nahe Ferne – ferne Nähe und ein Segen

Es ist früh am Morgen. Ein Mitbewohner kommt die Treppe im Hausflur herunter. Er ist auf dem Weg zur Arbeit. Fast auf Gesichtshöhe hält er sein Smartphone vor sich und scheint hineinzuschauen. Ich höre eine Frauenstimme, erkenne die Stimme seiner Mutter, auch wenn ich die Sprache nicht verstehe.  Sie klingt ganz nah, obwohl mehr als 2800 Kilometer zwischen den beiden liegen.

Es wird still. Er ist auf meiner Höhe, dreht sich zu mir und sagt: Meine Mutter. Macht jeden Morgen Kreuz über mich und sagt Worte von Gott. Ich: Sie segnet Dich?
Er: Ja, macht Segen. Jeden Morgen – wenn ich gehe aus Haus.  Schon wenn ich war kleine Kind und gehen in Schule. – Und jetzt auch.

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Schabbat-Beginn

Schabbat-Essen

Etwa einmal im Monat treffen wir uns derzeit am Freitagabend zum Schabbatbeginn. Nach dem Zünden der Schabbatkerzen, den Segens-sprüchen über Wein und Brot gibt es ein leckeres Essen, das der Chef-koch vorbereitet hat – wie letzten Freitag:

Wir nehmen uns Zeit für Gespräche, für den Austausch, was wir erlebt haben und was uns beschäftigt. Es ist eine entspannte Zeit miteinander. Gelegentlich ist auch der eine oder andere Gast dabei.I

Immer wieder ist uns ein Textauszug von Abraham Heschel, einem der bedeutendsten jüdischen Denker des 20. Jahrhunderts, aus seinem – leider vergriffenen Buch „der Sabbat“ Anregung:

Man kann das jüdische Ritual als die Kunst charakterisieren, der Zeit gültige Formen zu geben, als Architektur der Zeit. Seine meisten Begehungen – der Sabbat, der Neumond, die Festzeiten, das Sabbatjahr und das Jobeljahr hängen an einer bestimmten Stunde des Tages oder der Jahreszeit. So bringt z.B. der Abend, der Morgen oder der Nachmittag die Aufforderung zum Gebet mit sich. Die Grundtatsachen des Glaubens liegen im Bereich der Zeit. Wir gedenken an den Tag des Auszugs aus Ägypten, an den Tag als Israel am Sinai stand und unsere messianische Hoffnung ist die Erwartung eines Tages, des Endes der Tage.

Sechs Tage der Woche kämpfen wir mit der Welt, ringen wir dem Boden seinen Ertrag ab; am Sabbat gilt unsere Sorge vor allem der Saat der Ewigkeit, die in unsere Seele gesenkt ist. Unsere Hände gehören der Welt, aber unsere Seele gehört einem anderen. Sechs Wochentage lang suchen wir die Welt zu beherrschen, am siebten Tag versuchen wir, das Selbst zu beherrschen.

Drei Taten Gottes kennzeichnen den siebten Tag: Er ruhte, er segnete und er heiligte den siebten Tag (1 Mose 2,2).

Arbeit ist eine Fertigkeit, vollkommene Ruhe aber ist eine Kunst. Sie ist das Ergebnis eines Einklangs von Körper, Geist und Phantasie. Um einen Grad an Vollkommenheit in der Kunst zu erreichen, muß man sich ihrer Ordnung unterwerfen, muß man der Trägheit abschwören. Der siebte Tag ist ein Palast in der Zeit, den wir bauen. Er besteht aus Einfühlsamkeit, Ausdruck der Freude und Suchen nach Ruhe. In seinem Bereich erinnert eine feste Ordnung an die Nähe zur Ewigkeit… Was ist so kostbar, daß es das Herz ergreift? Der Grund ist, daß der siebte Tag eine Goldgrube ist, wo man das kostbare Metall des Geistes finden kann, mit dem man den Palast in der Zeit baut, ein Bereich, in dem der Mensch bei Gott zu Hause ist, ein Bereich, in dem der Mensch bestrebt ist, der Gottesebenbildlichkeit nahezukommen … Die Liebe zum Sabbat ist die Liebe des Menschen für das, was er mit Gott gemeinsam hat. Daß wir den Sabbattag haben, ist ein Hinweis darauf, daß Gott den siebten Tag heiligte.

Der Sabbat ist eine Erinnerung an die beiden Welten – diese Welt und die zukünftige, er ist ein Beispiel für beide Welten. Denn der Schabbat ist Freude, Heiligkeit und Ruhe; Freude ist ein Teil dieser Welt, Heiligkeit und Ruhe gehören zur kommenden.

„Wie kostbar ist das Laubhüttenfest. Wenn wir in der Hütte weilen, wird sogar unser Körper von der Heiligkeit der Mitzwa umgeben“ sagte einst ein Rabbi zu seinem Freund. Worauf dieser antwortete: „Der Sabbat ist sogar noch mehr. Am Fest kannst du die Hütte für eine Weile verlassen, der Sabbat dagegen umgibt dich, wo immer du hingehst“.

Menucha, was wir gewöhnlich mit „Ruhe“ wiedergeben, heißt hier mehr als Abstand nehmen von Arbeit und Anstrengung, heißt mehr als frei sein von harter Arbeit, Mühe oder Tätigkeit irgendwelcher Art. Menucha ist kein negativer Begriff, sondern etwas Reales und durch und durch Positives. Das muß die Meinung der alten Rabbinen gewesen sein, wenn sie glaubten, daß ein besonderer Schöpfungsakt nötig war, um sie zu schaffen, daß das Universum ohne sie nicht vollkommen sein würde. „Was wurde am siebten Tag geschaffen? Gelassenheit, Heiterkeit, Frieden und Ruhe“ (Gen.rabba 10,9)

Der Sabbat ist der Tag, an dem wir die Kunst lernen, über die Zivilisation hinauszuwachsen…Die Lösung des schwierigsten Problems der Menschheit liegt nicht im Verzicht auf technische Zivilisation, sondern im Erreichen einer gewissen Unabhängigkeit von ihr… Am Sabbat leben wir sozusagen unabhängig von der technischen Zivilisation. Wir enthalten uns vor allem jeglicher Aktivität, die darauf abzielt, die Dinge des Raumes zu erneuern und zu ordnen.

Der Sabbat hat wie die Welt zwei Aspekte. Der Sabbat ist von Bedeutung für den Menschen und von Bedeutung für Gott. Er steht zu beiden in Beziehung und ist ein Zeichen des Bundes, den beide geschlossen haben. Was ist das Zeichen? Gott hat den Tag geheiligt, und der Mensch muß den Tag immer wieder heiligen, muß ihn erleuchten mit dem Licht seiner Seele. Der Sabbat ist durch Gottes Gnade heilig und bedarf dennoch aller Heiligkeit, die der Mensch ihm verleihen kann.

Observanz des siebten Tages ist mehr als eine Technik zur Erfüllung eines Gebotes.
(Anm: Observanz ist die Gesamtheit der Gebote, wie und in welcher Haltung man sie erfüllt)

Es ist ein alter Gedanke, daß der Sabbat und die Ewigkeit eins sind – oder gleichen Wesens. Eine Legende erzählt, daß Gott zu den Kindern Israel sprach als Er ihnen die Tora gab: Meine Kinder! Wenn ihr die Tora annehmt und meine Gebote befolgt, will ich euch auf ewig etwas höchst Kostbares geben, das ich besitze Und was, fragten Israel „ist diese Kostbarkeit, die Du uns geben willst, wenn wir Deine Tora befolgen?“

– Die zukünftige Welt
– Zeige uns in dieser Welt ein Beispiel für die zukünftige
– Der Sabbat ist ein Bild der zukünftigen Welt

Eine uralte Tradition erklärt: Das Kennzeichen der zukünftigen Welt ist von der gleichen Heiligkeit, wie sie der Sabbat in dieser Welt besitzt … Der Sabbat besitzt eine Heiligkeit, die jener der zukünftigen Welt gleicht.

Dieser Gedanke, daß wir ein Siebtel unseres Lebens als Paradies erfahren können, ist für die Heiden ein Ärgernis und für die Juden eine Offenbarung.

Das Gefühl für die Heiligkeit der Zeit drückt sich in der Art und Weise aus, in der der Sabbat gefeiert wird. Um den siebten Tag zu halten, ist kein ritueller Gegenstand nötig, anders als bei den anderen Festen, wo solche Dinge für die Observanz wesentlich sind, wie z.B. ungesäuertes Brot, Schofar, Lulaw und Etrog oder der Torahschrein. Am Sabbat verzichtet man sogar auf die Gebetsriemen, das Symbol des Bundes, die an allen Wochentagen getragen werden. Symbole sind überflüssig, der Sabbat ist selbst Symbol… An jedem siebten Tag geschieht ein Wunder: die Auferstehung der Seele, der Seele des Menschen und der Seele aller Dinge…“

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Erinnerungen an Christian – Bruchstücke

Maria S. schreibt: 

Erinnerungen an Christian. Bruchstücke, unsortiert, einfach was oben auf ist.

Bei einem Besuch in Berlin. Durch die Straße gehend.
An einem Platz kommt ein Obdachloser auf uns zu. Er sagt ganz aufgeregt etwas , was ich nicht verstehe.
Christian erklärt „Er wollte Dich auf das Müllauto hinter uns aufmerksam machen. Dich warnen. Ihm ist es schon passiert, das er mit Müll zusammen eingesammelt wurde.“

In Basel, bei Exerzitien auf der Straße:
Abschluss Fußwaschung. Ich sage warum willst Du allen die Füße waschen? Wir können das einer nach dem anderen für den je anderen tun.  Christian greift das auf.  Im Nachhinein , auch heute noch, denke ich, dass das schmerzhaft war für ihn.

Erste Begegnung:
Beim Treffen der Arbeitergeschwister. In der Runde erzähle ich was von mir- ich bin Schwäbin-  Christian: „Kannst Du auch deutsch reden?“ Nachher kommt er her, er entschuldigt sich nicht, aber er greift gefühlsmäßig seine Barschheit auf und ist mir nahe. Das ist der Beginn eines Weges.

Bei einem Besuch in Berlin.
Wir sitzen auf einer Bank an einem See und teilen eine Schokolade.
Er spricht von Jesus als Freund. Es war leibhaftig spürbar, wovon er sprach.

Bei Straßenexerzitien.
Wir suchen einen Ort, an dem wir von Erfahrungen erzählen können.
Das Erzählen gehört zu den Exerzitien. Heute noch trage ich ein befreiendes Lachen in mir: Christian geht einfach los und sucht einen Ort, an dem wir erzählen. Ich gehe neben ihm und es ist als ob wir direkt in der Bibel spazieren gehen.

Bei einem Treffen der Arbeitergeschwister.
In einer Pause. Ich gehe mit Christian ein paar Schritte. „Was ist ein Priester?“  Christian: „Ein Priester erinnert dich an die Würde, die Du in Dir trägst. Prophet, König, Gesalbter.“

Bei einem Besuch in Berlin.
Wir gehen zu einer Wagenburg, Köpenick. Wir dürfen das zu Hause einer Frau besuchen, die dort lebt, sie arbeitet halbtags in einer Schulküche. Sie selbst ist nicht da. Eine Ikone steht unter ihrem Schlafplatz. Christian: „Spürst Du es?  …   Einheit….“
Ich : „Ja“.

Ein Besuch in Aalen.
Christian lässt einen Spruch da. „Gehe eine Meile um einen Kranken zu besuchen, zwei um einen Gefangenen zu sehen. Gehe drei Meilen (oder mehr) um bei einem Freund zu sein.“

Christian stirbt und die Worte mit denen er den Tod begrüßt sind so echt wie sein ganzes Leben.

(Anmerkung: Gemeint ist das Gebet, das Christian im Januar 2022 schrieb:
DANKE
Du Tod, Sprung ins Leben
Du kündigst dich an
Du bist die abschließende Freude
Ich danke Dir für Dein Kommen
         Amen   Christian)

Er hat mich öfters gebeten von meinen Erfahrungen zu sprechen. (Auch mit denE Teegläsern als Hilfsmittel), ich konnte es nie.

Jetzt, mit ihm zusammen zu sprechen, das geht.

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Analoger und digitaler Nachlass von Christian Herwartz (SJ)

Christian hat drei Lesebücher / Textsammlungen herausgegeben, in denen BewohnerINNEN, Ex-BewohnerINNen, Freunde und Freundinnen sowie Weggefährten unserer Gemeinschaft zu Wort kommen. Zwei Titel sind noch erhältlich. Sie können bei uns in der WG abgeholt werden, liegen in Sankt Michael aus oder werden gegen Portokostenerstattung verschickt (außerhalb Berlins).

Cover


Geschwister erleben wurde 2010 von Christian Herwartz und Renate Trobitzsch herausgegeben. Anlaß war der 85. Geburtstag von Franz Keller, sein 60jähriges Ordensjubiläum und 30 Jahre in der Kommunität Kreuzberg in der Naunynstraße. Menschen in der Gemeinschaft und im Umfeld unserer WG – nah und fern – wurden eingeladen, sich durch Texte oder Bilder zu verschiedenen Themenbereichen einzubringen. Das Buch umfaßt 343 Seiten.


Folgende Schwerpunkte werden in den einzelnen Kapiteln aufgegriffen. 

  • Pilgern, Lebensentscheidungen, Exerzitien
  • Geschwister überall entdecken
  • Voll-, Teilzeit, Nichtbeschäftigung
  • Beziehungen zwischen Generationen, Machtmißbrauch
  • Mauern in und um Europa überwinden
  • Frieden, interreligiöses Gebet

Cover


Das Einfach-ohne-Buch hat Christian Herwartz zusammen mit Nadine Sylla 2016 herausgegeben. Auch hier tragen zahlreiche BewohnerINNen, Ex-BewohnerINNen und Weggefährtinnen zu unterschiedlichen Themenbereichen Texte, Bilder und Fotos bei. Rock’n Rollf (Rolf Kutschera) hat die einzelnen Kapitel-überschriften illustriert und das Cover gezeichnet. (288 Seiten)

 

Inhalt.

  • Einfach ohne Kolonialismus
  • Einfach ohne
  • Einfach ohne Vorgaben
  • Einfach ohne Schuhe
  • Einfach ohne Fragerei
  • Einfach offen
  • Einfach Mensch sein
  • Einfach in Fülle
  • Einfach gemeinsam
  • Einfach freiwerden
  • Einfach mit Solidarität
  • Einfach mit Hoffnung
  • Einfach mit Frieden
  • Einfach mit Geschichte
  • Einfach mit Zukunft

Christian hat zu den unterschiedlichen Themen, die ihm wichtig waren, Websites erstellt. Hier in der Wohngemeinschaft hat er die Exerzitien auf der Straße entdeckt. Die Seite wird schon seit einiger Zeit von Menschen aus der Gruppe der Begleiterinnen und Begleiter weitergeführt. 

Die jüngste Seite widmet sich den Arbeitergeschwistern und ihren Aktivitäten. Er schreibt dazu: „Mit dieser jüngsten Webseite laden wir interessierte Jüngere und Ältere ein, an unserem Weg eines gelebten Perspektivwechsels teil zu nehmen, einem politischen Schritt zur Menschwerdung aller. Unter uns finden sich Christen mit verschiedenen religiösen Traditionen und unterschiedlichem Engagement – darunter sind katholische Arbeiter-Priester, evangelische Arbeiter-Pfarrer*innen und besonders auch Engagierte ohne kirchliche Ämter.
Dokumente aus ihre solidarischen internationalen/interkonfessionellen Geschichte seit Anfang 1940 und aktuelle Fragestellungen werden greifbarer und sollen alle manuell arbeitenden Frauen und Männern verbinden, die sich für eine gerechtere, offene Gesellschaft engagieren. Das Thema des letzten europäischen Treffens in Essen 2017:
Prekarität und politischer Rechtsruck.“

Viele Jahre hat er im Flughafenverfahren dafür gekämpft, dass Mahnwachen vor dem Abschiebegefängnis (heute „Flughafengewahrsam“ stattfinden dürfen – bis hin zum Bundesverfassungsgericht, das ihm Recht gab. Er schreibt:

„Das Engagement für eine weitherzige Gastfreundschaft. Mit der langen Geschichte der „Ordensleute gegen Ausgrenzung“ in Berlin mit ihren Mahnwachen vor dem Abschiebegefängnis in Berlin-Köpenick, dem Widerstand gegen das Verbot der Mahnwachen vor dem neuen Abschiebegefängnis auf dem Flughafen Schönefeld und der gerichtlichen Klärung vor dem Bundesgericht, das entschied:
Straßen sind  auch in umzäunten Gebieten Straßen, also Orte öffentlich geschützte Meinungsäußerung. Nebenbei das Gericht sagte in der öffentlichen Verhandlung:
Straßen können auch die Gänge in Kaufhäusern sein.“

In unheilige Macht schuf er einen Austauschort zum Themenbereich „der Jesuitenorden und die Mißbrauchskrise“. Dazu erschien das gleichnamige Buch. Er schreibt dazu: 

„Diese Internetseite wurde im November 2012 als interaktiver Blog eingerichtet und nun in eine Webseite umgewandelt. Die Auseinandersetzungen der letzten fünf Monate sind weiter nachzulesen…“

Auch dieses Weblog über die Wohngemeinschaft in der Naunynstraße, gehört zu seinem Erbe.

Nachtrag:

 Das Buch „Gastfreundschaft – 25 Jahre Wohngemeinschaft Naunynstraße“ ist nicht mehr erhältlich. Der Inhalt steht komplett online auf Christians Blog „nackte Sohlen“ und zwar hier. Wir sind immer wieder entsetzt erstaunt, zu welch astronomischen Preisen es im Internet angeboten wird. Es war – wie alle von Christian herausgegebenen Büchern umsonst erhältlich, wurde verschenkt und wer wollte konnte eine Spende zu den Druckkosten geben. 

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Von Häuptling Seattle zu Häuptling White Eagle

Vor 40 Jahren zu Beginn der Ökologie-Bewegung spielte die Rede von Häuptling Seattle „wir sind ein Teil der Erde“ eine große Rolle. Nun findet ein Text seinen Weg durch die sozialen Medien von Häuptling White Eagle. Eine Mitbewohnerin hat ihn entdeckt:

Der Häuptling der Hopi-Indianer, White Eagle, äußerte sich vor einigen Tagen zur aktuellen Situation:

„Diesen Moment, den die Menschheit gerade erlebt, kann man als eine Tür oder ein Loch betrachten. Die Entscheidung, ob du in das Loch oder durch die Tür fällst, liegt bei dir. Wenn du 24 Stunden am Tag die Nachrichten konsumierst, mit negativer Energie, ständig nervös, pessimistisch, wirst du in dieses Loch fallen.

Aber wenn du die Gelegenheit ergreifst, dich selbst zu betrachten, über Leben und Tod nachzudenken, dich um dich selbst und andere zu kümmern, dann wirst du durch das Portal gehen.

Kümmere dich um dein Zuhause, kümmere dich um deinen Körper. Verbinde dich mit deinem spirituellen Zuhause. Wenn man sich um sich selbst kümmert, kümmert man sich gleichzeitig auch um alle anderen.

Unterschätze die spirituelle Dimension dieser Krise nicht. Nimm die Perspektive eines Adlers ein, der alles von oben sieht und einen weiten Blick hat. Diese Krise ist eine soziale Frage, aber auch eine spirituelle Frage. Die beiden gehen Hand in Hand.

Ohne die soziale Dimension verfallen wir in Fanatismus. Ohne die geistige Dimension verfallen wir in Pessimismus und Aussichtslosigkeit.

Du bist bereit, dich dieser Krise zu stellen. Hole deinen Werkzeugkasten und benutze alle Werkzeuge, die dir zur Verfügung stehen.
Lerne Widerstand am Beispiel der indigenen und afrikanischen Völker: Wir wurden und werden ausgerottet. Aber wir haben nie aufgehört zu singen, zu tanzen, ein Feuer anzuzünden und uns zu freuen. Fühle dich nicht schuldig, wenn du in diesen schwierigen Zeiten glücklich bist. Traurig oder wütend zu sein, hilft überhaupt nicht. Widerstand ist Widerstand durch Freude!

Du hast das Recht, stark und positiv zu sein. Und es gibt keinen anderen Weg, dies zu tun, als eine schöne, glückliche und strahlende Haltung zu bewahren. Es hat nichts mit Entfremdung (Unwissenheit über die Welt) zu tun. Es ist eine Strategie des Widerstandes.

Wenn wir die Schwelle überschreiten, haben wir einen neuen Blick auf die Welt, weil wir uns unseren Ängsten und Schwierigkeiten gestellt haben. Das ist alles, was du jetzt tun kannst:

– Gelassenheit im Sturm
– Ruhe bewahren, jeden Tag beten
– Mache es dir zur Gewohnheit, dem Heiligen jeden Tag zu begegnen.
Zeige Widerstandsfähigkeit durch Kunst, Freude, Vertrauen und Liebe.

Häuptling der Hopi-Indianer, White Eagle 9. Juli 2021

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Urlaubszeit – Nichtstun – Müßiggang

Müßiggang ist aller Laster Anfang, hieß es früher im Volksmund. Ich würde sagen: Müßiggang ist allen guten Lebens Anfang, ist Lebenskunst. Einfach mal nichts tun ist Widerstand gegen die heillose Hektik unserer Zeit, gegen Konsumrausch und Selbstoptimierungszwang. Der Advent ist eine Zeit, in der Nichtstun sogar zur religiösen „Tugend“ wird: eine Zeit der Unterbrechung des Alltags mit seinen hundertfachen Anforderungen und Erwartungen an uns. Eine Zeit der Offenheit für Unerwartetes, der Besinnung auf das Wesentliche und der stillen Gewissheit, dass da eine Verheißung in der Luft liegt: dass da etwas kommen wird, das nicht einfach machbar ist und über unsere Erwartungen hinausweist.

Doris Strahm
(aus: S. Burster, P. Heilig, S. Herzog: Frauenkalender 2020 Was wag
en)

Was Doris Stahm hier über den Advent schreib läßt sich auch auf die Ferien und Urlaubszeit übertragen. In der Mediathek vom ORF Radio findet sich eine Sendung Diagonal: Zum Thema Nichtstun entdeckt mit Dank an Herrn Hauptschulblues.

Allen, die hier mitlesen schöne Sommertage daheim oder woanders.

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Pfingsten 2021

Pfingsten – ein schwieriges Fest. Was feiern wir da eigentlich? Wie ist das mit der Be-Geist-erung nach dieser langen Zeit der Pandemie?

„Du hast schon lange nichts mehr auf die Tassen geschrieben“ – meint ein Mitbewohner. Ich nehme den Denkanstoß auf. Pfingsten ist ein guter Anlaß dafür:

Tassen am Geschirr-Regal

Jede/r Mitlesende darf sich was aussuchen:
Freude – Kreativität – Mut – Trost – Stärke – Ruhe – Vollendung – Klarheit – Kraft – Weisheit – Gnade – Erkenntnis – Sanftmut – Mut –  Geduld – Unterscheidungsfähigkeit – Friede – Reinheit – Freundlichkeit – Klarheit – Gelassenheit – Glaube …

Allen, die es feiern, ein frohes Pfingstfest mit einigen Zeilen von Karl Rahner:

Ich glaube an den Heiligen Geist.
Ich glaube, dass er meine Vorurteile abbauen kann.
Ich glaube, dass er meine Gewohnheiten ändern kann.
Ich glaube, dass er meine Gleichgültigkeit überwinden kann.
Ich glaube, dass er mir Fantasie zur Liebe geben kann.
Ich glaube, dass er mir Warnung vor dem Bösen geben kann.
Ich glaube, dass er mir Mut für das Gute geben kann.
Ich glaube, dass er meine Traurigkeit besiegen kann.
Ich glaube, dass er mir Liebe zu Gottes Wort geben kann.
Ich glaube, dass er mir Minderwertigkeitsgefühle nehmen kann.
Ich glaube, dass er mir Kraft in meinem Leiden geben kann.
Ich glaube, dass er mir einen Bruder an die Seite geben kann.
Ich glaube, dass er mein Wesen durchdringen kann.
(Karl Rahner)

Aus früheren Jahren:
Gruss zu Pfingsten 2020 – Gedicht
Schawuot und Pfingsten am gleichen Tag
Gedanken von Dietrich Bonhoeffer zu Pfingsten 1944
Gedicht von Wilhelm Bruners zu  Pfingsten

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Gebet für Frieden im Nahen Osten

For Peace in the Middle East
Sons of Abraham,
Sons of Hagar and Sarah,
Of Isaac and Ishmael:
Have you forgotten the day we buried our father?
Have you forgotten the day we carried his dead body into the cave near Hebron?
Have you forgotten the day we entered the darkness of Machpaelah
To lay our Patriarch to rest?

Sons of Esau and Jacob:
Have you forgotten the day we made peace?
The day we set aside past injustices and deep wounds to lay down our weapons and live?
Or the day we, too, buried our father? Have you forgotten that we took Isaac’s corpse into that humble cave
To place him with his father for eternity?

Brother, I don’t remember crying with you.
Sister, I don’t remember mourning with you.
We should have cried the tears of generations.
We should have cried the tears of centuries,
The tears of fatherless sons
And motherless daughters,
So that we would remember in our flesh that we are one people,
From one father on earth and one Creator in heaven,
Divided only by time and history.

One G-d,
My brother calls you Allah.
My sister calls you Adonai.
You speak to some through Moses.
You speak to some through Mohammed.
We are one family, cousins and kin.

Holy One,
Light of truth,
Source of wisdom and strength,
In the name of our fathers and mothers,
In the name of justice and peace,
Help us to remember our history,
To mourn our losses together,
So that we may,
Once more,
Lay down our weapons and live.

G-d of All Being,
Bring peace and justice to the land,
And joy to our hearts.

© 2010 Alden Solovy 

Weitere Gebete von Alden Solovy sind hier

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Pessach-Impuls: Maror (Bitteres)

Im letzten Blog-Eintrag habe ich vom Pessach-Paket erzählt und den Impuls- bzw. Meditationskarten, die es enthielt. Ein Beispiel möchte ich hier vorstellen, nämlich die Maror-Karte. „Mar“ ist das hebräische Wort für „bitter“. „Maror“ sind die bitteren Kräuter, die wir zu Pessach in einer der symbolischen Speisen zu uns nehmen, die an die bittere Situation des Sklavendaseins erinnern. 

Hier ist die künstlerische Darstellung von Polina Lifshitz :
Maror Karte
Den Impuls-Text findet man hier.

Zum Weiterlesen:
Pessach 5779
die einzelnen Teile des Seder
Was gehört auf den Seder-Teller?

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Gebet der Kinder Abrahams

Papst Franziskus besucht derzeit den Irak. In Ur, dem Ort, aus dem Abraham stammte, und von wo aus er aufbrach, fand ein interreligiöses Treffen statt. Dort wurde das von Papst Franziskus verfaßte Gebet von einem Priester vorgetragen: 

Gebet der Kinder Abrahams

Allmächtiger Gott, unser Schöpfer, du liebst die Menschheitsfamilie und auch sonst alles, was deine Hände vollbracht haben. Wir, die Söhne und Töchter Abrahams, die dem Judentum, dem Christentum und dem Islam angehören, danken dir zusammen mit anderen Gläubigen und allen Menschen guten Willens, dass du uns Abraham, einen berühmten Sohn dieses edlen und geschätzten Landes, als gemeinsamen Vater im Glauben geschenkt hast.

Wir danken dir für das Beispiel dieses gläubigen Mannes, der dir bis zum Äußersten gehorchte und seine Familie, seinen Stamm und sein Land verließ, um in ein Land zu gehen, das er nicht kannte.

Wir danken dir auch für das Beispiel an Mut, Durchhaltevermögen, Seelenstärke, Großzügigkeit und Gastfreundschaft, das uns unser gemeinsamer Vater im Glauben gegeben hat.

Wir danken dir insbesondere für seinen heroischen Glauben, den er bewies, als er bereit war, seinen Sohn zu opfern, um deinem Befehl zu gehorchen. Wir wissen, dass dies eine äußerst schwierige Prüfung war, aus der er dennoch als Sieger hervorging, weil er dir ohne Vorbehalt traute, der du barmherzig bist und immer neue Wege für einen Neubeginn eröffnest.

Wir danken dir, denn dadurch, dass du unseren Vater Abraham gesegnet hast, hast du ihn zu einem Segen für alle Völker gemacht.

Wir bitten dich, du Gott unseres Vaters Abraham und unser Gott: Schenke uns einen starken Glauben, der sich für das Gute einsetzt, einen Glauben, der unsere Herzen für dich und für alle unsere Brüder und Schwestern öffnet, und eine Hoffnung, die sich nicht unterdrücken lässt und überall die Treue deiner Verheißungen zu erkennen vermag.

Mache jeden von uns zu einem Zeugen deiner liebenden Sorge für alle, besonders für die Flüchtlinge und Vertriebenen, die Witwen und Waisen, die Armen und Kranken.

Öffne unsere Herzen, schenke uns die Bereitschaft, einander zu vergeben und mache uns zu Werkzeugen der Versöhnung und des Friedens, zu Erbauern einer gerechteren und geschwisterlicheren Gesellschaft.

Nimm alle Verstorbenen, besonders die Opfer von Gewalt und Krieg, auf in dein Reich des Lichtes und des Friedens.

Steh den Verantwortlichen darin bei, die Entführten zu suchen und zu finden und vor allem Frauen und Kinder zu schützen.

Hilf uns für den Planeten Sorge zu tragen, das gemeinsame Haus, das du uns allen in deiner Güte und Großzügigkeit gegeben hast.

Komm uns beim Wiederaufbau dieses Landes zu Hilfe und gib uns die Kraft, die wir brauchen, um denen zu helfen, die ihre Heimat und ihr Land verlassen mussten, so dass sie sicher und in Würde zurückzukehren und ein neues Leben in Frieden und Wohlstand beginnen können. Amen.

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