Wunden führen zusammen …

… ist ein Gespräch mit Hildegund Keul überschrieben, in dem es um die Corona-Krise, unsere Verwundbarkeit und Anregungen zum Umgang mit der veränderten Realität geht. Die Autorin forscht seit vielen Jahren zum Thema Vulnerabilität (Verletzbarkeit). Sie sagt:

Wir dürfen uns nicht im Selbstschutz verschanzen, sondern im Bewusstsein möglicher Risse im eigenen Schutzschild Risiken eingehen, die dem Leben dienen.

Der ganze Artikel ist hier zu finden.

 

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Sind vor dem Virus alle gleich?

Der dümmste Satz der letzten Wochen: „Vor dem Virus sind alle gleich„. Eine Binsenweisheit, daß das Corona-Virus – wie auch jedes andere Virus – keine Wahl trifft, wen es befällt oder nicht. Dieser Satz ist eine Worthülse und täuscht eine Gleichheit vor, die es nicht gibt. Wir sitzen eben nicht alle im gleichen Boot, was die Pandemie betrifft. Das gilt im weltweiten und im lokalen Maßstab.

Corona verschärft die soziale Ungleichheit und macht Fehlentwicklungen deutlich, von denen wir wissen können aber aus unterschiedlichen Gründen nicht wissen wollen, ob es die Ausbeutungsstrukturen in Schlachthöfen sind oder arme Studierende betrifft, die ihre Studentenjobs verloren haben und möglicherweise ihr Studium abbrechen müssen.

Die Armen und Marginalisierten, ob Obdachlose oder illegalisiert lebende Menschen trifft es besonders hart. Viele Anlaufstellen sind geschlossen oder haben ihre Aktivitäten heruntergefahren. Das Flaschensammeln und der Verkauf von Obdachlosenzeitungen fallen weitgehend weg.

Auch jetzt, wo viele Einschränkungen zurückgenommen werden, haben Menschen sehr unterschiedliche Möglichkeiten, kulturelle oder sportliche Angebote zu nutzen: Ob Freiluftkino, Schwimmbad oder Tierparkbesuch, Eintrittskarten müssen im Voraus online gebucht werden. Wer keinen Zugang zu entsprechender Infrastruktur hat, hat Pech gehabt. Computer und Drucker können derzeit auch in öffentlichen Bibliotheken Berlins nicht genutzt werden.

 

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Abschied von Heinrich genannt „Eiermann“

Gestern haben wir uns von Heinrich (Müller) genannt „der Eiermann“ verabschiedet. „Der Eiermann“ war sein Spitzname in unserer Gemeinschaft, denn einige der migrantischen Mitbewohner konnten seinen Namen nicht aussprechen. Jahrelang kam er regelmäßig zum Samstagsfrühstück und brachte in großer Menge Eier mit aber auch viel anderes. Toilettenpapier ist den Mitbewohnern in besonderer Erinnerung geblieben. Weil er in den letzten Jahren auf einen Rollstuhl angewiesen war, konnte er nicht mehr zu uns in die Wohnung kommen. Aber zum Sonntagsfrühstück nach der Messe in Sankt Michael, kam er immer wieder. Und brachte was mit: EIER – wenigstens zwei große Packungen. Es ist immer wieder bewegend, welche Facetten von einer Person sichtbar werden, wenn nach einer Beerdigung von einer verstorbenen Person gesprochen wird oder wie bei uns gestern nach dem Gottesdienst in Sankt Michael zur Erinnerung an ihn:

  • Heinrich war sehr großzügig. Es war unglaublich, was aus der großen Tasche immer auftauchte, die er zum Sonntagsfrühstück mitbrachte.
  • Heinrich wuchs in den 1950iger Jahren in einem Heim in Bayern auf. Dort hat er viel Schlimmes erlebt. Hunger war an der Tagesordnung. Er gehörte zur Heimkindergruppe, die sich regelmäßig in Sankt Michael trifft.
  • Heinrich hat sich für vieles interessiert und war in ganz unterschiedlichen Themenfeldern sehr belesen.
  • Heinrich war immer sehr direkt. Man wußte immer, woran man mit ihm war.
  • Heinrich war streitbar. Mit ihm konnte es sehr laut werden und gleichzeitig war er niemals nachtragend.
  • Heinrich war in Spandau als Mitglied der Alternativen Liste in der Bezirkspolitik aktiv. Für die Jüngeren unter den Mitlesenden: Aus der Alternativen Liste ist die Partei der Grünen hervorgegangen.
  • Heinrich war im Erstberuf Gärtner. Er liebte die Natur. Besonders hat er sich an den Geranien auf seinem Balkon erfreut.
  • Sein Zweitberuf war Krankenpfleger. Er war regelmäßig beim Mittwochscafe in Sankt Marien-Liebfrauen dabei und hat viele arme Menschen in gesundheitlichen Fragen beraten. Von ihnen war er hoch geschätzt.
  • Heinrich hatte sich nach schlechten Erfahrungen von der katholischen Kirche distanziert. Er hat sich viele Jahre kritisch mit Kirche und Glaube auseinandergesetzt , u. a. auch im Sonntagskreis von Sankt Michael und hat bei seiner Suche den Glauben neu und anders kennen und schätzen gelernt. Er ist wieder in die katholische Kirche aufgenommen worden und hat regelmässig an Gottesdiensten und Treffen in St. Michael und beim Neokatechumenat teilgenommen.

Wer noch andere Facetten von Heinrich beitragen mag, schreibe in den Kommentaren dazu. Es wird dann hier in den Beitrag kopiert.

 

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Sterben auf dem Weg der Hoffnung

In unserer Gemeinschaft leben seit den Anfängen vor vierzig Jahren immer auch Menschen, die aus ihren Heimatländern geflüchtet sind und auf ihren Wegen in lebensbedrohliche Situationen geraten sind: Bei manchen ein Wunder, daß sie noch leben. Das ist immer wieder  Thema in unseren Gesprächen am Frühstückstisch oder auch sonst im Alltag. Im Einfach-Ohne-Buch unserer Gemeinschaft sind einige dieser Erfahrungen nachzulesen. Weil am Samstag (20. Juni) Weltflüchtlingstag ist und uns dieses Thema sehr nahe ist und auch jetzt einige Menschen mit Fluchterfahrung unter uns leben,  weisen wir auf diese Veranstaltung der „Kapelle der Versöhnung“ hin:

Sterben auf dem Weg der Hoffnung – Einladungsplakat

 

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Neun Minuten … Polizeigewalt in den USA

Letztes Jahr im Mai ist F., ein schwarzer US-Amerikaner, der ein Jahr mit uns gelebt hat, ausgezogen. Er hat uns von seinen Erfahrungen mit Diskriminierung und Rassismus erzählt. Immer wieder denken wir an ihn, wenn wir die Bilder aus Städten in den USA sehen.

Dies sind die letzten Worte von George Floyd, einem 46-jährigen Mann, der starb — während ein Polizist ihn auf den Boden drückte und fast neun Minuten lang auf seinem Nacken kniete, bis er erstickte:

“Es ist mein Gesicht, Mann
Ich hab nichts Schlimmes gemacht, Mann
Bitte
Bitte
Bitte, ich kann nicht atmen
Bitte, Mann
Bitte, irgendjemand
Bitte, Mann
Ich kann nicht atmen
Ich kann nicht atmen
Bitte
(unverständlich)
Mann, ich kann nicht atmen, mein Gesicht
Stehen Sie auf
Ich kann nicht atmen
Bitte, ein Knie auf meinem Nacken
Ich kann nicht atmen, Scheiße
Ich werde
Ich kann mich nicht bewegen
Mama
Mama
Ich kann nicht
Mein Knie
Mein Nacken
Ich kann nicht mehr
Ich kann nicht mehr
Ich habe Platzangst
Mein Bauch tut weh
Mein Nacken tut weh
Alles tut weh
Ein Schluck Wasser oder so was
Bitte
Bitte
Ich kann nicht atmen, Officer
Bringen Sie mich nicht um
Sie werden mich umbringen, Mann
Kommen Sie schon, Mann
Ich kann nicht atmen
Ich kann nicht atmen
Sie werden mich umbringen
Sie werden mich umbringen
Ich kann nicht atmen
Ich kann nicht atmen
Bitte, Sir
Bitte
Bitte
Bitte, ich kann nicht atmen.”

Dann schließen sich seine Augen und die Bitten verstummen. Kurz darauf wurde George Floyd für tot erklärt.

Die evangelische Pfarrerin der deutschsprachigen Gemeinde in New York ist zugleich Polizeiseelsorgerin und schreibt dazu auf ihrem sehr lesenswerten Blog einen Beitrag.

 

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Krise als Geburtsort

Sprache prägt unser Denken, unser Handeln – unser Bewußtsein. Wie sprechen wir über Corona? Welche Bilder werden von den Medien vermittelt? Was kommt atmosphärisch rüber?

Wenn von „Corona-Krise“ die Rede ist, dann liegt der Schwerpunkt meist auf dem Aspekt der Gefahr. Das ist eine Engführung. Dem Wort „Krise“ liegt das griechische Wort „krinein“ zugrunde, bei dem es um das Unterscheiden geht.

In ihrer Ansprache beim letzten Schabbat-G-ttesdienst in der Central Synagoge in New-York erklärt Rabbinerin Delphine Horvilleur, daß das hebräische Wort für Krise משבר (maschber)im biblischen Hebräisch der Ort ist, an dem Frauen ein Kind auf die Welt bringen, wo die Gebärmutter sich öffnet und so etwas Neues in die Welt kommt und aufbricht.

Eine gute Ergänzung dazu ist der NDR-Podcast von Regula Venske von der Wirkung von Sprache in Krisenzeiten (ca 8 Minuten). Vielen Dank an Hauptschulblues für den Hinweis.

 

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Nachricht von Corona

Hallo Entschuldigen Sie, dass ich ohne Vorwarnung in Ihr Haus eingebrochen bin. Mein Name ist Corona. Sie kennen mich wahrscheinlich. Seien Sie nicht überrascht und haben Sie keine Angst. Ich möchte nur reden und einige Dinge erklären. Zunächst einmal verzeihen Sie mir, wie ich Sie behandelt habe. Ich kam aus dem Nichts und stellte Ihr Leben auf den Kopf. Ich bin aus dem Nichts angekommen und habe Ihr Leben durcheinander gebracht. Sie fragen sich sicher, warum ich gekommen bin und warum gerade jetzt! Eigentlich ist es nicht das erste Mal, dass ich Sie besuche, ich war schon zweimal zu Ihnen eingeladen, 2002 und erst kürzlich, 2012, erinnern Sie sich an den Kamelzustrom?

Jedes Mal dachte ich, dass sie diesmal die Lektion gelernt haben, aber so sind die Menschen. Heute bin ich es leid, zu sehen, wie Sie unermüdlich diesen Weg der Sünde gehen, wie Sie die Erde, die Sie verödet haben, veröden, wie Sie all diese Wälder verbrannt haben, wie Sie diese Atmosphäre und diese Ozeane, die Sie verschmutzt haben, die Flora, die Sie vergiftet haben, sehen, Die Tiere, die ihr geschlachtet habt, und ihr habt nicht damit aufgehört, eure Barbarei hat die Misshandlung der Erde und anderer lebender Spezies übertroffen, eure Wildheit wendet ihr auf euch selbst und untereinander an, wenn eure Brüder in der Menschheit zu euren Feinden werden.

Ja, ich bin es leid, ganze Völker zu sehen, die Sie versklavt haben, Länder und Kontinente, die Sie verarmt haben, die Sie für Ihre eigenen Interessen benutzt haben, Stämme mit chemischen Waffen, die Sie ausgelöscht haben, stolze Generationen, die gierig nach Gerechtigkeit und Freiheit waren, die Sie unterdrückt haben, wie viele Menschen Sie ausgehungert haben. und wie viele Menschenrechtsbewegungen Sie unterdrückt haben, Ihre Integrität haben Sie für mehr Geld verkauft, Sie haben die Welt in Stücke geschnitten, um so viel wie möglich zu essen. Ich mache diese Gefangenschaft, die ich euch auferlege, nicht umsonst, ich möchte, dass ihr daraus lernt, dass ihr die Wut der Unterdrückten fühlt, dass ihr fühlt, was die Hungrigen fühlen, dass ihr fühlt, was die Behinderten fühlen, dass ihr fühlt, was Frauen jeden Tag wie eingesperrte Bestien fühlen.

Sie mögen mich hart, kriminell oder sogar mörderisch finden, aber die Verantwortung für all dieses Unglück liegt bei Ihnen und nur bei Ihnen, ich musste etwas tun, damit Sie endlich aufwachen, damit Sie endlich Ihre Augen öffnen, damit Sie endlich das Feuer löschen, das Sie selbst entzündet haben; Lange habe ich darauf gewartet, dass du näher kommst, aber du entfernst dich immer weiter, ich bin es leid, zuzusehen, wie der Egoismus dich verschlingt, Neid, Hass dich zerreißt, Gier dich unterwandert. Während du in meinem Gefängnis eingesperrt bist, möchte ich, dass du über das Wesentliche nachdenkst. Dinge, die Ihnen egal sind, weil Sie vom Wirbelsturm des Lebens aufgesogen werden.

Ich möchte, dass Sie die Bremse ziehen, dass Sie einen neuen Atemzug nehmen, dass Sie verstehen, dass Ihre menschlichen Beziehungen und Ihre Beziehungen zu dem Land, auf dem Sie leben, und zu der Umwelt, die Sie geboren hat, sich ändern müssen. Ich hoffe, dass Sie diesmal Ihre Lektion gelernt haben und dass dies der letzte Brief ist, den ich Ihnen schicke, Aber Vorsicht, wenn ich Ihnen nicht das Beste zeige, komme ich zurück, um Sie zu besuchen, und dieses Mal werde ich einen neuen Anzug anziehen, und dieses Mal wird Sie nichts retten, weder Handwäsche noch Feuer noch Gegengift. Ich freue mich besonders, wenn Sie klugerweise auf ein Wiedersehen verzichten.

aufgezeichnet von unserem Mitbewohner Nadir

Einmal ist immer das erste Mal …

Beim Samstagsfrühstück tauschten wir uns dieses Mal in kleiner Runde mit acht BesucherINNEn aus. Eine Frau, die fast jeden Samstag dazu kommt, erzählte, daß ihre Tafel-Ausgabestelle geschlossen hat. In der letzten Zeit erzählte sie immer wieder, daß es sehr wenig sei, was sie dort noch erhält. Der Internetseite der Berliner Tafel sagt, daß im März 50 Prozent weniger Lebensmittelspenden hereingekommen seien – wohl aufgrund von Hamsterkäufen und mehrere Ausgabestellen geschlossen sind. Als am Nachmittag zwei Bewohner losgegangen sind, um für unsere Gemeinschaft Lebensmittel abzuholen, haben sie nichts erhalten.

Nachtrag:
Mo 16. März: Inzwischen sind 38 Ausgabestellen von Laib und Seele geschlossen

 

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Nacht der Solidarität – Zählung von Obdachlosen

Heute Nacht ist die „Nacht der Solidarität“. 3200 ehrenamtliche HelferINNEN sind unterwegs um die Obdachlosen, die auf Berliner Straßen leben zu befragen und zu zählen – so sie gezählt das wollen. Es ist die erste Zählung dieser Art in Berlin, in Deutschland um herauszufinden, wie viele Menschen auf der Straße leben (laut Schätzungen sollen es zwischen 6000 und 10 000 sein). Danach sollen die Hilfsangebote besser auf sie zugeschnitten werden können.

Es gibt Kritik von linken Aktivisten und der „Selbstvertretung wohnungsloser Menschen“. Sie bezeichnen die Zählung als „sinnlos und würdelos“. Vieh würde man zählen – Menschen brauchen Wohnungen, ist ihre Argumentation.

Andre Hoek, ein ehemaliger langjähriger Obdachloser, befürwortet die Zählung. Auf seinem Blog beschreibt er seine Sichtweise und zwar hier.

 

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Balance finden in Zwiespältigkeiten

Mich mitfreuen können, daß einer, der für geringen Stundenlohn arbeitet, sich über die Jeans für sechs Euro freut. Und gleichzeitig um die Produktionsbedingungen wissen unter denen solche Jeans entstehen.

Mich freuen können über die große Menge Himbeeren von der Tafel. Gleichzeitig fassungslos sein über Himbeeren im November und, dass sie zu dieser Jahreszeit auf den Markt kommen, und wegen der Überproduktion letztlich bei der Tafel landen und weggeworfen werden würden, wenn es die Tafel nicht gäbe.

 

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