Weihnachten mit-er-leben

Immer wieder bekommen wir Anfragen von Menschen, ob es kürzere oder längere Zeit möglich ist, bei uns mitzuleben. Letzte Woche haben wir uns sehr über die Mail einer jungen Frau gefreut:

Ich habe im Sommer Straßenexerzitien bei Christian Herwartz gemacht und durfte eine mich sehr prägende Zeit mit den Obdachlosen am Alexanderplatz verbringen. In dieser Zeit hat mich Silvia netterweise auch einmal mit in die Naunynstraße zum Mittagessen genommen. Seitdem muss ich ganz oft an euch und die Menschen auf der Straße denken, insbesondere jetzt in der Weihnachtszeit. Zudem habe ich lange überlegt, was Weihnachten für mich bedeu-tet und gemerkt, dass ich gerne aus der tradionellen, ver-steiften Familienfeier  ausbrechen würde und in meinem Inneren nach einem „Weihnachten der offenen Tür“, einfach mit Menschen, egal ob ich sie kenne oder nicht, wo alle zusammen kommen und es keinen ausgewählten Feiertisch gibt, suche. Dabei musste ich auch sehr an die Naunynstra-ße denken, weil ich irgendwie so ein  Weihnachtsgefühl mitten im Sommer bei euch beim Mittagessen spüren durfte. ich fühlte mich unglaublich willkommen und aufge-hoben, obwohl ich für euch alle sehr fremd war. Deswegen wollte ich fragen, ob ich bei euch auch Weihnachten mitfei-ern kann. Selbstverständlich bringe ich mich sehr gerne ein, egal ob beim Kochen, selber Essen mitbringen oder Musizie-ren (ich spiele Klavier).
Liebe Grüße und euch eine schöne Adventszeit,

Wir sind gespannt, was sich daraus entwickelt.

Besuch von den Teilnehmenden europäischer Bibeldialoge

Europäische Bibeldialoge

Vorgestern haben uns 18 Teilnehmende einer Tagung der europäischen Bibeldialoge besucht. Sie waren aus Polen, Ungarn, Rumänien, Rußland, Litauen und Deutschland angereist um sich mit dem Thema „Alltäglich (G-tt er-)leben aus der Stille“ zu beschäftigen. Die ersten Tage hatten sie im Tagungszentrum der evangelischen Akademie im idyllischen Schwanenwerder am Wannsee verbracht um verschiedene Meditationsformen zu erleben und einzuüben. Nun wollten sie die Naunynstraße als den Ort kennenlernen, an dem die Exerzitien auf der Straße entstanden sind und erste Erfahrungen mit den Straßenexerzitien machen.

So war Kreuzberg für sie ein Kontrastprogramm. Für mich war es eine neue Erfahrung, daß alles simultan in zwei Sprachen (polnisch und englisch) übersetzt wurde. Die Verlangsamung, die damit einher ging, hat uns zusätzlich gut getan. Die TeilnehmerINNEN waren 90 Minuten rund um das Kottbusser Tor und die Naunynstraße unterwegs. Dann trafen wir uns zum Austausch im Kirchenraum von Sankt Michael. Es war wieder sehr bewegend, was in dieser Runde über diese eigentlich so kurze Zeit auf der Straße erzählt wurde.

1953 hat die Union evangelischer Kirchen als Reaktion auf die Teilung Deutschlands die Berliner Bibelwochen (heute „europäische Bibeldialoge“) ins Leben gerufen um Begegnungen zwischen evangelischen Christen aus West und Ost zu ermöglichen.

Mehr zu
Straßenexerzitien
Exerzitien auf der Straße – Leben mit Straßenkontakt
europäische Bibeldialoge (Weblog)
Website Europäische Bibeldialoge
Posting auf dem Blog der „Europäischen Bibeldialoge“

Strassenexerzitien-Herberge

Jens kennt die Naunynstraße seit mehr als 20 Jahren. Er hat Ende Juli in Berlin Exerzitien auf der Straße begleitet und während dieser Zeit in der WG Naunynstraße gewohnt. Er schreibt:

Auf dem Naunynfest im April haben wir etwas wehmütig in die Vergangenheit geschaut: eine lange Wegstrecke ging zu Ende.

Mit der „Übergabe des Kommunitätstisches“ beim Fest selber und am Sonntag im Gottesdienst deutete sich aber an: es geht weiter. Aber wird es wirklich eine Zukunft geben?

Ich war in der letzten Juliwoche in der Naunynstraße – mit Iris, Christian und Marita habe ich die Straßenexerzitien begleitet, und es fügte sich, dass Iris und ich ein „Begleiterpaar“ waren und wir somit nicht nur gemeinsam begleiteten, sondern auch zusammen wohnten und lebten.

Blick aus dem Wohnzimmerfenster

Blick aus dem Wohnzimmerfenster

Ich durfte eine Woche lang Gast sein in der Naunyn. Da ich sie schon lange kenne und immer mal wieder zu Gast war, kamen mir Bilder von früher: war es besser als heute oder schlechter?

In den Straßenexerzitien haben wir als Begleiter immer gesagt: „Im Jetzt bleiben!“ Das war nun auch DIE Aufforderung an mich in dieser Woche. Ich konnte so etwas vom Vergleichen wegkommen und sehen: JETZT ist die Naunynstraße eine wunderbare Kommunität! Ihre Mitglieder ziehen alle ihrer Wege und kommen doch zusammen. Ich darf sein – wie das immer war: im Jetzt! Jede/r ist dort im Jetzt. Jede/r entscheidet selbst, inwieweit die Vergangenheit im Jetzt erzählt wird.

Und die Zukunft? Wer soll sie wissen? Planen wir sie in den Straßenexerzitien? Nie im Leben! Also soll auch in der Naunyn das Jetzt weitergehen. Iris und Michael, die ich dort erlebt habe, kommen immer mehr an – im Jetzt. Und natürlich gibt es Fragen und manchmal Lösungen oder auch keine oder auch andere als gedacht. Aber wenn man einmal zulässt, dass dort in der Naunyn, wo die Straßenexerzitien entstanden sind, das Jetzt präsent bleiben darf, dass die Zukunftsvisionen zwar gedacht werden, aber das Jetzt nicht ersetzen können, dann kann wie in den Straßenexerzitien gelten: Habt keine Angst! Genau so ist es gut.

Ich kann die Naunyn als Straßenexerzitien-Herberge sehr empfehlen. Sie begleitet und ergänzt und macht sichtbar auch ohne viele Worte.
Und Ihr, die Ihr im April etwas wehmütig in die Vergangenheit geschaut habt: kommt in die Naunyn – samstags zum Frühstück oder auch so. Willkommen im Jetzt! Türen und Fenster waren (dafür) immer geöffnet.

Zum Weiterlesen:
Ein Tisch erzählt vom Fest (Teil 1)

Strassenexerzitien

FußsohleDie Exerzitien auf der Straße sind nicht nur in der Wohngemeinschaft Naunynstraße entstanden. Die Naunynstraße ist seitdem auch immer ein Ort gewesen, an dem Einzelne für einige Tage kommen konnten, „auf die Straße gehen konnten“ und dabei durch abendliche Einzelgespräche begleitet wurden. Letzte Woche konnten wir die erste Exerzitantin nach Christians Weggang willkommen heißen. Sie hatte Vorerfahrungen mit anderen Exerzitienformen. Im Rahmen der Sonntagsgespräche von Kloster Nütschau war sie auf diese Möglichkeit aufmerksam geworden und hatte mit uns Kontakt aufgenommen. Es ist immer wieder neu bewegend, wie schnell die eigenen Lebensthemen bei den Exerzitien auf der Straße präsent werden.

Seit vielen Jahren kommen in der Karwoche junge Frauen nach Berlin, die sich bei den Steyler Missionarinnen auf einen Auslandseinsatz als „Missionarinnen auf Zeit“ vorbereiten. In Berlin kommen sie in dieser Zeit in Kontakt mit verschiedenen Formen von Armut hier im reichen Deutschland. Sie sind in der katholischen Gemeinde Sankt Michael untergebracht, zu der wir eine enge Verbindung haben. Während dieser Zeit machen sie dann einen Tag Exerzitien auf der Straße.  Dieses Jahr wurden sie dabei von Christian und Bewohnerinnen aus der Wohngemeinschaft begleitet.

Magdalena Beier hat im aktuellen MAZ-Rundbrief Nr. 16 beschrieben, was die Impulse und dieser Tag für sie und die Vorbereitungen auf den Auslandseinsatz bedeutet haben und zwar hier (im 2. Drittel des Rundbriefs).

 

Exerzitien auf der Straße als Einzelexerzitien

FußsohleImmer wieder erreichen uns Anfragen, ob auch nach Christians Weggang Exerzitien auf der Straße als Einzelexerzitien in der Naunynstraße möglich sind.

Ja, das Angebot der Straßenexerzitien ist eines unserer Kernanliegen und wird weitergeführt. In der Wohngemeinschaft leben ein Begleiter und eine Begleiterin und auch im Umfeld der Naunynstraße gibt es Begleitende, die bereit sind – sich hier zu engagieren.

Auch weiterhin ist es möglich zeitweise in der Naunynstraße mitzuleben – auch ohne Exerzitien auf der Straße zu machen. Anfragen erreichen uns am besten über eMail: naunyn (at) gmx (dot) de

Mehr zu Straßenexerzitien steht hier (Website)

 

Mehr zuhören statt zu reden …

Rockn RollF und Christian Herwartz im Karmel Plötzensee / Foto: Cornelia Klaebe

… ist ein Artikel in der Osterausgabe 2016 der katholischen Kirchenzeitung „Tag des Herrn“ überschrieben, in dem es um eine Lesung von Christian mit Musikbegleitung von Rockn RollF im Karmel in Berlin-Plötzensee geht. Diese Art von musikalischer Darbietung war sicher einmalig in der Krypta der Kirche, in der normalerweise die Stundengebete der Ordensfrauen stattfinden. Zum Artikel geht es hier. Die Schwestern hatten das Buch „im Alltag der Straße Gottes Spuren suchen“ bereits in den davor liegenden Tagen im Rahmen ihrer Tischlesungen kennengelernt.

Karmel-Kloster Berlin-Plötzensee

Foto: Quelle: Cornelia Klaebe, Mit freundlicher Genehmigung der Kirchenzeitung Tag des Herrn. www.tag-des-herrn.de, Alle Rechte vorbehalten. © St. Benno-Verlag, Leipzig

 

 

Karsamstag: Wie uns die Zeiten ändern

Vor zwei Jahren am Karsamstag war ich als Besucherin beim Samstagsfrühstück in der Naunynstraße. Einige Bewohner und Freunde hatten mich gefragt, ob ich ihnen bei ihrem Oasentag den Karsamstag über einen Bibliolog erschließen könnte. Über diese Erfahrung und wie ich den Karsamstag sehe, habe ich hier geschrieben.

Heute habe ich mit Christian, Hilmtrud und Andrea eine Gruppe von jungen Erwachsenen aus der CAJ (christliche Arbeiterjugend) begleitet, die Exerzitien auf der Straße gemacht haben.

Wenn die Straße heiliger Boden wird …

Bild: Andrea Stölzl

Bild: Andrea Stölzl

Die Gemeinschaft in der Naunynstraße ist immer wieder ein Ort für Menschen, die Exerzitien auf der Straße machen wollen. Morgen wird eine Mutter mit zwei Kindern für einige Tage zu uns kommen. Am Karfreitag und Karsamstag begleiten drei von uns zwei Gruppen, die für einen Tag auf die Straße gehen wollen.

Michael Schindler, Pastoralreferent und selbst Begleiter von Exerzitien auf der Straße hat eine Doktorarbeit über „Exerzitien auf der Straße“ verfaßt.  Auf dem feinschwarz-Blog berichtet er  von Erfahrungen mit „Straßenexerzitien“ und den Ergebnissen seiner pastoraltheologischen Forschung: Weiterlesen

Rock’n Read in Neukölln

Hilmtrud und Sabine schreiben:

Rock'n Read mit Christian Herwartz und Rockn RollF

Rock’n Read mit Christian Herwartz und Rockn RollF

Was ist das, wenn sich Bob Dylan, Jesus und die intergalaktische Prinzessin im Hinterzimmer des Bücherantiquariats zweier Französinnen in Neukölln zum Gedankenaustausch treffen? Richtig! Rock’n Read, die Buchvorstellung von Christian Herwartz mit Musik von Rolf Kutschera (Künstlername „Rock’n RollF“) am 04.03. im Raum B, dem Bücherantiquariat in der Wildenbruchstraße.

Der Wohnzimmercharakter schafft eine gewisse Vertrautheit unter den interessierten Zuhörern. Zu hören ist eine gelungene Mischung von mitreißender Musik des „weltbesten Bob Dylan-Interpreten Rockn RollF“ und berührenden, inspirierenden Texten, die Christian aus den Büchern „Brücke sein“ und „Im Alltag der Straße Gottes Spuren suchen“ ausgewählt hat, sowie einem hintersinnig- humorvollen Text aus „Einfach ohne“.

Das Rahmenprogramm des Veranstalters Herbert Witzel – ein eigens für den Abend kreiertes Jesuslied, ein intergalaktischer Liebesgesang, skurril und nett, und das alte Volkslied „Im Märzen der Bauer“, das die leicht verdutzten Gäste brav mitsingen – greift die angesprochenen Themen in eigenwilliger, charmanter Weise auf.

Sicherlich kein elitärer Literturabend, wohl aber eine sehr gelungene Veranstaltung!

Die beiden nächsten Lesungen aus „im Alltag der Straße Gottes Spuren suchen“ finden im März in Berlin statt:

Do 10.3.16  um 19 Uhr in der Kapernaumkirche Seestrasse 35, 13353 Berlin-Wedding
(U 6 Seestraße)

Do 17.3.16 um 19 Uhr im Buchladen des Karmel, Heckerdamm 232, 13627 Berlin-Charlottenburg

Zum Weiterlesen:
Antiquariat, Veranstaltungsraum und Workshops: Raum B

Die Welt im Wohnzimmer (1): Schweiz Teil 2 – weggestossen, ausgeschafft, abgeschafft

a1adc86d1a7a0512c8a6f89729c68b09Vor zwei Tagen hatte ich einen Blogbeitrag über Conny und ihr Engagement gegen die Durchsetzungsinitiative verfaßt und zwar hier.  Ich habe Conny eingeladen, selber ein paar Zeilen zu schreiben, was sie zu diesem Engagement gebracht hat. 

Conny schreibt: Im Sommer 2015, während meinen 10tägigen Exerzitien auf der Strasse, wachte ich kurz vor Ende dieser guten Zeit nachts auf. Ein starker und deutlicher innerer Anruf, doch einmal wirklich genau hin zu sehen, ließ mich nicht mehr in den Schlaf finden.

Dann fiel es mir plötzlich, im wahrsten Sinne des Wortes, wie Schuppen von den Augen. Ich fand mich emotional und gefühlsmäßig zutiefst verbunden mit den Menschen, die in der Ausschaffungshaft sitzen.

Genau hier befand sich mein tiefster Schmerz, meine grösste Verletzung. Tagelang hatte ich mich während den Exerzitien davor gescheut hin zu sehen und auch hinzugehen. Doch in dieser Nacht verband sich mein Leid mit dem Leid dieser Menschen. Ich fühlte meinen Schmerz und konnte gleichzeitig den Schmerz meiner Geschwister fühlen. Nicht willkommen, weggestossen, ausgeschafft, abgeschafft!!!

Es wäre besser, wenn es dich/euch gar nicht erst gäbe. Weinend betete ich meinen Namen Gottes, der mir in dieser Nacht geschenkt wurde. Nach diesem Erlebnis war mir klar, dass meine Exerzitien im Oktober mit der Mahnwache vor der Abschiebehaft am Flughafen Schönefeld in Berlin weitergehen werden. Ich musste dahin und mich solidarisch zeigen!

In der Schweiz wurde die Ausschaffungsinitiative 2010 angenommen. Nun hat die Schweizerische Volkspartei, der rechte Flügel im Parteienspektrum und deren Anhänger, das Gefühl, dass die Regierung diese Initiative zu lasch oder gar nicht umsetzt. Sie bringen am 28. Februar eine neue Initiative an die Urne: die Durchsetzungsinitiative. Diese Initiative setzt den Rechtsstaat, die Gewalten-teilung und die Menschenrechte außer Kraft!

Hier ein kleines Beispiel zu den möglichen Folgen: Der 19-jährige Hochbauzeichner- lehrling José Zúñiga, Sohn chilenischer Eltern, ist an einem lauen Freitagabend im Sommer mit Freunden unterwegs; sie grillieren am See, trinken über den Durst. Als ihr Getränkevorrat zur Neige gegangen ist, beschließt die Clique, sich Nachschub zu besorgen – im Kiosk der lokalen Seebad.

José Zúñiga, angetrunken und angestachelt durch seine Kumpel, übernimmt die Sache: Er hebt eine Holzverriegelung aus den Angeln, bricht in den Kiosk ein und schnappt sich ein paar Flaschen Bier aus dem Kühlschrank. Am Tag darauf plagt José Zúñiga das schlechte Gewissen. Er beichtet die Tat seinen Eltern. Sie überzeugen ihren Sohn, sich bei der Polizei zu melden und sich bei der Badi zu entschuldigen. Die Staatsanwaltschaft brummt dem 19-Jährigen eine geringfügige bedingte Geldstrafe auf. Zúñiga will die Verfahrenskosten und die Buße mit seinem Lehrlingslohn abstottern, doch damit ist es nicht getan: Er wird für zehn Jahre des Landes verwiesen und muss nach Chile, wo er nie gelebt hat. Mit seinem Einbruch erfüllt Zúñiga die Straftatbestände Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung und Diebstahl – darauf steht die automatische Ausschaffung.

Ich setzte momentan alles mir Mögliche ein, dass diese unmenschliche Initiative nicht angenommen wird. Ohne meine Erfahrungen bei den Strassenexerzitien wäre ich nicht auf diesem Weg – auf dieser Strasse! Dem Geist Gottes sei Dank!

Conny Pieren, Thun, Schweiz, 16.02.2016

Nachtrag 28. Februar 2016: Die Durchsetzungsinitiative wurde bei der Volksabstimmung abgelehnt.