Unter neuer Bewirtschaftung

Vor einigen Monaten stand ein Mann mittleren Alters an der Wohnungstür. Bei einer Tasse Kaffee am Wohnzimmertisch eröffnete er das Gespräch mit dem Satz: „Ich komme aus Tegel“. Ich dachte, daß er mir mitteilen will, in welchem Stadtteil (Tegel) er lebt. Aber ein paar Sätze später sagte er dann, daß er in Lichtenrade, einem recht bürgerlichen Viertel, eine Wohnung hat. Daraus schloß ich dann, daß „ich komme aus Tegel“  ein Hinweis auf den dortigen Knast und seine Entlassung war. Die Startbedingungen unseres Besuchers waren eigentlich gut. Arbeit und Wohnung sind ja keine Selbstverständlichkeit nach einem Gefängnisaufenthalt. Nun litt er unter seiner Einsamkeit, weil er in Lichtenrade keinen Anschluß findet – nicht einmal in der katholischen Kirchengemeinde: „Die wollen unter sich bleiben“ war sein Eindruck. Mit seinen ehemaligen Freunden wollte er nicht in Kontakt kommen, denn er befürchtete, dann „wieder abzurutschen“.

Im Gefängnis war er regelmäßig von einer christlichen Gruppe besucht worden. Camillo von den Emmaus-Leuten hat ihn auf die Naunynstraße aufmerksam gemacht. „Und den Christian Herwartz den kenne ich auch über meinen Pastoralreferenten. Der Camillo hat mir schon gesagt, daß der Christian Herwartz nicht mehr da ist. Das ist jetzt unter neuer Bewirtschaftung“.

 

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Über das Heilige auf der Straße

Letzten Donnerstag lud die Gesellschaft katholischer Publizisten zu einem Gespräch „mit dem Jesuitenpater Christian Herwartz in seiner Kreuzberger Kommune die GKP-Regionalgruppe Berlin ein. Pater Herwartz und seine Gemeinschaft in der Naunynstraße 60 sind eine Kreuzberger Institution und ein Beleg dafür, dass „katholische Kirche“ in Berlin nicht nach Schubladen zu sortieren ist.

Er teilt das Leben bzw Wohnen mit Menschen von der Straße und Migranten, engagiert sich vehement gegen Abschiebehaft, er hat auch das Konzept der Straßenexerzitien, das allmählich bekannter wird, vorangebracht. Nun geht es um die Frage, was aus diesem Konzept christlicher Existenz wird, wenn die Jesuiten über kurz oder lang die Naunynstraße verlassen. Und auch bei diesem Gespräch gilt: In Zeiten, in denen ein Jesuit Papst ist, ist es immer spannend, mit einem Jesuiten zu reden.

Ein Ergebnis dieses Besuches ist ein Artikel in der taz von heute überschrieben mit das Heilige auf der Straße von Philipp Gessler. Leider ist der Satz „an diesem Samstagmorgen findet das vorerst letzte Frühstück dieser Art statt“ mißverständlich, denn – abgesehen vom 16. April – wird das Samstagsfrühstück weiterhin nach wie vor von 9.30 bis 12.30 h stattfinden.

Nachtrag 1. Mai 2016:

Auf der Homepage der GKP hat Christoph Strack einen Artikel über diesen Besuch unter dem Titel Kirche in Kreuzberg – ein „Glück hier leben zu dürfen“ veröffentlicht.