Kreuzberger Armutskonferenz 2017 in Bildern

Vor einem Jahr fand die erste Armutskonferenz in Kreuzberg für den neuen pastoralen Raum Mitte statt (mehr dazu hier und im Gemeindebrief vom Februar 2017 auf Seite 18 und 19) Schon damals beschlossen wir eine Fortsetzung ein Jahr später. Das Treffen hat am Samstag den 25. November wieder im St. Marien-Liebfrauen stattgefunden. Hier sind erste Eindrücke in Bildern – fotografiert von Christoph Boisseree:

Teilnehmende der Armutskonferenz 2018

Arme Menschen aus den Gemeinden, Ehrenamtliche und einige Hauptamtliche fanden sich im liebevoll vorbereiteten Gemeindesaal an diesem Samstag zusammen. Auch eine Reihe neuer Gesichter waren zu sehen.

Bodenbild zum Impuls von Schwester Rita

Schwester Rita von der Kreuzberger Kommunität der Franziskanerinnen aus Siessen stimmte uns auf den Nachmittag ein. Sie zeigte auf, wie Franziskus von Assisi Armut sah und wie er mit den Armen lebte – welche Veränderungen das bei ihm erfuhr und wie seine Brüder das aufnahmen. Auf dem Bodenbild sieht man ein braunes Stück Stoff, eine brennende Kerze, eine Ikone, eine aufgeschlagene Bibel und Tonscherben eines zerbrochenen Gefäßes.

Pastoraler Raum Mitte

Hier sieht man die Umrisse des neuen pastoralen Raumes Mitte, der aus den vier Gemeinden St. Marien-Liebrauen/ St. Michael, St Bonifatius (beide Kreuzberg), Herz-Jesu (Prenzlauer Berg) und der Hedwigskathedrale (Mitte) bestehen wird. Bei der Vorstellungsrunde steckte jede/r eine Stecknadel an dem Ort ein, an dem er / sie sich am stärksten zugehörig fühlt – wo der Schwerpunkt des eigenen Engagements ist.

einige der Verabredungen der Armutskonferenz 2016 (erstes Blatt)gi

Wir gingen die Absprachen und Verabredungen durch, die wir 2016 getroffen haben um zu sehen, was daraus geworden ist. Dann schauten wir in den Themenspeicher vom letzten Jahr um zu sehen, was noch offen geblieben ist und entwickelten mit den vorgeschlagenen Themen fünf Punkte die wir noch in der großen Runde besprechen wollten. Aber erst einmal wurde eine Kaffeepause eingelegt. Davon und von den leckeren Kuchen, die uns die Frauenfazenda aus Riewend gebacken hatte, gibt es kein Foto. Anschließend gingen wir ins Gespräch über die offenen Punkte. Großen Raum nahm die Frage ein, was Kirchengemeinden auf politischer Ebene tun können gegen vie Vertreibung von Menschen in ihrem Umfeld durch die zunehmende Gentrifizierung. Ein ausführlicherer Bericht wird folgen.

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geistliche Auszeit: Atem holen in der Naunynstraße

Platz nehmen
sich setzen lassen
den Schmerz, die Freude
und in Schönes verwandeln,
das niemanden und nichts
verdrängt

„Atem holen“ ist ein Programm der Evangelischen Landeskirche in Bayern, das kirchlichen MitarbeiterINNEn eine Auszeit für drei bis sechs Wochen ermöglicht. Annette hat die letzten drei Wochen bei uns mitgelebt und schreibt: 

Naunynstr. 60Ich hatte im April dieses Jahres für eine geistliche Auszeit angefragt: Meine Landeskirche finanziert das so genannte ‚Atem holen‘ für drei bis sechs Wochen. Einzige Bedingung ist die geistliche Begleitung in Form von zwei Gesprächen pro Woche. Eine mir bekannte Seelsorgerin in Berlin wäre dazu bereit. Nun möchte ich fragen, ob ich für einen solchen Zeitraum evtl. in der WG Naunynstr. unterkommen könnte, das heißt mitleben?“ Bei Telefonkontakten mit Iris hatte ich etwas mehr vom Leben der WG erfahren – und sie von mir.


Am 17. Juli kam ich abends in der Naunynstraße 60 an. Ich hatte mich darauf eingestellt, mit einer Frau das Zimmer zu teilen… nun bekam ich
durch glückliche Umstände ein Zimmer für mich allein, und sogar zur ruhigen Hofseite hinaus!

Schon beim zweiten Frühstück (Montag bis Freitag gemeinsam ab 8 Uhr und meistens bis gegen 9 Uhr dauernd) kam meine ganze ziemlich komplizierte Lebenssituation auf den Tisch und fand Verständnis. Bei den Mahlzeiten in den knapp drei Wochen meines Aufenthalts erlebte ich interessante Gespräche zu den verschiedensten ThemenAuch wegen aktueller Gewalttaten in Deutschland (Würzburg, München, Ansbach) ging es oft um äußere und innere Bedrohungen für Leben und Gesundheit, um die destruktive Seite des Menschen an sich, sowie Armenhass und Armutsfurcht der Reichen – aber auch um heilsame Kräfte in Erinnerung und Hoffnung, in Humor, Liebe und Spiritualität.

Noch intensiver waren die Gottesdienste an demselben Esstisch, der auch ohne Eucharistie dem Wortgottesdienst eine sakramentale Dimension verlieh – sodass mir beim Warten darauf (während der zwischen Abendessen und Gottesdienst am Kommunitätsabend üblichen Zeit des Austauschs) die Liedzeile in den Sinn kam
„… bis nach der Zeit den Platz bereit an Deinem Tisch wir finden.“
(Gotteslob alt 473 neu 216, Evangelisches Gesangbuch 222).

Auch bei diesem Austausch hätte ich anwesend sein dürfen, doch ich wollte nicht zu viel mitbekommen vom Innenleben der WG, wo ich doch so viel mit mir selbst zu tun hatte. Ein roter Faden in dieser Auszeit war das Thema „Platz einnehmen“. Schon sensibilisiert für die Problematik der Gentrifizierung (laut Wikipedia „Veränderungen in ursprünglich preisgünstigen Stadtvierteln, in denen Immobilien zunehmend von wohlhabenderen Eigentümern und Mietern belegt und baulich aufgewertet werden. Bewohner mit einem niedrigeren Sozialstatus werden ersetzt oder verdrängt), traf mich der Text eines Plakats in der Gitschinerstraße: „Macht die Stadt nicht noch schöner, sonst muss ich gehn.“

Platz nehmen in Kreuzberg 2016

Als ich kurz darauf im „Gitschiner 15 ankam, dem „Zentrum für Gesundheit und Kultur gegen Ausgrenzung und Armut“, nach dem ich gesucht hatte, schrieb ich einen kleinen Text:

Platz nehmen
sich setzen lassen
den Schmerz, die Freude
und in Schönes verwandeln,
das niemanden und nichts
verdrängt

Schönes … fand ich in der WG vor bzw. erlebte es mit. So wurden mir Bild-Kunstwerke von Denver und Bruder Schmidt gezeigt; ich durfte die Musik von RockN RollF genießen – und die Kochkunst von Franz. Als ich dann zusätzlich ins Theater gehen und für eine Solo-Performance 8 Euro ausgeben wollte (für mich wenig Geld, für andere aber sehr viel), ergab sich eine Diskussion über Kultur der Armen und der Reichen, die für mich ein lehrreicher Denkanstoß war. Ja, zu den kulturellen Unterschieden, den diese WG in sich vereint, gehört auch der zwischen Arm und Reich, oder Ärmer und Reicher. Einmal habe ich spontan das einzige italienische Lied, das ich kenne, angestimmt und es dann zu Beginn eines Kommunitätsabends nochmals gesungen: „Comme bello, comme la gioia, con fratelli e le sorelle siamo insieme“ (Wie schön, was für eine Freude, wenn wir als Brüder und Schwestern zusammen sind.) Damit meine ich alle Bewohnerinnen und Bewohner, mit ihrer Fröhlichkeit und Ernsthaftigkeit, die mich so freundlich aufgenommen haben.

Die Straßenexerzitien bekam ich vor allem durch den beeindruckenden Abschluss-gottesdienst in St. Michael mit, den Christian Herwartz SJ leitete. Besonders verbunden fühlte ich mich mit der Wohn-Gemeinschaft, als wir am Abend auf ihn warteten, weil das festliche Abendessen nicht ohne ihn, den früheren Leiter, beginnen sollte. Da habe ich angefangen, in meinem Exemplar vom „Einfach ohne“-Buch die Autogramme von allen zu sammeln… Herzlichen Dank allen – und Auf Wiedersehen!

Annette R.odenberg, Pfarrerin in Naila bei Hof/Saale

PS: Ich hänge noch ein Foto von der Haustür an – der Aufkleber „Refugies welcome“ blieb ja nicht lange hängen, wurde von unbekannter Hand entfernt. Deshalb habe ich ihn wieder hineinmontiert.

Samstagsfrühstück mit … Sevim Aydin

naunyn-tisch 05Vorletzte Woche hatte Sevim Aydin, SPD-Kandidatin für die Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses durch Plakate an den Hauseingangstüren angekündigt, daß sie Besuche in der Naunynstraße machen wird. Da wir zu sehr unterschiedlichen Zeiten anzutreffen sind, habe ich sie für das Samstagsfrühstück heute eingeladen.

Sevim Aydin ist in der Naunynstraße aufgewachsen und hat dort auch bis vor ein paar Jahren gewohnt. Ihr besonderes Anliegen ist die Bildungspolitik (gebührenfreie Bildung vom Kindergarten bis zum Universitätsabschluß), Wohnungs- und Arbeitsmarktpolitik. Die Frühstücksgäste befragten sie auch zu einigen anderen Themen: Bedingungsloses Grundeinkommen, Integration von Geflüchteten, Schaffung von Arbeitsplätzen, die fair bezahlt werden, Inklusion … Der Austausch war sehr anregend.

Zum Abschluß rezitierte Roj noch einige Zeilen aus einem Gedicht aus dem Gitanjali (Gedichtsammlung von Rabindranath Tagore), das er mitgebracht hatte:

Du machtest mich bekannt
mit Freunden, die ich noch nicht kannte.
Du gabest Heimstatt mir in Häusern,
die mir nicht gehörten.
Du brachtest das Entfernte nah
und machtest aus dem Fremdling
einen Bruder

Website von Sevim Aydin

Einladung zum interreligiösen Friedensgebet im Juni

MAHNWACHE UND INTERRELIGIÖSES FRIEDENSGEBET AUF DEM GENDARMENMARKT

SONNTAG, 5.6.2016 um 15:00 Uhr

LASST UNS DEM LEBEN TRAUEN

FriedensgebetMit Festen und Umzügen, mit Feiern und Prozessionen im Monat Mai haben Frauen und Männer in unserer Stadt und viele Gäste ihre Lebensfreude bekundet. Die Freude an der Vielfalt der Schöpfung und Staunen über die Großzügigkeit des Schöpfers bereiten uns den Zugang zur Quelle des Lebens.

Das bewegte uns, als wir zur Vorbereitung unserer Einladung für den Monat Juni zusammenkamen und waren auch verwundert über uns selbst, als unsere Gedanken nicht loskamen von den Sorgen und Ängsten, die Menschen unter uns haben, die die Lebensfreude ersticken und die Hoffnung dämpfen. Darüber berichteten wir uns:

Die Sorge der Mutter um ihre Kinder, die sich aus einem sozialen Brennpunkt unserer Stadt zurückzog; die Schwermut des Vaters, der Frau und Kinder auf der Flucht verlor; die Sorge eines Weisen, der an seiner Religion zweifelt; die Verzagtheit dessen, der Gutes will und vor den Grenzen seiner Möglichkeiten steht.

Und doch sind die lebensfreundlichen Kräfte weiter sichtbar und vernehmbar: Die andere Wohnung, nicht schöner aber sicher. Der verständnisvolle Helfer, der wohltut an Leib und Seele. Der verständige Ratgeber, der das Ohr für neue Einsichten öffnet; die hilfreiche Begleitung, die dem eigenen Unvermögen aufhilft.

Unseren Umgang mit den Erlebnissen machten wir zur Frage an uns selbst: Welchen Kräften und Mächten geben wir uns hin?

Dem natürlichen und ererbten Misstrauen und der Angst gegenüber allem Fremden und Anderen? Diese Empfindungen sind ja nicht sinnlos solange sie nicht ausarten in einen überängstlichen und egoistischen Selbstschutz, der unser ganzes Denken kontrolliert. Wenn wir uns aber beides bewusst machen, den Sog und die Gewalt lebensbedrohlicher Mächte um und in uns, aber auch die starken Kräfte des Lebens in und um uns, dann können wir uns öffnen für eine gespannte Erwartungshaltung und heitere Zuversicht, die das Leben vorantragen und unser Herz nicht verschließt vor den Schutzbedürftigen.

Das Wissen der Religionen in den Kulturen weckt die Bereitschaft, das gelingende Leben nun auch entdecken zu wollen. Religionen halten dafür Not wendende Anleitungen und Einsichten bereit. Sie lassen Kräfte reifen für notwendige Entscheidungen, wenn Menschen es lernen, die Geister zu unterscheiden. Es geschieht ein inneres Wachstum, das begleitende Anregung empfängt durch den, der alles und jeden umgibt. Mitten im Leben gibt sich der lebensfreundliche Gott zu erkennen, weil er mit uns lebt und durch uns wirkt.