Ein Denkmal für Gastarbeiter am Oranienplatz

Im Oktober ist der 60. Jahrestag des Anwerbeabkommens zwischen der BRD und der Türkei. Bis zum Anwerbestopp zwölf Jahre später kamen 867.000 türkische GastarbeiterINNEN nach Deutschland. Das nimmt Sevim Aydin von der SPD-Fraktion des Berliner Abgeordnetenhauses zum Anlaß, ein Denkmal für Gastarbeiter auf dem Oranienplatz in unserer Nachbarschaft anzuregen. Es geht darum, den Beitrag der ersten Gastarbeitergeneration zum deutschen Wirtschaftswunder zu würdigen – und zwar GastarbeiterINNEN der unterschiedlichen ethnischen Gruppen. 

Darüber hat die Berliner Abendschau vorgestern berichtet. In dem Video (8 Minuten) werden unterschiedliche Menschen dazu befragt. In einem historischen Rückblick sieht man auch unser Haus mit der Kneipe Plassmann (heute Trinkteufel) auf Minute 3:56 und 3:57 und zwar hier.

Beim letzten Samstagsfrühstück waren zwei Frauen zu Gast, die sich bei uns kennen lernten und Gemeinsamkeiten entdeckten. Bei beiden waren die Mütter vor den Vätern aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Beide waren als kleine Kinder bei Verwandten zurück gelassen worden und erst einige Jahre später nach Deutschland geholt worden. Sie ließen uns daran teilhaben, was es für sie bedeutet hat, als Kinder zurück gelassen zu werden, erst später nach Deutschland zu kommen und welche Schwierigkeiten damit verbunden waren, die Herkunftskultur und die neue Kultur in Deutschland miteinander auszubalancieren. Wir waren sehr dankbar für diese Offenheit und die Einblicke, die uns dadurch ermöglicht wurden.

Zum Weiterlesen:
Sevim Aydin beim Samstagsfrühstück

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Sackgasse Europa

Schon viele Monate haben wir ihn nicht mehr gesehen. Seit ein paar Jahren ist er in Deutschland – einige Monate auch bei uns. Er arbeitet für seine Familie in Afrika – schmutzige Arbeit bei der Reinigung von mit Öl verschmierten Maschinen. Er arbeitet im Drei-Schicht-System und versucht so viele Überstunden wie möglich zu machen, arbeitet auch zwei Schichten hintereinander wenn es sich ergibt. Nur den Sonntag nimmt er für sich in einer schwarzen Gemeinde. 

Die Ansprüche der Familie in Afrika sind hoch. Er ist das älteste von acht Kindern. Für die jüngeren Geschwister soll er Schuluniformen und Schulbildung finanzieren. Der Vater ist immer wieder wochenlang im Krankenhaus. Auch dafür braucht die Familie Geld. Und das Dorf möchte eine Mangoplantage. Er selber kommt mit ganz wenig aus: Jeden Tag Maisbrei und Kleidung aus der Kleiderkammer – da, wo man keine Papiere vorzeigen muß. Seit wir ihn kennen hat er Bauchweh, Kopfweh, Atemprobleme – manchmal mehreres gleichzeitig. Die Medikamente, die er bekommt, greifen nicht. 

Heute wird er von Weinkrämpfen geschüttelt. Er will zurück in sein Heimatland, obwohl das eine Riesenschande ist. Er hat es nicht geschafft. Aber er hält es nicht mehr aus hier. Er war schon bei der Botschaft seines Landes. Sie sagen, sie können nichts für ihn tun.

Heißt konkret: Sie wollen nicht. So ist die Strategie von manchem afrikanischen Land. Die Bürger sollen hier arbeiten und Geld nach Hause schicken. Man will sie nicht zurück haben. Das ist Kalkül. Wer keinen Paß hat, kann seine Staatsbürgerschaft nicht nachweisen und bleibt draußen – in Europa. Das wissen sie nicht, wenn sie sich auf den Weg machen und denken, sie könnten zurück nach Hause, wenn es doch nicht gut läuft in Europa: Zurück in die Heimat – wenn auch mit Schande.

Aber in diesem Punkt hat er Glück. Er hat einen gültigen Paß seines Landes.  Für ihn kommt ein Rückkehrerprogramm der Bundesrepublik in Frage – man mag davon halten, was man will. Davon hat er noch nichts gehört und ist erleichtert als er erfährt, wo er sich dazu beraten lassen kann. Ob es für ihn einen Weg zurück gibt?

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