Laubhüttenfest in Zeiten von Corona oder von der Verletzlichkeit unseres Lebens

Dach einer Laubhütte

Sieben Tage Laubhüttenfest (Sukkot) – ein Erntedankfest und eine Erinnerung an die vierzig Jahre in der Wüste. EINER geht voran – geht mit: Tags als Wolkensäule – nachts als Feuersäule. Die Israeliten – wir – unterwegs, verletzbar, verwundbar, ausgesetzt äußerlich und innerlich. Die Sukka – ein Schutz: auf Zeit, vorläufig bis zum nächsten Aufbrechen – ein Provisorium. Sieben Tage in einer Laubhütte leben und wo das von den Temperaturen her nicht möglich ist, zumindest die Mahlzeiten dort einnehmen. Sich mit Freunden und Bekannten treffen zum Reden, Lernen … Spontan hingehen – ins Gemeindezentrum oder wo „privat“ eine steht. All das ist in diesem Jahr der Pandemie so nicht möglich. Und doch bringt uns Corona und die damit verbundenen Umstände näher an die ursprüngliche Bedeutung dieses Festes.

Unsere Vorfahren waren vierzig Jahre in der Wüste unterwegs nach ihrer Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten auf ihrem Weg ins Land der Verheißung. Sie waren der Hitze, der Kälte und den Sandstürmen ausgesetzt und bauten immer wieder an neuen Rastplätzen provisorische Hütten. Die Mehrzahl derer, die aus Ägypten ausgezogen waren, starben unterwegs und kamen nicht im Land der Verheißung an.Sie erlebten die Zerbrechlichkeit, Verletzbarkeit und Vorläufigkeit des Lebens. Ihre Lebensbedingungen waren ganz andere als unsere unter „normalen“ Umständen. Aber was ist in diesem Jahr – in diesen Zeiten –  normal?

Wenn ich aus dem Haus gehe und auf den Straßen Kreuzbergs unterwegs bin, sehe ich immer mehr Leute, die sich in Hauseingängen, auf Treppenstufen, auf Sitzplätzen von Bushaltestellen oder auf den Parkbänken im Engelbecken provisorisch eingerichtet haben und versuchen zu schlafen oder mit Einkaufswägen unterwegs sind, in denen sie ihre Habseligkeiten mit sich führen. Immer mehr Menschen verlieren ihr Zuhause, sind auf öffentliche Essensausgabestellen und in der kalten Jahreszeit immer mehr auf Notübernachtungsprogramme angewiesen.

Zu Vor-Corona-Zeiten hat uns die Sukka an die Brüchigkeit, Begrenzungen und Endlichkeit unseres Alltagslebens erinnert. Dieses Jahr 2020 brauchen wir die Laubhütte, damit sie uns daran erinnert, daß die Zerbrechlichkeit, wie wir sie in diesen Zeiten erleben, vorübergehend und vorläufig ist. Wir brauchen die Laubhütte um uns bewußt zu machen, daß die zeitweiligen Strukturen, in denen wir leben, keine Lösung auf Dauer sind und auch nicht sein können und dürfen.

Dieses Jahr können wir nicht wie in anderen Jahren viele Gäste in die Sukka einladen. Es gibt einen schönen Brauch, Gäste aus biblischen Zeiten in die Sukka einzuladen, die „Uschpisim“. Das kann uns nähren und stärken. Uschpisim ist das aramäische Wort für Gäste, die besonders wertgeschätzt werden. Man lädt sie in die Sukka ein, denn jeder Tag steht unter dem Zeichen eines anderen himmlischen Gastes. Der Brauch ist in einem mystischem Zweig des Judentums entstanden, – bei den Kabbalisten von Sefat. Die sieben Gäste haben gemeinsam, dass sie alle Hirten waren: Am ersten Abend ist es Abraham, am zweiten Isaak, am dritten Jakob, am vierten Josef, am fünften Moses, am sechsten Aaron und am siebten David. Da das sehr einseitig auf Männer zentriert ist, kamen jüdische Frauen in den letzten drei Jahrzehnten auf die Idee, auch biblische Frauen als Gäste einzuladen. Nach dem Verständnis der Kabbala ordnen wir unser Wesen, wenn wir jeden Abend einen anderen himmlischen Gast empfangen und ehren. Diese Gäste werden als uschpisin dimnuta (Gäste des Glaubens) gesehen.

Auch wenn wir uns um den Tisch in der Laubhütte nicht so versammeln können wie in anderen Jahren und Gastfreundschaft üben können, wie wir es gern tun würden, so brauchen wir diesen Tisch als Zeichen der Erinnerung an die Menschen, die sich nicht aussuchen können wie wir, ob sie sich draußen oder drinnen aufhalten, weil es für sie kein DRINNEN mehr gibt und nur gelegentlich die Möglichkeit besteht, sich für eine halbe Stunde zur Einnahme eines warmen Essens hinzusetzen, wenn sie nicht gar gleich nach dem Austeilen eines Essenspackets gehen müssen, weil sonst die Einhaltung der Corona-Regeln nicht mehr zu bewerkstelligen ist und die Schließung der Essensausgabe droht.  Alte Menschen sitzen am Ostbahnhof auf Bordsteinen um die warme Mahlzeit zu verzehren, die sie vom Caritas-Foodtruck erhalten haben. Im Bahnhofsbereich weisen Beschilderungen darauf hin, daß sich dort nur aufhalten darf, wer eine gültige Fahrkarte vorweisen kann.

Man mag das mit Zweigen bedeckte Dach der Sukkah malerisch und die Sicht auf die Sterne und den Mond großartig finden, aber die, die unter Planen und wackeligen Zeltkonstruktionen die Nacht verbringen, für sie bedeutet jedes Loch weniger Schutz vor Regen, Wind, Kälte und ist ein mögliches Einfallstor für Krankheiten, die für sie bedrohlicher sind als für uns, weil viele von ihnen von medizinischer Versorgung weitgehend abgeschnitten sind.

Was können wir tun?

1. Wir können Essensausgabestellen, Suppenküchen, den Caritas-Foodtruck, Einrichtungen der Kältehilfe durch Geld- oder Sachspenden unterstützen.

2. Auch Menschen, die sich ehrenamtlich in diesem Bereich engagieren wollen, werden gesucht. Gerade jetzt werden an vielen Stellen neue Ehrenamtliche gebraucht, weil aus Altersgründen viele, die seit Jahren im Einsatz sind, wegen erhöhter Gefährdung vor Corona ihr Engagement nicht mehr fortsetzen können.

3. Auch häusliche Gewalt nimmt in diesen Zeiten zu. Wir können Einrichtungen, die sich in diesem Bereich einsetzen, unterstützen. Auch wenn wir selber gerade ein mehr zurückgezogenes Leben führen, können wir achtsam sein, ob wir in unserem Umfeld Zeichen häuslicher Gewalt wahrnehmen.

4. Viele von denen, die bis jetzt immer wieder zu den Helfenden gehört haben und in scheinbar gesicherten Verhältnissen gelebt haben, sind durch Corona in Not geraten, weil sie keine oder stark eingeschränkte Arbeitsmöglichkeiten haben. Für sie kann es schwer sein, sich mit ihrer Not und Bedürftigkeit zu zeigen. Wem es schwer fällt, sich direkt an andere oder auch an soziale Einrichtungen zu wenden, für den oder die kann eine der Telefonberatungsstellen ein erster Ort zum Gespräch darüber sein (Telefonseelsorge, Corona-Telefon …).

Mehr Infos zum Laubhüttenfest
Mehr zum Caritas-Foodtruck


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Viel Grund zum Feiern am 4. Oktober …

… gibt es heute bei uns. Der Chefkoch hat Namenstag. Er hat uns mit einem köstlichen Frühstück verwöhnt: Mit Spiegeleiern, mit Lachs und mit einer Torte, die seinem Namenspatron gewidmet war. Weil Franz von Assisi ein enges Verhältnis zu Tieren hat, sie verstanden hat und ihnen gepredigt hat, ist heute auch Welttierschutztag.

Und weil der vierte Oktober in diesem Jahr auf einen Sonntag fällt, feiern Christen das Erntedankfest. Für Juden ist heute der zweite Tag des Laubhüttenfestes (Sukkot).  In Schweden wird der Tag der Zimtschnecke begangen. Dem haben wir uns auch angeschlossen.

Zum Franziskus-Fest hat Schwester Birgitta von den Franziskanerinnen aus Reute einen Artikel Artikel über unsere Gemeinschaft geschrieben.

 

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Feste feiern … wie sie fallen: Franziskusfest und Sukkot

… und im Moment fallen einige Fest- und Feiertage an, weil wir aus und mit unterschiedlichen religiösen Traditionen leben. Gestern hatte unser Mitbewohner Franz Namenstag und wurde reichlich gefeiert mit Glückwünschen, Geschenken, Kuchen. Von einer Kindergartenkindergruppe wurde er in die Mitte genommen, bekam ein Herbstlied gesungen mit einem Tanz. Das absolute Highlight war ein Anruf von Schwester Ingrid. Am Abend waren wir bei den Franziskanerinnen um die Ecke zu einer Messe und anschließendem Essen zu Ehren des Ordensgründers und aller Namenstagskinder eingeladen.

Dach einer Laubhütte

Wegen des am gleichen Abend beginnenden Laubhüttenfestes (Sukkot) mußte ich etwas früher gehen um rechtzeitig zum G-ttesdienst, zum Essen und Beisammensein in der Synagoge zu kommen.

Infos zum Laubhüttenfest sind hier.