Kommunitätsabend über und mit Werner

Vorgestern am späten Vormittag habe ich einige Erinnerungen an Werner (1954 – 2021) gepostet und war ganz perplex wie oft dieser Beitrag am gleichen Tag gelesen wurde. Es waren drei Mal soviel Aufrufe wie sonst an guten Tagen. Werner wäre über dieses Interesse an seiner Person sicher sehr erstaunt.

Jeden Dienstag treffen wir uns zu einen Gemeinschaftsabend (Kommunitätsabend), der mit einem gemeinsamen Essen beginnt. Danach erzählen wir uns in einer Austauschrunde, was uns in der vergangenen Woche bewegt hat und wichtig geworden ist. Durch die Beiträge einzelner, wie sie Werner erlebt haben, ist er uns an diesem Abend nochmal anders nahe gekommen und hat sich der Blick auf ihn erweitert. Später meinte jemand, es sei gewesen als ob Werner mit dabei war. 

Werner war aus Westfalen und ist als Erwachsener nach Berlin gekommen. Nach der Wende gab es bei ihm einen beruflichen Abbruch wie bei vielen anderen. Mit der auslaufenden Berlinförderung fielen viele Arbeitsplätze weg, weil Unternehmen sich andere Standorte suchten oder nicht mehr halten konnten. 

Werner arbeitete dann als Ein-Euro-Jobber im Hausmeisterbereich und in der Grünanlagen- und Gartenpflege in sozialen Projekten. So kam er nach Kreuzberg in die katholische Kirchengemeinde St. Marien-Liebfrauen und St. Michael. Für einige Menschen innerhalb und außerhalb der Kirchengemeinde hat Schwester Ingrid von den Siessener Franziskanerinnen mehrmals wöchentlich einen Mittagstisch angeboten. Auch Werner hatte Teil an dieser Runde wenn er in Sankt Michael eingesetzt war. Über den Kontakt mit Schwester Ingrid entstand dann die Verbindung zu unserer WG zwei Straßen weiter.

Werner war immer in Bewegung, immer unterwegs, hatte immer zu tun. Nach den üblichen Maßstäben war er – materiell gesehen – arm. Er lebte von Grundsicherung und vom Flaschen sammeln. Er konnte sich unglaublich über ein Sonderangebot im Supermarkt freuen. Er war sehr bescheiden und brauchte für sich nur ganz wenig. „Ich gebe 90 Prozent weiter“ war sein Lebensmotto. Das Miteinander-Teilen war sein Herzensanliegen und daß nichts verschwendet wird. 

So hatte er einen festen Kreis von Leuten in seiner Nachbarschaft in Neukölln, denen er abgelaufene Lebensmittel aus Geschäften und Supermärkten in seiner Umgebung brachte. Dort durfte er kurz vor Geschäftsschluß an der Rampe aussortieren, was er weiter verteilen wollte. Zwei- bis drei mal in der Woche – meist am späten Abend wenn er die erste Runde Flaschen sammeln hinter sich gebracht hatte – kam er dann bei uns vorbei zum Abendessen und mit mehreren Kisten voller Lebensmittel. Am Samstagabend betonte er immer: „Was ihr nicht braucht, das nehmt ihr morgen in die Kirche mit“. Er wußte vom Sonntagsfrühstück in St. Michael nach der Messe und wollte auch dort einen Beitrag leisten.

Da wir von einer Bäckerei mehr Brötchen und Backwaren bekommen als wir verbrauchen können, nahm er dann trockenes Brot mit für „die Tiere“, das er dann zu einem Kinderbauernhof brachte. 

Seit seine Lebensgefährtin Ingrid verstorben war, mit der er dreißig Jahre zusammen war, war der Friedhof mit ihrem Grab eine wichtige Anlaufstelle für ihn geworden. Er kümmerte sich auch um die benachbarten Gräber („die Blumen dort haben auch Durst“) und nahm auf eigene Faust einige gärtnerische Eingriffe in die Friedhofslandschaft vor (Bank versetzen, Büsche beschneiden…). Als ich ihn fragte, was denn die Friedhofsmitarbeiter zu seinen – unabgesprochenen – Aktivitäten meinten, machte er eine wegwerfende Handbewegung und sagte: „Die sind doch froh wenn jemand was tut. Die haben doch immer weniger Zeit“.

Er hatte ein weites Herz. Sehr interessiert und wach hat der das politische Geschehen verfolgt und kommentiert. Werner war einer, der sich gekümmert hat. Im Lazarus-Hospiz durfte er in seiner letzten Lebensphase erleben, daß sich um ihn gekümmert wird. Er fehlt uns: Kein Hallö-öchen und kein Tschau-i-i mehr. 

Zum Weiterlesen:
Tschau-i-i Werner
Voll die Härte für Arme: Zwei Monate mit 31 Tagen


xxx

Laubhüttenfest in Zeiten von Corona oder von der Verletzlichkeit unseres Lebens

Dach einer Laubhütte

Sieben Tage Laubhüttenfest (Sukkot) – ein Erntedankfest und eine Erinnerung an die vierzig Jahre in der Wüste. EINER geht voran – geht mit: Tags als Wolkensäule – nachts als Feuersäule. Die Israeliten – wir – unterwegs, verletzbar, verwundbar, ausgesetzt äußerlich und innerlich. Die Sukka – ein Schutz: auf Zeit, vorläufig bis zum nächsten Aufbrechen – ein Provisorium. Sieben Tage in einer Laubhütte leben und wo das von den Temperaturen her nicht möglich ist, zumindest die Mahlzeiten dort einnehmen. Sich mit Freunden und Bekannten treffen zum Reden, Lernen … Spontan hingehen – ins Gemeindezentrum oder wo „privat“ eine steht. All das ist in diesem Jahr der Pandemie so nicht möglich. Und doch bringt uns Corona und die damit verbundenen Umstände näher an die ursprüngliche Bedeutung dieses Festes.

Unsere Vorfahren waren vierzig Jahre in der Wüste unterwegs nach ihrer Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten auf ihrem Weg ins Land der Verheißung. Sie waren der Hitze, der Kälte und den Sandstürmen ausgesetzt und bauten immer wieder an neuen Rastplätzen provisorische Hütten. Die Mehrzahl derer, die aus Ägypten ausgezogen waren, starben unterwegs und kamen nicht im Land der Verheißung an.Sie erlebten die Zerbrechlichkeit, Verletzbarkeit und Vorläufigkeit des Lebens. Ihre Lebensbedingungen waren ganz andere als unsere unter „normalen“ Umständen. Aber was ist in diesem Jahr – in diesen Zeiten –  normal?

Wenn ich aus dem Haus gehe und auf den Straßen Kreuzbergs unterwegs bin, sehe ich immer mehr Leute, die sich in Hauseingängen, auf Treppenstufen, auf Sitzplätzen von Bushaltestellen oder auf den Parkbänken im Engelbecken provisorisch eingerichtet haben und versuchen zu schlafen oder mit Einkaufswägen unterwegs sind, in denen sie ihre Habseligkeiten mit sich führen. Immer mehr Menschen verlieren ihr Zuhause, sind auf öffentliche Essensausgabestellen und in der kalten Jahreszeit immer mehr auf Notübernachtungsprogramme angewiesen.

Zu Vor-Corona-Zeiten hat uns die Sukka an die Brüchigkeit, Begrenzungen und Endlichkeit unseres Alltagslebens erinnert. Dieses Jahr 2020 brauchen wir die Laubhütte, damit sie uns daran erinnert, daß die Zerbrechlichkeit, wie wir sie in diesen Zeiten erleben, vorübergehend und vorläufig ist. Wir brauchen die Laubhütte um uns bewußt zu machen, daß die zeitweiligen Strukturen, in denen wir leben, keine Lösung auf Dauer sind und auch nicht sein können und dürfen.

Dieses Jahr können wir nicht wie in anderen Jahren viele Gäste in die Sukka einladen. Es gibt einen schönen Brauch, Gäste aus biblischen Zeiten in die Sukka einzuladen, die „Uschpisim“. Das kann uns nähren und stärken. Uschpisim ist das aramäische Wort für Gäste, die besonders wertgeschätzt werden. Man lädt sie in die Sukka ein, denn jeder Tag steht unter dem Zeichen eines anderen himmlischen Gastes. Der Brauch ist in einem mystischem Zweig des Judentums entstanden, – bei den Kabbalisten von Sefat. Die sieben Gäste haben gemeinsam, dass sie alle Hirten waren: Am ersten Abend ist es Abraham, am zweiten Isaak, am dritten Jakob, am vierten Josef, am fünften Moses, am sechsten Aaron und am siebten David. Da das sehr einseitig auf Männer zentriert ist, kamen jüdische Frauen in den letzten drei Jahrzehnten auf die Idee, auch biblische Frauen als Gäste einzuladen. Nach dem Verständnis der Kabbala ordnen wir unser Wesen, wenn wir jeden Abend einen anderen himmlischen Gast empfangen und ehren. Diese Gäste werden als uschpisin dimnuta (Gäste des Glaubens) gesehen.

Auch wenn wir uns um den Tisch in der Laubhütte nicht so versammeln können wie in anderen Jahren und Gastfreundschaft üben können, wie wir es gern tun würden, so brauchen wir diesen Tisch als Zeichen der Erinnerung an die Menschen, die sich nicht aussuchen können wie wir, ob sie sich draußen oder drinnen aufhalten, weil es für sie kein DRINNEN mehr gibt und nur gelegentlich die Möglichkeit besteht, sich für eine halbe Stunde zur Einnahme eines warmen Essens hinzusetzen, wenn sie nicht gar gleich nach dem Austeilen eines Essenspackets gehen müssen, weil sonst die Einhaltung der Corona-Regeln nicht mehr zu bewerkstelligen ist und die Schließung der Essensausgabe droht.  Alte Menschen sitzen am Ostbahnhof auf Bordsteinen um die warme Mahlzeit zu verzehren, die sie vom Caritas-Foodtruck erhalten haben. Im Bahnhofsbereich weisen Beschilderungen darauf hin, daß sich dort nur aufhalten darf, wer eine gültige Fahrkarte vorweisen kann.

Man mag das mit Zweigen bedeckte Dach der Sukkah malerisch und die Sicht auf die Sterne und den Mond großartig finden, aber die, die unter Planen und wackeligen Zeltkonstruktionen die Nacht verbringen, für sie bedeutet jedes Loch weniger Schutz vor Regen, Wind, Kälte und ist ein mögliches Einfallstor für Krankheiten, die für sie bedrohlicher sind als für uns, weil viele von ihnen von medizinischer Versorgung weitgehend abgeschnitten sind.

Was können wir tun?

1. Wir können Essensausgabestellen, Suppenküchen, den Caritas-Foodtruck, Einrichtungen der Kältehilfe durch Geld- oder Sachspenden unterstützen.

2. Auch Menschen, die sich ehrenamtlich in diesem Bereich engagieren wollen, werden gesucht. Gerade jetzt werden an vielen Stellen neue Ehrenamtliche gebraucht, weil aus Altersgründen viele, die seit Jahren im Einsatz sind, wegen erhöhter Gefährdung vor Corona ihr Engagement nicht mehr fortsetzen können.

3. Auch häusliche Gewalt nimmt in diesen Zeiten zu. Wir können Einrichtungen, die sich in diesem Bereich einsetzen, unterstützen. Auch wenn wir selber gerade ein mehr zurückgezogenes Leben führen, können wir achtsam sein, ob wir in unserem Umfeld Zeichen häuslicher Gewalt wahrnehmen.

4. Viele von denen, die bis jetzt immer wieder zu den Helfenden gehört haben und in scheinbar gesicherten Verhältnissen gelebt haben, sind durch Corona in Not geraten, weil sie keine oder stark eingeschränkte Arbeitsmöglichkeiten haben. Für sie kann es schwer sein, sich mit ihrer Not und Bedürftigkeit zu zeigen. Wem es schwer fällt, sich direkt an andere oder auch an soziale Einrichtungen zu wenden, für den oder die kann eine der Telefonberatungsstellen ein erster Ort zum Gespräch darüber sein (Telefonseelsorge, Corona-Telefon …).

Mehr Infos zum Laubhüttenfest
Mehr zum Caritas-Foodtruck


xxx

Kein Platz in der Unterkunft …

… denn die hatten keinen Platz in der Unterkunft bekommen (Lukasevangelium 2,7)

Kurz vor 23.00 Uhr steht eine Freundin unserer Gemeinschaft vor der Tür. In drei Notübernachtungsstellen hat sie umsonst um eine Schlafstelle nachgefragt, denn alle waren geschlossen worden.

Inzwischen sind alle Ausgabestellen der Berliner Tafel geschlossen. Auch die meisten Suppenküchen sind zu. Die Franziskaner in Pankow geben Essen in Gefäßen aus, ebenso die Missionaries of Charity (Schwestern von Mutter Theresa) in Kreuzberg . Das Mittwochscafe von Sankt Marien-Liebfrauen gibt Lunchpakete und Kaffee aus. Es ist verboten den Gemeindesaal – wie sonst – zu öffnen, damit die Menschen sich hinsetzen können. Sie müssen sofort weitergehen, wenn sie Lunchpaket und Kaffee erhalten haben.

Die Ärmsten trifft der Corona-Virus am Härtesten. Davon aber kein Wort in der zweistündigen Sendung von „Hart aber Fair“. Dort werden – abgesehen von alleinerziehenden Müttern – die Probleme der Mittelschicht verhandelt.

Andre Hoek, der selbst jahrelang obdachlos war, schreibt in seinem Weblog über die derzeitige Situation von Obdachlosen.

 

x

 

 

Vom Bauarbeiter-Professor, vom Taxi-Doktor und unseren Blindheiten

Eine Geschichte, die vor einiger Zeit in unserer Nähe passiert ist, kam mir in den Sinn. Einige Details habe ich verändert. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind nicht ganz zufällig.

Es war einmal – nein es ist – ein Mann in einem armen Land. Er ist ein angesehener Professor an einer großen sozialwissenschaftlichen Fakultät der Hauptstadt seines Landes, Vize-Dekan genau genommen. Philosophie hat er mehrere Semester studiert, und er hat ein außerordentliches Interesse und Wissen über Geschichte. Für die Verhältnisse in seinem Land verdient er gut. Eine enge Verwandte braucht eine Operation, die von der Gesundheitsversorgung in seinem Land nur zu einem geringen Teil abgedeckt ist, großenteils privat bezahlt werden muß und trotz seines für sein Land guten Verdienstes – weit jenseits seiner Möglichkeiten liegt. Es geht um Weiterleben oder Sterben.

Deshalb beschließt er ein Freisemester zu nehmen und in eine große Stadt eines reichen Landes zu gehen um dort mit Hilfsarbeiten Geld für die Operation zu verdienen. Er war bereits in der großen Stadt zu wissenschaftlichen Fachkongressen. Die Landessprache spricht er nicht. Englisch spricht er fließend, denn das ist seine Fachsprache, in der er auch publiziert. In der großen Stadt kann er bei einem Cousin wohnen, der schon länger da ist und zur Untermiete wohnt. Hauptmieterin ist eine Frau, deren alte Mutter auch in der Wohnung lebt und immer wieder an Gedächtnisstörungen leidet.

Der Professor findet durch seinen Cousin schnell Arbeit auf einer Baustelle in der großen Stadt. Er steht immer sehr früh auf und kommt müde und erschöpft zu einer Zeit nach Hause, zu der für seinen Nachbarn gegenüber, den Taxi-Doktor das eigentliche Leben erst beginnt. So kommt es, daß sich der Bauarbeiter-Professor und der Taxi-Doktor wochenlang nicht begegnen, obwohl sie Tür an Tür wohnen und der Taxi-Doktor sogar immer wieder die alte Mutter der Hauptmieterin besucht. Beide sind Nachteulen und leben antizyklisch zum Bauarbeiter-Professor. Dem ist eingeschärft worden, niemand in die Wohnung zu lassen, den er nicht kennt, wenn er allein in der Wohnung ist. Da gibt es welche, die wollen zu der alten Dame, fragen um Geld, und dann waren schon gewisse Beträge aber auch andere Dinge verschwunden …

An einem Sonntagnachmittag klingelt es. Der Bauarbeiter-Professor öffnet die Tür und vor ihm steht ein Mann, den er nur flüchtig vom Treppenhaus her kennt. Es ist der Taxi-Doktor. Philosophie hat er studiert, ist in diesem Fach promoviert worden, und er hat ein außerordentliches Interesse und Wissen über Geschichte, besonders an der von ethnischen Minderheiten. Wegen einer chronischen Krankheit fand seine wissenschaftliche Karriere ein frühes Ende. Er spricht fließend englisch, denn das ist seine Wissenschaftssprache. Nun spricht er sein Gegenüber auf deutsch an. Er will die alte Dame besuchen. Die ist aber nicht da. Sie ist ausgegangen. Der Bauarbeiter-Professor sagt: „Nicht da“. Das will der Taxifahrer-Doktor nicht hinnehmen. Er bewegt sich doch sonst selbstverständlich in der Wohnung. Er will die Tür aufdrücken, sich selbst überzeugen – von was eigentlich?

Das läßt der Bauarbeiter-Professor, ein stiller und bescheidener Mensch, nicht zu, denn er denkt an die Direktiven, die er bekommen hat, was den Umgang mit Unbekannten an der Tür betrifft. So drückt er die Tür zu und läßt den Taxi-Doktor nicht rein, was diesen unglaublich wütend macht. Der schreibt einen bösen Brief an die Hauptmieterin, mit welchen aggressiven Zeitgenossen aus … (hier das vermutete Herkunftsland des Bauarbeiter-Professors einfügen) man unter einem Dach leben müsse …

Die Geschichte nimmt kein gutes Ende, denn bevor die beiden einander vorgestellt werden können, fährt der Bauarbeiter-Professor wieder zurück in sein Land.

Wie anders hätte die Begegnung verlaufen können und wie Gemeinsamkeiten hätten die beiden entdecken können und was hätte daraus entstehen können…

Diese Geschichte habe ich den MitbewohnerINNEn erzählt, bevor wir miteinander den Evangeliumstext vom nächsten Sonntag wie er in der evangelischen Kirche dran ist, gelesen und uns darüber ausgetauscht haben:

35 Als Jesus in die Nähe von Jericho kam, saß dort ein Blinder am Straßenrand und bettelte. 36 Er hörte, wie eine große Menschenmenge vorüberzog, und erkundigte sich, was das zu bedeuten habe. 37 »Jesus von Nazaret kommt vorbei«, erklärte man ihm. 38 Da rief er: »Jesus, Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!« 39 Die Leute, die vor Jesus hergingen, fuhren ihn an, er solle still sein. Doch er schrie nur umso lauter: »Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!« 40 Jesus blieb stehen und ließ ihn zu sich holen. Als der Blinde vor ihm stand, fragte ihn Jesus: 41 »Was möchtest du von mir?« – »Herr«, antwortete er, »ich möchte sehen können!« 42 Da sagte Jesus zu ihm: »Du sollst sehen können! Dein Glaube hat dich gerettet.« 43 Im selben Augenblick konnte der Mann sehen. Er folgte Jesus nach und lobte und pries Gott. Und auch die ganze Volksmenge, die seine Heilung miterlebt hatte, gab Gott die Ehre. (Lukas 18,35 – 43 Neue Genfer Übersetzung)

Nacht der Solidarität – Zählung von Obdachlosen

Heute Nacht ist die „Nacht der Solidarität“. 3200 ehrenamtliche HelferINNEN sind unterwegs um die Obdachlosen, die auf Berliner Straßen leben zu befragen und zu zählen – so sie gezählt das wollen. Es ist die erste Zählung dieser Art in Berlin, in Deutschland um herauszufinden, wie viele Menschen auf der Straße leben (laut Schätzungen sollen es zwischen 6000 und 10 000 sein). Danach sollen die Hilfsangebote besser auf sie zugeschnitten werden können.

Es gibt Kritik von linken Aktivisten und der „Selbstvertretung wohnungsloser Menschen“. Sie bezeichnen die Zählung als „sinnlos und würdelos“. Vieh würde man zählen – Menschen brauchen Wohnungen, ist ihre Argumentation.

Andre Hoek, ein ehemaliger langjähriger Obdachloser, befürwortet die Zählung. Auf seinem Blog beschreibt er seine Sichtweise und zwar hier.

 

xx

 

Zwei Schlangen, zwei Welten und nur 80 Meter Luftlinie

Samstagabend kurz nach neun. Ich bin auf dem Weg zum Kottbuser Tor. Dort möchte ich die kleine Schwester Anna und einige Leute treffen. Ich gehe die Adalbertstraße hinunter. Der Gehsteig ist knallvoll. Eine lange Warteschlange hat sich gebildet. Kein Durch-kommen. Wird was verschenkt? Ich komme nicht weiter. Deshalb wechsle ich die Straßenseite. So geht es schneller. Auf der Verkehrsinsel unter der U-Bahn-Trasse sehe ich schon von Weitem den weißen Transporter der Berliner Obdachlosenhilfe. Ehrenamtliche finden sich jeden Mittwoch und Samstag um 13.30 in den Räumen im Wedding ein um warme Mahlzeiten, Getränke und Obstsalat zuzubereiten und Hygieneartikel und Kleidung zu packen. Dann fahren sie los, erst zum Leopoldplatz, dann zum Alexanderplatz und schließlich zum letzten Halt Kottbuser Tor.

Drei Biertische sind schon für die Essensausgabe aufgebaut. Da es unter dem Kottbuser Tor nur einige Poller gibt, wird eine Biertischganitur für diejenigen aufgebaut, die nicht stehen können. Die Essensausgabe fängt gerade an. Es gibt zwei warme Gerichte, Salat, Obstsalat, oft auch Joghurt und warme Getränke. Die Ersten haben schon angefangen eine Schlange zu bilden. Ich schaue mich um. Anna ist noch nicht da. Ich sehe U. Sie ist Mitte siebzig, hat eine eigene Wohnung und lebt von Grundsicherung. Sie kommt regelmäßig her, weil es hinten und vorne nicht reicht.  G., der immer wieder zu unserem Samstagsfrühstück kommt, ist auch da. Ich habe ihn schon Monate nicht gesehen. Er hatte den Winter über einen Platz in einer Notunterkunft. W. erzählt mir, daß er immer noch in seinem Zelt in der Hasenheide ist. Schon zehn Jahre lebt er da. Sein Zelt ist so gut getarnt, daß niemand es findet. Eine Notunterkunft kommt für ihn nicht in Frage. Jetzt ist er fünfzig. Zehn Jahre gibt er sich noch – hat er mir vor ein paar Wochen erzählt. Die Atmosphäre ist freundlich und entspannt. Manchmal wird es lauter wenn jemand von den Drogenabhängigen dazu kommt. Dann hat immer eine/r von den Mitarbeitenden Zeit für ein Gespräch. Anna kommt heute anscheinend nicht. Ich beschließe nach einiger Zeit und einigen Gesprächen wieder zurückzugehen, wähle gleich die andere Straßenseite von vorher.

Ich staune nicht schlecht. Inzwischen ist die Schlange noch länger geworden. Gegenüber vor dem Heimatmuseum Kreuzberg bleibe ich stehen, schaue mir das Treiben an. Es ist die „vegane Snackbar“ von Attila Hil.dmann vor der sich die Wochenend-Nachtschwärmer drängeln. Attila Hild.mann ist sowas wie der Papst der veganen Ernährung. 2012 wurde sein Kochbuch „Vegan for Fun“ Kochbuch des Jahres.   Er vermarktet einen Lebensstil, ein Lebensgefühl über die unterschiedlichen Kanäle. Und hier stehen diejenigen in der Schlange, die sich das leisten wollen und können. Einer der veganen Burger kostet 5,50, die anderen liegen bei 6,90 Euro. Das kleine Softeis kostet 3,50 €. Neben mir steht plötzlich eine Frau aus unserer Nachbarschaft. Sie war bei einer Geburtstagsfeier  und schaut auch verwundert auf das Drängeln und Treiben. Mein Blick fällt auf eine Tafel die draußen angebracht ist. „Vegan food porns“ lese ich. Ich fasse es nicht und frage sie, die viele Jahre im Ausland gelebt hat: „Steht da wirklich vegan food porns“? Ja .

Für diejenigen, die noch nichts von „food porn“ gehört haben: Im Internet führen Menschen Tagebücher (Blogs) zu ganz unterschiedlichen Themen. Da gibt es Berufsblogs (ein Kinderarzt bloggt aus seinem beruflichen Alltags), Modeblogs, Familienblogs, Politikblogs und viele andere Themen – so wie etwa dieses Blog, in dem unsere WG Thema ist. Eine große Bedeutung in der Bloggerszene haben Foodblogs, in denen es um das Zubereiten, Anrichten und Fotografieren von Gerichten geht. Die Extremform ist dann „Food porn“ (food = Essen, porn=Porno). Dabei werden Gerichte so inszeniert, daß sie superstylish rüberkommen unter anderem durch Verwendung von Haarspray und Rasierschaum. Letzterer ist „fotogener“ als Schlagsahne. Es gibt Workshops für Foodblogger, in denen man lernen kann, mit welchen Hilfsmitteln man Essen wie in Szene setzen kann. Dabei geht es dann gar nicht mehr darum, daß das Gericht tatsächlich verspeist wird. Nach der Verwendung von Haarspray, der einer Torte bestimmte Glanzeffekte verschafft, ist diese nicht mehr essbar. Bei Foodporn geht es um Selbstdarstellung über Essen, um Inszenierung und Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe um Status. Inzwischen ist der Trend auch in der Gastronomie angekommen. ..

Wir stehen da und gucken. Ich schaue nach rechts – unter die Hochbahntrasse. Der weiße Transporter steht immer noch da. Zwei Schlangen, zwei Welten und achtzig Meter Luftlinie.

Zum Weiterlesen:
Aktivitäten der Berliner Obdachlosenhilfe

Knoblauch-Zahn oder: Armut hat viele Gesichter

Ich stehe am Herd und mache Kartoffelbrei. Ein Besucher stellt sich neben mich und entzündet die Flamme rechts von der ich arbeite. Er hat etwas Weisses in der Hand, das er über die Gasflamme hält und knetet. Ich sehe es mit halbem Auge und frage interessiert: Was machst Du denn da? Er hält seinen Kopf gesenkt und antwortet: „Ich knete eine Knoblauchzehe weich. Die tue ich mir dann so in den Mund, daß man meine Zahnlücke nicht sieht.“

Schuh-Segen

Margot Z. ist über 80 Jahre alt und in ihrer evangelischen Gemeinde in Neukölln sehr aktiv. Ich kenne sie durch eine Gruppe, in der ich gelegentlich zu Gast bin. Dort hat sie von der WG Naunynstraße gehört. Letzten Freitag kam sie mit der Gemeindepfarrerin vorbei und brachte uns Kleidung sowie 14 Paare (in Worten: vierzehn) Sportschuhe Größe 42 und 43, die ihre Tochter – „eine Schuhfetischistin“ wie sie erzählte – aussortiert hatte. Es handelte sich um Markenschuhe der beiden bekanntesten Hersteller in unterschiedlichen Designs und ohne jegliche Gebrauchsspuren. Größe 42 / 43 scheint bei Männern recht verbreitet zu sein. Einige Bewohner waren ganz fassungslos über diesem unerwarteten Schuh-Reichtum.

Am nächsten Morgen bei unserem wöchentlichen Samstagsfrühstück kam dieses Geschenk auch noch einigen Besuchern zugute. Der eine oder andere verschwand ins Büro um zu schauen und zu probieren, ob für ihn etwas Passendes dabei ist.  W. und C. waren so begeistert, daß sie das Anprobieren für überflüssig erachteten und so erst gar nicht bemerkten, daß W. zwei rechte und C. zwei linke Schuhe hatte. Ein aufmerksamer Gast wies sie darauf hin, sodaß noch rechtzeitig getauscht werden konnte und beide sich mit einem kompletten Paar auf den Weg machen konnten. Besonders berührt war G., eine ältere herzensgute Frau, die uns öfter etwas von der Tafel fürs Frühstück mitbringt, von Grundsicherung lebt und eine leichte Gehbehinderung hat. Sie weinte fast als sie sagte: „Nie hätte ich gedacht, daß ich in diesem Leben noch mal so gute Schuhe bekomme. In denen habe ich richtig guten Halt“.

 

Armutskonferenz in Kreuzberg

Foto: C. Boisseree

Foto: C. Boisseree

Die Pfarrei Sankt Michael, in deren Nachbarschaft sich unsere Gemeinschaft befindet, ist die kleinste und finanziell ärmste der Gemeinden, die den neuen „Pastoralen Raum Mitte“ bilden werden. Das besondere Anliegen dieser Gemeinde ist das Leben mit den Armen. Deshalb bereiteten Ehrenamtliche aus dieser Gemeinde die Armutskonferenz vor, zu der gestern eingeladen wurde. Alle Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen der vier katholischen Gemeinden, die zum neuen patoralen Großraum gehören und denen das Leben mit den Armen ein Anliegen ist, waren gekommen – sowie auch evangelische Aktive, denn in Kreuzberg hat die Ökumene in ihren Facetten einen sehr hohen Stellenwert. Wir begannen mit einem Bibliolog, der die Begegnung einer Witwe mit dem Propheten Elischa, deren Söhne in Schuldknechtschaft geraten sollten, in den Blick nahm. Der Prophet stellt ihr zwei Fragen: Was soll ich für dich tun? und: Sag mir, was Du im Haus hast? (Den ganzen Text kann man hier nachlesen). Er sieht sie mit ihren Möglichkeiten und nimmt sie ernst.

Beeindruckt hat mich eine Collage, auf der die Orte und Formen des Engagements mit den Armen und Ausgegrenzten dargestellt sind:

Orte des Lebens mit Armen

Orte des Lebens mit Armen (Foto: C. Boisseree)

Die Themen, die wir verabredet hatten, waren wo umfangreich, daß schnell deutlich wurde, wie wichtig eine Fortsetzung der Armutskonferenz wichtig ist. Einige konkrete Umsetzungen und Formen der Zusammenarbeit konnten verabredet werden, aber die politische Dimension, was beispielsweise die Gemeinden gegen die Vertreibung der Armen aus Kreuzberg tun können oder wie verhindert werden kann, daß verschiedene Gruppen von Armen gegeneinander ausgespielt werden, blieb offen.

Hier einige Themen, mit denen wir uns beschäftigt haben:

einige Themen der Armutskonferenz (Foto: C. Boisseree)

einige Themen der Armutskonferenz (Foto: C. Boisseree)

Das Buch der Straße öffnen

FußsohleLore war die älteste Teilnehmerin bei den Exerzitien auf der Straße, die im Juli in Berlin stattfanden. Sie schreibt im Rückblick:

Der Begriff „Exerzitien“ war für mich besetzt von dem Verständnis eines Erlebens der inneren Hinwendung zu Gott. In den Strassenexerzitien fand ich ein ganz anderes Verständnis: Jesus unter den Menschen und zwischen den Menschen zu erleben. Er, der von sich sagt, dass Er die Strasse ist – „ich bin der Weg…..“ (Joh. 14,6) – Ihm wollte ich in und bei den Menschen begegnen und Seine Sprache verstehen, wenn Er sagt: „kommt her zu mir alle, die Ihr mühselig und beladen seid.“ (Mat 11,28).

Zum Weiterlesen geht es hier.