Strassenexerzitien

FußsohleDie Exerzitien auf der Straße sind nicht nur in der Wohngemeinschaft Naunynstraße entstanden. Die Naunynstraße ist seitdem auch immer ein Ort gewesen, an dem Einzelne für einige Tage kommen konnten, „auf die Straße gehen konnten“ und dabei durch abendliche Einzelgespräche begleitet wurden. Letzte Woche konnten wir die erste Exerzitantin nach Christians Weggang willkommen heißen. Sie hatte Vorerfahrungen mit anderen Exerzitienformen. Im Rahmen der Sonntagsgespräche von Kloster Nütschau war sie auf diese Möglichkeit aufmerksam geworden und hatte mit uns Kontakt aufgenommen. Es ist immer wieder neu bewegend, wie schnell die eigenen Lebensthemen bei den Exerzitien auf der Straße präsent werden.

Seit vielen Jahren kommen in der Karwoche junge Frauen nach Berlin, die sich bei den Steyler Missionarinnen auf einen Auslandseinsatz als „Missionarinnen auf Zeit“ vorbereiten. In Berlin kommen sie in dieser Zeit in Kontakt mit verschiedenen Formen von Armut hier im reichen Deutschland. Sie sind in der katholischen Gemeinde Sankt Michael untergebracht, zu der wir eine enge Verbindung haben. Während dieser Zeit machen sie dann einen Tag Exerzitien auf der Straße.  Dieses Jahr wurden sie dabei von Christian und Bewohnerinnen aus der Wohngemeinschaft begleitet.

Magdalena Beier hat im aktuellen MAZ-Rundbrief Nr. 16 beschrieben, was die Impulse und dieser Tag für sie und die Vorbereitungen auf den Auslandseinsatz bedeutet haben und zwar hier (im 2. Drittel des Rundbriefs).

 

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Gottesdienst am Küchentisch …

… heißt ein Artikel, der in der Märzausgabe der Herder Korrespondenz erschienen ist.  Im November besuchte uns Chefredakteur Volker Resing in der Naunynstraße: Nach einem anregendem Gespräch fragte er am Ende seines Besuches, ob Christian einen Artikel schreiben würde. Der Arbeitstitel war „Mission erfüllt?

Gottesdienst am Küchentisch“ ist daraus geworden. Christian erzählt von den Entwicklungen der Kommunität und der Wohngemeinschaft in den vierzig Jahren in Kreuzberg und welche Fragen sich jetzt zum Generationswechsel stellen. Da der Artikel auf der Website der Herder-Korrespondenz noch nicht abgerufen werden kann, habe ich ihn Blog unter „zu Bedenken“ unter dem Headerbild eingestellt und zwar hier.

 

 

 

die Welt im Wohnzimmer (2): Sri Lanka oder der Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit

a1adc86d1a7a0512c8a6f89729c68b09T. stammt aus Sri Lanka und lebt seit über 30 Jahren in Deutschland. Mehr als 20 Jahre war er mit Heidi verheiratet, die vor einigen Jahren ganz plötzlich verstorben ist. Ich schätze ihn auf Anfang / Mitte 50. Wir haben ihn durch einen Freund der Kommunität kennengelernt, der im Ruhrgebiet lebt und viel Kontakt mit Menschen aus Sri Lanka hat. Im Herbst rief dieser Freund an und fragte, ob T. bei uns wohnen kann. Er war nach einer Herzoperation in einer Reha-Klinik und mußte diese vier Tage später verlassen. Seine Wohnung hatte er durch die Krankheit verloren.

Wir (Christian, Michael und Iris) machten uns auf den Weg zu ihm in die Reha-Klinik in Brandenburg und trafen ihn im Büro der Krankenhaussozialarbeiterin, die sichtbar unter Druck war, weil sie keinen Platz für ihn gefunden hatte und die Vorgabe hatte, daß er zwei Tage später entlassen werden muß – notfalls auf die Straße, weil es keinen Kostenträger gibt, der über die Reha-Dauer hinaus den Aufenthalt finanzieren würde. Die Entlassung auf die Straße würde er bei seinem Gesundheitszustand nicht überleben.

Vor uns saß ein ungemein sympatischer, kleiner und schmächtiger Mann, der eine ganz große Wärme ausstrahlte. Er war sehr geschwächt und für uns nur schwer verständlich. Sein Deutsch war gut, aber durch seine Kraftlosigkeit konnte er nur ganz leise fast hauchend sprechen. Er wäre gar nicht in der Lage gewesen die Treppen zu unserer Wohnung zu überwinden und auch die baulichen Verhältnisse in unser Wohnung ließen es gar nicht zu, daß er sich hier mit dem Rollator  bewegen kann.

Als wir mit ihm alleine sprechen konnten, stellte sich heraus, daß er in Berlin einen weitläufigen Verwandten hat. Mit dem nahmen wir Kontakt auf. Es war keine ideale aber eine vorübergehende Lösung, doch konnte er erst einmal nach der Entlassung aus dem Krankenhaus bei diesem Verwandten wohnen.

T. besucht uns regelmäßig und so lernten wir ihn besser kennen. Inzwischen hat er etwas zugenommen, kommt alleine mit seinem Rollator zu uns und kann auch die Treppen steigen. Beim letzten Besuch hatte er einen amtlichen Bescheid bekommen, den er nicht verstand. Auch ich mußte das Schreiben drei Mal lesen bevor ich es in seiner Tragweite erfaßte.

Das Amt fordert von ihm eine für ihn ziemlich hohe Rückzahlung. In den Jahren, in denen T. mit Heidi verheiratet war, hat niemand daran gedacht, daß ihm die deutsche Staatsbürgerschaft zusteht. Er hat sie nie beantragt. Er hat jetzt den Status einer Duldung- das heißt, die Abschiebung ist ausgesetzt. Ihm stehen Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz zu. Er hat Glück, daß er in Berlin lebt, denn hier bekommt er eine Auszahlung und nicht Sachleistungen oder Gutscheine wie in einigen anderen Bundesländern. In Berlin sind das derzeit 224,37 Euro. Das liegt 38 % unter dem Regelsatz von Hartz IV, der 364,00 Euro beträgt. Nun bekommt T. von seiner verstorbenen Frau Heidi eine Witwer-Rente in Höhe von 316,00 Euro. Das liegt knapp 100 Euro über dem Satz des Asylbewerberleistungsgesetzes. Und der vierstellige Betrag, den das Amt jetzt von ihm fordert, resultiert aus der Differenz, die sich über die letzten Monate angesammelt hat.

Das mag formaljuristisch „Recht“ sein, aber Gerechtigkeit sieht für mich anders aus.

Zum Weiterlesen:
Infos zum Asylbewerberleistungsgesetz