#WMDEDGT im März 2022 – Abschiede

Seit April 2013 ruft die Nachbarbloggerin immer am 5. des Monats zum Tagebuchbloggen auf unter dem Motto „WMDEDGT?“ (kurz und knackig für „Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“). Manchmal melde ich mich auch hier im Blog zu Wort und dieses Mal habe ich wieder einiges zu erzählen. 

Ich bin der Tisch von der Wohngemeinschaft Naunynstraße. Was ich schon alles gehört und erlebt habe in den mehr als 40 Jahren hier, das geht auf keine Kuhhaut hat auf keiner Tischplatte Platz. Der fünfte des Monats- ein Samstag. Wenn Samstag ist, dann geht es besonders früh los, weil Schabbat ist. Um 0.00 Uhr ist der Gottesdienst zum Schabbateingang in der Central Synagogue in New York. Wegen der Zeitverschiebung ist es dort 18.00 h.

Aber eigentlich geht es noch früher los. In der jüdischen Tradition beginnt der Tag am Vorabend mit den drei ersten Sternen am Himmel. Weil man die in der Großstadt nicht unbedingt sieht, wird im jüdischen Kalender nachgeschaut, wann die Kerzen gezündet werden – so machen es orthodoxe Juden, denn in der Schöpfungsgeschichte heißt es: „Und es ward Abend und es ward Morgen …“. Danach folgt die Angabe des Tages („dritter Tag“). Deshalb beginnt der Tag am (Vor-)Abend. 

Bei uns beginnt der Schabbat, wenn die Vorbereitungen abgeschlossen sind. Das war gegen halb sieben. Alle waren um mich versammelt. Die Kerzen wurden mit einem Segensspruch angezündet. Danach wurde der Segen über den Traubensaft (Wein) und dem Schabbatbrot gesagt und ein Gebet für den Frieden in der Welt.

Schabbat-Beginn (Foto: C. Pieren)

Der Chefkoch hatte ein wunderbares Risotto mit Weißkohl vorbereitet, das allen sehr gut geschmeckt hat. Danach gab es einen bunten Obstsalat. Lange wurde der Abend nicht, denn der Samstag würde sehr intensiv werden. 

I. tauchte dann kurz vor Mitternacht wegen New York auf. Die Atmosphäre in der Central Synagogue war im Vergleich zu sonst sehr gedämpft – wegen dem Krieg in der Ukraine. Es gab einige sehr beeindruckende Gedichte, die die Stimmung aufnahmen und unterschiedliche Emotionen was den Krieg betrifft zum Ausdruck brachten.

Für das offene Samstagsfrühstück stand schon ein Stapel Teller auf mir. Einer, der spät nach Hause kam – ich verrate nicht WER – hat mich dann schon eingedeckt. Die Vorbereitungen für das Frühstück liefen eher still ab: Brötchen, Käse, Marmeladen, Wurst, Quarkspeise und Getränke (Kaffee und Tee) wurden auf den Tisch gestellt. Auch die Gäste würden etwas mitbringen.

Wer wohl kommen würde zu diesem besonderen Frühstück zwei Tage vor der Beerdigung von Christian, der vor mehr als vierzig Jahren mit Michael die Gemeinschaft ins Leben gerufen hat. Ich kenne ihn am längsten von allen. Ich war schon am ersten Standort in der Sorauer Straße dabei bevor es in die Naunynstraße ging. Zwei Frauen kamen zum ersten Mal, zwei habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Menschen, die Christian aus unterschiedlichen Lebensbereichen kannten, waren da und erzähl) ten aus der Herkunftsfamiilie, vom Eintritt in den Jesuitenorden, vom Leben als Arbeiterpriester in Frankreich und später in Berlin bei Siemens als Dreher, von der Gastfreundschaft und der Wohngemeinschaft als offenen Ort, vom monatlichen interreligiösen Friedensgebet auf dem Gendarmenmarkt, das nach den Anschlägen in New York begonnen wurde, von Gefängnisbesuchen und den Mahnwachen vor dem Abschiebegefängnis, das inzwischen „Flughafengewahrsam“ heißt. Auch die gegenwärtige politische Lage wurde in den Blick genommen – nah (Corona und die gesellschaftlichen Spaltungen) und fern (der Krieg in der Ukraine) …

Zum Abschluß hat unser Freund Roj, der für verstorbene Hindus priesterliche Dienste ausübt, wieder sein Segensgebet in Sanskrit gesungen. Man kann es hier  nachhören.

Als der Tisch abgeräumt und alles aufgeräumt war, wurden im kleinen Kreis noch letzte Details für das Requiem am Montag besprochen. Dann waren alle unterwegs oder haben sich ausgeruht. Zwei sind zur Tafel gegangen um Lebensmittel für die Gemeinschaft zu holen. Es gab viel Obst und Gemüse.

Am späten Nachmittag begannen die Vorbereitungen für ein besonderes Abendessen – ein Abschiedsessen für die kleinen Schwestern Jesu, die Berlin in zwei Wochen verlassen werden. Sie gehören seit den Anfängen der Wohngemeinschaft zu unseren. Freunden. Als Christian und Michael 1979 nach Berlin kamen, wohnten die Schwestern unter sehr einfachen Bedingungen im Wedding in der Liebenwalder Straße. Sie hießen Christian und Michael willkommen, die zwei Straßen weiter in einem Arbeiterwohnheim ihren ersten Ort gefunden hatten bevor es nach Kreuzberg ging. Christian hat oft von den Anfängen dieser Freundschaft erzählt. Die Schwestern verdienten halbtags durch einfache Arbeiten ihren Lebensunterhalt in der Großküche, in der Fabrik oder im Reinigungsgewerbe. Sie lebten ein einfaches Leben – zuletzt im Bauwagen und gehen an Orte, an denen Menschen leben, die in unserer Gesellschaft am Rand sind und oft übersehen werden. Mit vielen haben sie im Lauf der Jahre Freundschaft geschlossen. In den letzten Wochen bei den Abschiedsbesuchen sind viele Tränen geflossen.

 An diesem Abend wurde noch ein letztes Mal miteinander gegessen (Gemüsereis, Panier-Käse und eine Sauce mit Blumenkohl, Champignons auf Mango-Kokos-Basis), erzählt, gesungen und für den Frieden gebetet. Am übernächsten Sonntag wird es dann vor Sankt Michael Kreuzberg ein Abschiedsfest geben.

Die anderen Beiträge vom #Wmdedgt im März 2022 sind hier 

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#WMDEDGT Februar 2022: stiller Samstag wegen Quarantäne

Seit April 2013 ruft die Nachbarbloggerin immer am 5. des Monats zum Tagebuchbloggen auf unter dem Motto „WMDEDGT?“ (kurz und knackig für „Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“). Manchmal melde ich mich auch hier im Blog zu Wort und dieses Mal habe ich nicht so viel zu erzählen. 

Ich bin der Tisch von der Wohngemeinschaft Naunynstraße  W.ordpress spinnt immer noch. Ein Informatikerfreund hat sich die Sache angeschaut und konnte nicht helfen. Und unter den derzeitigen pandemischen Umständen ist es mit einem Zugang zu anderen Computern schwierig. So gibt es hier derzeit wenig zu lesen, obwohl die Advents- und Weihnachtszeit sehr schön und intensiv war. Aber heute klappt es zum 5. des Monats Februar.

Samstagsfrühstück: der Tisch ist gedeckt

Es war ein sehr stiller Samstag, den wir hier verbracht haben. Ein Mitbewohner hat sich am Arbeitsplatz mit Corona angesteckt. Am Donnerstag kam das positive Ergebnis vom PCR-Test. Er hat glücklicherweise einen recht leichten Verlauf. Da sind wir sehr froh. Aber alle sind in Quarantäne außer zwei, die geboostert sind.

Wir mußten unser traditionelles Samstagsfrühstück absagen. Das war sehr traurig. Diesen Tag mag ich besonders gern, auch wenn nicht mehr viele Besucher kommen im Vergleich zu vor Corona. Da waren mindestens 15 Leute oft auch 25 Leute oder mehr in den drei Stunden da. In den letzten Monaten waren es zwischen drei und acht – und heute nicht einmal das. So ungewohnt und so still. In den mehr als vierzig Jahren, die ich hier stehe, ist das nur wenige Male vorgekommen. Ich merke, das fehlt mir sehr. Da kommt immer die Welt ins Haus.

Am Samstagnachmittag holen immer zwei Bewohner bei den Schwestern von Mutter Theresa für uns Lebensmittel von der Tafel ab. Der Chefkoch ist geboostert. Deshalb konnte er losgehen. Um die Übergabe so sicher wie möglich zu gestalten wurden die Lebensmittel bei einem Freund nebenan untergestellt, wo der Chefkoch sie holen konnte. Was für eine Großzügigkeit von den Schwestern. Was da auf mir abgeladen und sortiert werden mußte – ich war fassungslos: So viel, da konnten wir der Nachbarin unter uns Obst abgeben und wußten gar nicht, dass wir einen Tag später noch Lebensmittel, die später gebracht werden würden, erhalten. Viele liebe Menschen haben nachgefragt, ob wir Hilfe brauchen. Danke schön. Derzeit sind wir bestens versorgt.

Am Nachmittag war dann der Schabbatgottesdienst von der Central Synagogue in New York dran. Dort ist es dann halb zehn morgens. Ich konnte nicht mithören, weil Kopfhörer benutzt wurden, aber da die Kantorin und die Rabbinatsstudentin nicht in der Synagoge, sondern in privaten Räumen waren und ich viele Zoom-Kacheln gesehen habe, weiß ich, daß es in New York auch ganz schön heftig sein muß, was die Pandemiesituation betrifft.

Samstagnachmittag und auch am Abend kein Besuch. Ich war irritiert und mußte mir immer wieder vergegenwärtigen, dass wir in Quarantäne sind. Einige Anrufe, Gespräche von Bewohnern, der eine legt eine Patience, ein anderer macht Näharbeiten und der Chefkoch bereitet einen leckeren Blumenkohl-Reis-Eintopf zu. Für reichlich Vitamine ist auch gesorgt.

Weitere Beiträge zum WMDEDGT im Februar 2022 sind hier

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2G – 3G – Regel für Gottesdienste: Mit Vollgas ins Dilemma?

Ab heute (Samstag 27. November) tritt im Erzbistum Berlin die 2 G-Regel für alle Veranstaltungen in katholischen Räumen in Kraft. Nur noch Geimpfte und Genesene dürfen an Gottesdiensten teilnehmen. In jeder Großpfarrei wird es eine Messe für Nichtgeimpfte geben.
 
Am letzten Samstag hatten wir einen älteren Priester beim wöchentlichen Samstags-Frühstück zu Gast, der uns um Reaktionen bat für eine Situation, die für ihn sehr schwierig ist, nämlich, wie er sich zur 2 G – Regel für katholische Veranstaltungen
– insbesondere die Messen – verhalten soll. Er hat keine eigene Gemeinde, wird aber oft eingeladen.
 
Seit 40 Jahren gibt es unser offenes Samstagsfrühstück. Es kommen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, sozialen Milieus und Religionsgemeinschaften – letzten Samstag vom Obdachlosen bis zum Professor, christlich (fünf Konfessionen), hinduistisch, buddhistisch,jüdisch, aus Deutschland, Indien, der Türkei, Georgien und Nigeria – insgesamt zehn Gäste während der drei Stunden. Sowohl unter den
WG-Bewohnern als auch unter den Gästen sind Ungeimpfte, die sich impfen lassen könnten aber Gründe haben, dies nicht zu tun. Wir halten die WG für ALLE Menschen offen.
 
Wir hatten darüber schon mehrere sehr tiefgehende Gespräche in der WG, mit Besuchern und beim Samstagsfrühstück zu diesem Themenbereich: Immer wieder bedanken sich Nicht-Geimpfte, daß sie weiterhin kommen dürfen. Immer wieder wird gefragt, ob man einen Test mitbringen muß. Alle nicht Geimpften hier bei uns am
Tisch – Gäste und Bewohner – erlebe ich als Menschen, die in unterschiedlichen Bereichen nach ihren Möglichkeiten sich sozial engagieren und die vorsichtig agieren. Niemand bestreitet Corona.

Nach einem langem Gesprächsgang, bei dem Ungeimpfte sich ausführlich und sehr persönlich geäußert hatten, fragte ich ihn, was er daraus mitnimmt. Er meinte, er wird alle Messen absagen. Auch die Mitbrüder seiner Ordensgemeinschaft haben Verständnis für seine Position.

Ich fragte ihn, ob er an den Adventssonntagnachmittagen in unsere WG kommen würde um hier mit uns und denen, die kommen wollen,die Messe zu feiern. Auch uns als Gemeinschaft betreffen diese Einschränkungen, denn wir sind mit der katholischen Gemeinde, auf deren Gemeindegebiet unsere WG liegt, sehr verbunden. Derzeit können wir dann dort nicht mehr gemeinsam den Gottesdienst besuchen.  Zu unserer Freude sagte der Priester, der ein langjähriger Freund unserer Gemeinschaft ist, spontan zu.
 
Als er heute wieder zum Frühstück kam, erzählte er, daß er alle Messen abgesagt hat und es sich für ihn richtig anfühlt. Der Austausch bei uns letzte Woche habe ihm sehr geholfen auch bei einem Artikel zum Thema, den er auf Anfrage der Experten-Initiative Religionspolitik verfaßt hat: 2G-3G-Regelung der Gottesdienste: Mit Vollgas ins Dilemma.
Darin heißt es unter anderem:
 
Die katholische Kirche lehrt, dass die sonntägliche Eucharistie „Quelle und Höhepunkt“ des kirchlichen Lebens ist, Feier der Versöhnung mit Gott und untereinander. Nun ist ein Teil der Getauften von der Teilnahme daran „grundsätzlich“ ausgeschlossen. Die katholische Kirche nutzt nicht den Spielraum, den sie hat, um möglich zu machen, was möglich ist. Obwohl die Politik es nicht verlangt hat, schließt sie die Türen zur Eucharistie – bis auf je eine Ausnahme pro Pfarrei – für Ungeimpfte. Damit finden die allermeisten Eucharistiefeiern unvermeidlich unter der Bedingung von Ausgrenzung statt…
 
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Neues Normal beim Samstagsfrühstück

Samstagsfrühstück: der Tisch ist gedeckt

In den letzten Monaten kamen aufgrund der Situation (Corona) meist drei bis fünf Gäste – sehr selten mal sieben zum traditionellen Samstagsfrühstück. Den Gesprächen hat das nicht geschadet. Sie waren sehr intensiv und sehr persönlich. Meist waren alle an einem Thema dran. Neue Gesichter gab es kaum, was ganz ungewohnt war, denn vor Corona gab es kaum ein Frühstück ohne neue Besucher.

Der letzte Samstag hatte einige Überraschungen für uns bereit: 13 Gäste hatten wir schon lange nicht mehr – zwei kamen das erste Mal zu uns: Eine Pfarrerin, die ein Studien-semester in Berlin verbringt und eine Mitarbeiterin vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst, die unsere WG kennenlernen wollte. Anne und Marc aus den Niederlanden, die zuletzt vor über fünf Jahren in Berlin waren, überraschten uns dann auch noch.

Wir hatten intensive Gespräche, zu zweit, in Kleingruppen oder als ganzer Tisch – unter anderem über die Erfahrung, nach langer Zeit wieder Dostojewski zu lesen. Ganz still wurde es, als Erfahrungen über Exerzitien auf der Straße geteilt wurden. Zwei hatten davon gelesen oder gehört und wollten wissen, was es damit auf sich hat.

Wie sich die Wahrnehmung mit der Zeit verändert hat. Früher wären 13 Gäste eher eine niedrige Zahl gewesen, aber nach den Kontaktmöglichkeiten in den letzten Monaten wurde es als viel empfunden.

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#WMDEDGT September 2021

Seit April 2013 ruft die Nachbarbloggerin immer am 5. des Monats zum Tagebuchbloggen auf unter dem Motto „WMDEDGT?“ (kurz und knackig für „Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“). Manchmal melde ich mich auch hier im Blog zu Wort und das ist jetzt wieder mal eine prima Gelegenheit. 

Ich bin der Tisch von der Wohngemeinschaft Naunynstraße. Seit 43 Jahren stehe ich nun schon hier mitten im im Wohnzimmer. Ganz viele Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und aus aller Welt haben sich schon an mir versammelt, gegessen, erzählt, gespielt, gearbeitet, gelacht und geweint … Mit dem Zählen habe ich schon lange aufgehört. Was ich schon alles gehört und erlebt habe, das geht auf keine Kuhhaut hat auf keiner Tischplatte Platz

Und jetzt habe ich Lust, mich an dieser Aktion zu beteiligen. Ich hoffe, das ist o.k. Weil der 5. des Monats auf einen Samstag fällt, wird morgens wieder das offene Samstagsfrühstück der WG stattfinden, das nur ausfällt, wenn Weihnachten oder Sylvester auf einen Samstag fallen. Da kocht der Chefkoch nämlich für ganz viele Leute und hat zu viel Streß, wenn er erst nach dem Samstagsfrühstück anfangen kann. Ja, und dann gab es noch eine einzige Ausnahme, an der ich maßgeblich beteiligt war vor etwas mehr als fünf Jahren, da fiel es auch aus. 

Aber am Samstag – ist nämlich seit Corona – immer schon kurz vor 0.00 Uhr hier einiges los. I. ist dann nämlich in New York zugange – virtuell natürlich und so spät oder früh wegen der Zeitverschiebung. Sie nimmt dann am Schabbatg-ttesdienst der Central Synagogue teil – zumindest jetzt seit 1 1/2 Jahren in der Zeit von Corona. Vorher muß dann schon für den Kiddusch am Ende des G-ttesdienstes vorbereitet werden. Und so steht dann auf meiner verlängerten Tischplatte die beiden Schabbatkerzen, die beiden Schabbatbrote, die „Challa“ heißen und ein Becher mit rotem Traubensaft, manchmal auch noch ein Blumenstrauß, wenn wir einen von der Tafel bekommen haben wie hier auf dem Bild.

Weil M., die im Zimmer neben mir wohnt, gerade nicht da ist – sie kocht auf einem Seminar in einem buddhistischen Zentrum – war der Kopfhörer ausgesteckt und die Lautsprecher angestellt. So konnte ich alles mithören (hier). G. war auch ein paar Minuten dabei und fragte am nächsten Tag, ob das hier in den Synagogen auch so abgeht. Es war fröhlich und wurde ganz viel gesungen. Dort sitzen die Leute schon wieder sehr nah zusammen in der Synagoge. So nah sitzt hier niemand am Tisch seit Corona-Beginn.

Unglaublich, von woher sich Leute zugeschaltet haben. Ich konnte das in den Kommentaren mitlesen: Portugal, Luxemburg, Brasilien, Moskau, Australien und wir in Berlin … – also eine weltweite Community. Der Rabbinatsstudent, der gerade Praktikum macht und eine Regenbogenkippa trägt, hat viele Lieder mit einem kurzen Satz eingeführt und auch Gedichte vorgelesen. Es ging darum, daß am Montagabend das jüdische neue Jahr beginnt und der Schabbat so eine Art Crescendo sei.

Von der Ansprache habe ich wenig mitbekommen. Ich war irritiert. Seit längerer Zeit war nämlich Rabbi Hilly wieder mal dran, aber ganz verändert im Aussehen. Ich hatte Hilly als sehr jungenhaften, burschikosen Mann in Erinnerung. So ist er auch auf der Seite der Synagoge zu sehen – mit einem Holzfällerhemd. Jetzt aber: Rabbi Hilly viel weicher von den Gesichtskonturen und etwas unsicherem Auftreten. Mann? Frau? Mann? Frau? dachte ich. Aber die Facebook-Kommentare klärten mich auf: „Rabbi Hilly – I like her sermons. It’s really great“ war da zu lesen. Alles klar – dachte ich: Transition. 

Das kenne ich. Wir haben oft Besuch von Leuten aus der LGBT-Community. MM., den ich schon viele Jahre kenne und der während einer Krise mal hier gewohnt hat, hat das auch durch – allerdings in die andere Richtung. Ich weiß also, was Trans-Frauen und Cis-Männer sind. Neulich war er ziemlich geschafft, weil seine Family ihn eigentlich nicht bei der Beerdigung vom Lieblingsonkel dabei haben wollte. Den Schabbat-G-ttesdienst fand ich ziemlich lang mit 1 1/4 Stunden Dauer, aber I. sagt, das sei noch gar nichts. Am Samstagvormittag der G-ttesdienst hier in Deutschland ginge gut und gerne 2 1/2 Stunden oder länger. Jedenfalls gefällt mir der Schluß besonders gut, wenn der Segen über Wein und Brot gesungen wird und sich alle über den Schabbat freuen. Und zusätzlich hört I. dann immer als Schlußlied „Adon Olam“ (Text hebräisch / deutsch) von der spanisch-portugiesischen Synagoge in Montreal auf die Melodie „Sounds of Silence“ von Simon & Garfunkel:

 

Nachts war es wieder sehr turbulent vor unserem Haus – wie immer am Wochenende, wenn nicht Lockdown ist. Im Erdgeschoß von unserem Haus befindet sich nämlich die Kneipe „Trinkteufel – Tor zur Hölle“ – die heißt wirklich so – und gegenüber ist ein Späti, der die Kundschaft bis in die frühen Morgenstunden mit Alkoholischem Getränken abfüllt versorgt.

Samstagsfrühstück

Um 8.00 Uhr kommen dann die ersten Bewohner um das Samstagsfrühstück (Einladung mit Bild von mir) vorzubereiten: Tisch decken, Kaffee und Tee kochen, Marmeladen, Käse, Aufstriche aus dem Kühlschrank holen, Quarkspeise zubereiten – dieses Mal mit Johannesbeeren, Birnen und Schokoraspeln. Zwischen halb zehn und halb eins ist dann immer ein Kommen und Gehen. Jetzt während Corona kommen weniger Leute, aber vorher waren zwanzig bis fünfundzwanzig Gäste während dieser Zeit nichts Ungewöhnliches. Die Gespräche gehen um G-tt und die Welt. Einige Themen – sicher nicht alle – habe ich noch in Erinnerung: Trans- und Intersexualität und warum Lesben sich von Transfrauen dominiert erleben, welche selbstverwalteten Orte durch Corona beendet wurden (Cafe positiv für HIV Positive und ihre Freunde, Cafe Seidenfaden …), Erfahrungen mit Paketbetrug und Internet-Kriminalität, ob und wie der Holocaust in der Schule thematisiert wurde, Umgang mit Schuld und Schuldgefühlen, Situation in Afghanistan, Unteilbar-Demo, Pater Gregor fliegt am Montag in den Südsudan zurück und lädt zu seinem Abschiedsfest ein … Ich war richtig geschafft am Ende.

G. mußte dann um halb drei alleine zur Tafel von den Schwestern von Mutter Teresa gehen und brachte viele gute Sachen mit: Obst, Gemüse und Milchprodukte. Schwester Ma-ri-hu-ana (running Gag) Myrionia ließ ausrichten, daß wir uns später noch mal melden sollen, weil noch Sachen von Edeka erwartet werden, die sie nach dem Wochenende nicht mehr verkaufen können. Außerdem hat sie für M, unseren grünen Daumen, noch einige Pflanzen. 

M. mußte dann im Computer neben mir herausfinden, wie er am besten nach L. kommt: Ein kleiner Ort in der Nähe von Rostock. Mitbewohner N. hat dort in den letzten Tagen gearbeitet und kommt wegen dem Bahnstreik nicht weg. Deswegen soll M. ihn und seinen Chef abholen und macht sich auf den Weg. Der Chef darf nämlich derzeit nicht Auto fahren. Ich sage nur: Alkohol am Steuer …

Gegen fünf Uhr kommt der Chefkoch runter und bereitet das Abendessen vor – das erste Mal seit Tagen, daß er wieder kocht. Er hat großen Kummer. Um sechs Uhr gab es dann Abendessen: Ofengemüse, Hähnchenschenkel und zum Nachtisch Melonenscheiben. 

Später rief dann M. aus R. an. Er war schon öfter bei uns zu Besuch. Er war wieder einige Wochen in der Psychiatrie und möchte gern wieder bei uns mitleben. Im betreuten Wohnen bekommt er Taschengeld und das spart er für die Fahrkarte zu uns. Weil man unser Telefon auf laut stellen kann, konnte ich das alles mithören.

Ansonsten war H. noch da. Er wohnt in der Nachbarschaft und hat in Brandenburg einen Garten mit vielen Obstbäumen. Er läßt uns immer an seiner Obsternte teilhaben. Heute hatte er Lorbeerblätter dabei. Eigentlich ist er im Moment mit uns zerkracht und erzählt überall herum, daß er bei uns rausgeschmissen worden ist. Was nicht stimmt. Ich habe es mitbekommen. Er kam unmöglich früh und M. war gerade am Kofferpacken für das buddhistische Seminar und wollte noch ihr Zimmer aufräumen und sauber machen. Deshalb hat sie ihm gesagt, daß in einer Stunde Frühstück ist (unter der Woche) und er dann gern dazu kommen kann. Das hat er übel genommen. Doch jetzt besteht Hoffnung, daß wir doch noch Pfirsiche und gelbe Pflaumen bekommen. Die gelbe-Pflaumen-mit-Tonkabohnen-Marmelade ist ein Gedicht …

Marmeladenregal

Dann gab es noch eine traurige Nachricht: Schrotti, ein Freund von Mitbewohner M. ist verstorben. Er wohnte viele Jahre in einer Wagenburg in unserer Nähe und hat die letzte Zeit in einem Pflegeheim im Prenzlauer Berg verbracht. Auf mir wurde eine Kerze aufgestellt und angezündet wie wir das immer machen wenn eine Todesnachricht eintrifft oder wir einen Todestag begehen.

Hier kann man nachlesen, was andere über ihren 5. September geschrieben haben.

Nachtrag: Und erst Stunden nach der Veröffentlichung ist mir aufgefallen, dass Samstag ja der 4. September war und nicht der 5. 

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Samstagsfrühstück: Monastische und andere Traditionen …

Samstagsfrühstück: der Tisch ist gedeckt

Unter besonderen Umständen, im kleinen Kreis, fand heute unser Samstagsfrühstück statt. Auch wenn wir eine kleine Gruppe waren, so waren wir bunt gemischt: Christlich, muslimisch, buddhistisch, jüdisch oder agnostisch unterwegs. Bruder Winfried von der Emmausgemeinschaft, einer franziskanischen Gemeinschaft auf dem Josefshof war gekommen. Manche werden ihn und seine Akkordeonbegleitung noch von unseren Adventsabenden in Erinnerung haben.  Zum ersten Mal war Frank, einer aus der gastgebenden Gemeinschaft unserer Straßenexerzitien Ende August unser Frühstücksgast.

Gestern war der Jahrestag des Anschlags in New York auf die Twin Towers. Mitbewohner aus muslimischen Ländern erzählen, wie sie danach als Muslime wahrgenommen und behandelt werden, welche Formen von Diskriminierung sie erleben und was sich für sie zum Negativen verändert hat.

Drei Personen am Frühstückstisch haben Erfahrungen mit unterschiedlichen Strömungen des Ordenslebens in verschiedenen Ordensgemeinschaften: Trappisten, Franziskaner und Jesuiten. Das lädt zu Vergleichen über Gemeinsamkeiten und Unterschiede ein. Außerdem kommen durch Gastaufenthalte in Klöstern auch noch Erfahrungen mit der Spiritualität der Benediktiner, Zisterzienser und Kartäuser dazu.  Frank war 15 Jahre Trappistenmönch und einige Zeit auch für die Neuankömmlinge zuständig. Auch jetzt ist er immer wieder Gast in verschiedenen Trappistenklöstern in Belgien und den Niederlanden und kann viel über die Veränderungen während der letzten 30 Jahre erzählen.

So kommen wir auf den Film „von Menschen und Göttern“ über das Leben und die Ermordung der Trappistenmönche von Tibhirine. Die meisten am Tisch haben den Film einmal oder mehrmals gesehen und wir erfahren voneinander die unterschiedliche Sichten christlicher und muslimischer und anderer Frühstücksteilnehmer. Wie gut, daß Frank heute bei uns ist. Er kann einiges zu der Frage beitragen, wie typisch das Leben der Mönche von Tibhirine für Trappisten ist. Dieses Kloster ist – so Frank – eine Aus-nahmeerscheinung unter Trappistenklöstern.

Weil auch noch jemand am Tisch sitzt, der einen buddhistischen Weg (Zen) geht, landen wir bei Zen-Meditation und Kontemplation  und der Begegnung mit mystischen Traditionen in unterschiedlichen Religionen sowie der Transfer verschiedener buddhistischer Richtungen in europäische Gesellschaten.

Wie wir dann bei den Stärken und Schwächen unterschiedlicher Bibelübersetzungen gelandet sind, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls ergab sich darauf noch die Frage, warum sich biblische Namen in jüdischen und christlichen Bibelübersetzungen unterscheiden (Mosche – Moses, Jochanan – Johannes, Miriam – Maria, Schlomo – Salomo, Jeschua – Jesus).

Nachdem die letzten Frühstückstreffen sehr stark von politischen Themen geprägt waren lag heute der Schwerpunkt auf dem Themenbereich Religion und Spiritualität.

Unser ältester Mitbewohner Christian Schmidt (SJ) zog folgendes Fazit: „Das war heute außergewöhnlich – ein besonders schönes Samstagsfrühstück“.

Zum Weiterlesen:
Der letzte Überlebende von Tibhirine, Bruder Jean-Pierre Schumacher
Was unser Samstagsfrühstück  ausmacht
Das Kloster von Tibhirine – von Mönchen, Mördern und Muslimen   (Deutschlandradio)

 

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Gruss von unserem Freund Roj

Roj, ein indischer Freund, duch den wir gelernt haben, daß es im Hinduismus auch monotheistische Strömungen gibt, kommt seit Jahren regelmäßig zu unserem Samstagsfrühstück. Vor er geht singt er ein hinduistisches Gebet aus den Upanischaden für uns. Derzeit ruft er uns oft zur Samstagsfrühstückzeit an. Hier ein Gruß von ihm, mit dem er zum Ausdruck bringen will, was ihm unsere Gemeinschaft bedeutet:

Du machtest mich bekannt
mit Freunden, die ich noch nicht kannte.
Du gabest Heimstatt mir in Häusern,
die mir nicht gehörten.

Du brachtest das Entfernte nah
und machtest aus dem Fremdling
einen Bruder.

(aus Gitanjali, einer Gedichtsammlung des bengalischen Dichters Rabindranath Tagore)

Zum Weiterlesen:
Hinduistisches Gebet zum Samstagsfrühstück(gesungen)
Mehr zu Begegnungen beim Samstagsfrühstück

 

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Sommerbesuche – Kreuz-und-Quer-Verbindungen

In Berlin sind die Sommerferien bereits vorbei, in anderen Bundesländern sind sie voll im Gange. Bei uns ist es eine Zeit vieler Besuche. Den Anfang machte Jens aus Leipzig im Juli, der unsere Gemeinschaft schon mehr als zwanzig Jahre kennt. Er besucht uns einmal im Vierteljahr zum Samstagsfrühstück. Als Begleiter von Strassenexerzitien in Berlin hat er während dieser Zeit 2016 auch schon bei uns mitgelebt und darüber den Beitrag Strassenexerzitien-Herberge verfaßt.

Annette aus Franken kennen wir seit vier Jahren und freuen uns über den regelmäßigen Kontakt und die Unterstützung. Als Pfarrerin in ihrer Gemeinde war das Thema „Leben mit armen Menschen“ ein Kernanliegen und ist es auch jetzt im Ruhestand. Sie ist Mitglied bei ATD vierte Welt. Sie hat mit Gemeindemitgliedern ein Buch herausgegeben: Sichtbar aber auch nicht stumm. Was Menschen mit Armutserfahrung zu sagen haben. (Auf der Website kann eine Leseprobe heruntergeladen werden.) Im April 2016 – kurz nach Christians Weggang – hat sie einige Wochen bei uns gelebt und darüber geschrieben: Auszeit – Atem holen in der Naunynstraße.

Verbindungen leben wir auch mit anderen Gemeinschaften in Berlin, so etwa mit der Basisgemeinde im Prenzlauer Berg, die im Stadtteilladen „Kiezladen zusammenhalten“ in der Dunckerstraße 14 engagiert. Dort gibt es eine Kleiderkammer, die maßgeblich von Hilde betreut wird. Als die anderen Mitglieder der Kommunität im Urlaub waren, kam Hilde zu einem Samstagsfrühstück und während eines Mittagessens vorbei. Sie ist über 80 Jahre alt, schaut eine Person an und kann sofort sagen, welche Kleidungsstücke dieser Person passen würden. Diese Kleiderkammer ist wegen der Freundlichkeit der Mitarbeitenden etwas ganz besonderes. Niemand muss seine Bedürftigkeit nachweisen, und während der Öffnungszeit am Montagnachmittag gibt es Kaffee und Kuchen. Der Kuchen wird von einem Bäcker in der Nachbarschaft gespendet.

An einem Mittwochnachmittag hat uns Andrea von der Berliner Tafel besucht. Sie arbeitet dort schon seit vielen Jahren mit. In gewissen zeitlichen Abständen ist jede/r Mitarbeitende einen Tag lang in einem anderen Arbeitsbereich zum Hospitieren dabei um einen Blick über den Tellerrand des eigenen Einsatzbereichs hinaus zu fördern. Bei uns in Kreuzberg liegt es nahe dann die Franziskanerinnen, das Gesundheitsprojekt Heile Haus, das es seit 1981 gibt und unsere Wohngemeinschaft kennenzulernen als Orte, die von der Berliner Tafel unterstützt werden.

Ganz überraschend, weil sie den letzten Zug verpaßt hatte, landete Claudia vom Achor-Hof in Märkisch-Wilmersdorf bei uns. Dort lebt seit Mai auch ein ehemaliger Mitbewohner unserer Wohngemeinschaft.

Beim Samstagsfrühstück haben uns zwei von den Schwestern der Mutter Teresa – offiziell die Missionaries of Charity besucht. Sie führen auf dem Gemeindegebiet von St. Marien-Liebfrauen / St. Michael eine Suppenküche und besuchen Menschen in Heimen, Krankenhäusern und zuhause. Schwester Franziska aus Indien stammend war schon zu Zeiten der geteilten Stadt einige Jahre in Ostberlin in der St. Adalbert-Gemeinde. Nach Aufenthalten in unterschiedlichen Ländern ist sie seit fünf Jahren hier in Berlin-Kreuzberg.

Kurz nach den Schwestern kam Monika Matthias an. Sie ist Pfarrerin in der Martha-Gemeinde in Kreuzberg, mit der wir schon lange verbunden sind. Ihre Vorgängerin, Jutta Becker, hat in der Übergangszeit als Christian sein Weggehen vorbereitet hat und die Frage der Zukunft der WG im Raum stand, regelmäßig Treffen der WG-Bewohner und des Freundeskreises moderiert und hat uns damit sehr geholfen. Monika Matthias ist gerade im letzten Drittel ihrer dreimonatigen Studienzeit angekommen, in der sie unterschiedliche Gemeinschaften besucht und sie unter der Fragestellung „gelebte Visionen – Spiritualität und Weltverantwortung anschaut. Dazu hat sie ein Weblog begonnen, in dem sie auch von ihren Eindrücken vom letzten Samstagsfrühstück erzählt.

Im September wird Roland wieder einen Monat bei uns sein. Er lebt in Süddeutschland und möchte hier wieder die Gelegenheit nützen seinen Meditationsweg weiterzugehen.

Während ich diese Zeilen schreibe, landet eine eMail von Rana im Postfach, der während seines ersten Studiums bei uns gelebt hat und das letzte Augustwochenende kommen möchte. Wir sind gespannt, was er von seinem Studienjahr in München zu erzählen hat. Dort hat er in einer christlichen Gemeinschaft im Osten von München gelebt und ehrenamtlich in der Gefangenenseelsorge mitgearbeitet.

Platzreservierung ?

Samstagsfrühstück: der Tisch ist gedeckt

Jemand will für das Samstagsfrühstück morgen telefonisch drei Plätze reservieren. Ob das geht? Bis jetzt hat bei uns jeder einen Platz gefunden und ist satt geworden – ohne Reservierung. Wir sind sicher, das wird auch weiterhin so sein. Wir freuen uns über jeden, der kommt und sind gespannt, wer morgen am Frühstückstisch sitzt. Immer von 9.30 h bis 12.30 h.