Knoblauch-Zahn oder: Armut hat viele Gesichter

Ich stehe am Herd und mache Kartoffelbrei. Ein Besucher stellt sich neben mich und entzündet die Flamme rechts von der ich arbeite. Er hat etwas Weisses in der Hand, das er über die Gasflamme hält und knetet. Ich sehe es mit halbem Auge und frage interessiert: Was machst Du denn da? Er hält seinen Kopf gesenkt und antwortet: „Ich knete eine Knoblauchzehe weich. Die tue ich mir dann so in den Mund, daß man meine Zahnlücke nicht sieht.“

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Schuh-Segen

Margot Z. ist über 80 Jahre alt und in ihrer evangelischen Gemeinde in Neukölln sehr aktiv. Ich kenne sie durch eine Gruppe, in der ich gelegentlich zu Gast bin. Dort hat sie von der WG Naunynstraße gehört. Letzten Freitag kam sie mit der Gemeindepfarrerin vorbei und brachte uns Kleidung sowie 14 Paare (in Worten: vierzehn) Sportschuhe Größe 42 und 43, die ihre Tochter – „eine Schuhfetischistin“ wie sie erzählte – aussortiert hatte. Es handelte sich um Markenschuhe der beiden bekanntesten Hersteller in unterschiedlichen Designs und ohne jegliche Gebrauchsspuren. Größe 42 / 43 scheint bei Männern recht verbreitet zu sein. Einige Bewohner waren ganz fassungslos über diesem unerwarteten Schuh-Reichtum.

Am nächsten Morgen bei unserem wöchentlichen Samstagsfrühstück kam dieses Geschenk auch noch einigen Besuchern zugute. Der eine oder andere verschwand ins Büro um zu schauen und zu probieren, ob für ihn etwas Passendes dabei ist.  W. und C. waren so begeistert, daß sie das Anprobieren für überflüssig erachteten und so erst gar nicht bemerkten, daß W. zwei rechte und C. zwei linke Schuhe hatte. Ein aufmerksamer Gast wies sie darauf hin, sodaß noch rechtzeitig getauscht werden konnte und beide sich mit einem kompletten Paar auf den Weg machen konnten. Besonders berührt war G., eine ältere herzensgute Frau, die uns öfter etwas von der Tafel fürs Frühstück mitbringt, von Grundsicherung lebt und eine leichte Gehbehinderung hat. Sie weinte fast als sie sagte: „Nie hätte ich gedacht, daß ich in diesem Leben noch mal so gute Schuhe bekomme. In denen habe ich richtig guten Halt“.

 

Armutskonferenz in Kreuzberg

Foto: C. Boisseree

Foto: C. Boisseree

Die Pfarrei Sankt Michael, in deren Nachbarschaft sich unsere Gemeinschaft befindet, ist die kleinste und finanziell ärmste der Gemeinden, die den neuen „Pastoralen Raum Mitte“ bilden werden. Das besondere Anliegen dieser Gemeinde ist das Leben mit den Armen. Deshalb bereiteten Ehrenamtliche aus dieser Gemeinde die Armutskonferenz vor, zu der gestern eingeladen wurde. Alle Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen der vier katholischen Gemeinden, die zum neuen patoralen Großraum gehören und denen das Leben mit den Armen ein Anliegen ist, waren gekommen – sowie auch evangelische Aktive, denn in Kreuzberg hat die Ökumene in ihren Facetten einen sehr hohen Stellenwert. Wir begannen mit einem Bibliolog, der die Begegnung einer Witwe mit dem Propheten Elischa, deren Söhne in Schuldknechtschaft geraten sollten, in den Blick nahm. Der Prophet stellt ihr zwei Fragen: Was soll ich für dich tun? und: Sag mir, was Du im Haus hast? (Den ganzen Text kann man hier nachlesen). Er sieht sie mit ihren Möglichkeiten und nimmt sie ernst.

Beeindruckt hat mich eine Collage, auf der die Orte und Formen des Engagements mit den Armen und Ausgegrenzten dargestellt sind:

Orte des Lebens mit Armen

Orte des Lebens mit Armen (Foto: C. Boisseree)

Die Themen, die wir verabredet hatten, waren wo umfangreich, daß schnell deutlich wurde, wie wichtig eine Fortsetzung der Armutskonferenz wichtig ist. Einige konkrete Umsetzungen und Formen der Zusammenarbeit konnten verabredet werden, aber die politische Dimension, was beispielsweise die Gemeinden gegen die Vertreibung der Armen aus Kreuzberg tun können oder wie verhindert werden kann, daß verschiedene Gruppen von Armen gegeneinander ausgespielt werden, blieb offen.

Hier einige Themen, mit denen wir uns beschäftigt haben:

einige Themen der Armutskonferenz (Foto: C. Boisseree)

einige Themen der Armutskonferenz (Foto: C. Boisseree)

Das Buch der Straße öffnen

FußsohleLore war die älteste Teilnehmerin bei den Exerzitien auf der Straße, die im Juli in Berlin stattfanden. Sie schreibt im Rückblick:

Der Begriff „Exerzitien“ war für mich besetzt von dem Verständnis eines Erlebens der inneren Hinwendung zu Gott. In den Strassenexerzitien fand ich ein ganz anderes Verständnis: Jesus unter den Menschen und zwischen den Menschen zu erleben. Er, der von sich sagt, dass Er die Strasse ist – „ich bin der Weg…..“ (Joh. 14,6) – Ihm wollte ich in und bei den Menschen begegnen und Seine Sprache verstehen, wenn Er sagt: „kommt her zu mir alle, die Ihr mühselig und beladen seid.“ (Mat 11,28).

Zum Weiterlesen geht es hier.

Die Härte für Arme: Zwei Monate mit 31 Tagen

Die katholische Kirchengemeinde St. Michael, in deren Gemeindegebiet unsere Wohngemeinschaft liegt, hat ein besonderes Herz für arme – man könnte auch sagen arm gemachte – Menschen. Viele von ihnen sind aktiv an der Gestaltung der Messe beteiligt. Jeden Sonntag nach der Messfeier gibt es im Gemeindehaus ein gemeinsames Frühstück. Jede/r ist willkommen unabhängig davon, ob sie bei der Messe waren oder nicht. Viele tragen etwas zum Frühstück bei – jede/r nach seinen Möglichkeiten.

Letzten Sonntag – es war der 21. August – sagte M., der auch schon in der WG Naunynstraße gewohnt hat und jetzt in einer eigenen Wohnung lebt: „Tut mir echt leid. Habe heute gar nichts dabei. Zwei Monate hintereinander mit 31. Tagen – erst der Juli und jetzt der August – das ist voll die Härte“. Einige andere nicken zustimmend. Ich schlucke und merke, daß ich einen Kloß im Hals habe. Drei der Frühstücksgäste konnten Essensbeiträge mitbringen, und ich sehe Menschen essen, die Hunger haben. Aus dieser Perspektive habe ich noch nie gesehen, was es bedeuten kann, daß zwei Monate hintereinander 31 Tage haben.

Durch dieses Erlebnis bin ich aufmerksam geworden und biete Menschen, die nach einem Gespräch fragen, einen Zeitraum an, wo bei uns in der Wohngemeinschaft gegessen wird. Einer wird mir beim Abschied erzählen, daß es das erste warme Essen ist, das er seit drei Wochen bekommen hat. Er hatte für 250 Euro Lebensmittel gekauft – es waren Sonderangebote. Sein Kühlschrank ging kaputt. Alles war verdorben und mußte weggeworfen werden.

geistliche Auszeit: Atem holen in der Naunynstraße

Platz nehmen
sich setzen lassen
den Schmerz, die Freude
und in Schönes verwandeln,
das niemanden und nichts
verdrängt

„Atem holen“ ist ein Programm der Evangelischen Landeskirche in Bayern, das kirchlichen MitarbeiterINNEn eine Auszeit für drei bis sechs Wochen ermöglicht. Annette hat die letzten drei Wochen bei uns mitgelebt und schreibt: 

Naunynstr. 60Ich hatte im April dieses Jahres für eine geistliche Auszeit angefragt: Meine Landeskirche finanziert das so genannte ‚Atem holen‘ für drei bis sechs Wochen. Einzige Bedingung ist die geistliche Begleitung in Form von zwei Gesprächen pro Woche. Eine mir bekannte Seelsorgerin in Berlin wäre dazu bereit. Nun möchte ich fragen, ob ich für einen solchen Zeitraum evtl. in der WG Naunynstr. unterkommen könnte, das heißt mitleben?“ Bei Telefonkontakten mit Iris hatte ich etwas mehr vom Leben der WG erfahren – und sie von mir.


Am 17. Juli kam ich abends in der Naunynstraße 60 an. Ich hatte mich darauf eingestellt, mit einer Frau das Zimmer zu teilen… nun bekam ich
durch glückliche Umstände ein Zimmer für mich allein, und sogar zur ruhigen Hofseite hinaus!

Schon beim zweiten Frühstück (Montag bis Freitag gemeinsam ab 8 Uhr und meistens bis gegen 9 Uhr dauernd) kam meine ganze ziemlich komplizierte Lebenssituation auf den Tisch und fand Verständnis. Bei den Mahlzeiten in den knapp drei Wochen meines Aufenthalts erlebte ich interessante Gespräche zu den verschiedensten ThemenAuch wegen aktueller Gewalttaten in Deutschland (Würzburg, München, Ansbach) ging es oft um äußere und innere Bedrohungen für Leben und Gesundheit, um die destruktive Seite des Menschen an sich, sowie Armenhass und Armutsfurcht der Reichen – aber auch um heilsame Kräfte in Erinnerung und Hoffnung, in Humor, Liebe und Spiritualität.

Noch intensiver waren die Gottesdienste an demselben Esstisch, der auch ohne Eucharistie dem Wortgottesdienst eine sakramentale Dimension verlieh – sodass mir beim Warten darauf (während der zwischen Abendessen und Gottesdienst am Kommunitätsabend üblichen Zeit des Austauschs) die Liedzeile in den Sinn kam
„… bis nach der Zeit den Platz bereit an Deinem Tisch wir finden.“
(Gotteslob alt 473 neu 216, Evangelisches Gesangbuch 222).

Auch bei diesem Austausch hätte ich anwesend sein dürfen, doch ich wollte nicht zu viel mitbekommen vom Innenleben der WG, wo ich doch so viel mit mir selbst zu tun hatte. Ein roter Faden in dieser Auszeit war das Thema „Platz einnehmen“. Schon sensibilisiert für die Problematik der Gentrifizierung (laut Wikipedia „Veränderungen in ursprünglich preisgünstigen Stadtvierteln, in denen Immobilien zunehmend von wohlhabenderen Eigentümern und Mietern belegt und baulich aufgewertet werden. Bewohner mit einem niedrigeren Sozialstatus werden ersetzt oder verdrängt), traf mich der Text eines Plakats in der Gitschinerstraße: „Macht die Stadt nicht noch schöner, sonst muss ich gehn.“

Platz nehmen in Kreuzberg 2016

Als ich kurz darauf im „Gitschiner 15 ankam, dem „Zentrum für Gesundheit und Kultur gegen Ausgrenzung und Armut“, nach dem ich gesucht hatte, schrieb ich einen kleinen Text:

Platz nehmen
sich setzen lassen
den Schmerz, die Freude
und in Schönes verwandeln,
das niemanden und nichts
verdrängt

Schönes … fand ich in der WG vor bzw. erlebte es mit. So wurden mir Bild-Kunstwerke von Denver und Bruder Schmidt gezeigt; ich durfte die Musik von RockN RollF genießen – und die Kochkunst von Franz. Als ich dann zusätzlich ins Theater gehen und für eine Solo-Performance 8 Euro ausgeben wollte (für mich wenig Geld, für andere aber sehr viel), ergab sich eine Diskussion über Kultur der Armen und der Reichen, die für mich ein lehrreicher Denkanstoß war. Ja, zu den kulturellen Unterschieden, den diese WG in sich vereint, gehört auch der zwischen Arm und Reich, oder Ärmer und Reicher. Einmal habe ich spontan das einzige italienische Lied, das ich kenne, angestimmt und es dann zu Beginn eines Kommunitätsabends nochmals gesungen: „Comme bello, comme la gioia, con fratelli e le sorelle siamo insieme“ (Wie schön, was für eine Freude, wenn wir als Brüder und Schwestern zusammen sind.) Damit meine ich alle Bewohnerinnen und Bewohner, mit ihrer Fröhlichkeit und Ernsthaftigkeit, die mich so freundlich aufgenommen haben.

Die Straßenexerzitien bekam ich vor allem durch den beeindruckenden Abschluss-gottesdienst in St. Michael mit, den Christian Herwartz SJ leitete. Besonders verbunden fühlte ich mich mit der Wohn-Gemeinschaft, als wir am Abend auf ihn warteten, weil das festliche Abendessen nicht ohne ihn, den früheren Leiter, beginnen sollte. Da habe ich angefangen, in meinem Exemplar vom „Einfach ohne“-Buch die Autogramme von allen zu sammeln… Herzlichen Dank allen – und Auf Wiedersehen!

Annette R.odenberg, Pfarrerin in Naila bei Hof/Saale

PS: Ich hänge noch ein Foto von der Haustür an – der Aufkleber „Refugies welcome“ blieb ja nicht lange hängen, wurde von unbekannter Hand entfernt. Deshalb habe ich ihn wieder hineinmontiert.

Strassenexerzitien

FußsohleDie Exerzitien auf der Straße sind nicht nur in der Wohngemeinschaft Naunynstraße entstanden. Die Naunynstraße ist seitdem auch immer ein Ort gewesen, an dem Einzelne für einige Tage kommen konnten, „auf die Straße gehen konnten“ und dabei durch abendliche Einzelgespräche begleitet wurden. Letzte Woche konnten wir die erste Exerzitantin nach Christians Weggang willkommen heißen. Sie hatte Vorerfahrungen mit anderen Exerzitienformen. Im Rahmen der Sonntagsgespräche von Kloster Nütschau war sie auf diese Möglichkeit aufmerksam geworden und hatte mit uns Kontakt aufgenommen. Es ist immer wieder neu bewegend, wie schnell die eigenen Lebensthemen bei den Exerzitien auf der Straße präsent werden.

Seit vielen Jahren kommen in der Karwoche junge Frauen nach Berlin, die sich bei den Steyler Missionarinnen auf einen Auslandseinsatz als „Missionarinnen auf Zeit“ vorbereiten. In Berlin kommen sie in dieser Zeit in Kontakt mit verschiedenen Formen von Armut hier im reichen Deutschland. Sie sind in der katholischen Gemeinde Sankt Michael untergebracht, zu der wir eine enge Verbindung haben. Während dieser Zeit machen sie dann einen Tag Exerzitien auf der Straße.  Dieses Jahr wurden sie dabei von Christian und Bewohnerinnen aus der Wohngemeinschaft begleitet.

Magdalena Beier hat im aktuellen MAZ-Rundbrief Nr. 16 beschrieben, was die Impulse und dieser Tag für sie und die Vorbereitungen auf den Auslandseinsatz bedeutet haben und zwar hier (im 2. Drittel des Rundbriefs).