne Grenzen ist. Für Comboni war Afrika die „schwarze Perle, die in der Kirche noch fehlte“.

Nur Dankbarkeit…
Und jetzt zurück zum Anfang: Einige von diesen Frauen haben wir im Laufe der Zeit in der Naunynstraße unterbringen können, weil sie in Not waren und ein Obdach brauchten. Wir wussten, es war der richtige Ort, ein offener Raum der Inklusion und der Grenzenlosigkeit. Dort haben alle einen Aufenthalt im Reich Gottes, und das ist genug. Und diese Frauen haben das Leben wieder neu gefunden, weil sie sein durften wie sie sind. Ja, das ist die Naunynstraße: der Ort wo jeder und jede sein darf wir er oder sie ist, das ist das Reich Gottes auf der Erde, das Reich Gottes, für das Comboni und andere Held*innen der Geschichte der Menschheit gelebt haben und für das sie gestorben sind.
Am Ende dieser unvollständigen Erzählung bleibt von uns beiden einfach eine tiefe Dankbarkeit.
Mabel und Margit

Ein Artikel über die Solwodi-Beratungsstelle mit einem Foto von Margit ist hier.
Mehr zum Einfach-ohne-Buch ist hier zu finden. Wir haben noch Exemplare.
Ein Nachruf von Sr. Margit Forster auf der Seite der Comboni-Missionare ist hier (nach unten scrollen).
Weitere Nachrufe für Ex-Bewohner*innen oder Freunde unserer WG

Nachgerufen: interreligiös engagiert – ohne Religionszugehörigkeit

Reinhard Schaenke gehörte mit Christian Herwartz (SJ), Mohammed Herzog, Klaus Mertes (SJ), Dhiraj Roy und anderen 2002 zu den Initiatoren des monatlich auf dem Gendarmenmarkt stattfindenden interreligiösen Friedensgebets. Solange die Vorbereitungstreffen bei uns in der Naunynstraße stattfanden, habe ich ihn bei diesem Anlaß gesehen. Manchmal hat er uns auch in der Wohngemeinschaft besucht. Am 29. Januar ist er verstorben. Er hat sich als „nicht religionszugehörig“ definiert. Klaus Mertes schreibt über ihn:

„Ich erinnere mich an unsere Begegnung in Berlin beim interreligiösen Gebet. Du hast von Anfang an dazugehört und hast es mit angestoßen. Du warst einer, der sich nicht als religionszugehörig verstand und trotzdem zu den Treuesten der Treuen gehörte, wenn wir uns einmal im Monat am Gendarmenmarkt getroffen haben. An diese Gebetsgemeinschaft werde ich mich immer erinnern.

 

Dadurch, dass Du Dich als nicht religionszugehörig beschrieben hast, warst Du für mich auch eine Herausforderung. Die Herausforderung hat mich zum Nachdenken gebracht und weitergeführt. Auf der einen Seite ist die Sehnsucht und der Wunsch nach Zugehörigkeit ein tiefer Wunsch, den wohl alle Menschen verspüren, ob es nun die Zugehörigkeit zur einer Familie, einer Gruppe, einer Gesinnungsgemeinschaft, einem Kollegium oder was auch immer ist. Aber gerade im Falle der Religion kann wie im Falle der Nation und bei anderen Zusammenschlüssen von Menschen die Zugehörigkeit eine ausgrenzende Rückseite bekommen und hat sie auch oft genug erhalten. Vielleicht ist das sogar unvermeidlich. Ich habe deswegen Deine Selbstbeschreibung als religiös nicht-zugehörig immer auch verstanden als Widerstand und Widerspruch gegen ausgrenzende Zugehörigkeit bzw. gegen die ausgrenzende Seite von Zugehörigkeit. Gerade dadurch hast Du eben dazugehört. Und so hast Du mir auch geholfen, meinerseits Grenzen der Zugehörigkeit zu überschreiten, gerade auch mit den Freunden und Freundinnen des interreligiösen Gebetes in Berlin.“

weitere Nachrufe über Ex-Bewohner*innen und Freundinnen unserer WG sind  hier.

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