#WMDEDGT Juni 2022: Schawuot und Pfingsten

Am 5. des Monats ruft die Nachbarbloggerin immer zum Tagebuchbloggen auf unter dem Motto „WMDEDGT?“ (kurz und knackig für „Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“). Manchmal melde ich mich auch hier im Blog zu Wort und dieses Mal habe ich einiges zu erzählen.

Ich bin der Tisch von der Wohngemeinschaft Naunynstraße mitten in Kreuzberg  im ehemaligen SO 36. Heute hatten wir zwei Feiertage gleichzeitig: Schawuot  (Wochenfest) und Pfingsten wie schon  2019.

Um Mitternacht begann der Schawuot-G-ttesdienst in der Central Synagogue in New York in Präsenz und online. An Schawuot war das ganze jüdische Volk am Berg Sinai und ihm wurde die Torah übergeben. Der G-ttesdienst wurde von einer Gruppe 16jähriger Jugendlicher geleitet und gestaltet, die ein Jahr lang miteinander eine „confirmation class“ besucht haben und sich in dieser Zeit mit jüdischen Traditionen und jüdischen Werten beschäftigt haben und was das für sie bedeutet.

„Confirmation“ hört sich ja erst mal evangelisch nach „Konfirmation“ an und geht auf das 19. Jahrhundert in Deutschland zurück. Dieser Brauch wurde von deutschen jüdischen Auswanderern nach Amerika mitgenommen. Im liberalen Judentum werden die Mädchen mit 12 Jahren auf die Bat Mizwa und die Jungen mit 13 Jahren auf die Bar Mizwa vorbereitet. Sie werden als einzelne von einem Rabbiner oder einer Kantorin begleitet und lernen, den Wochenabschnitt aus der Torah, der am Schabbat nach ihrem 12. bzw. 13. Geburtstag dran ist und tragen dann Teile daraus in der Synagoge vor und kommentieren ihn mit ihren eigenen Gedanken dazu..

In der Confirmation Class sind sie ein Jahr lang als Gruppe zusammen und vertiefen jüdische Themen. Das ist eine gute Ergänzung. Außerdem sind sie dann schon etwas älter und nähern sich nochmal anders den Inhalten an. Die diesjährige Confirmation Class war sehr beeindruckend, wie sie die einzelnen Teile des G-ttesdienstes eingeführt und gestaltet haben und was sie als zentral für ihr Jüdisch sein benannt haben.. 

Weil die Torah nahrhaft wie Milch ist, gibt es an Schawuot überwiegend milchige Speisen. Der Chefkoch hat seinen beliebten Spezialgriesbrei gemacht. Es gab außerdem Käsekuchen, verschiedene Sorten Käse und Frischkäse. Ein Mitbewohner aus einem Land, das zur ehemaligen Sowjetunion gehört hat, erzählt, wie Mitarbeiter des KGB (Geheimdienst) sogar in Poesiealben von Schulkindern herumgeschnüffelt haben um Material gegen die Eltern in die Hand zu bekommen. Um kurz vor 10 Uhr brachen einige zum evangelischen G-ttesdienst auf, um 11.30 h begann die katholische Messe. Zwei holten eine Freundin im Rollstuhl aus dem nahe gelegenen Seniorenheim ab. 

Am Nachmittag war es dann relativ ruhig, weil die meisten BewohnerINNEN beim schönen Wetter unterwegs waren. Ein Freund kam vorbei zum Käsekuchen essen.

Als Abendessen hatte der Chefkoch eine Pizza mit Champignons und Käse zubereitet, die großen Anklang fand bei denen, die zum Abendessen da waren.  

Der Abend klang ruhig aus mit einigen Telefonaten, Lesen, Musik hören, Unterhaltungen. Ein ehemaliger Bewohner kam noch vorbei und wollte die Adresse eines anderen ehemaligen Bewohners und erkundigte sich, wie es uns geht. Alles ruhig und unspektakulär.

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Warum an Schawuot das  Ruth gelesen wird

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#WMDEDGT April 2022 ganz normaler Donnerstag

Am 5. des Monats ruft die Nachbarbloggerin immer zum Tagebuchbloggen auf unter dem Motto „WMDEDGT?“ (kurz und knackig für „Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“). Manchmal melde ich mich auch hier im Blog zu Wort und dieses Mal habe ich nicht viel zu erzählen.

Ich bin der Tisch von der Wohngemeinschaft Naunynstraße mitten in Kreuzberg  im ehemaligen SO 36. Heute war alles unauffällig – durchschnittlich.

Nein. Halt! Der Chefkoch hat Urlaub. Deshalb kann er beim Frühstück dabei sein. Er hat einen Erdbeer-Bananen-Kokos-Quark gemacht. Von gestern waren noch Ofenpfannkuchen mit Erdbeeren und Rhabarber übrig.

Frühstück ist seit kurzem unter der Woche wieder um 8.00 Uhr – wie vor der Pandemie. In den letzten Monaten waren meistens ein oder zwei Gäste dabei, die durch ihre Lebenssituation sehr isoliert waren und nicht wie sonst gewohnt viel unter Menschen sein konnten. Wir haben aber gemerkt, daß wir auch Frühstückszeiten für uns als Gemeinschaft brauchen. Deshalb können die beiden am Dienstag und am Donnerstag dazu kommen und natürlich zum offenen Samstagsfrühstück.

Ein Gast kam. Trotzdem waren wir in kleiner Runde, denn einer hat auswärts eine Fortbildung, zwei waren schon zur Arbeit gegangen und zwei hatten andere Termine.  Das Frühstücksgespräch war sehr lebhaft. Es ging um die Veranstaltungen, die zum Tag der Befreiung stattfinden werden: Von der Friko-Berlin, von der evangelischen Sophienkirche und der jüdischen Gemeinde. Außerdem wollte ein Bewohner wissen, in welchen Gegenden der Stadt besonders viele Neonazis unterwegs sind. Irgendwann ging es dann um die Privilegien, die weiße Menschen durch ihr weiß sein haben.

Für den Chefkoch ist Muttertag sehr wichtig. Deshalb mußten letzte Details für die Muttertagstorte geklärt werden, die dieses Mal in besonderer Weise den Frauen in und aus der Ukraine gewidmet werden soll.

Nach dem Frühstück sollte dann ein Eimer Suppe bei Suppengrün abgeholt werden. Suppengrün ist ein Bistro, in dem es immer sechs oder sieben Suppen gibt. Eine Portion kostet 7,50 Euro: bio, regional und saisonal. Immer am Mittwoch wechselt der Wochenplan. Am Donnerstag bekommen wir dann, was übrig ist, geschenkt und sind dadurch suppenkulinarisch schon weit herumgekommen. Heute war es eine Minestrone.

Ansonsten gab es ein paar Anrufe: Von M., der uns nächste Woche besucht und von einem anderen M., der wieder mal im Krankenhaus ist.

Ein ruhiger Tag. An mir wurde geschrieben, gelernt für einen Fernkurs. Im Nebenraum wurde Gitarre gespielt. Gemeinsame Mahlzeiten gab es heute nicht.

In den Regionalnachrichten war zu erfahren, daß am 8. Mai fünfzig Veranstaltungen angemeldet sind und die Berliner Polizei aus anderen Bundesländern und von der Bundespolizei Unterstützung braucht.

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#WMDEDGT April 2022: Immer wieder dienstags …

Am 5. des Monats ruft die Nachbarbloggerin immer zum Tagebuchbloggen auf unter dem Motto „WMDEDGT?“ (kurz und knackig für „Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“). Manchmal melde ich mich auch hier im Blog zu Wort und dieses Mal habe ich wieder einiges zu erzählen. 

Ich bin der Tisch von der Wohngemeinschaft Naunynstraße mitten in Kreuzberg  im ehemaligen SO 36. Ich stehe hier mitten im Wohnzimmer seit 38 Jahren und habe schon viele kommen und gehen sehen. Zur Zeit steht neben mir ein kleiner Kollege, auf dem ein Bild von Christian mit Blumen und Kerzen steht. Christian hat die WG mit Michael und Peter 1979 in der Sorauer Straße – auch in Kreuzberg – begonnen. Da war ich auch schon dabei und bin 1984 dann mit umgezogen. Christian ist Ende Februar gestorben. Und sein Tod beschäftigt alle hier sehr.

Christian Herwartz im Herbst 2021

Hier sieht man Christian in Kladow, im Garten des Seniorenheims der Jesuiten. Dorthin mußten wegen Corona die Jesuiten der Altersgruppe 70plus. Es ist das letzte Foto, das wir von ihm haben. 

Zur Zeit wohnen nur zehn Leute um mich herum. Seit letzter Woche findet das Frühstück wieder um 8.00 h statt, zu dem alle kommen, die nicht unterwegs in der Arbeit oder bei anderen Terminen (Ämter, Jobcenter …) sind. Jobcenter findet ja im Moment auch online statt. 

Beim Frühstück waren zwei Menschen aus der Nachbarschaft dabei, die öfter dazu kommen. Es gibt immer interessante Gesprächsthemen. Die beiden Gäste sind politisch sehr interessiert und einer seit Jahrzehnten in der Kommunalpolitik in Kreuzberg aktiv. Da gibt es dann immer interessante Neuigkeiten. Morgen, am Mittwoch, wir der Maria-von-Maltzan-Platz in unserer Nachbarschaft eingeweiht. Maria von Maltzan  war während der Zeit des Nationalsozialsozialismus in einerA Widerstandsgruppe aktiv und hat Juden in ihrer Wilmersdorfer Wohnung versteckt und versteckten Juden geholfen. Später war sie als Zirkustierärztin unterwegs. Am Ende der Naunynstraße ist ein Rondell, das nach ihr benannt wird. Dort hatte sie ab 1984 eine Tierarztpraxis, in der sie die Tiere von Punkern und armen Leuten umsonst behandelt hat. 

 Außerdem wurde noch von Mabels Besuch am Montag erzählt. Sie hat mit ihrer Mitschwester Margit hier ein neun Monate gelebt. Es war eine Art Schwangerschaft. Danach haben sie die Berliner Beratungsstelle von Solwodi gegründet.  Dort bekommen Frauen, die von Menschenhandel und Zwangsprostitution betroffen sind, Hilfe. Bei uns haben auch schon welche gewohnt, wenn in der Zufluchtswohnung von Solwodi kein Platz mehr war. Unser Ex-Mitbewohner Rockn Rolf hat auf mir die Karrikaturen zur Illustration der Solwodi-Website gezeichnet, die hier zu sehen sind. Mabel hat hier von ihren Erinnerungen an die Zeit in der WG erzählt. Für die Gedenkwand hat sie uns ein Foto von Margit mitgebracht, die vor zwei Jahren verstorben ist. 

Ein Besuch hat von der Angst erzählt, durch die steigenden Lebensmittel- und Energiepreise nicht mehr mit dem Geld von der Grundsicherung auszukommen. 

Um die Mittagszeit war es dann recht ruhig hier – abgesehen von einigen Frühjahrsputzaktivitäten – bis dann am Nachmittag der Chefkoch von der Arbeit nach Hause kam. Ein Mitbewohner hatte schon einige Packungen Champignons, die wir von der Tafel bekommen haben, vorbereitet. Sie wurden zu einer Pizza für unseren Gemeinschaftsabend vorbereitet, der jeden Dienstag stattfindet.

Um 18.00 Uhr treffen wir uns immer zum Abendessen. Zwei waren nicht da, weil sie gerade an Straßenexerzitien teilnehmen. Nach dem Essen sitzen wir immer zusammen und erzählen, was uns bewegt: Was uns freut, was uns beschäftigt, was schwer ist.

Einer hat eine Ausbildung zum Lokführer begonnen und muß sich in eine neue Tagesstruktur hineinfinden. Ein anderer hofft, daß er endlich in den Sprachkurs einsteigen kann, für den er im März 2020 eine Zusage hatte, der aber wegen dem Lockdown ausgefallen ist. Ein anderer beschäftigt sich mit einer längeren Perspektive für seine Zukunftsplanung …

Danach machen wir eine Viertelstunde Pause und dann treffen sich die BewohnerINNEN, die miteinander singen, meditieren, beten, Texte aus heiligen Schriften hören und sich darüber austauschen wollen – eine Form von Gottesdienst, zu dem jeder etwas beitragen und mitbringen kann. Danach wird es ruhig hier im Wohnzimmer. 

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#WMDEDGT im März 2022 – Abschiede

Seit April 2013 ruft die Nachbarbloggerin immer am 5. des Monats zum Tagebuchbloggen auf unter dem Motto „WMDEDGT?“ (kurz und knackig für „Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“). Manchmal melde ich mich auch hier im Blog zu Wort und dieses Mal habe ich wieder einiges zu erzählen. 

Ich bin der Tisch von der Wohngemeinschaft Naunynstraße. Was ich schon alles gehört und erlebt habe in den mehr als 40 Jahren hier, das geht auf keine Kuhhaut hat auf keiner Tischplatte Platz. Der fünfte des Monats- ein Samstag. Wenn Samstag ist, dann geht es besonders früh los, weil Schabbat ist. Um 0.00 Uhr ist der Gottesdienst zum Schabbateingang in der Central Synagogue in New York. Wegen der Zeitverschiebung ist es dort 18.00 h.

Aber eigentlich geht es noch früher los. In der jüdischen Tradition beginnt der Tag am Vorabend mit den drei ersten Sternen am Himmel. Weil man die in der Großstadt nicht unbedingt sieht, wird im jüdischen Kalender nachgeschaut, wann die Kerzen gezündet werden – so machen es orthodoxe Juden, denn in der Schöpfungsgeschichte heißt es: „Und es ward Abend und es ward Morgen …“. Danach folgt die Angabe des Tages („dritter Tag“). Deshalb beginnt der Tag am (Vor-)Abend. 

Bei uns beginnt der Schabbat, wenn die Vorbereitungen abgeschlossen sind. Das war gegen halb sieben. Alle waren um mich versammelt. Die Kerzen wurden mit einem Segensspruch angezündet. Danach wurde der Segen über den Traubensaft (Wein) und dem Schabbatbrot gesagt und ein Gebet für den Frieden in der Welt.

Schabbat-Beginn (Foto: C. Pieren)

Der Chefkoch hatte ein wunderbares Risotto mit Weißkohl vorbereitet, das allen sehr gut geschmeckt hat. Danach gab es einen bunten Obstsalat. Lange wurde der Abend nicht, denn der Samstag würde sehr intensiv werden. 

I. tauchte dann kurz vor Mitternacht wegen New York auf. Die Atmosphäre in der Central Synagogue war im Vergleich zu sonst sehr gedämpft – wegen dem Krieg in der Ukraine. Es gab einige sehr beeindruckende Gedichte, die die Stimmung aufnahmen und unterschiedliche Emotionen was den Krieg betrifft zum Ausdruck brachten.

Für das offene Samstagsfrühstück stand schon ein Stapel Teller auf mir. Einer, der spät nach Hause kam – ich verrate nicht WER – hat mich dann schon eingedeckt. Die Vorbereitungen für das Frühstück liefen eher still ab: Brötchen, Käse, Marmeladen, Wurst, Quarkspeise und Getränke (Kaffee und Tee) wurden auf den Tisch gestellt. Auch die Gäste würden etwas mitbringen.

Wer wohl kommen würde zu diesem besonderen Frühstück zwei Tage vor der Beerdigung von Christian, der vor mehr als vierzig Jahren mit Michael die Gemeinschaft ins Leben gerufen hat. Ich kenne ihn am längsten von allen. Ich war schon am ersten Standort in der Sorauer Straße dabei bevor es in die Naunynstraße ging. Zwei Frauen kamen zum ersten Mal, zwei habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Menschen, die Christian aus unterschiedlichen Lebensbereichen kannten, waren da und erzähl) ten aus der Herkunftsfamiilie, vom Eintritt in den Jesuitenorden, vom Leben als Arbeiterpriester in Frankreich und später in Berlin bei Siemens als Dreher, von der Gastfreundschaft und der Wohngemeinschaft als offenen Ort, vom monatlichen interreligiösen Friedensgebet auf dem Gendarmenmarkt, das nach den Anschlägen in New York begonnen wurde, von Gefängnisbesuchen und den Mahnwachen vor dem Abschiebegefängnis, das inzwischen „Flughafengewahrsam“ heißt. Auch die gegenwärtige politische Lage wurde in den Blick genommen – nah (Corona und die gesellschaftlichen Spaltungen) und fern (der Krieg in der Ukraine) …

Zum Abschluß hat unser Freund Roj, der für verstorbene Hindus priesterliche Dienste ausübt, wieder sein Segensgebet in Sanskrit gesungen. Man kann es hier  nachhören.

Als der Tisch abgeräumt und alles aufgeräumt war, wurden im kleinen Kreis noch letzte Details für das Requiem am Montag besprochen. Dann waren alle unterwegs oder haben sich ausgeruht. Zwei sind zur Tafel gegangen um Lebensmittel für die Gemeinschaft zu holen. Es gab viel Obst und Gemüse.

Am späten Nachmittag begannen die Vorbereitungen für ein besonderes Abendessen – ein Abschiedsessen für die kleinen Schwestern Jesu, die Berlin in zwei Wochen verlassen werden. Sie gehören seit den Anfängen der Wohngemeinschaft zu unseren. Freunden. Als Christian und Michael 1979 nach Berlin kamen, wohnten die Schwestern unter sehr einfachen Bedingungen im Wedding in der Liebenwalder Straße. Sie hießen Christian und Michael willkommen, die zwei Straßen weiter in einem Arbeiterwohnheim ihren ersten Ort gefunden hatten bevor es nach Kreuzberg ging. Christian hat oft von den Anfängen dieser Freundschaft erzählt. Die Schwestern verdienten halbtags durch einfache Arbeiten ihren Lebensunterhalt in der Großküche, in der Fabrik oder im Reinigungsgewerbe. Sie lebten ein einfaches Leben – zuletzt im Bauwagen und gehen an Orte, an denen Menschen leben, die in unserer Gesellschaft am Rand sind und oft übersehen werden. Mit vielen haben sie im Lauf der Jahre Freundschaft geschlossen. In den letzten Wochen bei den Abschiedsbesuchen sind viele Tränen geflossen.

 An diesem Abend wurde noch ein letztes Mal miteinander gegessen (Gemüsereis, Panier-Käse und eine Sauce mit Blumenkohl, Champignons auf Mango-Kokos-Basis), erzählt, gesungen und für den Frieden gebetet. Am übernächsten Sonntag wird es dann vor Sankt Michael Kreuzberg ein Abschiedsfest geben.

Die anderen Beiträge vom #Wmdedgt im März 2022 sind hier 

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#WMDEDGT Februar 2022: stiller Samstag wegen Quarantäne

Seit April 2013 ruft die Nachbarbloggerin immer am 5. des Monats zum Tagebuchbloggen auf unter dem Motto „WMDEDGT?“ (kurz und knackig für „Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“). Manchmal melde ich mich auch hier im Blog zu Wort und dieses Mal habe ich nicht so viel zu erzählen. 

Ich bin der Tisch von der Wohngemeinschaft Naunynstraße  W.ordpress spinnt immer noch. Ein Informatikerfreund hat sich die Sache angeschaut und konnte nicht helfen. Und unter den derzeitigen pandemischen Umständen ist es mit einem Zugang zu anderen Computern schwierig. So gibt es hier derzeit wenig zu lesen, obwohl die Advents- und Weihnachtszeit sehr schön und intensiv war. Aber heute klappt es zum 5. des Monats Februar.

Samstagsfrühstück: der Tisch ist gedeckt

Es war ein sehr stiller Samstag, den wir hier verbracht haben. Ein Mitbewohner hat sich am Arbeitsplatz mit Corona angesteckt. Am Donnerstag kam das positive Ergebnis vom PCR-Test. Er hat glücklicherweise einen recht leichten Verlauf. Da sind wir sehr froh. Aber alle sind in Quarantäne außer zwei, die geboostert sind.

Wir mußten unser traditionelles Samstagsfrühstück absagen. Das war sehr traurig. Diesen Tag mag ich besonders gern, auch wenn nicht mehr viele Besucher kommen im Vergleich zu vor Corona. Da waren mindestens 15 Leute oft auch 25 Leute oder mehr in den drei Stunden da. In den letzten Monaten waren es zwischen drei und acht – und heute nicht einmal das. So ungewohnt und so still. In den mehr als vierzig Jahren, die ich hier stehe, ist das nur wenige Male vorgekommen. Ich merke, das fehlt mir sehr. Da kommt immer die Welt ins Haus.

Am Samstagnachmittag holen immer zwei Bewohner bei den Schwestern von Mutter Theresa für uns Lebensmittel von der Tafel ab. Der Chefkoch ist geboostert. Deshalb konnte er losgehen. Um die Übergabe so sicher wie möglich zu gestalten wurden die Lebensmittel bei einem Freund nebenan untergestellt, wo der Chefkoch sie holen konnte. Was für eine Großzügigkeit von den Schwestern. Was da auf mir abgeladen und sortiert werden mußte – ich war fassungslos: So viel, da konnten wir der Nachbarin unter uns Obst abgeben und wußten gar nicht, dass wir einen Tag später noch Lebensmittel, die später gebracht werden würden, erhalten. Viele liebe Menschen haben nachgefragt, ob wir Hilfe brauchen. Danke schön. Derzeit sind wir bestens versorgt.

Am Nachmittag war dann der Schabbatgottesdienst von der Central Synagogue in New York dran. Dort ist es dann halb zehn morgens. Ich konnte nicht mithören, weil Kopfhörer benutzt wurden, aber da die Kantorin und die Rabbinatsstudentin nicht in der Synagoge, sondern in privaten Räumen waren und ich viele Zoom-Kacheln gesehen habe, weiß ich, daß es in New York auch ganz schön heftig sein muß, was die Pandemiesituation betrifft.

Samstagnachmittag und auch am Abend kein Besuch. Ich war irritiert und mußte mir immer wieder vergegenwärtigen, dass wir in Quarantäne sind. Einige Anrufe, Gespräche von Bewohnern, der eine legt eine Patience, ein anderer macht Näharbeiten und der Chefkoch bereitet einen leckeren Blumenkohl-Reis-Eintopf zu. Für reichlich Vitamine ist auch gesorgt.

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WMDEDGT November 2021

Seit April 2013 ruft die Nachbarbloggerin immer am 5. des Monats zum Tagebuchbloggen auf unter dem Motto „WMDEDGT?“ (kurz und knackig für „Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“). Manchmal melde ich mich auch hier im Blog zu Wort und dieses Mal habe ich besonders viel zu erzählen. 

Ich bin der Tisch von der Wohngemeinschaft Naunynstraße  Diesen Monat allerdings mit Verspätung, weil hier unglaublich viel los war und außerdem w.ordpress spinnt. Aber der 5. November 2021 war ein ganz besonderer Tag und hat in unserer Wohngemeinschaft Geschichte geschrieben. Deshalb MUSS ich hier davon berichten:

Um 6.15 Uhr ging es los wie immer um diese Jahreszeit bei mir im Wohnzimmer. Der Kachelofen wurde geheizt, damit es zur Frühstückszeit schön warm ist. Am Morgen unter der Woche – so auch heute – treffen sich die BewohnerINNEN immer um halb neun zum Frühstück bei und an mir. Heute wurden die letzten Absprachen für die Vorbereitungen für den Abend getroffen und sich gefreut.

Ein besonderer Besuch wurde erwartet: Pater P.hilipp aus dem Benediktinerkloster Maria Laach in der Eifel.Der Chefkoch ist ein treuer Hörer vom täglichen Online-Abendgebet , das von Pater P.hilipp gestaltet wird. Eine konspirative Aktion führte dazu, daß der Chefkoch eine Namenstagskarte aus Maria Laach erhielt („ist die wirklich echt?“). Als sich herausstellte, daß Pater P.hilipp im November in Berlin sein würde, wurde er in die WG eingeladen und sagte zu.  Heute nun sollte nun der große Tag sein. Und weil der auf einen Freitag fällt, würde das Abendessen auf den Beginn des Schabbat fallen.

Der Chefkoch wäre nicht der Chefkoch, wenn er nicht für diese Gelegenheit ein besonderes Essen geplant hätte. Schon am Donnerstagabend wurde indischer Paneer-Käse mariniert und eingelegt. Nach dem Frühstück traten – mindestens – drei Bewohner in Aktion um Gemüse und Obst zu schälen und nach genauen Vorgaben zu schneiden. Das dauerte, denn der Chefkoch wollte seine Freude mit anderen teilen und weitere Gäste einladen. Aus pandemischen Gründen mußte er auf drei weitere Personen begrenzt werden. Dann würden zwölf Personen an mir Platz nehmen.

Zwischendurch kam diese/r und jene/r aus der Nachbarschaft vorbei – normaler WG-Alltag. Unsere jüngste Mitbewohnerin – vom Alter und von der Wohndauer her – hat ein besonderes Faible für Dekoration. Deshalb wurde von mir die Herbst-Deko entfernt. Und dann wurde es richtig spannend. Was hat sie sich diesmal einfallen lassen? Über meine Mitte wurde in voller Länge ein 20-Zentimeter breites blaues Band als Himmel gespannt. Am einen Ende wurde eine kreisrunde orange Sonne für den Sonnenaufgang gelegt und am anderen Einde ein dunkelroter Kreis für den Sonnenuntergang: Um die Sonnenkreise flogen farblich passend Origami-Schmetterlinge: Dazwischen kleine Gläschen mit (Vogel-)Sand und Teelichtern oder Zweigen.

In der Mitte standen dann die beiden Schabbatleuchter mit den weißen Kerzen,  die Platte mit den Schabbatbroten, das Glas für den Traubensaft und ein Salzstreuer.

 

Als der Chefkoch nach Hause kam, war alles so weit und gut vorbereitet, daß die restliche Kocharbeit in Ruhe vor sich gehen konnte und alles eine gute halbe Stunde vorher fertig war. Pater P.hilipp war absolut pünktlich – die anderen Gäste etwas weniger. Es war alles ganz locker und unkompliziert. Um halb acht konnten wir dann gemeinsam beginnen.

Nach einem gebet, das einem hilft, die Woche hinter sich zu lassen, wurden die Schabbatkerzen angezündet und der Segensspruch gesagt, dann der Traubensaft gesegnet und getrunken (jede/r aus dem eigenen Glas), danach das Schabbatbrot gesegnet, gebrochen, gesalzen und geteilt: Eine fröhliche und ganz besondere Atmosphäre – ich mag das.

Danach gab es das festliche Abendessen. Alle schwelgten in Kürbissuppe mit Granatapfelsaft (Vorspeise), Paneer-Käse mit (dem berühmten) Gemüsereis, fruchtiger Sauce und Salat. Zum Abschluß gab es eine bunte Obstplatte. Allen hat es vorzüglich geschmeckt. Die Gespräche waren für mich sehr interessant. Man erfährt ja nicht alle Tage – nicht einmal bei uns – wie das Leben in einer Benediktinerabtei so läuft. Pater P.hilipp wollte wissen, in was für einer Wohngemeinschaft er gelandet war. Die Bewohnerinnen und Bewohner fragten, wie er nach Maria Laach kam, warum er ins Kloster eingetreten ist, was er vorher gemacht hat, was er jetzt macht, wie die Abendgebete entstehen vom ersten Gedanken bis zum Abrufen im Internet … Er hat alles ausführlich und mit viel Humor beantwortet.

Es wurde ein langer Abend. Am Anfang der Zusammenkunft hatte der Chefkoch gefragt, ob er sich eine spontane Andacht zu einem Thema wünschen darf. Sein Wunsch wurde erfüllt und Pater P.hilipp gestaltete sie zum Thema „Dankbarkeit“ wie gewünscht: „Danket dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewig“.

Nach dem Abschied wurde noch gespült und aufgeräumt, dann war es schon fast 23.00 Uhr. Im Winter ist das nach der Zeitumstellung die Zeit, wo es in New York 18.00 h ist – bis sie auch dort umstellen- und in der Central Synagogue der G-ttesdienst zum Schabbatbeginn anfängt. I klinkt sich seit gut 1 1/2 Jahren dort ein. Weil Mitbewohner M. auch dabei sein wollte, wurden die Kopfhörer ausgesteckt und die Lautsprecher angestellt. So konnte ich auch mithören. Das war richtig fetzig mit Kantor Mutlu. Den kenne ich schon.

Weil M. kein englisch versteht, hat I. an einigen Stellen erklärt, um was es gerade geht. Ich war richtig geschockt als ich hörte, daß bei den Gebeten für die Verstorbenen der Gemeinde in der letzten Woche auch an die Todesopfer von Amokläufen erinnert wird – egal ob sie jüdisch waren oder nicht. Jede Woche – mit ganz wenigen Ausnahmen – höchstens zwei Mal meint I. in den 1 1/2 Jahren, in denen sie dabei ist, gibt es Opfer von „mass shootings“. Ich war schockiert.

Nach einer guten Stunde war der G-ttesdienst zu ende, und es kehrte Ruhe im Wohnzimmer ein bevor es am Morgen mit dem offenen Samstagsfrühstück weitergehen würde. So schön es war – ich war dringend erholungsbedürftig.

Und weil am Schabbat nicht geschrieben wird und auch am Sonntag und danach auch viel los war, kommt dieses Posting verzögert ins Netz.

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#WMDEDGT Oktober 2021

Seit April 2013 ruft die Nachbarbloggerin immer am 5. des Monats zum Tagebuchbloggen auf unter dem Motto „WMDEDGT?“ (kurz und knackig für „Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“). Manchmal melde ich mich auch hier im Blog zu Wort und das ist jetzt wieder mal eine prima Gelegenheit. 

Ich bin der Tisch von der Wohngemeinschaft Naunynstraße und komme manchmal hier zu Wort. Am Morgen unter der Woche treffen sich die BewohnerINNEN immer um halb neun zum Frühstück bei und an mir. Weil wir am Wochenende von einer benachbarten evangelischen Gemeinde die Gaben vom Erntedank-Altar bekommen haben, ist gerade besonders viel Obst da. Deswegen hat der Chefkoch zusätzlich einen leckeren Obstsalat mit vielen Kernen gemacht.

 

Es gab dann einige Aufregung am Frühstückstisch, denn er hat eine rätselhafte Nachricht bekommen, dass ein Paket unterwegs ist. Er weiß von nichts und hat nichts bestellt. Alle dachten gleich an eine gemeinsame Freundin, die in den letzten Wochen viel Ärger hatte, weil Waren auf den Namen ihres verstorbenen Mannes bestellt worden sind und die Pakete abgefangen wurden: Viel Stress und viel Ärger mit der Polizei. Und Rechnungen weit über tausend Euro. 

Danach gab es erste Absprachen und Vorbereitungen für das Abendessen für den Gemeinschaftsabend, der immer am Dienstagabend stattfindet. Ansonsten war es tagsüber recht ruhig, weil alle mehr oder weniger unterwegs waren. Ein paar Mal läutete das Telefon, aber darauf sprang mein Kollege, der Anrufbeantworter, an.

Gegen halb fünf fing dann M. mit den Vorbereitungen fürs Abendessen an. Es sollte Kartoffeln mit Kräuterquark und Tomatensalat geben. Um sechs Uhr trudelten alle zum Abendessen ein. Einer wurde mit Erkältungssymptomen ins Bett geschickt und mit Tee versorgt. Danach trafen sich die anderen zum gemeinsamen Abendessen.

Um sieben Uhr beginnt dann die Austauschrunde, in der jede/r erzählen und mitteilen kann, was auf dem Herzen liegt an Schönem oder Schweren. Die anderen hören einfach zu, geben Raum und stellen nur Verständnisfragen. Das läuft so seit über vierzig Jahren und hilft, Facetten des eigenen Lebens anzuschauen und in den Blick zu bekommen, „den Brunnen tiefer (zu)graben

Heute war viel Dankbarkeit im Raum über das schöne Franziskus-Namenstagfest eines Mitbewohners am Sonntag. Schon lange war ich nicht mehr so schön geschmückt. So viele Menschen haben schon seit dem Frauentag 2020 nicht mehr an mir Platz genommen. Mir wurde ganz schwindlig vor Aufregung. Und erst die Franz-von-Assisi-Torte … Sie sah fantastisch aus und schmeckte auch so – habe ich gehört.

Zwei Gäste hatten Instrumente mitgebracht: Mandoline und Gitarre. Ich hörte einige Lieder, die ich noch nicht kannte – und ich kenne viele in den über vierzig Jahren, die ich hier zuhause bin. Auch gemeinsam gesungen, erzählt und gelacht wurde viel – ich sage nur: jüdische Witze … Mein Lieblingwitz wurde auch erzählt. Er handelt vom Priester, vom evangelischen Pfarrer und vom Rabbi, die sich regelmäßig zu einer Pokerrunde treffen. Leider tun sie das in einem amerikanischen Bundesstaat, in dem Glücksspiel verboten ist. Der örtliche Sheriff hebt die illegale Pokerrunde aus. Einige Wochen später müssen die drei vor Gericht erscheinen. Der Richter fragt zuerst den Priester: Father, haben Sie Poker gespielt? Der Priester hebt seine Augen gen Himmel und spricht ein stilles Gebet. Das schließt mit den Worten: „Herr, vergib mir“, und er antwortet: Nein, Euer Ehren, ich habe nicht gepokert. Auch der evangelische Pfarrer wird vernommen: „Reverend, haben Sie gepokert“. Der senkt den Kopf, spricht ein stilles Gebet. Das endet mit den Worten: „Herr, vergib mir“ und antwortet:“Nein, Euer Ehren, ich habe nicht Poker gespielt.“ Nun wird auch der Rabbi befragt: „Rabbi, haben Sie Poker gespielt?“ Der Rabbi schaut zu seinen beiden Mitspielern, zum Priester, zum Reverend, dann zum Richter und sagt: „Euer Ehren, mit wem denn?“ Es wurde ein langer und froher Abend …

Jetzt bin ich abgeschweift, aber das und viel anderes hatten Platz in der Austauschrunde: Schönes und Beschwerliches, Reisepläne, gesundheitliche Einschränkungen, Arzttermine, Ärger mit Behörden und einer Telefonhotline …

Das Namenstagskind hatte sich noch gewünscht, daß wir miteinander „Franz von Assisi – Bruder aller Menschen“ anhören. Sein Leben wird aus der Sicht seiner Gefährtin Clara erzählt. Der erste Teil war schon mal sehr spannend mit einigen schönen Liedern und Musikstücken aus mittelalterlicher Zeit. Den Rest hören wir in den nächsten Tagen.

Zum Abschluß des Abends gibt es für die, die mögen noch eine „Feier des Lebens“ – andere würden sagen ein Gottesdienst, aber das weckt immer eher christliche Assoziationen, und bei uns sitzen immer mehrere Weltreligionen am Tisch: Musik, Impuls, Lieder, Räucherstäbchen, Austausch zu einem heiligen Text (meist aus der Bibel), Gedanken und Gebete für Menschen in Not, Segensworte – jede/r kann etwas einbringen…

Danach fiel dem Chefkoch ein, daß er noch Hilfe bei einer Mail braucht. Für diese Woche werden keine Kartoffeln mehr benötigt und müssen beim Bauern abbestellt werden. Danach gingen dann nach und nach alle Lichter aus, und es wurde still …

Andere Beiträge zu #WMDEDGT sind bei der Nachbarbloggerin   nachzulesen.

#WMDEDGT September 2021

Seit April 2013 ruft die Nachbarbloggerin immer am 5. des Monats zum Tagebuchbloggen auf unter dem Motto „WMDEDGT?“ (kurz und knackig für „Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“). Manchmal melde ich mich auch hier im Blog zu Wort und das ist jetzt wieder mal eine prima Gelegenheit. 

Ich bin der Tisch von der Wohngemeinschaft Naunynstraße. Seit 43 Jahren stehe ich nun schon hier mitten im im Wohnzimmer. Ganz viele Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und aus aller Welt haben sich schon an mir versammelt, gegessen, erzählt, gespielt, gearbeitet, gelacht und geweint … Mit dem Zählen habe ich schon lange aufgehört. Was ich schon alles gehört und erlebt habe, das geht auf keine Kuhhaut hat auf keiner Tischplatte Platz

Und jetzt habe ich Lust, mich an dieser Aktion zu beteiligen. Ich hoffe, das ist o.k. Weil der 5. des Monats auf einen Samstag fällt, wird morgens wieder das offene Samstagsfrühstück der WG stattfinden, das nur ausfällt, wenn Weihnachten oder Sylvester auf einen Samstag fallen. Da kocht der Chefkoch nämlich für ganz viele Leute und hat zu viel Streß, wenn er erst nach dem Samstagsfrühstück anfangen kann. Ja, und dann gab es noch eine einzige Ausnahme, an der ich maßgeblich beteiligt war vor etwas mehr als fünf Jahren, da fiel es auch aus. 

Aber am Samstag – ist nämlich seit Corona – immer schon kurz vor 0.00 Uhr hier einiges los. I. ist dann nämlich in New York zugange – virtuell natürlich und so spät oder früh wegen der Zeitverschiebung. Sie nimmt dann am Schabbatg-ttesdienst der Central Synagogue teil – zumindest jetzt seit 1 1/2 Jahren in der Zeit von Corona. Vorher muß dann schon für den Kiddusch am Ende des G-ttesdienstes vorbereitet werden. Und so steht dann auf meiner verlängerten Tischplatte die beiden Schabbatkerzen, die beiden Schabbatbrote, die „Challa“ heißen und ein Becher mit rotem Traubensaft, manchmal auch noch ein Blumenstrauß, wenn wir einen von der Tafel bekommen haben wie hier auf dem Bild.

Weil M., die im Zimmer neben mir wohnt, gerade nicht da ist – sie kocht auf einem Seminar in einem buddhistischen Zentrum – war der Kopfhörer ausgesteckt und die Lautsprecher angestellt. So konnte ich alles mithören (hier). G. war auch ein paar Minuten dabei und fragte am nächsten Tag, ob das hier in den Synagogen auch so abgeht. Es war fröhlich und wurde ganz viel gesungen. Dort sitzen die Leute schon wieder sehr nah zusammen in der Synagoge. So nah sitzt hier niemand am Tisch seit Corona-Beginn.

Unglaublich, von woher sich Leute zugeschaltet haben. Ich konnte das in den Kommentaren mitlesen: Portugal, Luxemburg, Brasilien, Moskau, Australien und wir in Berlin … – also eine weltweite Community. Der Rabbinatsstudent, der gerade Praktikum macht und eine Regenbogenkippa trägt, hat viele Lieder mit einem kurzen Satz eingeführt und auch Gedichte vorgelesen. Es ging darum, daß am Montagabend das jüdische neue Jahr beginnt und der Schabbat so eine Art Crescendo sei.

Von der Ansprache habe ich wenig mitbekommen. Ich war irritiert. Seit längerer Zeit war nämlich Rabbi Hilly wieder mal dran, aber ganz verändert im Aussehen. Ich hatte Hilly als sehr jungenhaften, burschikosen Mann in Erinnerung. So ist er auch auf der Seite der Synagoge zu sehen – mit einem Holzfällerhemd. Jetzt aber: Rabbi Hilly viel weicher von den Gesichtskonturen und etwas unsicherem Auftreten. Mann? Frau? Mann? Frau? dachte ich. Aber die Facebook-Kommentare klärten mich auf: „Rabbi Hilly – I like her sermons. It’s really great“ war da zu lesen. Alles klar – dachte ich: Transition. 

Das kenne ich. Wir haben oft Besuch von Leuten aus der LGBT-Community. MM., den ich schon viele Jahre kenne und der während einer Krise mal hier gewohnt hat, hat das auch durch – allerdings in die andere Richtung. Ich weiß also, was Trans-Frauen und Cis-Männer sind. Neulich war er ziemlich geschafft, weil seine Family ihn eigentlich nicht bei der Beerdigung vom Lieblingsonkel dabei haben wollte. Den Schabbat-G-ttesdienst fand ich ziemlich lang mit 1 1/4 Stunden Dauer, aber I. sagt, das sei noch gar nichts. Am Samstagvormittag der G-ttesdienst hier in Deutschland ginge gut und gerne 2 1/2 Stunden oder länger. Jedenfalls gefällt mir der Schluß besonders gut, wenn der Segen über Wein und Brot gesungen wird und sich alle über den Schabbat freuen. Und zusätzlich hört I. dann immer als Schlußlied „Adon Olam“ (Text hebräisch / deutsch) von der spanisch-portugiesischen Synagoge in Montreal auf die Melodie „Sounds of Silence“ von Simon & Garfunkel:

 

Nachts war es wieder sehr turbulent vor unserem Haus – wie immer am Wochenende, wenn nicht Lockdown ist. Im Erdgeschoß von unserem Haus befindet sich nämlich die Kneipe „Trinkteufel – Tor zur Hölle“ – die heißt wirklich so – und gegenüber ist ein Späti, der die Kundschaft bis in die frühen Morgenstunden mit Alkoholischem Getränken abfüllt versorgt.

Samstagsfrühstück

Um 8.00 Uhr kommen dann die ersten Bewohner um das Samstagsfrühstück (Einladung mit Bild von mir) vorzubereiten: Tisch decken, Kaffee und Tee kochen, Marmeladen, Käse, Aufstriche aus dem Kühlschrank holen, Quarkspeise zubereiten – dieses Mal mit Johannesbeeren, Birnen und Schokoraspeln. Zwischen halb zehn und halb eins ist dann immer ein Kommen und Gehen. Jetzt während Corona kommen weniger Leute, aber vorher waren zwanzig bis fünfundzwanzig Gäste während dieser Zeit nichts Ungewöhnliches. Die Gespräche gehen um G-tt und die Welt. Einige Themen – sicher nicht alle – habe ich noch in Erinnerung: Trans- und Intersexualität und warum Lesben sich von Transfrauen dominiert erleben, welche selbstverwalteten Orte durch Corona beendet wurden (Cafe positiv für HIV Positive und ihre Freunde, Cafe Seidenfaden …), Erfahrungen mit Paketbetrug und Internet-Kriminalität, ob und wie der Holocaust in der Schule thematisiert wurde, Umgang mit Schuld und Schuldgefühlen, Situation in Afghanistan, Unteilbar-Demo, Pater Gregor fliegt am Montag in den Südsudan zurück und lädt zu seinem Abschiedsfest ein … Ich war richtig geschafft am Ende.

G. mußte dann um halb drei alleine zur Tafel von den Schwestern von Mutter Teresa gehen und brachte viele gute Sachen mit: Obst, Gemüse und Milchprodukte. Schwester Ma-ri-hu-ana (running Gag) Myrionia ließ ausrichten, daß wir uns später noch mal melden sollen, weil noch Sachen von Edeka erwartet werden, die sie nach dem Wochenende nicht mehr verkaufen können. Außerdem hat sie für M, unseren grünen Daumen, noch einige Pflanzen. 

M. mußte dann im Computer neben mir herausfinden, wie er am besten nach L. kommt: Ein kleiner Ort in der Nähe von Rostock. Mitbewohner N. hat dort in den letzten Tagen gearbeitet und kommt wegen dem Bahnstreik nicht weg. Deswegen soll M. ihn und seinen Chef abholen und macht sich auf den Weg. Der Chef darf nämlich derzeit nicht Auto fahren. Ich sage nur: Alkohol am Steuer …

Gegen fünf Uhr kommt der Chefkoch runter und bereitet das Abendessen vor – das erste Mal seit Tagen, daß er wieder kocht. Er hat großen Kummer. Um sechs Uhr gab es dann Abendessen: Ofengemüse, Hähnchenschenkel und zum Nachtisch Melonenscheiben. 

Später rief dann M. aus R. an. Er war schon öfter bei uns zu Besuch. Er war wieder einige Wochen in der Psychiatrie und möchte gern wieder bei uns mitleben. Im betreuten Wohnen bekommt er Taschengeld und das spart er für die Fahrkarte zu uns. Weil man unser Telefon auf laut stellen kann, konnte ich das alles mithören.

Ansonsten war H. noch da. Er wohnt in der Nachbarschaft und hat in Brandenburg einen Garten mit vielen Obstbäumen. Er läßt uns immer an seiner Obsternte teilhaben. Heute hatte er Lorbeerblätter dabei. Eigentlich ist er im Moment mit uns zerkracht und erzählt überall herum, daß er bei uns rausgeschmissen worden ist. Was nicht stimmt. Ich habe es mitbekommen. Er kam unmöglich früh und M. war gerade am Kofferpacken für das buddhistische Seminar und wollte noch ihr Zimmer aufräumen und sauber machen. Deshalb hat sie ihm gesagt, daß in einer Stunde Frühstück ist (unter der Woche) und er dann gern dazu kommen kann. Das hat er übel genommen. Doch jetzt besteht Hoffnung, daß wir doch noch Pfirsiche und gelbe Pflaumen bekommen. Die gelbe-Pflaumen-mit-Tonkabohnen-Marmelade ist ein Gedicht …

Marmeladenregal

Dann gab es noch eine traurige Nachricht: Schrotti, ein Freund von Mitbewohner M. ist verstorben. Er wohnte viele Jahre in einer Wagenburg in unserer Nähe und hat die letzte Zeit in einem Pflegeheim im Prenzlauer Berg verbracht. Auf mir wurde eine Kerze aufgestellt und angezündet wie wir das immer machen wenn eine Todesnachricht eintrifft oder wir einen Todestag begehen.

Hier kann man nachlesen, was andere über ihren 5. September geschrieben haben.

Nachtrag: Und erst Stunden nach der Veröffentlichung ist mir aufgefallen, dass Samstag ja der 4. September war und nicht der 5. 

xxx