Besuch aus Papua Neuguinea

Vor zwei Jahren hat Horst, ein evangelischer Pfarrer aus Bayern, zwei Wochen bei uns Straßenexerzitien gemacht. Vor einigen Monaten rief er an und erzählte, daß seine Gemeinde Besuch von Christen aus Papua Neuguinea bekommt, einer der Partnerkirchen der Bayrischen Landeskirche.  Zum Kirchentag würden sie in Berlin sein und gerne an einen der folgenden Tage zu uns in die Wohngemeinschaft kommen um Lebensformen kennenzulernen.

Wir verbrachten zwei sehr anregende Stunden. Für die Papuas war der Gedanke fremd, daß Menschen unterschiedlicher Religionen zusammenleben ohne missionarische Absichten. In ihrem Land ist das Christentum erst seit einigen Jahrzehnten bekannt und für viele bedeutet es Befreiung vom Geisterglauben. Am Schluß unserer Zusammenkunft haben wir gesungen (auf Pidgin) und in mehreren Sprachen das Vaterunser gebetet.

Frauentagsessen und Reiseerlebnisse

Mit diesem wunderschönen liebevoll gedeckten Tisch empfing uns Franz gestern Abend zum nachträglichen Frauentagsessen, das verschoben worden war, weil die Hälfte der Mitbewohnerinnen und WG-Freundinnen  am 8. März nicht in Berlin waren.

Als Vorspeise gab es Tomaten-Tulpen mit leckeren Frischkäse-füllungen (Bild links). Die Frischkäsereste gab es heute morgen zum Frühstück. Als Hauptgericht wurde Lachs und für die vegetarisch Speisenden Paneerkäse gereicht. Beilage war ein bunter Gemüsereis mit Sauce.

Den visuellen Mittelpunkt der Tafel bildete diese bunte Salatplatte mit Radieschen-Blüten, Rosen aus hauchdünnen Karottenschalen und Hyazinthenblüten, die aus roten Beeten geformt waren und in einem Ruccola-Bett appetitlich mit einer fruchtigen Salatsauce angerichtet waren. Vermutlich belegt Franz gerade im Internet einen Foodstyling-Kurs (auf deutsch: Gemüseschnitzen). In einer munteren geschlechtergemischten Runde ließen wir uns dieses köstliche Mahl bei intensiven Gesprächen schmecken, ist der Frauentag doch nur Anlaß für diese kulinarische Explosion.

Marga erzählte von ihrem Einsatz im Nordirak in der Region Zakho). Dort leben in der Nähe der Stadt Erbil in fünf Flüchtlingslagern 47 000 Menschen, die als binnenver-triebene Jesiden  vor dem IS geflohen sind. Die Menschen leben in einfachsten Zelten bei Temperaturen von -6 Grad im Winter und 51 Grad Celsius im Hochsommer. Für Gemeinschaftszentren, ärztliche Versorgung und Schulen standen Container mit Klimaanlagen zur Verfügung. Allerdings fällt der Strom täglich sechs Stunden aus. Marga war einem Programm für Lehrerfortbildung beteiligt. Enrico teilte mit uns erste Eindrücke von seiner Italienreise, die ihn bis nach Brindisi geführt hat.

Der Nachtisch war dann frisch und blumig-fruchtig:

Links sind Erdbeeren, die von Maria zu Blüten geschnitzt wurden, zu sehen – ein bis jetzt unentdecktes Talent. In der Mitte sind Ananas-Trauben-Blüten-Fruchtspieße (siehe auch großes Bild oben) und rechts Erdbeer-Schoko-Blumen mit Pistazien.
Hier scheint sich eine neue kulinarische Tradition zu entwickeln, denn bereits im letzten Jahr gab es für alle am 8. März erstmals ein Frauentagsessen.

(Fotos: Luke Sonnenglanz)

Sofa-Konzert und die Welt im Wohnzimmer

Wohnzimmerkonzert mit Noriko und Marie

Wohnzimmerkonzert mit Noriko und Marie (Foto: Luke Sonnenglanz)

Am Sonntag haben Noriko und Marie bei uns zum zweiten Mal ein Hauskonzert veranstaltet. Sie haben uns mit Musik von Robert Valentine (Robert Follentine), Georg Philip Telemann, Ludwig von Beethoven, Joseph Hayddn, Johann Joachim Quantz und Wolfgang Amadeus Mozart erfreut. Zum Schluß gab es noch eine spontane Improvisation mit dem Musikerkollegen Wolf, der seine Querflöte mitgebracht hatte. Wir waren alle sehr berührt und der Blick in die bunte Gästeschar zeigte, daß alle Kontinente vertreten waren.

 

Die Härte für Arme: Zwei Monate mit 31 Tagen

Die katholische Kirchengemeinde St. Michael, in deren Gemeindegebiet unsere Wohngemeinschaft liegt, hat ein besonderes Herz für arme – man könnte auch sagen arm gemachte – Menschen. Viele von ihnen sind aktiv an der Gestaltung der Messe beteiligt. Jeden Sonntag nach der Messfeier gibt es im Gemeindehaus ein gemeinsames Frühstück. Jede/r ist willkommen unabhängig davon, ob sie bei der Messe waren oder nicht. Viele tragen etwas zum Frühstück bei – jede/r nach seinen Möglichkeiten.

Letzten Sonntag – es war der 21. August – sagte M., der auch schon in der WG Naunynstraße gewohnt hat und jetzt in einer eigenen Wohnung lebt: „Tut mir echt leid. Habe heute gar nichts dabei. Zwei Monate hintereinander mit 31. Tagen – erst der Juli und jetzt der August – das ist voll die Härte“. Einige andere nicken zustimmend. Ich schlucke und merke, daß ich einen Kloß im Hals habe. Drei der Frühstücksgäste konnten Essensbeiträge mitbringen, und ich sehe Menschen essen, die Hunger haben. Aus dieser Perspektive habe ich noch nie gesehen, was es bedeuten kann, daß zwei Monate hintereinander 31 Tage haben.

Durch dieses Erlebnis bin ich aufmerksam geworden und biete Menschen, die nach einem Gespräch fragen, einen Zeitraum an, wo bei uns in der Wohngemeinschaft gegessen wird. Einer wird mir beim Abschied erzählen, daß es das erste warme Essen ist, das er seit drei Wochen bekommen hat. Er hatte für 250 Euro Lebensmittel gekauft – es waren Sonderangebote. Sein Kühlschrank ging kaputt. Alles war verdorben und mußte weggeworfen werden.

die Welt im Wohnzimmer (2): Sri Lanka oder der Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit

a1adc86d1a7a0512c8a6f89729c68b09T. stammt aus Sri Lanka und lebt seit über 30 Jahren in Deutschland. Mehr als 20 Jahre war er mit Heidi verheiratet, die vor einigen Jahren ganz plötzlich verstorben ist. Ich schätze ihn auf Anfang / Mitte 50. Wir haben ihn durch einen Freund der Kommunität kennengelernt, der im Ruhrgebiet lebt und viel Kontakt mit Menschen aus Sri Lanka hat. Im Herbst rief dieser Freund an und fragte, ob T. bei uns wohnen kann. Er war nach einer Herzoperation in einer Reha-Klinik und mußte diese vier Tage später verlassen. Seine Wohnung hatte er durch die Krankheit verloren.

Wir (Christian, Michael und Iris) machten uns auf den Weg zu ihm in die Reha-Klinik in Brandenburg und trafen ihn im Büro der Krankenhaussozialarbeiterin, die sichtbar unter Druck war, weil sie keinen Platz für ihn gefunden hatte und die Vorgabe hatte, daß er zwei Tage später entlassen werden muß – notfalls auf die Straße, weil es keinen Kostenträger gibt, der über die Reha-Dauer hinaus den Aufenthalt finanzieren würde. Die Entlassung auf die Straße würde er bei seinem Gesundheitszustand nicht überleben.

Vor uns saß ein ungemein sympatischer, kleiner und schmächtiger Mann, der eine ganz große Wärme ausstrahlte. Er war sehr geschwächt und für uns nur schwer verständlich. Sein Deutsch war gut, aber durch seine Kraftlosigkeit konnte er nur ganz leise fast hauchend sprechen. Er wäre gar nicht in der Lage gewesen die Treppen zu unserer Wohnung zu überwinden und auch die baulichen Verhältnisse in unser Wohnung ließen es gar nicht zu, daß er sich hier mit dem Rollator  bewegen kann.

Als wir mit ihm alleine sprechen konnten, stellte sich heraus, daß er in Berlin einen weitläufigen Verwandten hat. Mit dem nahmen wir Kontakt auf. Es war keine ideale aber eine vorübergehende Lösung, doch konnte er erst einmal nach der Entlassung aus dem Krankenhaus bei diesem Verwandten wohnen.

T. besucht uns regelmäßig und so lernten wir ihn besser kennen. Inzwischen hat er etwas zugenommen, kommt alleine mit seinem Rollator zu uns und kann auch die Treppen steigen. Beim letzten Besuch hatte er einen amtlichen Bescheid bekommen, den er nicht verstand. Auch ich mußte das Schreiben drei Mal lesen bevor ich es in seiner Tragweite erfaßte.

Das Amt fordert von ihm eine für ihn ziemlich hohe Rückzahlung. In den Jahren, in denen T. mit Heidi verheiratet war, hat niemand daran gedacht, daß ihm die deutsche Staatsbürgerschaft zusteht. Er hat sie nie beantragt. Er hat jetzt den Status einer Duldung- das heißt, die Abschiebung ist ausgesetzt. Ihm stehen Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz zu. Er hat Glück, daß er in Berlin lebt, denn hier bekommt er eine Auszahlung und nicht Sachleistungen oder Gutscheine wie in einigen anderen Bundesländern. In Berlin sind das derzeit 224,37 Euro. Das liegt 38 % unter dem Regelsatz von Hartz IV, der 364,00 Euro beträgt. Nun bekommt T. von seiner verstorbenen Frau Heidi eine Witwer-Rente in Höhe von 316,00 Euro. Das liegt knapp 100 Euro über dem Satz des Asylbewerberleistungsgesetzes. Und der vierstellige Betrag, den das Amt jetzt von ihm fordert, resultiert aus der Differenz, die sich über die letzten Monate angesammelt hat.

Das mag formaljuristisch „Recht“ sein, aber Gerechtigkeit sieht für mich anders aus.

Zum Weiterlesen:
Infos zum Asylbewerberleistungsgesetz

Die Welt im Wohnzimmer (1): Schweiz Teil 2 – weggestossen, ausgeschafft, abgeschafft

a1adc86d1a7a0512c8a6f89729c68b09Vor zwei Tagen hatte ich einen Blogbeitrag über Conny und ihr Engagement gegen die Durchsetzungsinitiative verfaßt und zwar hier.  Ich habe Conny eingeladen, selber ein paar Zeilen zu schreiben, was sie zu diesem Engagement gebracht hat. 

Conny schreibt: Im Sommer 2015, während meinen 10tägigen Exerzitien auf der Strasse, wachte ich kurz vor Ende dieser guten Zeit nachts auf. Ein starker und deutlicher innerer Anruf, doch einmal wirklich genau hin zu sehen, ließ mich nicht mehr in den Schlaf finden.

Dann fiel es mir plötzlich, im wahrsten Sinne des Wortes, wie Schuppen von den Augen. Ich fand mich emotional und gefühlsmäßig zutiefst verbunden mit den Menschen, die in der Ausschaffungshaft sitzen.

Genau hier befand sich mein tiefster Schmerz, meine grösste Verletzung. Tagelang hatte ich mich während den Exerzitien davor gescheut hin zu sehen und auch hinzugehen. Doch in dieser Nacht verband sich mein Leid mit dem Leid dieser Menschen. Ich fühlte meinen Schmerz und konnte gleichzeitig den Schmerz meiner Geschwister fühlen. Nicht willkommen, weggestossen, ausgeschafft, abgeschafft!!!

Es wäre besser, wenn es dich/euch gar nicht erst gäbe. Weinend betete ich meinen Namen Gottes, der mir in dieser Nacht geschenkt wurde. Nach diesem Erlebnis war mir klar, dass meine Exerzitien im Oktober mit der Mahnwache vor der Abschiebehaft am Flughafen Schönefeld in Berlin weitergehen werden. Ich musste dahin und mich solidarisch zeigen!

In der Schweiz wurde die Ausschaffungsinitiative 2010 angenommen. Nun hat die Schweizerische Volkspartei, der rechte Flügel im Parteienspektrum und deren Anhänger, das Gefühl, dass die Regierung diese Initiative zu lasch oder gar nicht umsetzt. Sie bringen am 28. Februar eine neue Initiative an die Urne: die Durchsetzungsinitiative. Diese Initiative setzt den Rechtsstaat, die Gewalten-teilung und die Menschenrechte außer Kraft!

Hier ein kleines Beispiel zu den möglichen Folgen: Der 19-jährige Hochbauzeichner- lehrling José Zúñiga, Sohn chilenischer Eltern, ist an einem lauen Freitagabend im Sommer mit Freunden unterwegs; sie grillieren am See, trinken über den Durst. Als ihr Getränkevorrat zur Neige gegangen ist, beschließt die Clique, sich Nachschub zu besorgen – im Kiosk der lokalen Seebad.

José Zúñiga, angetrunken und angestachelt durch seine Kumpel, übernimmt die Sache: Er hebt eine Holzverriegelung aus den Angeln, bricht in den Kiosk ein und schnappt sich ein paar Flaschen Bier aus dem Kühlschrank. Am Tag darauf plagt José Zúñiga das schlechte Gewissen. Er beichtet die Tat seinen Eltern. Sie überzeugen ihren Sohn, sich bei der Polizei zu melden und sich bei der Badi zu entschuldigen. Die Staatsanwaltschaft brummt dem 19-Jährigen eine geringfügige bedingte Geldstrafe auf. Zúñiga will die Verfahrenskosten und die Buße mit seinem Lehrlingslohn abstottern, doch damit ist es nicht getan: Er wird für zehn Jahre des Landes verwiesen und muss nach Chile, wo er nie gelebt hat. Mit seinem Einbruch erfüllt Zúñiga die Straftatbestände Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung und Diebstahl – darauf steht die automatische Ausschaffung.

Ich setzte momentan alles mir Mögliche ein, dass diese unmenschliche Initiative nicht angenommen wird. Ohne meine Erfahrungen bei den Strassenexerzitien wäre ich nicht auf diesem Weg – auf dieser Strasse! Dem Geist Gottes sei Dank!

Conny Pieren, Thun, Schweiz, 16.02.2016

Nachtrag 28. Februar 2016: Die Durchsetzungsinitiative wurde bei der Volksabstimmung abgelehnt.