jetzt

Eine Postkarte liegt morgens auf dem Küchentisch: Orange leuchtender Hintergrund und mehrmals in weißer Schrift und in verschiedenen Schriftgrößen leuchtet ein Wort auf: jetzt. Auf der Rückseite ein Gedicht:

Bekehrung

nicht mehr rotieren
um den eigenen Bauchnabel
kopernikanische Wende
Ego-Dezentralisierung

mich gänzlich überlassen
der Anziehungskraft deiner Liebe
im Blick auf dich
finde ich meine Bahn

nicht vor dem Spiegel bleiben
mich einfach umdrehen
die große Wende
du stehst hinter mir

Als Verfasser ist Andreas Knapp angegeben. Ich kenne ihn nicht persönlich, weiß nur, daß er in der Kommunität der kleinen Brüder Jesu in Leipzig-Grünau lebt. Eine Verbindung leuchtet auf zu M., der in den letzten Monaten vor Christians Abschied oft mehrmals wöchentlich bei uns war und beim Archivieren und Abtragen der Papierberge half. Exerzitien auf der Straße hatte er gemacht mit der Frage, wo nach seinem Studium sein Platz sein würde. Danach ging er zu den kleinen Brüdern Jesu nach Leipzig-Grünau um dort einige Zeit mitzuleben. Jetzt ist er im Noviziat – wo auch immer.

Mehr zum Ordensleben im Plattenbau

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Gebet aus dem Irak

Aus der Tiefe rufen wir zu dir, du Gott des Friedens.
Aus der Tiefe des Leidens rufen wir zu dir, du Gott der Barmherzigkeit.
Aus der Tiefe der Angst rufen wir zu dir, du Gott der Liebe.
Guter Gott, höre unsere Stimme, die um Frieden für unsere verwirrte Welt bittet.
Erleuchte unseren Verstand, dass wir lernen, auf deine Weise Frieden
zu schaffen, damit die getröstet werden, die um der Gerechtigkeit willen leiden.
Sende deinen Heiligen Geist, damit er uns auf den Weg des Friedens führe, den du bereits begonnen hast.
Öffne unsere Augen für die Zeichen deiner Gegenwart in unserer erschöpften Welt.
Lehre uns, in Harmonie mit dir, unseren Mitmenschen und der Natur zu leben.
Wir sehnen uns so sehr nach einer friedlichen Welt:
In der Menschen in Würde alt werden können,
in der Eltern ihre Kinder in Liebe aufwachsen sehen,
in der die Jugend von ihrer Zukunft träumen kann,
in der Kinder eine glückliche Kindheit erleben können.
Guter Gott, stärke unseren Glauben an die Möglichkeit,
Frieden zu schaffen trotz aller Gewalt, die wir sehen.
Hilf unserem Bemühen um eine bessere Welt, in der alle willkommen sind, in der sich alle zum Festmahl versammeln,
in der alle in Freiheit verkünden können, dass Jesus der Erlöser ist.
(Schwester Dr. Nazik Khalid Matty,Irak)
Die Dominikanerin Sr. Nazik ist 1975 in Bagdad geboren. Sie hat
2014 mit einem Stipendium des Missionswissenschaftlichen Institutes
MISSIO an der Universität Oxford in Bibelwissenschaften promoviert
und sollte nach ihrer Rückkehr im März 2014 am Priesterseminar in
Karakosh und an der Theologischen Fakultät in Erbil lehren.
Als am 6. August 2014 der IS in Karakosh einzog, musste sie zu
sammen mit anderen Ordensfrauen fliehen. Sie wurden auf verschie-
dene Flüchtlingslager aufgeteilt, um dort den Menschen zu helfen.
Inzwischen kümmert sie sich um die Flüchtlinge und um die Ausbildung
der Priesteramtskandidaten und Theologen.
Amill Gorgis, der als Vertreter der Syrisch Orthodoxen Gemeinde am
Friedensgebet am 1.01.2018 teilgenommen hat, brachte dieses
Gebet mit und hat es im Gottesdienst gebetet. Die Worte dieses Gebetes,
verfasst im Krieg im Irak, das so viel Glaubensstärke
und Vertrauen auf Gott ausdrückt, hat uns alle sehr berührt.

Elul 1 – Vorbereitung auf das neue Jahr

Heute beginnt nach dem jüdischen Kalender der Monat Elul. Es ist der Monat, der dem jüdischen Neujahrsfest (Rosch haSchana) vorausgeht: Eine Zeit der Erneuerung und der Reflexion über das zurückliegende Jahr. Beim Morgengebet in der Synagoge wird das Schofar geblasen, das zur Buße und Umkehr ruft. Hier kann man sich die Melodie anhören:

Außerdem werden täglich besondere Gebete gesprochen. Dazu gehört Psalm 27:

Der Herr ist mein Licht und mein Heil – vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist für mein Leben wie eine schützende Burg, vor wem sollte ich erschrecken? 
Wenn boshafte Menschen über mich herfallen, um mich mit Haut und Haaren zu verschlingen, meine Gegner und Feinde – dann sind sie es, die stürzen und fallen! 
Selbst wenn mich ein Heer von Feinden umlagert: mein Herz ist nicht von Furcht erfüllt. Und wenn Krieg gegen mich ausbricht, bleibe ich dennoch voll Zuversicht. 
Eines habe ich vom Herrn erbeten, das ist mein tiefster Wunsch: alle Tage meines Lebens im Haus des Herrn zu wohnen, um die Freundlichkeit des Herrn zu sehen und über ihn nachzudenken – dort in seinem Heiligtum.
Denn er wird mich am Tag des Unglücks in seinem Zelt bergen, mir dort in der Verborgenheit seinen Schutz gewähren und mich auf einem hohen Felsen in Sicherheit bringen. 
Erhobenen Hauptes werde ich auf meine Feinde rings um mich herabsehen. Und ich will dort in seinem Heiligtum mit lautem Jubel meine Dankopfer bringen, ich will den Herrn preisen mit Musik und Gesang. 
Höre, Herr, wenn ich nun mit lauter Stimme rufe, sei mir gnädig und antworte mir! 
In meinem Herzen wiederhole ich deine Worte:»Kommt vor mein Angesicht, sucht meine Nähe!«Ja, Herr, das will ich tun: ich will vor dein Angesicht treten. 
Verbirg dich darum nicht vor mir, stoße mich, deinen Diener, nicht im Zorn zurück, denn du warst zu jeder Zeit meine Hilfe! Gib mich nicht auf und verlass mich nicht, mein Retter und mein Gott! 
10 Selbst wenn Vater und Mutter mich verließen, der Herr nimmt mich dennoch auf. 
11 Lass mich deinen Weg erkennen, Herr, und leite mich auf ebener Bahn – tu es meinen Feinden zum Trotz! 
12 Liefere mich nicht dem Mutwillen meiner Widersacher aus, denn es treten falsche Zeugen gegen mich auf! Aus ihrem Mund kommen heftige Worte voller Unrecht und Gewalt. 
13 Doch ich bin gewiss, dass ich am Leben bleiben und sehen werde, wie gütig der Herr ist. 
14 Hoffe auf den Herrn, sei stark, und dein Herz fasse Mut – ja, hoffe auf den Herrn!

 

Ostern alle Tage

Ostern alle Tage

Trotzdem wieder aufstehen
nicht jubelnd
nicht erlöst
nicht heilgezaubert
aber aufstehen

Gott etwas zutrauen
keine Allmacht
keine Heerscharen
kein Donnergetöse
aber zutrauen

Im Totenreich nicht heimisch werden
das letzte Wort nicht selber sprechen
und morgen wieder aufstehen

Carola Moosbach
Gottflamme Du Schöne, 1997
© Gütersloher Verlagshaus GmbH, Gütersloh  

Allen, die es feiern – wünschen wir ein gesegnetes und frohes Osterfest.

den Brunnen tiefer graben … am Kommunitätsabend

Cover des buches

Cover

Der wöchentliche Kommunitätsabend am Dienstag ist das Herzstück unserer Gemeinschaft. Wir treffen uns zum gemeinsamen Abendessen. Danach tauschen wir uns über die zurückliegende Woche aus und teilen miteinander, was uns wichtig war: Schönes und Schweres, Gelungenes und Mißlungenes. Anschließend wird zum Gottesdienst eingeladen.

Vor einigen Tagen hat mir Schwester Ingrid ein Buch mit Meditationen zu Texten von Christian de Cherge geliehen. Er war der Prior der Trappistenmönche von Tibhirine in Algerien, die 1986 ermordet wurden. Die Geschichte ist durch den Film „von Menschen und Göttern“ bekannt geworden.

In dem Büchlein habe ich einige Zeilen von Christian de Cherge gefunden, die ich unserem Austausch vorangestellt habe:

Seit jenem Tag an dem er mich plötzlich bat, ihn beten zu lehren, ist es Mohammed zur Gewohnheit geworden, zu uns zu kommen und sich regelmäßig mit mir zu unterhalten. Er ist ein Nachbar. So haben wir eine lange gemeinsame Geschichte. Oft hatte ich nicht viel Zeit; an manchen Wochenenden, wenn zu viele Gäste da waren und uns ganz in Anspruch nahmen, sah ich ihn gar nicht. Eines Tages fand er eine Formel, um mich zur Ordnung zu rufen und eine Begegnung zu erbitten: „Seit langem haben wir nicht mehr unsere Brunnen tiefer gegraben“. Das Bild ist uns geblieben. Wir greifen darauf zurück, wenn wir das Bedürfnis nach einem tiefen Austausch in uns verspüren.

Am Ende unseres Austausches habe ich die Zeilen nochmals gelesen und auch wie es weitergeht:

Einmal stellte ich ihm im Scherz die Frage: „Und was werden wir auf dem Grund des Brunnens finden? mulimisches oder christliches Wasser?“ Halb lachend, halb ärgerlich blickte er mich an: „Jetzt sind wir schon so lange gemeinsam unterwegs, und du stellst mir immer noch so eine Frage. Du weißt doch, was man auf dem Grund des Brunnens findet, ist das Wasser Gottes“.

Mit dem Bild des Brunnens konnten alle am Gespräch Beteiligten etwas anfangen, und die waren an diesem Abend christlich, jüdisch, muslimisch, buddhistisch und säkular.

Den Brunnen tiefer graben, Meditieren mit Christian de Chergé, Prior der Mönche von Tibhirine (Hrsg. Salenson, Christian), Neue Stadt Verlag, München 2015, S.48

Wohngemeinschaft als Förderturm

Letzte Woche hat in einem Gespräch eine Freundin der Naunynstraße diesen Ort mit einem Förderturm verglichen. Als Kind des Ruhrgebiets hatte sie einen anderen Bezug dazu als die meisten von uns. Da mir das Bild nicht vertraut ist, habe ich ein Video gefunden, das die Aktivitäten bei der Förderung von Steinkohle zeigt. Das Bild vom Förderturm hat mir noch einmal einen anderen, einen neuen Zugang ermöglicht. Ich war ganz berührt von diesem Geschenk. Dabei fiel mir ein, daß von Steinkohle auch als „schwarzem Gold“ gesprochen wird. Das Video ist hier und dauert 14 Minuten:

Ernte-Dank und Rosch haSchanah 5777

marmeladenregal

Unser Marmeladenregal

Beim letzten wöchentlichen Kommunitätsabend lag gerade das (christliche) Erntedankfest hinter uns und das jüdische Neujahrsfest Rosch haSchanah vor uns. Deshalb gab es zum Abendessen eine Kürbissuppe mit einem runden Hefebrot, Äpfel in Honig getaucht (für ein süßes neues Jahr) und eine Apfelspeise nachdem die Festtagskerzen angezündet wurden und der Segensspruch über Wein und Brot gesagt worden war. Beide Feste waren ein guter Anlaß um beim Austausch einander mitzuteilen, wofür wir in der zurückliegenden Zeit dankbar sind und was unsere persönliche Ernte ist. Als Einstieg diente das Zitat einer buddhistischen Autorin:

Das Geschenk des Lebens annehmen heißt, sich für den schöpferischen Prozeß zu öffnen, dessen Teil wir sind, gestaltend und als Gestaltete.

Es heißt, sich diesem Prozeß mit der Neugier des Nicht-Wissens zuzuwenden, ohne Furcht vor dem, was das Geschenk für uns bereithält.

Und es heißt, aus diesem Geschenk dankbar all das entstehen zu lassen, was es für uns in sich trägt.

Barbara von Meibom