Küchenschlacht: Großeinsatz zu Fronleichnam

Berlin ist tiefste katholische Diaspora. Gerade mal drei Prozent der Bewohner sind katholisch. Fronleichnam – am 2. Donnerstag nach Pfingsten – ist hier kein Feiertag. Nur Mitarbeitende katholischer Einrichtungen haben frei. Ein Fronleichnamsgottesdienst mit anschließender Prozession findet in den Abendstunden auf dem Bebelplatz vor der Sankt Hedwigskathedrale statt. Da versammelt sich das katholische Berlin. In den Pfarrgemeinden wird am darauffolgenden Sonntag gefeiert.

Collage: Reis mit Currysauce (vegetarisch und mit Fleisch), Gurkensalat, Käsekuchen


Drei kirchliche Standorte der Großpfarrei Bernhard Lichtenberg, nämlich St. Michael Kreuzberg, St. Michael Mitte und St. Marien-Liebfrauen wollten gemeinsam feiern. Nach der Sonntagsmesse und anschließender Prozession sollte es Mittagessen vor St. Michael Kreuzberg geben. 

Der Chefkoch rief zum samstäglichen Vorbereitungseinsatz. Es sollte Reis mit Currysauce  (Fleischvariante und vegetarisch) sowie Gurkensalat geben. Für das Kuchenbüffet würden großenteils andere sorgen. 

So wurde nach dem Samstagsfrühstück eingekauft, gewaschen, geschält, geschnitten, gerieben, gepresst, mariniert und was sonst noch so anfiel beim Kochen für hundert Personen in unserer haushaltsüblichen Küche. Ver- und bearbeitet wurden 10 kg Hühnerbrustfilet, 10 kg Reis, 15 kg Tomaten, 15 kg Zucchini, 5 kg Zwiebel, unbekannte Menge Knoblauch und frisches Basilikum, 10 kg Joghurt, 15 Gurken und 1,5 l Olivenöl. Die Zutaten für den Käsekuchen mit Blaubeeren liefen extra. Die Vorbereitungsphase war gegen 22.00 h abgeschlossen. Zwischendurch gab es eine Pause, weil ein Mitbewohner syrisches Abendessen zubereitete.

Der Kocheinsatz ging am Sonntag ab 6.00 Uhr morgens weiter. Zumindest waren daEschon die ersten in der Küche. Alles hat gut gereicht und geschmeckt, denn es waren noch siebzig Menschen beim Essen dabei. Und wenn der Chefkoch für hundert kocht, dann reicht es sicher für 120. 

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Wie ein Baum: Bibliodrama zu Psalm 1

Da ich selber immer wieder mit großer Freude und noch größerem Erkenntnisgewinn mit Bibliolog und Bibliodrama unterwegs bin und bei „Bibel bewegt“ eingeladen bin, möchte ich die BerlinerINNEN unter Euch auf folgende Veranstaltung hinweisen:

Herzliche Einladung am kommenden Montag 20. Juni 2022


Sein wie ein Baum 
(Psalm 1,3 als Bibliodrama)



Bibliodrama ermöglicht Begegnungen mit unterschiedlichen
biblischen Gestalten und Geschichten in verschiedenen kreativen
Formen. Bäume sind unsere Brüder und in Psalmgebeten große
Vorbilder für unser eigenes Leben. Das Bibliodrama bietet ein
Neu-Entdecken des Textes, wozu Sie herzlich eingeladen sind.

Mit: Birgit Brunner (kath. Theologin, Bibliodramaleitung und geistliche Begleiterin)

Wann: Montag, 20. Juni 2022 um 19.30 Uhr im Pfarrsaal von St. Bonifatius, Yorckstraße 88 E (Empfehlung Mindestabstand und ggf. FFP2-Maske)
U6 / U 7 Mehringdamm, Bus 140 Mehringdamm

Ihre Anmeldung ist hilfreich, Sie sind auch spontan herzlich willkommen:
paula.vonloe (at) bernhard-lichtenberg.berlin

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#WMDEDGT Juni 2022: Schawuot und Pfingsten

Am 5. des Monats ruft die Nachbarbloggerin immer zum Tagebuchbloggen auf unter dem Motto „WMDEDGT?“ (kurz und knackig für „Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“). Manchmal melde ich mich auch hier im Blog zu Wort und dieses Mal habe ich einiges zu erzählen.

Ich bin der Tisch von der Wohngemeinschaft Naunynstraße mitten in Kreuzberg  im ehemaligen SO 36. Heute hatten wir zwei Feiertage gleichzeitig: Schawuot  (Wochenfest) und Pfingsten wie schon  2019.

Um Mitternacht begann der Schawuot-G-ttesdienst in der Central Synagogue in New York in Präsenz und online. An Schawuot war das ganze jüdische Volk am Berg Sinai und ihm wurde die Torah übergeben. Der G-ttesdienst wurde von einer Gruppe 16jähriger Jugendlicher geleitet und gestaltet, die ein Jahr lang miteinander eine „confirmation class“ besucht haben und sich in dieser Zeit mit jüdischen Traditionen und jüdischen Werten beschäftigt haben und was das für sie bedeutet.

„Confirmation“ hört sich ja erst mal evangelisch nach „Konfirmation“ an und geht auf das 19. Jahrhundert in Deutschland zurück. Dieser Brauch wurde von deutschen jüdischen Auswanderern nach Amerika mitgenommen. Im liberalen Judentum werden die Mädchen mit 12 Jahren auf die Bat Mizwa und die Jungen mit 13 Jahren auf die Bar Mizwa vorbereitet. Sie werden als einzelne von einem Rabbiner oder einer Kantorin begleitet und lernen, den Wochenabschnitt aus der Torah, der am Schabbat nach ihrem 12. bzw. 13. Geburtstag dran ist und tragen dann Teile daraus in der Synagoge vor und kommentieren ihn mit ihren eigenen Gedanken dazu..

In der Confirmation Class sind sie ein Jahr lang als Gruppe zusammen und vertiefen jüdische Themen. Das ist eine gute Ergänzung. Außerdem sind sie dann schon etwas älter und nähern sich nochmal anders den Inhalten an. Die diesjährige Confirmation Class war sehr beeindruckend, wie sie die einzelnen Teile des G-ttesdienstes eingeführt und gestaltet haben und was sie als zentral für ihr Jüdisch sein benannt haben.. 

Weil die Torah nahrhaft wie Milch ist, gibt es an Schawuot überwiegend milchige Speisen. Der Chefkoch hat seinen beliebten Spezialgriesbrei gemacht. Es gab außerdem Käsekuchen, verschiedene Sorten Käse und Frischkäse. Ein Mitbewohner aus einem Land, das zur ehemaligen Sowjetunion gehört hat, erzählt, wie Mitarbeiter des KGB (Geheimdienst) sogar in Poesiealben von Schulkindern herumgeschnüffelt haben um Material gegen die Eltern in die Hand zu bekommen. Um kurz vor 10 Uhr brachen einige zum evangelischen G-ttesdienst auf, um 11.30 h begann die katholische Messe. Zwei holten eine Freundin im Rollstuhl aus dem nahe gelegenen Seniorenheim ab. 

Am Nachmittag war es dann relativ ruhig, weil die meisten BewohnerINNEN beim schönen Wetter unterwegs waren. Ein Freund kam vorbei zum Käsekuchen essen.

Als Abendessen hatte der Chefkoch eine Pizza mit Champignons und Käse zubereitet, die großen Anklang fand bei denen, die zum Abendessen da waren.  

Der Abend klang ruhig aus mit einigen Telefonaten, Lesen, Musik hören, Unterhaltungen. Ein ehemaliger Bewohner kam noch vorbei und wollte die Adresse eines anderen ehemaligen Bewohners und erkundigte sich, wie es uns geht. Alles ruhig und unspektakulär.

Weitere Beiträge zu #WMDEDGT Juni 2022 sind hier

Mehr zu Schawuot

Warum an Schawuot das  Ruth gelesen wird

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11. Lange Nacht der Religionen in Berlin: 11. und 12. Juni

Die Lange Nacht der Religionen 2022 findet dieses Jahr an zwei Tagen statt -am Wochenende nach Pfingsten:

Sa 11. und So 12. Juni
Sie steht unter dem Motto “Sei das Licht in der Dunkelheit!
Gebt einander Kraft und Halt”

Das ausführliche Programm ist hier zu finden. 

 

In St. Michael Kreuzberg laden wir am Sonntag, 12. Juni ab 18:30 Uhr zu einem Programm ein, das sich eine Vorbereitungsgruppe aus der Gemeinde ausgedacht hat. Das Thema „Unterwegs mit der Bibel. Dein Wort ist Licht auf meinem Weg.“ zeigt, dass die Begegnung mit dem Wort Gottes an diesem Abend im Mittelpunkt stehen soll. Eröffnet wird der Abend mit einem Abend- und Friedensgebet. 

Unterwegs mit der Bibel – Dein Wort ist Licht auf meinem Weg

18.30 Uhr
Abendgebet mit der Bitte um Frieden
19.30 Uhr: 
Bibliolog: Leben können von dem, was übrig bleibt
20.30  Uhr: 
Bildbetrachtung: Bis der Morgenstern aufgeht
21.30 Uhr
Psalmbrücke: Deine Nähe sättigt den Hunger meiner Seele wie ein Festmahl
(eine vom Bibliolog inspirierte Form einen Psalm zu meditieren)
 
wo: Sankt Michael Kreuzberg
Waldemarstr. 10-12 / Ecke Dresdener Straße
U 1,3 und 8: Kottbusser Tor

 

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Frühstücksgespräche (21) im Mai 2022

 Im Mai haben uns bei den gemeinsamen Frühstückstreffen folgende Themen beschäftigt:

– Was ist los am 1. Mai in Kreuzberg und in Berlin
– interkulturelle und interreligiöse Begegnungstage im Graefekiez
– Antisemitische Parolen auf Maikundgebung
– Zerstörung des öffentlichen Bücherschranks am Stuttgarter Platz
– Was genau machen Schlaflabore und wie läuft das ab
– feministische Theologie und ihre Anliegen in verschiedenen Phasen
– Naturrituale im Jahreskreis
– Gewalt an Männern von Frauen ausgeübt
– Muttertag: wann in welchen Ländern und mit welchen Traditionen
– in welchen Berliner Bezirken waren oder sind viele Neonazis
– welche Privilegien hat man / frau als weißer Mensch
– Veranstaltungen zum Tag der Befreiung am 8. Mai von der
Friko, der Sophiengemeinde, der jüdischen Gemeinde- 
– unterwegs auf dem portugiesischen Jakobsweg- 
– Muttertag in verschiedenen Ländern: wann und wie wird gefeiert
– Fällt Muttertag immer mit dem Tag der Beifreiung (8. Mai) zusammen?
– weibliche Gottheiten in vorchristlichen Zeiten
– Michael Hirte und seine Mundharmonika
– Wie es mit einzelnen Ex-Mitbewohnern weiterging
– Erfahrungen in und Gedanken über Thailand
– Medizintourismus in Berlin
– Tod und Begräbnis von Inge Viett – wer weiß mehr?
– zunehmendes Bashing gegen russische Menschen
– Film über Bettina Wegener
– Sind durch „den Kommunismus“ mehr Menschen umgekommen als durch den 2. Weltkrieg?
– Zwangsverheiratung
— Kottbusser Tor in den Medien und eigene Erfahrungen
– irgendwann im Mai werden weniger als 50 % der Deutschen Mitglied in einer Kirche sein
– Lebensort Vielfalt – ein Ort für die LBGT-Community
– Mehrgenerationenhäuser für Menschen aus der LGBT-Community
– wann nehmen wir schwarze Menschen als Afrikaner und wann als Amerikaner wahr
– Rosa von Praunheim und sein künstlerisches Werk
– das Verschwinden von Gedenktafeln im öffentlichen Raum
– Eugen Drewermann in der Humboldt-Uni zur gegenwärtigen politischen Situation (Ukraine, Friedensbewegung, NATO)
– Erfahrungen in und mit der DDR: Außen- und Innensichten
– Bettina, der Film über Bettina Wegener
– warum werden DDR-Symbole toleriert und Nazisymbole nicht
– Was die Nazis von der Türkei (Genozid an den Armeniern) „gelernt“ haben
– fragwürdige Berichterstattung über Affenpocken (Panikmache)
– Führung zu jüdischem Leben für WG und ihre Freunde
– Emotionen von Demenzkranken
– Enteignungskonferenz (Deutsche Wohnen enteignen)
– Was ist die „Fokolare-Bewegung“
– Insekten essen – Essenstabus
– Polizeigewalt
– Erfahrungen mit unterschiedlichen Yoga-Schulen
– welche Zeiten wollen wir als Gemeinschaft für andere öffnen und welche brauchen wir für uns
– Chaos im Keller und dessen Beseitigung
 
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Blick aus unserem Wohnzimmerfenster: Kastanien

Jedes Jahr immer wieder eine große Freude und ein Genuss für die Augen mitten in Kreuzberg – wohltuend in einer besonders anstrengenden Woche wie dieser – in einer emotional angespannten Situation:

blühender Kastanienbaum vor unserem Wohnzimmerfenster 2022

… und im letzten Jahr die ganze Straße entlang (von Ilona fotografiert)

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Muttertagsgruß vom Chefkoch

für alle Mütter, aber besonders die ukrainischen Mütter, die nicht wissen, wo ihre Söhne sind – und für die Mütter in Afghanistan, die unter den neuen Einschränkungen noch mehr leiden.

Muttertagsgruß 2022 vom Chefkoch

Alles Gute zum Muttertag und einen schönen Tag.

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#WMDEDGT April 2022 ganz normaler Donnerstag

Am 5. des Monats ruft die Nachbarbloggerin immer zum Tagebuchbloggen auf unter dem Motto „WMDEDGT?“ (kurz und knackig für „Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“). Manchmal melde ich mich auch hier im Blog zu Wort und dieses Mal habe ich nicht viel zu erzählen.

Ich bin der Tisch von der Wohngemeinschaft Naunynstraße mitten in Kreuzberg  im ehemaligen SO 36. Heute war alles unauffällig – durchschnittlich.

Nein. Halt! Der Chefkoch hat Urlaub. Deshalb kann er beim Frühstück dabei sein. Er hat einen Erdbeer-Bananen-Kokos-Quark gemacht. Von gestern waren noch Ofenpfannkuchen mit Erdbeeren und Rhabarber übrig.

Frühstück ist seit kurzem unter der Woche wieder um 8.00 Uhr – wie vor der Pandemie. In den letzten Monaten waren meistens ein oder zwei Gäste dabei, die durch ihre Lebenssituation sehr isoliert waren und nicht wie sonst gewohnt viel unter Menschen sein konnten. Wir haben aber gemerkt, daß wir auch Frühstückszeiten für uns als Gemeinschaft brauchen. Deshalb können die beiden am Dienstag und am Donnerstag dazu kommen und natürlich zum offenen Samstagsfrühstück.

Ein Gast kam. Trotzdem waren wir in kleiner Runde, denn einer hat auswärts eine Fortbildung, zwei waren schon zur Arbeit gegangen und zwei hatten andere Termine.  Das Frühstücksgespräch war sehr lebhaft. Es ging um die Veranstaltungen, die zum Tag der Befreiung stattfinden werden: Von der Friko-Berlin, von der evangelischen Sophienkirche und der jüdischen Gemeinde. Außerdem wollte ein Bewohner wissen, in welchen Gegenden der Stadt besonders viele Neonazis unterwegs sind. Irgendwann ging es dann um die Privilegien, die weiße Menschen durch ihr weiß sein haben.

Für den Chefkoch ist Muttertag sehr wichtig. Deshalb mußten letzte Details für die Muttertagstorte geklärt werden, die dieses Mal in besonderer Weise den Frauen in und aus der Ukraine gewidmet werden soll.

Nach dem Frühstück sollte dann ein Eimer Suppe bei Suppengrün abgeholt werden. Suppengrün ist ein Bistro, in dem es immer sechs oder sieben Suppen gibt. Eine Portion kostet 7,50 Euro: bio, regional und saisonal. Immer am Mittwoch wechselt der Wochenplan. Am Donnerstag bekommen wir dann, was übrig ist, geschenkt und sind dadurch suppenkulinarisch schon weit herumgekommen. Heute war es eine Minestrone.

Ansonsten gab es ein paar Anrufe: Von M., der uns nächste Woche besucht und von einem anderen M., der wieder mal im Krankenhaus ist.

Ein ruhiger Tag. An mir wurde geschrieben, gelernt für einen Fernkurs. Im Nebenraum wurde Gitarre gespielt. Gemeinsame Mahlzeiten gab es heute nicht.

In den Regionalnachrichten war zu erfahren, daß am 8. Mai fünfzig Veranstaltungen angemeldet sind und die Berliner Polizei aus anderen Bundesländern und von der Bundespolizei Unterstützung braucht.

Die anderen Beiträge zum WMDEDGT sind hier

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An eurer Seite: Christian Herwartz – ein Leben jenseits der Komfortzone

ein Nachruf von Jörg Machel

Jesus war Schreiner wie auch sein Vater, viele seiner Weggefährten waren Fischer. Die ersten Christen würde man heute wohl eine Graswurzelbewegung nennen. Das religiöse Establishment misstraute ihnen. Seit die Kirche auf die Seite der Macht gewechselt ist, hat sie den Kontakt zur Arbeiterschaft verloren. So sah das mein Onkel. Der war ein sehr selbstbewusster VW-Arbeiter. Und mit der Kirche hatte er schon früh gebrochen. Die paktiert mit denen da oben, nicht mit uns. Meinte mein Onkel.

Christian Herwartz hätte meinen Onkel verstanden. Ja, so hat er die Kirche auch erlebt, egal ob katholisch oder evangelisch, weit weg von der Welt der Arbeiterklasse. Der Begriff klingt heute altmodisch. Aber in den sechziger, siebziger Jahren gab es noch die Rede vom „Klassenbewusstsein“. Da stand mein Onkel am Band. Und Christian Herwartz wurde Arbeiter-Priester. Missionar im Sinne dessen, was mein Onkel befürchtete, war Christian nicht. Seine Mission war es, verstehen zu wollen. Christian Herwartz wollte das Leben der Menschen teilen, im Betrieb und auf der Straße.

Sein Vater war U-Bootkapitän, später Offizier der Bundeswehr. Seine Kindheit war durch ständige Umzüge geprägt. In keiner Schule war er lange genug, um sich einzuleben, immer neue Klassenkameraden, neue Lehrer, neue Lernstoffe. Nur schnell raus aus der Schule. Das Maschinenbaupraktikum in Kiel gefiel ihm. Unter den Werftarbeitern fühlte sich Christian wohl. Von dort wechselte er zur Bundeswehr. Dann aber entschied er sich, das Abitur nachzuholen, auf dem Collegium Marianum in Neuss. Christian entdeckte seine Liebe – die Gemeinschaft der Jesuiten. Denen trat er bei, studierte Theologie und Philosophie und wurde Priester.

Die Achtundsechziger brachten eine Aufbruchszeit, auch bei den Jesuiten. Das Zweite Vatikanum ließ Hoffnungen keimen. Er ging nach Frankreich, dort gab es die Bewegung der Arbeiterpriester. Sie entstand in der Zeit der Resistance, als Priester sich solidarisch und unerkannt an die Seite der Zwangsarbeiter stellten. Eine Konsequenz für Christian war es, den Kriegsdienst nun doch noch zu verweigern. Er ließ sich von der Theologie der Befreiung inspirieren: der Ansatz, die Menschen nicht zu belehren, sondern ihnen zuzuhören, war genau das, was er wollte. Wie gestaltet sich euer Leben? Woran liegt es, dass euch die gute Botschaft von Jesus Christus nicht erreicht? Welche Fragen, welche Sorgen bewegen euch? Was kann ich von euch lernen?

Und Christian hat gelernt. Zunächst an der Werkbank. Er wurde in Frankreich Dreher, später sogar Ausbilder an einer hochmodernen Maschine aus Deutschland. Doch er war auch Gewerkschafter, sympathisierte mit den französischen Kommunisten. Die vertraten für Christian die Interessen der Arbeiterschaft am konsequentesten.

Die Zeit in Frankreich hat Christian Herwartz geprägt und blieb ihm immer präsent. Nach seiner Priesterweihe 1976 zog er nach Berlin, begann dort als Lagerarbeiter und Dreher. Er wohnte nicht in der komfortablen Unterkunft der Jesuiten am Lietzensee, sondern im Arbeiterwohnheim, zusammen mit vielen ausländischen Arbeitnehmern. Man kannte Christian im Betrieb als engagierten Gewerkschafter, nur wenige wussten, dass er ein Studierter war. Einige, die es wussten, misstrauten ihm. Für sie war er nicht als ein „Priester“, der sich im Blaumann versteckt. Manche Ordensbrüder hingegen sahen in ihm einen „Kommunisten“ unter der Soutane.

Als es bei einer Protestaktion vor den Werkstoren mal wieder zur Sache ging, die Polizei sich einem türkischen Kollegen gegenüber fremdenfeindlich äußerte: da ging Christian dazwischen. Wahrscheinlich auch mit Leidenschaft und Lautstärke. Es gab eine Anzeige, Christian Herwartz wurde verurteilt zu einer Geldstrafe. Er zahlte nicht. Das Angebot der Gewerkschaft, die Schuld zu übernehmen, nahm er nicht an. Es folgten zwei Wochen Gefängnis. Christian lachte, als er sich von den türkischen Freunden vor dem Gefängnistor verabschiedete. Sie verliehen ihm am Eingang des Tores den Titel „Löwe der Gerechtigkeit“.

 Hier gehörte er jetzt hin, zu den Ausgestoßenen, den Knackis. Christian Herwartz deshalb für einen Menschen zu halten, der das Martyrium suchte, wäre allerdings falsch. Er fand nur, dass man sich bei Anfeindungen nicht wegducken sollte. Und dass ihm sein Weg in den Knast eine Möglichkeit bot: eine fremde Welt kennenzulernen, die er sonst nur aus Erzählungen oder durch Besuche kannte.

In den achtziger Jahren suchte Christian Herwartz die Nähe zu den Angehörigen der RAF-Gefangenen. Mit ihnen diskutierte er die Haftbedingungen und setzte sich für eine menschliche Behandlung ein. Er erfuhr von Übergriffen auf vermeintliche Sympathisanten. Und sah doch eigentlich nur Familienangehörige, die den Terror zwar verurteilten, ihre Lieben aber nicht im Stich lassen wollten. Auch mit diesem Engagement machte er sich nicht nur Freunde innerhalb seines Ordens. Es gab da ja auch solche, die aus Familien kamen, die unter Morddrohung der RAF standen.

In Berlin-Kreuzberg kannte man Christian Herwartz durch seine Wohngemeinschaft über dem „Trinkteufel“ in der Naunynstraße. Viele Kreuzberger saßen irgendwann schon mal an dem großen Tisch zum Samstagsfrühstück. Da kann kommen wer mag, meist sind es ein gutes Dutzend, gelegentlich doppelt so viele. Und tatsächlich treffen sich dort Hinz und Kunz, von der Professorin bis zum Freigänger aus Tegel. Unten ist eine Klingel. Eine Gegensprechanlage gibt es nicht. Man klingelt, es surrt – komm rein, setz dich, Tee oder Kaffee? Das war´s, du bist da, du bist willkommen. Es gilt als unanständig zu fragen woher und wohin und warum. Du kannst erzählen und du darfst schweigen. Die meisten schweigen, jedenfalls über sich. Ansonsten wird viel geredet, laut gestritten, manchmal gesungen, geplant und verabredet. Wer keine Bleibe hat, kann nach einem Bett fragen. Ist eines frei, kannst du bleiben, wenn nicht, wir rücken zusammen, wird schon gehen. Siebzig Nationalitäten sind im Laufe der Jahre durch die WG gezogen, so hat Christian einmal überschlagen. Illegale, Halblegale, Untergetauchte, Abgedrehte. Eine Zeitlang stand häufig die Polizei vor der Tür und suchte nach Verdächtigen aus der Besetzerszene. Später nach Leuten, die sich der Abschiebung entziehen wollten. Man wusste ja, wie es hier zuging. Das hat nachgelassen in den letzten Jahren.

Wenn die Besucherinnen und Besucher von dieser speziellen Atmosphäre erzählen: sie schwärmen von der Offenheit und Freiheit, die in diesen abgewohnten Räumen herrscht. Das ist keine Sozialeinrichtung. Hier wird nicht von oben herab geholfen. Hier wird einfach nur gelebt. So als wäre die Menschheit eine Familie, in der jede und jeder ein Recht hat, dazuzugehören. Es darf nichts Wertvolles in der Wohnung sein, sonst müsste man ja aufpassen, kontrollieren. Das will Christian nicht. Was geklaut wird, war zu wertvoll oder einfach zu viel. Geradezu allergisch reagierte Christian, wenn man ihn zu einem Sozialpastor stempeln wollte. Schon mit der Zuschreibung als Helfer erhebt man sich über den anderen. Er wollte zusammenleben, Mitmensch sein, nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Etwas Urchristliches aber brachte er mit: das Bewusstsein, dass es sich bei jeder Begegnung mit einem Menschen um das Geschenk einer Begegnung mit Gott handelt. Mit jedem Hungernden, Dürstenden, Nackten, Wohnungslosen, der an deine Tür klopft, meldet sich Christus bei dir und gibt dir die Chance, sein Gastgeber zu sein.

Bei einem Samstagsfrühstück begann man die Knastjahre zusammenzuzählen, die zufällig am Tisch versammelt sind und kam auf sechzig Jahre. Es folgte eine intensive Diskussion was für Einzel-, Doppel- und Vierbettzellen spricht.

Wenn Christian von solchen Begegnungen erzählte, dann spürte man: das war kein Trick, um zu guten Taten zu ermuntern oder Bescheidenheit zu signalisieren. Sondern eine Erfahrung, die sich immer wieder bestätigt: Gott begegnet überall, auf der Straße, in der Wohngemeinschaft, im Betrieb, im Mitmenschen, jeden Tag.

Aus dieser Erfahrung heraus hat Christian Herwartz sein Konzept der „Exerzitien auf der Straße“ entwickelt und damit den geistlichen Übungen seines Ordens eine neue Gestalt gegeben. Dazu lud er Menschen ein, sich für einige Tage aus ihren gewohnten Bezügen zu befreien und das unkalkulierbare Leben der Straße zu führen. Als Quartier bot sich im Sommer eine unterbelegte Notunterkunft für Obdachlose an. Dort begann er die Übungen. Er las die Geschichte vom brennenden Dornbusch, in dem Mose eine Gotteserscheinung sah.

So läuft das, erklärte er. Schaut hin, wo es für euch brennt und dann zieht die Schuhe aus, das ist heiliger Boden, und nehmt wahr, was passiert. Die zweite Regieanweisung entlehnte er dem Lukasevangelium. Dort schickt Jesus die Jünger hinaus in die Welt. Zieht ohne Geld los, es gibt keine Sicherheit, nehmt keine Tasche mit, bittet wenn ihr etwas braucht, habt keinen Stock dabei, macht euch wehrlos, zieht die Schuhe aus, so dass ihr den Boden spürt, auf dem ihr geht und grüßt die Leute nicht, das heißt, versucht es ohne die eingeübten Konventionen. Du musst nicht alles befolgen, schau, was dich herausfordert und: lass dich überraschen!

Am Abend kommen die Straßenpilger zusammen und werten aus, was sie erlebt haben. Es ist erstaunlich, was diese kleine Übung in Achtsamkeit bei den meisten bewirkt. Gern lud er Leute aus seiner WG dazu ein. Fachleute in Straßenangelegenheiten. Ein Priester beispielsweise erzählte, wie er sich bei der Armenspeisung versorgte. Es gab Tüten mit einer Stulle, einem Saft und einem Schokoriegel. Der allerdings war seit zwei Jahren abgelaufen und so ließ er ihn unbemerkt verschwinden. Als sein Tischnachbar bemerkte, dass in der Tüte des Kollegen keine Süßigkeit war, teilte er seinen Riegel und war etwas enttäuscht, dass der die Gabe ablehnte. Der Mann von der Straße, der diesen Bericht hörte, schaltete sich ein und bemerkte etwas sarkastisch: weißt du eigentlich, dass du dem Mann die Kommunion verweigert hast?

Die Aufdeckung der Missbrauchsfälle am Canisiuskolleg erschüttert ihn, wie alle Brüder der Berliner Ordensgemeinschaft. Er hätte sich abwenden können. Euer Problem, ich gehörte nie dazu. Ich war extern, ich war in Kreuzberg. Doch so einfach machte er es sich nicht. Es ging bei all dem ja nicht allein um fehlgeleitete Sexualität, es ging um Machtmissbrauch. Und den gibt es überall. Die Anfrage traf also auch ihn. Die Frage der Gewalt und Gewaltvermeidung war immer wieder Thema, wenn sich die WG über dem ‚Trinkteufel‘ zusammenfand. Hat er da immer richtig reagiert? Hat er zu stark agiert oder zu wenig? Das trieb ihn um. In dieser Zeit schätzte er den engen Austausch mit Brüdern aus dem Orden, um sich abzugleichen. Und man schätzte ihn als Stimme von außen, um den Prozess im Orden voranzubringen.

Vor Jahren schon traf Christian die Diagnose Parkinson. Eine schleichende Krankheit, lange konnte er mit den Einschränkungen relativ gut leben. Auch sie: nur ein Aspekt der Lebenswirklichkeit. Es geht eben nicht darum, sich als Helfer zu betätigen. Hilflosigkeit zuzulassen, das ist die schwerste geistliche Übung. Christian legte die WG in der Naunynstraße in die Hände seiner Nachfolgerin und zog sich in die Betreuung des Jesuitenordens zurück. Ging zu denen, die sein Tun über Jahre mit einigem Misstrauen beobachtet hatten und denen er oft mit gehöriger Arroganz begegnet war. Auch dasE eine durchaus geistliche Übung, für beide Seiten.

Wäre er auf der Straße und ohne Papiere gestorben, man hätte wohl zunächst in der Obdachlosenszene recherchiert. Alter Mann, langer weißer Bart, tätowiert am ganzen Körper. Über die Tattoos wäre man ihm dann vielleicht auf die Spur gekommen, lauter religiöse Motive. Offenbar ein frommer Mann, der da gestorben ist.

Das hätte Christian gefallen, darüber hätte er herzhaft gelacht.

Dieser Nachruf ist vom Deutschlandfunk am 1. Mai gesendet worden. Man kann ihn  hier (knapp 15 Minuten) nachhören.

Am 9. Juni gab es im Rahmen der Morgenandacht im Deutschlandfunk einen Beitrag (4 Minuten): Wenn die Tür besonders weit offen steht  über unser offenes Samstagsfrühstück. 

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Nachruf im Tagesspiegel: Christian Herwartz (SJ)

Vor gut drei Wochen hat uns Jörg besucht. Viele Jahre war er Pfarrer der evangelischen Emmauskirche in Kreuzberg und mit Christian Herwartz immer wieder in diversen Anliegen verbunden. Jörg schreibt schon viele Jahre Nachrufe für den Tagesspiegel über ganz normale Berliner. Wir haben lang mit ihm gesprochen. Nun ist gestern – also im Tagesspiegel vom 10. April – eine sehr gekürzte Fassung erschienen und zwei Wochen später auch online – und zwar hier  

Nachruf Christian Herwartz im Tagesspiegel vom 10. April 2022

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Die vollständige Fassung des Nachrufs wird Anfang Mai in einem anderen Medium publiziert. Wir dürfen sie dann auf dem Blog übernehmen. Dieser ausführliche Nachruf wird dann unter dem Headerbild in der Spalte „Seiten“ abrufbar sein, aus presse- und medienrechtlichen Gründen nach der Erstveröffentlichung. Anhören kann man den Beitrag unter dem Titel „Christian Herwartz – ein Leben jenseits der Komfortzone“ beim Deutschlandfunk und zwar hier.

Am 9. Juni 2022 gab es im Rahmen der Morgenandacht einen Beitrag (4 Minuten) über unser offenes Samstagsfrühstück

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