Lachendes und weinendes Auge

Ziemlich genau vor einem Jahr habe ich Abdulla in der AGB (Amerika-Gedenk-Bibliothek) kennengelernt. Einige Monate kam er dann oft zum Samstagsfrühstück bis er eine Arbeit als Integrationslotse bekam und eine Erzieherausbildung begann. In unseren Gesprächen sprach er immer wieder darüber, wie sehr er seine Frau und die beiden Kinder (10 und 12 Jahre), die er seit mehr als zwei Jahren nicht mehr gesehen hat, vermißt.

In der taz von vorgestern heißt es:

„Die Aufregung war groß: Wer darf kommen? Und vor allem wie viele? Über kaum ein migrationspolitisches Thema war vor und in den Koalitionsverhandlungen so heftig gestritten worden wie über den Familiennach-zug für subsidiär geschützte Geflüchtete. Nun wird die Aufregung von der Realität eingeholt – und relativiert. Im August wurden 853 Anträge auf Familienzusammen-führung eingereicht, 65 davon bekamen einen positiven Bescheid, 42 Personen erhielten ein Visum.“  mehr dazu hier.

Zwei davon sind die beiden Kinder von Abdulla, die Ende August in Berlin angekommen sind. Seine Frau wartet noch immer.

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Fussball-Freude

Beim Halbfinalspiel der Fußball-WM waren die Sympathien der WG-Bewohner auf der Seite von Kroatien, haben doch zwei Mitbewohner eine besondere Beziehung zu dieser Region. Unser ältester Mitbewohner, Bruder Christian, wurde dort geboren und hat dort die ersten Lebensjahre verbracht. So fieberten wir gemeinschaftlich mit der kroatischen Fußballmannschaft, und die Freude war groß und lautstark als sie sich gegen das Team aus Großbritannien durchsetzen konnten und ins WM-Finale gegen Frankreich einzogen.  Am Sonntag fiebern wir weiter.

Immer wieder in der Bibliothek …

treffe ich Abdulla. Zum ersten Mal sind wir uns an einem kühlen Tag im Herbst in der AGB (Amerika-Gedenkbibliothek) begegnet. Ich setzte mich mit einem Stapel Zeitungen an den Tisch, an dem er Hausaufgaben machte. Er fragte mich etwas zum Unterrichtsstoff und so kamen wir ins Gespräch. Damals wohnte er in einer Flüchtlingsunterkunft weit draußen in Spandau mit Landleuten und beklagte, daß er kaum Möglichkeiten habe deutsch zu üben. So lud ich ihn zum Samstagsfrühstück ein, und er kam oft. Auch Weih-nachten hat er mit uns gefeiert. Inzwischen hat er eine Wohnung im Nachbarstadtteil und wartet darauf, seine Frau und die beiden Kinder nachholen zu können. Seinen Beruf kann er in Deutschland nicht ausüben. In den letzten Wochen kam er nicht mehr, und wir fragten uns schon, was mit ihm los sein mag.

Heute stand er unerwartet in der Stadtteilbibliothek neben mir. Beide haben wir uns über dieses Zusammentreffen gefreut. Er arbeitet am Samstag jetzt immer als Integrations-lotse. Er hilft Geflüchteten, die erst kurz da sind, sich besser hier zurechtzufinden, erklärt, wie das bei den Behörden läuft und wie man Alltagsdinge organisieren kann. Seine Augen leuchten wenn er davon erzählt. Man spürt, mit wie viel Engagement er das macht. Und eine große Freude ist, daß er in zwei Monaten eine Erzieherausbildung beginnen kann. Er möchte gerne mit Jugendlichen im Freizeitbereich arbeiten. Wir freuen uns mit und wünschen ihm und allen Muslimen Ramadan mubarak – einen gesegneten Ramadan.

CAJ Berlin für Ketteler-Preis 2017 nominiert

 

CAJ-Gruppe im Hamburger Hafen  

Unsere beiden muslimischen Mitbewohner engagieren sich in der CAJ (christliche Arbeiterjugend). Das Projekt „viele Sprachen – eine Stimme“, an dem sie beteiligt sind, ist für den Kettelerpreis nominiert worden.  Damit zeichnet die Stiftung ZASS der KAB (katholische Arbeitnehmerbewegung) Persönlichkeiten oder Projekte und Initiativen aus, die sich für die Zukunft der Arbeit und/oder der sozialen Sicherung sei es grundsätzlich, sei es für einzelne Gruppen einsetzen. Ziel des Preises ist es, das Engagement dieser Menschen zu würdigen, sie zu unterstützen und ihre Arbeit in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Alle 2017 nominierten Projekte werden   hier  vorgestellt.

CAJ Berlin: Projekt „Viele Sprachen – eine Stimme“

Bei dem Projekt „Viele Sprachen – eine Stimme“ ist der Name Programm: hier schließen sich junge Menschen mit und ohne Fluchthintergrund zusammen, um ihr Leben zu betrachten, anhand ihrer Werte zu beurteilen und eine gemeinsame Stimme auszubilden, durch die sie in der Gesellschaft „mitreden“. Kern des Projekts ist die Anwendung der Methode „Reflektion des Lebens und der Arbeiteraktion“ auf die eigene Lebensrealität: indem sie ihre Situation u.a. auf deren Ursachen und Folgen hin untersuchen, sich fragen, ob ihre Situation ihrer „Würde und Verantwortung“ entspricht, und mögliche Widersprüche durch Aktionen ausräumen, üben die Jugendlichen gemeinsam eine menschenrechtlich-politische Praxis aus.

So entstand z.B. die Schulaktion: Die Jugendlichen stellten fest, dass es für Schüler*innen mit nicht deutscher Herkunftssprache ungleich schwieriger ist, bei Prüfungen ihre Lernleistung zu zeigen. Die Prüfungen sollen eigentlich den Lernfortschritt messen; aufgrund der sprachlichen Herausforderungen gehen aber die Sprachkenntnisse oft stark in die Messung ein.

Daher entwickelten die Jugendlichen die Forderung, Wörterbücher Deutsch-Herkunftssprache benutzen zu dürfen und eine Verlängerung der Bearbeitungszeit eingeräumt zu bekommen. Es gelang ihnen, diese Ideen konkret an ihren Schulen vorzustellen und Verbesserungen zu erreichen. Auch brachten sie die Forderung erfolgreich in Gremien der CAJ und des BDKJs, sowie mit dessen Hilfe in den Landesjugendrings ein und gaben Impulse für einen Beschluss der DGB Jugend Brandenburg.

Abstimmen kann man online bis zum 15. November 2017 und zwar hier.

Besuch von Pater Gregor aus dem Südsudan

Pater Gregor Schmidt in Fangak (Südsudan)

Seit 2012 leben Pater Gregor und zwei weitere Comboni-Missionare mit den Nuer im Südsudan. Alle drei Jahre kommt er auf Heimaturlaub nach Deutschland. Kurz vor seiner Reise zurück nach Afrika hat er uns besucht und uns von seinem Leben mit dem Hirtenvolk der Nuer in einem vom Bürgerkrieg und seinen Folgen geplagten Land erzählt. Einiges können interessierte Leser im unten verlinkten Intervew nachlesen.

Pater Gregor ließ uns daran teilhaben, was es bedeutet, in einer patriarchal geprägten Gesellschaft zu leben, in der es keinen Kalender gibt, 98 Prozent der Menschen Analphabeten sind, Polygamie das Überleben der Volksgruppe sichert und Gewalt im Alltag eine große Rolle spielt. Mit seinen Mitbrüdern betreut er 80 Kapellen in einem Gebiet, das achtmal so groß ist wie Berlin. Da es kein Straßennetz gibt, sind die Kapellen durch Fußmärsche erreichbar oder per Boot. Vor Ort ist ein Katechet verantwortlich. Er muß lesen können und monogam leben. Das schränkt die Auswahl in diesem Umfeld ein. Die Priester kommen einmal im Jahr bei jeder Kapelle vorbei. Die Nuer haben den christlichen Glauben als Geflüchtete in Nachbar-ländern kennengelernt. Es war die Exodus-Tradition, die sie besonders berührte. Auch der Aufbau eines Grundschulsystems gehört zu den wichtigen Aufgaben.

Die Sakramente spielen eine andere Rolle im Leben der Gläubigen als in Europa. Ganz wichtig ist das Teilen der biblischen Botschaft. Die Nuer verwenden eine evangelische Übersetzung der Bibel in ihrer Sprache. Dafür wird von den Protestanten im Land der katholische Bibelleseplan verwendet…

Es war ein besonderes Erlebnis, im Detail nachfragen zu können und so zu erfahren, warum Polygamie in dieser Kultur tief verwurzelt ist und eine ganze Familie darüber entscheidet, daß ein Mann nicht polygam leben muß.

Wir freuen uns schon auf Pater Gregors nächsten Besuch 2020. Fazit eines Gastes: Katholisch geht auch ganz anders:

Zum Weiterlesen:
Interview mit Pater Gregor (mit Bildern aus dem Südsudan)

Gutschein-Terror

Besuch von einem unserer afrikanischen Freunde. Als Geflüchteter lebt er in der Nähe von Halle. Bis jetzt hat er Geld bekommen um Lebensmittel und Hygieneartikel kaufen zu können. Nun wurde auf Gutscheine umgestellt. Die Gutscheine sind nur in einem bestimmten Laden einzulösen, der überteuert ist. Seine Bedürfnisse nach Fleisch, das halal ist, kann er nicht erwerben. Wechselgeld wird nicht herausgegeben, sondern einbehalten, d.h. der Betrag, der zum im Gutschein festgelegten Einkaufsbetrag fehlt, kommt dem Geschäft zugute. Selbst die Geflüchteten, die nicht mehr der Residenzpflicht unterliegen, sind so an einen Ort gebunden, denn nur dort können sie Lebensmittel kaufen.

Eigentlich dachte ich, daß die Zeit der Lebensmittelgutscheine weitgehend vorbei ist, denn in den letzten Jahren haben sich viele Initiativen dafür stark gemacht, daß Geflüchtete Bargeld zur Verfügung haben und nicht Gutscheine. Vor Jahren habe ich eine Initiative unterstützt, deren Mitglieder in Brandenburg Flüchtlingen ihre Gutscheine abgekauft haben, damit diese dann Bargeld zur Verfügung haben.

Hat jemand der Mitlesenden eine Idee, wie unserem Freund geholfen werden kann.

Zum Weiterlesen:
Einkaufen in Brandenburg: Gutscheine für Flüchtlinge (Erfahrungen von zwei Reportern von Deutschalndradio)