Wunden führen zusammen …

… ist ein Gespräch mit Hildegund Keul überschrieben, in dem es um die Corona-Krise, unsere Verwundbarkeit und Anregungen zum Umgang mit der veränderten Realität geht. Die Autorin forscht seit vielen Jahren zum Thema Vulnerabilität (Verletzbarkeit). Sie sagt:

Wir dürfen uns nicht im Selbstschutz verschanzen, sondern im Bewusstsein möglicher Risse im eigenen Schutzschild Risiken eingehen, die dem Leben dienen.

Der ganze Artikel ist hier zu finden.

 

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Fülle und Leere

Diese Geschichte hat jemand mit uns geteilt, der auf einem buddhistischen Weg unterwegs ist:

Eines Tages kam eine junge Frau zu einem Meister.Sie hatte schon so viel von dem weisen Mann gehört, dass sie unbedingt bei ihm studieren wollte. Vor ihrer Reise zu ihm hatte sie alle ihre Angelegenheiten geregelt, ihr Bündel geschnürt und war den Berg zu ihm hinauf gestiegen, was sie zwei Tage Fußmarsch gekostet hatte.

Als die Frau beim Meister ankam, saß der im Lotussitz vor seinem Haus auf dem Boden und trank Tee. Sie begrüßte ihn überschwänglich und erzählte ihm, was sie bisher schon alles gelernt hatte, wie viel sie schon weiß und kann. Dann bat sie den Meister, bei ihm weiter lernen zu dürfen.

Der Meister lächelte freundlich und sagte: „Komm in einem Monat wieder.“
Von dieser Antwort verwirrt ging die Frau zurück ins Tal. Sie diskutierte mit Freunden und Bekannten darüber, aus welchem Grund der Meister sie wohl zurückgeschickt hatte.

Einen Monat später erklomm sie wieder den Berg und kam zu dem Meister, der wieder Tee trinkend am Boden saß. Diesmal erzählte die Schülerin auch von all den Vermutungen, die sie und  ihre Freunde darüber hatten, warum er sie wohl fortgeschickt hatte. Und wieder bat sie ihn, bei ihm lernen zu dürfen. Der Meister lächelte sie freundlich an und sagte: „Komm in einem Monat wieder.“ Dieses „Spiel“ wiederholte sich einige Male. Es waren also schon viele vergebliche Versuche in vielen Monaten, nach denen sich die Frau wiederum aufmachte, um zu dem Meister zu gehen. Als sie diesmal bei dem Meister ankam und ihn wieder Tee trinkend antraf, setzte sie sich ihm gegenüber, lächelte nur und sagte nichts.

Nach einer Weile ging der Meister in sein Haus und kam mit einer Tasse zurück.
Er schenkte ihr Tee ein und sagte dabei: „Jetzt kannst Du hier bleiben, damit ich Dich lehren kann.“  Als sie ihn fragte, warum er sie vorher immer wieder weg geschickt hatte, antwortete er ihr: „In ein volles Gefäß kann ich nichts füllen.“
(Quelle: unbekannt)

 

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Kommen wir uns näher?

Christian, einer der Mitbegründer unserer WG, derzeit in Kladow wegen Corona, soll einen Artikel für Missio verfassen. Hier ist ein erster Entwurf. Vielleicht mag der eine oder die andere was dazu schreiben – gerne in den Kommentaren.

Kommen wir uns näher? Wie können wir mit Reiseverboten und Kontaktbeschrän-kungen den Menschen in den ärmeren Ländern des Südens näher kommen? Jetzt nehmen wir bei uns wahr, wie ein Leben ohne die Begegnung mit liebgewordenen oder uns herausfordernden Menschen verarmt.
Begegnung braucht Nähe und zur Gesundung auch von seelischen Scherzen Berührung. Berechtigterweise wollen wir uns vor der Ansteckungsgefahr schützen. Die Menschen des Südens kennen die weitgehende Schutzlosigkeit vor Verarmung, Hungersnöten, mangelnde Schulbildung, Krankheiten und Kriege. Unsere Situation ist damit nicht vergleichbar.
Doch da öffnet sich eine Tür (Joh 10,9), um uns im Überlebenskampf gegenseitig wahr zu nehmen? Die Menschen im Süden forderte die Not zum Wachsen ihres Glaubens heraus. Angesteckt von dieser Kraft kamen Missionare von dort zu uns in den Norden. Wegen ihrer mangelnden Sprachkenntnisse bleiben sie uns erst fremd, wie unsere Missionare es bei ihnen waren. Fragen wir sie nach diesen Lebenskräften in der Armut?
Die Tür des Verstehens – hier wie dort – öffnet sich, wenn wir die bekannten Schutzbehauptungen weglegen und uns für das Neue öffnen. Jesus hilft den Jüngern bei diesem Schritt, der wie das Loslaufen der Lämmer in die Welt der Wölfe ist: „Ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe.“ (Lk 10, 3). Die Wölfe sehen hungrig auf die Geldbörsen, die deshalb zurückbleiben sollen. Wenn wir uns von der mitempfundene Not der Menschen im Süden leiten lassen, dann teilen wir auch die geldwerten Güter und Erfindungen miteinander und berühren den uns gemeinsam tragenden Boden „ohne Schuhe“ (V. 4 + Ex 3,5)!

Um ihn zu spüren, erinnert Jesus an den Propheten Elija, der seinen Diener zu einer trauernden Mutter schickt: Lass dich nicht aufhalten. Grüße keinen unterwegs und antworte auf keinen Gruß! (2 Kön 4,29) Befremdend? Ja, halten wir die Wirklichkeit der Menschen im Süden in uns lebendig, auch wenn uns unsere Freunde für dumm oder unhöflich halten! In
Straßenexerzitien üben wir das Mitfühlen der Freude und Not anderer, entdecken uns selbst und
Gott, der uns in unserer Not sieht, im neuen Licht. In dieser menschlichen Nähe finden wir zu angemessenem Handeln.
Christian Herwartz SJ
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Vom Suchen und Finden

„Ich suche nicht – ich finde. Suchen – das ist Ausgehen von alten Beständen und ein Finden-Wollen von bereits Bekanntem im Neuem. Finden – das ist das völlig Neue!
Das Neue auch in der Bewegung. Alle Wege sind offen und was gefunden wird, ist unbekannt. Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer!“ (Pablo Picasso)

 

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Licht ist da zum Weitergeben

Gethsemane – St. Michael 2020

Später Nachmittag. Ostersonntag. Sankt-Michael-Kreuzberg ist geöffnet. J. hat die Kirchenaufsicht. Zwei kleine migrantische Jungen kommen in die Kirche. Brüder: der eine etwa fünf Jahre alt, der andere im Grund-schulalter. Sie sind interessiert, fragen und schauen sich verschiedene Meditations-Orte an. Ob man da auch draufgehen könne, will der ältere wissen und deutet auf den etwas höher konstruierten Garten Gethsemane neben dem Altar. Leider nicht.

Am Kircheneingang ist ein Hinweis auf Osterkerzen, die am Taufbecken sind. Das wollen sie genauer wissen. Sie schauen sich die Kerzen an. Es gibt dünne längliche und welche, die in einem kleinen Plastikbehälter sind – Teelichterstil. Sie möchten eine Kerze mitnehmen. Unsicherheit, ob das was kostet. Ich sitze beim Taufstein und sage: „Jeder darf sich eine Kerze aussuchen“. Sie ziehen erfreut mit ihren Kerzen ab nach draußen, wo auf dem Platz vor der Kirche Kinder spielen und Jugendliche Skateboard fahren.

Der größere Junge kommt zurück. Sein Freund möchte auch eine Kerze haben. Ok. Er nimmt zwei Kerzen und geht raus. Nach kurzer Zeit kommt er zurück. Der kleine Bruder begleitet ihn. Er legt eine Kerze zurück und sagt: Der Freund sollte doch auch aussuchen können, welche Kerze er mag.

Die beiden spielen draußen weiter. Sie wechseln zwischen drinnen und draußen. Ich beobachte sie im Gespräch mit J. Später kommt dann noch die Oma dazu. Von J. werde ich später erfahren, daß die Jungen nochmal nach Kerzen fragten. Sie hatten ihre draußen liegen lassen. Und während sie in der Kirche waren, hat ein Freund sie mitgenommen.

Auch die Oma braucht eine Kerze. Die Oma spricht kein deutsch. Sie sind Aleviten, gehören zur alevitischen Gemeinde in der Nachbarschaft. Noch besser wäre es – so der ältere Junge – wenn die Oma zwei Kerzen haben könnte. Zuhause hat sie nämlich kein Licht.

 

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Neujahrswunsch 2020

Das neue Jahr haben wir mit einem Geburtstag und vielen Freunden beginnen können und schicken Euch, die Ihr hier mitlest einen Neujahrssegen von Kurt Rommel:

Der Herr segne dich in dem neuen Jahr,
das vor dir liegt.
Der Herr behüte dich
bei deinen Vorhaben und deinem Planen.
Der Herr lasse sein Angesicht
leuchten über dir,
über deinen Wegen durch Tiefen
und über Höhen.
Der Herr sei gnädig
bei deinem Tun und Lassen.
Der Herr erhebe sein Angesicht
auf dich,
auf deine Wünsche
und Hoffnungen.
Der Herr gebe dir Frieden,
innerlich und äußerlich,
zeitlich und ewig.
Amen.

(Kurt Rommel)

 

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Mit Osteraugen sehen

In der Emmaus-Geschichte im 24. Kapitel des Lukas-Evangeliums heißt es:
Da wurden ihnen die Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Doch im selben Augenblick verschwand er; sie sahen ihn nicht mehr „War uns nicht zumute, als würde ein Feuer in unserem Herzen brennen…“ (Neue Genfer Übersetzung)

Zum Ostermontag ein Oster-Wunsch formuliert von Klaus Hemmerle:
Ich wünsche uns Osteraugen,
die im Tod bis zum Leben sehen,
in der Schuld bis zur Vergebung,
in der Trennung bis zur Einheit
in den Wunden bis zur Heilung.
Ich wünsche uns Osteraugen,
die in Menschen bis zu Gott,
in Gott bis zum Menschen,
im ICH bis zum Du
zu sehen vermögen.
Und dazu wünsche ich uns alle österliche Kraft und Frieden,
Licht, Hoffnung und Glauben,
dass das Leben stärker ist als der Tod.
Klaus Hemmerle (1929 – 1994)
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Mensch wo bist du?

Diese Frage stellt das für dieses Jahr 2019 entworfene Hungertuch des Flensburger Künstlers Uwe Appold. Christian ist von Misereor um einen hinführenden  Text gebeten worden und hat uns eines der beiden Hungertücher, die er von Misereor bekommen hat, geschenkt. Bei unserem Kommunitätsabend heute haben wir uns entschieden, ihm während der 40tägigen Fastenzeit in unserem WG-Wohnzimmer einen Platz zu geben und uns und andere zum Nachdenken und in Gespräch bringen zu lassen. Wir sind gespannt auf diesen Weg, diese Zeit, die Gedanken und Beziehungen, die sich und uns finden und prägen werden.

Misereor Hungertuch 2019

Hier nun einer der beiden Texte, die Christian zum Hungertuch geschrieben hat:

Auf dem Misereor Hungertuch 2019 steht ein Leuchtfeuer auf einer Landzunge.
Leuchttürme weisen den von See kommenden Schiffen den Weg zur Hafeneinfahrt
oder auf gefährliche Untiefen hin. Der Name jedes Feuers wird durch sein regel-mäßiig wiederkehrendes Licht, seine Kennung deutlich. Außerdem sehen die Seefahrer das Licht beim Vorbeifahren mit unterschiedlichen Farben und werden so auf Hindernisse oder Untiefen aufmerksam.

Der Leuchtturm auf dem Hungertuch steht mit großer Strahlkraft auf einer Halbinsel mit Erde aus dem Garten Gethsemane. Dort rang Jesus im Gebet um den entscheidenden Schritt in seinem Leben. In einer halben Stunde konnte er von hier aus in der Nacht unerkannt den Herrschaftsbereich von Herodes verlassen. Die rettende Grenze war zum Greifen nahe. Wird er der Verhaftung ausweichen? Er schwitzt Blut und Wasser. Wie soll er sich angesichts von Leben und Tod entscheiden? Die Jünger in seiner Nähe schlafen ein. Ähnlich wie heute noch?

Auch auf dem Hungertuch stehen die von See Kommenden vor einer Entscheidung: Sollen sie rechts oder links an der Landzunge vorbeifahren? Nach der Zeit auf See, wo sie sich bei gutem Wetter an den Sternen orientieren, die auf Grund der Erddrehung scheinbar ständig in Bewegung sind, geben die Leuchtfeuer an der Küste direkte Hinweise auf Hafeneinfahrten oder Hindernisse auf dem Weg. Sie sind alle durch den Rhythmus ihres Lichtes erkennbar, das in langen und in kurzen Abständen aufleuchtet und Morsezeichen ähnlich auf ihren Standort hinweist. Diese Kennung wird auf den Seekarten unter den Leuchtfeuern eingetragen.

Auf dem Hungertuch ist unter dem goldenen Feuerkreis ebenfalls eine Kennung eingetragen, beginnend links mit einem roten Kreuz bis zum Christuszeichen ganz rechts. Will das ankommende Schiff die Halbinsel backbord oder steuerbord liegen lassen? Welcher Hafen soll angesteuert werden? Links steht vor dem unverständlichen Schriftzug ein senkrecht gestellte Ewigkeitszeichen. Rechts eine an die Taufe erinnernde Schale und die keinen Schatten werfende Kleidung bis hin zu dem Christuszeichen. Wollen wir uns auf dem Weg zum Fest der Auferstehung mit Christus mehr auf den alltäglichen Straßen bewegen oder uns in Zeiten der Stille auf den oft unverständlichen ewig unter uns anwesenden Gott einlassen?

Der zweite Text ist hier. 
Mehr Infos zum Hungertuch sind hier. 

 

Auferstehung ganz anders

Aber es kommt eine Auferstehung, die ganz anders wird als wir dachten
Aber es kommt eine Auferstehung, die ist der Aufstand Gottes gegen die Herren.

Kurt Marti (1921 – 2017), Schweizer Pfarrer, Schriftsteller und Lyriker

Wir wünschen allen unseren Freundinnen und Freunden, allen, die hier mitlesen und es feiern ein frohes Osterfest und eine gesegnete Osterzeit. Hier noch der Ostergruß in verschiedenen Sprachen.

Nachtrag 2. April:

Heute ist mir das vollständige Gedicht begegnet:

das könnte manchen herren so passen
wenn mit dem tode alles beglichen
die herrschaft der herren
die knechtschaft der knechte
bestätigt wäre für immer

das könnte manchen herren so passen
wenn sie in ewigkeit
herren blieben in ihrem teuren privatgrab
und ihre knechte
knechte in billigen reihengräbern

aber es kommt eine auferstehung
die ganz anders ist als wir dachten
es kommt eine auferstehung, die ist
der aufstand gottes gegen die herren
und gegen den herrn aller herren: den tod

Kurt Marti

 

jetzt

Eine Postkarte liegt morgens auf dem Küchentisch: Orange leuchtender Hintergrund und mehrmals in weißer Schrift und in verschiedenen Schriftgrößen leuchtet ein Wort auf: jetzt. Auf der Rückseite ein Gedicht:

Bekehrung

nicht mehr rotieren
um den eigenen Bauchnabel
kopernikanische Wende
Ego-Dezentralisierung

mich gänzlich überlassen
der Anziehungskraft deiner Liebe
im Blick auf dich
finde ich meine Bahn

nicht vor dem Spiegel bleiben
mich einfach umdrehen
die große Wende
du stehst hinter mir

Als Verfasser ist Andreas Knapp angegeben. Ich kenne ihn nicht persönlich, weiß nur, daß er in der Kommunität der kleinen Brüder Jesu in Leipzig-Grünau lebt. Eine Verbindung leuchtet auf zu M., der in den letzten Monaten vor Christians Abschied oft mehrmals wöchentlich bei uns war und beim Archivieren und Abtragen der Papierberge half. Exerzitien auf der Straße hatte er gemacht mit der Frage, wo nach seinem Studium sein Platz sein würde. Danach ging er zu den kleinen Brüdern Jesu nach Leipzig-Grünau um dort einige Zeit mitzuleben. Jetzt ist er im Noviziat – wo auch immer.

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