Elul 1 – Vorbereitung auf das neue Jahr

Heute beginnt nach dem jüdischen Kalender der Monat Elul. Es ist der Monat, der dem jüdischen Neujahrsfest (Rosch haSchana) vorausgeht: Eine Zeit der Erneuerung und der Reflexion über das zurückliegende Jahr. Beim Morgengebet in der Synagoge wird das Schofar geblasen, das zur Buße und Umkehr ruft. Hier kann man sich die Melodie anhören:

Außerdem werden täglich besondere Gebete gesprochen. Dazu gehört Psalm 27:

Der Herr ist mein Licht und mein Heil – vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist für mein Leben wie eine schützende Burg, vor wem sollte ich erschrecken? 
Wenn boshafte Menschen über mich herfallen, um mich mit Haut und Haaren zu verschlingen, meine Gegner und Feinde – dann sind sie es, die stürzen und fallen! 
Selbst wenn mich ein Heer von Feinden umlagert: mein Herz ist nicht von Furcht erfüllt. Und wenn Krieg gegen mich ausbricht, bleibe ich dennoch voll Zuversicht. 
Eines habe ich vom Herrn erbeten, das ist mein tiefster Wunsch: alle Tage meines Lebens im Haus des Herrn zu wohnen, um die Freundlichkeit des Herrn zu sehen und über ihn nachzudenken – dort in seinem Heiligtum.
Denn er wird mich am Tag des Unglücks in seinem Zelt bergen, mir dort in der Verborgenheit seinen Schutz gewähren und mich auf einem hohen Felsen in Sicherheit bringen. 
Erhobenen Hauptes werde ich auf meine Feinde rings um mich herabsehen. Und ich will dort in seinem Heiligtum mit lautem Jubel meine Dankopfer bringen, ich will den Herrn preisen mit Musik und Gesang. 
Höre, Herr, wenn ich nun mit lauter Stimme rufe, sei mir gnädig und antworte mir! 
In meinem Herzen wiederhole ich deine Worte:»Kommt vor mein Angesicht, sucht meine Nähe!«Ja, Herr, das will ich tun: ich will vor dein Angesicht treten. 
Verbirg dich darum nicht vor mir, stoße mich, deinen Diener, nicht im Zorn zurück, denn du warst zu jeder Zeit meine Hilfe! Gib mich nicht auf und verlass mich nicht, mein Retter und mein Gott! 
10 Selbst wenn Vater und Mutter mich verließen, der Herr nimmt mich dennoch auf. 
11 Lass mich deinen Weg erkennen, Herr, und leite mich auf ebener Bahn – tu es meinen Feinden zum Trotz! 
12 Liefere mich nicht dem Mutwillen meiner Widersacher aus, denn es treten falsche Zeugen gegen mich auf! Aus ihrem Mund kommen heftige Worte voller Unrecht und Gewalt. 
13 Doch ich bin gewiss, dass ich am Leben bleiben und sehen werde, wie gütig der Herr ist. 
14 Hoffe auf den Herrn, sei stark, und dein Herz fasse Mut – ja, hoffe auf den Herrn!

 

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Ostern alle Tage

Ostern alle Tage

Trotzdem wieder aufstehen
nicht jubelnd
nicht erlöst
nicht heilgezaubert
aber aufstehen

Gott etwas zutrauen
keine Allmacht
keine Heerscharen
kein Donnergetöse
aber zutrauen

Im Totenreich nicht heimisch werden
das letzte Wort nicht selber sprechen
und morgen wieder aufstehen

Carola Moosbach
Gottflamme Du Schöne, 1997
© Gütersloher Verlagshaus GmbH, Gütersloh  

Allen, die es feiern – wünschen wir ein gesegnetes und frohes Osterfest.

den Brunnen tiefer graben … am Kommunitätsabend

Cover des buches

Cover

Der wöchentliche Kommunitätsabend am Dienstag ist das Herzstück unserer Gemeinschaft. Wir treffen uns zum gemeinsamen Abendessen. Danach tauschen wir uns über die zurückliegende Woche aus und teilen miteinander, was uns wichtig war: Schönes und Schweres, Gelungenes und Mißlungenes. Anschließend wird zum Gottesdienst eingeladen.

Vor einigen Tagen hat mir Schwester Ingrid ein Buch mit Meditationen zu Texten von Christian de Cherge geliehen. Er war der Prior der Trappistenmönche von Tibhirine in Algerien, die 1986 ermordet wurden. Die Geschichte ist durch den Film „von Menschen und Göttern“ bekannt geworden.

In dem Büchlein habe ich einige Zeilen von Christian de Cherge gefunden, die ich unserem Austausch vorangestellt habe:

Seit jenem Tag an dem er mich plötzlich bat, ihn beten zu lehren, ist es Mohammed zur Gewohnheit geworden, zu uns zu kommen und sich regelmäßig mit mir zu unterhalten. Er ist ein Nachbar. So haben wir eine lange gemeinsame Geschichte. Oft hatte ich nicht viel Zeit; an manchen Wochenenden, wenn zu viele Gäste da waren und uns ganz in Anspruch nahmen, sah ich ihn gar nicht. Eines Tages fand er eine Formel, um mich zur Ordnung zu rufen und eine Begegnung zu erbitten: „Seit langem haben wir nicht mehr unsere Brunnen tiefer gegraben“. Das Bild ist uns geblieben. Wir greifen darauf zurück, wenn wir das Bedürfnis nach einem tiefen Austausch in uns verspüren.

Am Ende unseres Austausches habe ich die Zeilen nochmals gelesen und auch wie es weitergeht:

Einmal stellte ich ihm im Scherz die Frage: „Und was werden wir auf dem Grund des Brunnens finden? mulimisches oder christliches Wasser?“ Halb lachend, halb ärgerlich blickte er mich an: „Jetzt sind wir schon so lange gemeinsam unterwegs, und du stellst mir immer noch so eine Frage. Du weißt doch, was man auf dem Grund des Brunnens findet, ist das Wasser Gottes“.

Mit dem Bild des Brunnens konnten alle am Gespräch Beteiligten etwas anfangen, und die waren an diesem Abend christlich, jüdisch, muslimisch, buddhistisch und säkular.

Den Brunnen tiefer graben, Meditieren mit Christian de Chergé, Prior der Mönche von Tibhirine (Hrsg. Salenson, Christian), Neue Stadt Verlag, München 2015, S.48

Wohngemeinschaft als Förderturm

Letzte Woche hat in einem Gespräch eine Freundin der Naunynstraße diesen Ort mit einem Förderturm verglichen. Als Kind des Ruhrgebiets hatte sie einen anderen Bezug dazu als die meisten von uns. Da mir das Bild nicht vertraut ist, habe ich ein Video gefunden, das die Aktivitäten bei der Förderung von Steinkohle zeigt. Das Bild vom Förderturm hat mir noch einmal einen anderen, einen neuen Zugang ermöglicht. Ich war ganz berührt von diesem Geschenk. Dabei fiel mir ein, daß von Steinkohle auch als „schwarzem Gold“ gesprochen wird. Das Video ist hier und dauert 14 Minuten:

Ernte-Dank und Rosch haSchanah 5777

marmeladenregal

Unser Marmeladenregal

Beim letzten wöchentlichen Kommunitätsabend lag gerade das (christliche) Erntedankfest hinter uns und das jüdische Neujahrsfest Rosch haSchanah vor uns. Deshalb gab es zum Abendessen eine Kürbissuppe mit einem runden Hefebrot, Äpfel in Honig getaucht (für ein süßes neues Jahr) und eine Apfelspeise nachdem die Festtagskerzen angezündet wurden und der Segensspruch über Wein und Brot gesagt worden war. Beide Feste waren ein guter Anlaß um beim Austausch einander mitzuteilen, wofür wir in der zurückliegenden Zeit dankbar sind und was unsere persönliche Ernte ist. Als Einstieg diente das Zitat einer buddhistischen Autorin:

Das Geschenk des Lebens annehmen heißt, sich für den schöpferischen Prozeß zu öffnen, dessen Teil wir sind, gestaltend und als Gestaltete.

Es heißt, sich diesem Prozeß mit der Neugier des Nicht-Wissens zuzuwenden, ohne Furcht vor dem, was das Geschenk für uns bereithält.

Und es heißt, aus diesem Geschenk dankbar all das entstehen zu lassen, was es für uns in sich trägt.

Barbara von Meibom

Bibliolog und die Werke der Barmherzigkeit

blühende Buchstaben

blühende Buchstaben

Gestern haben wir uns zum zweiten Mal zur monatlichen Bibliolog-Runde nach dem Samstagsfrühstück getroffen. In unserem Wohngemeinschaftswohnzimmer wurde es eng.

Beim ersten Treffen im Juli sind wir der Frage nachgegangen: „Wer ist mein Nächster?“ und zwar anhand der Parabel vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25 ff). Wir haben uns damit beschäftigt, was Barmherzigkeit in verschiedenen religiösen Traditionen bedeutet. Bis November begeht die katholische Kirche das Jahr der Barmherzigkeit, was mir als Anregung für die Auswahl des Textes diente.

Die christliche Tradition kennt sieben Werke der Barmherzigkeit:

  • Hungrige speisen
  • Durstige tränken
  • Fremde beherbergen
  • Nackte bekleiden
  • Kranke besuchen
  • Gefangene besuchen
  • Tote bestatten

Die ersten sechs Werke finden sich in der Endzeitrede im Evangelium nach Mätthäus (Kapitel 25). Der Kirchenvater Lactantius (verstorben um 250) hat das siebte Werk (Tote bestatten) hinzugefügt und sich dabei auf das Buch Tobit bezogen, das im nicht zum jüdischen Kanon gehört.

In einem anderen Werk (Epitome divinarum institutionum) benennt dieser Kirchenvater jedoch neun Werke der Barmherzigkeit:

  • Hungernde speisen
  • Nackte kleiden
  • Unterdrückte befreien
  • Fremde und Obdachlose beherbergen
  • Waisen verteidigen
  • Witwen schützen
  • Gefangene vom Feind loskaufen
  • Kranke und Arme besuchen
  • Tote bestatten

Katholische Internetseiten betonen, daß diese Aufzählung nicht aus einer Bibelstelle herzuleiten ist. Mein Kommentar: Sie stammt aus der rabbinischen Tradition des Judentums. Es gibt nach jüdischem Verständnis Gebote, die einen so hohen Stellenwert haben, daß – wenn man sie ausführt – der Lohn nicht erst in der kommenden Welt eintritt, sondern schon in dieser Welt zuteil wird. Im Morgengebet, wie es jeder orthodoxe Jude täglich betet, werden genau diese neun Mizwot (Gebote) in diesem Zusammenhang benannt.

Vorgestern habe ich dann eine Geschichte zum Thema Barmherzigkeit ausgewählt, die normalerweise eher im Kontext von Wundergeschichten thematisiert wird, nämlich die Begegnung vom Propheten Elischa und einer Witwe (2 Könige 4). Die beiden Söhne der Witwe sollen in Schuldknechtschaft verkauft werden. Die Witwe hat noch einen kleinen Krug mit Öl. Der Prophet weist sie an, bei den Nachbarn Gefäße auszuleihen, was sie tut. Diese Gefäße werden mit Öl gefüllt, das sie verkaufen kann und damit die Schulden bezahlen kann.

Im anschließenden Gespräch haben wir unterschiedliche Aspekte vertieft. Dabei fühlte sich ein Teilnehmer auch an die Exerzitien auf der Straße erinnert, bei denen das Hören im Mittelpunkt steht und oft ein Impuls, der ungewohnt ist, der quer liegt, zu etwas führt, was man überhaupt nicht im Blickfeld hatte und so neue Perspektiven eröffnet ähnlich wie bei der Witwe, die sich auf die Anweisung des Elischa einläßt und Gefäße ausleiht.

Die nächsten Termine für die Bibliolog-Treffen werden auf der Termin-Seite unter dem Headerbild zu finden sein.

Zum Weiterlesen:
Bibliolog – aus Liebe zur Schrift (eigener Artikel auf dem Bibliolog-Weblog)

Vom Ende zum Anfang

Intensive, reich gefüllte Tage liegen hinter uns. Es wird sicher einige Blog-Einträge brauchen um vom Fest des 73. Geburtstags von Christian, des Abschieds und der Übergabe zu erzählen. Mehr als 350 Menschen haben mit uns im Sharehaus gefeiert, zum Gelingen des Festes beigetragen und 150 waren beim Dankgottesdienst am Sonntag in Sankt Michael, der spontan auf der Straße endete, wo wir verspeisten, was vom Fest übrig geblieben war.

Tisch vor der Kirche

Tisch nach dem Dankgottesdienst vor der Michaelskirche mit den Resten vom Fest (Foto: Miriam Bondy)

Vor noch ausführlicher davon erzählt werden wird, soll erst einmal der Abschlußsegen auf unserem Liedblatt stehen:

Du Gott der Anfänge,
leg deinen Segen in meine Schritte, damit ich deinen Spuren folge.
Du Gott der Klarheit,
leg deinen Segen in meinen Blick, damit ich mit deinen Augen sehe.
Du Gott der Galaxien und Gestirne,
leg deinen Segen in meine Nacht, damit dein Stern meinen Weg erleuchtet.
Du Gott der Leichtigkeit,
leg deinen Segen in meine Tage,
damit sie Einladungen sind für alle, die kommen und sehen wollen.
Du Gott des Lebens,
leg deinen Segen in mein Herz, damit es aufblüht für die Liebe.
Und, Gott meiner Wege,
führe mich in das weite Land deiner endlosen Himmel
(Hildegard Nies)