Frühstücksgespräche (4) zur Advents- und Weihnachtszeit

Krippe2020bVorgestern haben wir unsere Weihnachtskrippe aus Zimbabwe abgebaut und Buchweizen-Crepes gegessen, ein Brauch aus Frankreich zum 2. Februar ( bei uns: Maria Lichtmeß), und das dort „chandeleur“ heißt und auf die Kerzen hinweist, die in der Kirche für das ganze Jahr gesegnet werden. Und hier sind einige der Themen der Frühstücksgespräche in der Advents- und Weihnachtszeit:

  • Adventskranz und andere Bräuche im Advent: Woher sie kommen und was sie bedeuten
  • Weihnachtsmärkte in Berlin und ihr unterschiedlicher Charakter (kunsthandwerklich, Rummel …)
  • das Attentat auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz
  • Abschiebung, Abschiebehaft und die gesetzlichen Regelungen
  • aus welchen Pflanzen kann man Öle gewinnen – wie und wofür werden sie eingesetzt (Kochen, Gesundheit, Bäder, Duftlampe, Reinigung …)
  • Terroranschlag in Burkina Faso
  • Früchtebrot als Weihnachtsbrauch und früheres Zahlungsmittel
  • Sprachverständnis, welche deutschen Dialekte sind leichter oder schwerer für Ausländer zu verstehen
  • Grundnahrungsmittel in unterschiedlichen Ländern
  • Leben auf der Fazenda mit Menschen, die aus ihrem Suchtverhalten aussteigen wollen
  • „Wir haben es satt“ – Demo / Gedanken zur Agrarwende
  • verschiedene Arten ein Haus / eine Wohnung zu beheizen
  • Was sind Substitutionstherapien (Methadon), für wen sind sie geeignet und was bringen sie
  • Menschen im Widerstand gegen den NS-Staat
  • Film über Franz Jägerstetter (Widerstandskämpfer)
  • Geschlechtsangleichung (Transition) und zurück
  • das Regenbogencafe schließt seine Türen

 

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orthodoxes Weihnachtsfest

Unsere Weihnachtskrippe hat sich verändert. Inzwischen sind die Weisen dort angekommen, wo der Stern stehen blieb:

Krippe zum orthodoxen Weihnachtsfest und Heilige Drei Könige (Foto: Daniel T.)

Mit unseren beiden orthodoxen Bewohnern haben wir gestern ihr Weihnachtsfest gefeiert. Der Chefkoch des Hauses hat landestypische Gerichte in modernisierter Form gereicht, was bei allen große Begeisterung hervorrief. Anschließend haben wir gemeinsam eine kleine Liturgie gestaltet: Miteinander einen orthodoxen Hymnus gesungen:

Komm, göttliches Licht
erleuchte die Erde
erfüll unsere Herzen
nimm Wohnung in uns

Das können alle mitsingen – egal aus welcher religiösen Tradition sie kommen. Wir haben das Evangelium von den Weisen, die zur Krippe kommen gelesen und wer wollte, konnte Lichter vor der Krippe entzünden für Menschen und Situationen, denen er Licht wünscht. Da die Sternsinger uns nicht besucht haben, haben wir den Aufkleber mit dem Segen (20 C + M + B 20) an unserer Wohnzimmertür angebracht und dazu einen Text gelesen, den uns Roswitha am Tag zuvor beim Gottesdienst zum Feiertag „Erscheinung des Herrn“ geschenkt hat. Roswitha ist eine langjährige Freundin unserer Gemeinschaft, die inzwischen auf einen Rollstuhl angewiesen ist und uns deshalb nicht mehr besuchen kann. Den Text – eine modernisierte Form der Seligpreisungen – haben wir als Segensgebet gelesen und darin die Grundanliegen gespiegelt gesehen, wie wir als Gemeinschaft unterwegs sein möchten.

Selig, die mit den Augen des anderen sehen können
Und seine Nöte mittragen,
denn sie werden Frieden schaffen.

Selig, die willig sind, den ersten Schritt zu tun,
denn sie werden mehr Offenheit finden
als sie für möglich halten.

Selig, die dem Nächsten zuhören können,
auch wenn er anderer Meinung ist,
denn sie werden Kompromisse fördern.

Selig, die Kranke, Alte und Behinderte besuchen,
denn sie werden niemals einsam sein.

Selig, die mit der Heiligung am Frühstückstisch beginnen,
denn sie werden Sinn im Alltag finden.

Selig, die ihre Vorurteile überwinden,
denn sie werden die Entfeindung erleben.

Selig, die auf ihr Prestige verzichten,
denn an Freunden wird es ihnen nicht mangeln.

Selig, die Niederlagen verkraften können,
denn sie werden Menschenbrücken bauen.

Selig, die zuerst mit sich selbst zu Gericht gehen,
bevor sie andere richten,
denn sie dürfen auf Gottes Segen hoffen.

(Nach Frankfurter Seligpreisungen, Guido Hügen OSB, Sinndeuter, S. 27 f, Georgsverlag, Neuss 2007. Quelle: http://www.interkulturellewoche.de Text: Guido Hügen OSB In: Pfarrbriefservice.de)

Weihnachtsgruß

Es ist ruhig bei uns jetzt um die Mittagszeit. Auch auf den Straßen um uns herum ist es ruhig geworden, ruhiger als ich es von den letzten Jahren hier mitten in Kreuzberg in Erinnerung habe. Am späten Vormittag war es draußen noch sehr turbulent. Die Adalbertstraße war zwischen Oranienstraße und Naunynstraße abgesperrt. Mindestens zwölf große Polizeibusse waren vor Ort. Polizisten, schwer bewaffnet, sperrten diesen Straßenabschnitt ab. Die Realität von Gewalt und Kriminalität ganz nah.

Beim Frühstück haben wir uns noch einmal klar gemacht, dass es nicht wichtig ist, ob ein Salat mehr oder weniger oder ein Plätzchenteller mehr oder weniger auf dem Tisch stehen wird. So sind die Vorbereitungen in großer Ruhe gelaufen.

Christian Schmidt, unser ältester Mitbewohner, hat zusammen mit Gerhard die Krippe aus Simbabwe aufgebaut. In einer Stunde werden die Essensvorbereitungen anlaufen. Um 15.30 h werden einige von uns zum Krippenspiel nach Sankt Michael aufbrechen.

Wir grüßen Euch mit einem Lied der Communaute de Grandchamp, das 1985 entstanden ist:

Komm göttliches Licht
erleuchte die Erde,
erfüll‘ unsre Herzen,
nimm‘ Wohnung in uns

Eine Vertonung findet ihr hier.

 

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Weihnachten mit-er-leben

Immer wieder bekommen wir Anfragen von Menschen, ob es kürzere oder längere Zeit möglich ist, bei uns mitzuleben. Letzte Woche haben wir uns sehr über die Mail einer jungen Frau gefreut:

Ich habe im Sommer Straßenexerzitien bei Christian Herwartz gemacht und durfte eine mich sehr prägende Zeit mit den Obdachlosen am Alexanderplatz verbringen. In dieser Zeit hat mich Silvia netterweise auch einmal mit in die Naunynstraße zum Mittagessen genommen. Seitdem muss ich ganz oft an euch und die Menschen auf der Straße denken, insbesondere jetzt in der Weihnachtszeit. Zudem habe ich lange überlegt, was Weihnachten für mich bedeu-tet und gemerkt, dass ich gerne aus der tradionellen, ver-steiften Familienfeier  ausbrechen würde und in meinem Inneren nach einem „Weihnachten der offenen Tür“, einfach mit Menschen, egal ob ich sie kenne oder nicht, wo alle zusammen kommen und es keinen ausgewählten Feiertisch gibt, suche. Dabei musste ich auch sehr an die Naunynstra-ße denken, weil ich irgendwie so ein  Weihnachtsgefühl mitten im Sommer bei euch beim Mittagessen spüren durfte. ich fühlte mich unglaublich willkommen und aufge-hoben, obwohl ich für euch alle sehr fremd war. Deswegen wollte ich fragen, ob ich bei euch auch Weihnachten mitfei-ern kann. Selbstverständlich bringe ich mich sehr gerne ein, egal ob beim Kochen, selber Essen mitbringen oder Musizie-ren (ich spiele Klavier).
Liebe Grüße und euch eine schöne Adventszeit,

Wir sind gespannt, was sich daraus entwickelt.

Weihnachtsexerzitien: Arme auf der Straße oder Weihnachten ist Badewanne

Silvia war an Weihnachten bei uns und hat Exerzitien auf der Straße gemacht. Sie schreibt:

Da ich sehr viel U-Bahn fahre, werde ich regelmäßig mit StraßenzeitungsverkäuferINNen und anderen Bedürftigen konfrontiert. Ich gebe zu, daß ich dann häufig meine Nase noch tiefer ins Buch stecke, denn es sind einfach zu viele. meine Vorstellung von Straßenexerzitien über Weihnachten war, mich ganz bewusst auf diese Menschen einzulassen und sie mit Plätzchen zu beglücken. Schließlich wurde ja auch Jesus im Stall geboren und war als Geflüchteter nach Ägypten und später als Wanderprediger auf Almosen angewiesen.

Es sollte anders kommen: Eine Freundin, Gabriele, bot ihre geräumige Wohnung an und überraschend meldete sich noch Gesine aus Erlangen an. Ich beschloss mich darauf einzulassen und zu Gabriele überzusiedeln, anstatt Gesine bei mir aufzunehmen. Und zum Plätzchen backen war ich leider sowieso zu fertig. 

Da ein Freund von mir spontan ins Krankenhaus musste und daher nicht teilnehmen konnte, waren wir, von Christian abgesehen, eine reine Frauenrunde. Beim Eröffnungsgespräch stellte sich heraus, dass wir alle etwas fertig waren von der Arbeit und anderem. Besonders ich fühlte mich ausgelaugt. So lasen wir die Texte von Maria Verkündigung und auf meinen Wunsch noch die Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland. Da ich lange Pilgern war, bot sich dies für mich an. Für mich ist tröstlich, dass am Ende der langen Reise Jesus in der Krippe auf die Könige wartete. Allerdings musste ich auch über den Kindermord in Bethlehem nachdenken. 

Welchem Stern folge ich?  Am 23.12. merkte ich, dass ich meinen Stern komplett verloren hatte und mich einfach nur müde und kaputt fühlte. Dennoch ging ich in die Naunynstraße zum Samstagsfrühstück und vorher zur Bank. Da bei der Bank eine offene Kirche war, betete ich dort kurz. Danach hatte ich die Eingebung schon mal einzukaufen, um das Prozedere abzukürzen. Es dauerte sehr lange und ich war sehr unsicher, denn ich wusste nicht genau, was die anderen wollten. Ich schäme mich, es zuzugeben, aber ich ließ meine Einkaufstüten im Markt stehen und ergriff  die Flucht. 

Komisch, dass tiefes Gebet und schlechtes Benehmen direkt danach sich nicht ausschließen. Darüber grübelnd kam ich zum Frühstück. Später besprachen und koordinierten wir das Einkaufen und ich musste viel weniger schleppen als befürchtet. Ich ging dann, erledigte mein Teil und war fasziniert, dass es gemeinsam in der Gruppe viel einfacher ist. Bei Gabriele erholte ich mich von diesen Strapazen und ließ später das Weihnachtskartenschreiben sein und legte mich stattdessen in die Badewanne. Es tat so gut, einfach nichts tun zu müssen und ganz bewusst alle „Pflichten“ und was ich meine erledigen zu müssen, einfach an Gott abzugeben. Ich weiß, daß er sich um meine Freunde kümmert und auch um die Wohnungslosen, auch wenn ich dazu leider mal wieder nicht in der Lage war. Stattdessen ließ ich mich tief ins warme Nass sinken und übte mich im Vertrauen auf Gott. Schließlich ist der Herr nicht auf mich angewiesen. So vertraute ich mich ihm und seiner Barmherzigkeit an und entspannte mich. 

Später aßen wir zusammen zu Abend. Beim Gespräch am nächsten Tag fasste Christian mein Erlebnis perfekt zusammen: „Weihnachten ist Badewanne.“ Gabriele und ich besuchten dann meinen Freund im Krankenhaus, der sich darüber freute. An Heilig Abend war ich in der Naunynstraße. Besonders freute ich mich, jemanden wieder zu treffen, den ich sehr lange nicht mehr gesehen hatte. Das Fest war einfach und unkompliziert mit sehr gutem Essen. 

Besonders schön in der Naunynstraße ist die schwarze große Krippe, in die dann feierlich das Jesuskind hineingelegt wurde. Die Figuren sind aus Afrika und wurden der WG geschenkt, weil niemand sie haben wollte. 

Wohnzimmerlampe Dezember 2017

Zu meinem Entsetzen bemerkte ich, dass die atemberaubend hässliche Wohnzimmerlampe sich veränderte: Das uralte Unterhemd von Franz, das schon sehr grau war und als Stoffbezug der Lampe herhalten musste, wurde gegen ein anderes Unterhemd eines aktuellen Mitbewohners ausgetauscht, da das Absaugen nicht mehr half. Dadurch war es im Wohnzimmer heller.

Ich musste mich daran erstmal gewöhnen, dass die unverrückbare Scheusslichkeit dieser Lampe sich nach so langer Zeit änderte. Doch manchmal ist es notwendig, Dinge zu ändern, auch in solchen Kleinigkeiten. Ich merke, dass dies auch für mein Leben gilt. Zu oft hänge ich an vergilbten Überzeugungen fest und schaffe es nicht, mich davon zu lösen, obwohl mein Leben heller wäre, wenn ich es täte. 

Mit Gabriele fuhr ich dann heim und verzichtete auf eine Christmette, weil der besinnliche Teil in der Naunynstraße bereits wie Gottesdienst war. Am nächsten Tag frühstückte ich mit Gesine, die am Hauptbahnhof und in der Gedächtniskirche feierte und ging dann wieder zu meinem Freund ins Krankenhaus. Abends kam Christian zu Besuch und später gab es eine Taize-Andacht bei Gabriele und ihren Freunden. 

Einen Tag später feierten wir einen berührenden Abschlussgottesdienst. die gastfreundlichen Jesuiten hatten Kaffee gekocht und Kuchen bereitgestellt. Da Christian Schmerzen hatte, feierten wir den Gottesdienst spontan im Esszimmer der Kommunität. Wir holten die Krippe auf den Tisch und zündeten die Kerzen an. Dies geschah ohne Absprache – ganz spontan. Dadurch entstand eine besondere Atmosphäre. 

Maria, die Mutter Gottes bewahrte alles in ihrem Herzen und sagte JA zu ihrer Bestimmung. 

Schlafen und sich erholen ist sehr wichtig, um nicht an den vielen Anforderungen zugrunde zu gehen. Meinem Stern folgen, bedeutet aufmerksam auf mich und meine Bedürfnisse zu achten und dann die notwendigen Schritte zu gehen. Dies schließt die Wahrnehmung der Bedürfnisse anderer mit ein. Am Ende wartet der menschgewordene Gott auf uns: Weihnachten ist Badewanne. Ich durfte den Schlußsegen beten und wünsche Euch Lesenden auch, daß ihr euren Stern findet und ihm folgt. 

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Weihnachten 2017 international – interkulturell – interreligiös

Eine sehr bunte und vielfältige Gruppe von Menschen hat sich in unserem Wohngemeinschaftswohnzimmer zusammengefunden um miteinander zu feiern: Vier Erdteile und fünf Religionen waren vertreten. Weil drei Gäste überhaupt keine Vorerfahrungen mit Weihnachten hatten, haben wir auf rosa Karten gesammelt, was für einzelne unbedingt zu Weihnachten gehört und um den Adventskranz ausgelegt.

Weihnachten 2017

Danach wurde die Weihnachts-geschichte aus einer Kinderbibel abschnittweise gelesen. In den Pausen dazwischen hat Noriko uns mit ihren Kontrabaß-Improvisationen begeistert. Wer mochte, war eingeladen ein Licht anzuzünden im Schweigen oder mit Worten für wen oder welche Situation.

Peter hatte eine Linsensuppe vorbereitet. Franz überraschte uns mit Lachs, Reis, Sauce, einem fruchtigen Salat und einer alkoholfreien Sangria. Am Nachmittag war die Weihnachtsgeschichte auf ganz überraschende Weise aktuell geworden. Eine afrikanische Frau, die im sechsten Monat schwanger ist, suchte einen Ort, an dem sie die nächsten beiden Wochen bleiben kann …