Brot-Vermehrung

Es ist Sonntag Morgen, und ich überlege, was ich für das Frühstück in Sankt Michael mitbringen kann. Im Brotkasten sind noch zwei Päckchen Brot mit je acht Scheiben. Nicht viel für elf Bewohner, die wir derzeit sind, weil einige unterwegs sind. Deshalb zögere ich, packe dann ein Päckchen zu den anderen Lebensmitteln dazu. Der August ist der zweite Monat mit 31 Tagen – für ame Menschen eine besonders schwierige Situation (dazu habe ich schon letztes Jahr geschrieben und zwar hier). Im Gemeindezentrum haben wir nach der Messe ein schönes Frühstück mit einem lebendigen Austausch. Als wir mit dem Abspülen und Aufräumen der Küche fast fertig sind, liegen auf der Arbeitsplatte drei Päckchen Brot genau von der Sorte, von der ich ein Päckchen mitgebracht hatte und jemand sagt: „Das ist für die Naunynstraße. Wenn Ihr noch mehr braucht, könnt Ihr noch bei den Schwestern nebenan holen.“

 

Advertisements

Das Flehen des Armen …

Nach der Messe um 11.00 Uhr in Sankt Michael gibt es ein gemeinsames Frühstück. Immer sind materiell arme Menschen dabei. Regelmäßig wird über die Predigt oder anderes, was einzelne nach der Messe beschäftigt, gesprochen. Heute hat besonders ein Satz aus der ersten Lesung, dem Buch Jesus Sirach im 35. Kapitel, viele besonders berührt und einzelne getröstet:

Das Flehen des Armen dringt durch die Wolken, es ruht nicht, bis es am Ziel ist.
Es weicht nicht, bis Gott eingreift 
und Recht schafft als gerechter Richter.

Die Härte für Arme: Zwei Monate mit 31 Tagen

Die katholische Kirchengemeinde St. Michael, in deren Gemeindegebiet unsere Wohngemeinschaft liegt, hat ein besonderes Herz für arme – man könnte auch sagen arm gemachte – Menschen. Viele von ihnen sind aktiv an der Gestaltung der Messe beteiligt. Jeden Sonntag nach der Messfeier gibt es im Gemeindehaus ein gemeinsames Frühstück. Jede/r ist willkommen unabhängig davon, ob sie bei der Messe waren oder nicht. Viele tragen etwas zum Frühstück bei – jede/r nach seinen Möglichkeiten.

Letzten Sonntag – es war der 21. August – sagte M., der auch schon in der WG Naunynstraße gewohnt hat und jetzt in einer eigenen Wohnung lebt: „Tut mir echt leid. Habe heute gar nichts dabei. Zwei Monate hintereinander mit 31. Tagen – erst der Juli und jetzt der August – das ist voll die Härte“. Einige andere nicken zustimmend. Ich schlucke und merke, daß ich einen Kloß im Hals habe. Drei der Frühstücksgäste konnten Essensbeiträge mitbringen, und ich sehe Menschen essen, die Hunger haben. Aus dieser Perspektive habe ich noch nie gesehen, was es bedeuten kann, daß zwei Monate hintereinander 31 Tage haben.

Durch dieses Erlebnis bin ich aufmerksam geworden und biete Menschen, die nach einem Gespräch fragen, einen Zeitraum an, wo bei uns in der Wohngemeinschaft gegessen wird. Einer wird mir beim Abschied erzählen, daß es das erste warme Essen ist, das er seit drei Wochen bekommen hat. Er hatte für 250 Euro Lebensmittel gekauft – es waren Sonderangebote. Sein Kühlschrank ging kaputt. Alles war verdorben und mußte weggeworfen werden.

Samstagsfrühstück … mit Annette Walz

naunyn-tisch 05 Die große Anteilnahme von Sankt Michael nach dem Weggang von Christian freut uns sehr. Heute kam Annette Walz vom Pfarrgemeinderat zu uns und erzählte vom Prozeß der pastoralen Neugestaltung in Berlin „wo Glauben Raum gewinnt“ und speziell, was dies für Kreuzberg bedeutet. Zum Start des pastoralen Raumes Mitte – dem Zusammenschluß mehrerer katholischer Gemeinden (St. Hedwig, Berlin-Mitte,  Herz Jesu, Berlin-Prenzlauer Berg, St. Marien-Liebfrauen, Berlin-Kreuzberg und  St. Bonifatius, Berlin-Kreuzberg sowie einiger muttersprachlicher Gemeinden mit insgesamt acht Gottesdienstorten) wird am 21. Mai ein Gottesdienst mit dem Erzbischof gefeiert. Zum Konzept „wo Glauben Raum gewinnt“ gab es in unserer Frühstücksrunde sehr unterschiedliche Ansichten und eine entsprechend lebhafte Diskussion. Geht es nur um eine geschicktere „kirchliche Logistik“ um das bisherige „Programm“ wo weitgehend wie möglich aufrecht zu erhalten oder geht es um neue Ansätze Kirche zu sein? Die Meinungen waren gespalten.

Da in Sankt Michael, was zu St-Marien-Liebfrauen gehört, das Anliegen „Leben mit den Armen“ einen besonders hohen Stellenwert hat, wird es dazu eine Armutskonferenz geben, bei der die Naunynstraße eingeladen ist sich zu beteiligen. Inwieweit wird sich St. Michael als kleinste Gemeinde mit den geringsten finanziellen Mitteln – in den gesamten pastoralen Großraum einbringen können?