Gestern beim Samstagsfrühstück …

… konnten wir einige Gäste begrüßen, die wir schon länger nicht mehr gesehen haben. Walter, der vor Weihnachten zwei Wochen bei uns gewohnt hat, war gekommen. Eine besondere Freude war es, daß Jutta nach langer Zeit wieder einmal unter uns sein konnte. Sie hat die Bewohner der Gemeinschaft und den Freundeskreis in der Übergangszeit intensiv begleitet als klar war, daß Christian gehen würde und sich die Frage stellte, wie und mit wem es danach weiter gehen könnte. Alle paar Wochen hat sie eines unserer Treffen moderiert. Leider konnte sie beim Fest der Übergabe aus gesundheitlichen Gründen nicht dabei sein. Gestern haben wir sie dann zum ersten Mal seit fast zwei Jahren wieder gesehen. Sie freut sich, daß sie Zeit hat intensiv Bibel zu lesen und mit Menschen im Gespräch zu sein.

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Sonntagsüberraschung

Mehr als drei Jahre ist es her, daß sie das letzte Mal in der Naunynstraße war. Seit einiger Zeit lebt sie in Berlin, und heute hatten wir die Freude, daß Katharina spontan ganz plötzlich vor der Tür stand. Glücklicherweise waren einige zuhause, was am Sonntagnachmittag nicht so selbstverständlich ist. Bei Kräutertee und Obst hörten wir von der Afrikareise, von der Familie und von der ersten Zeit in Berlin. Und schon am nächsten Samstag sehen wir uns wieder beim Frauentagsessen.

 

Unter neuer Bewirtschaftung

Vor einigen Monaten stand ein Mann mittleren Alters an der Wohnungstür. Bei einer Tasse Kaffee am Wohnzimmertisch eröffnete er das Gespräch mit dem Satz: „Ich komme aus Tegel“. Ich dachte, daß er mir mitteilen will, in welchem Stadtteil (Tegel) er lebt. Aber ein paar Sätze später sagte er dann, daß er in Lichtenrade, einem recht bürgerlichen Viertel, eine Wohnung hat. Daraus schloß ich dann, daß „ich komme aus Tegel“  ein Hinweis auf den dortigen Knast und seine Entlassung war. Die Startbedingungen unseres Besuchers waren eigentlich gut. Arbeit und Wohnung sind ja keine Selbstverständlichkeit nach einem Gefängnisaufenthalt. Nun litt er unter seiner Einsamkeit, weil er in Lichtenrade keinen Anschluß findet – nicht einmal in der katholischen Kirchengemeinde: „Die wollen unter sich bleiben“ war sein Eindruck. Mit seinen ehemaligen Freunden wollte er nicht in Kontakt kommen, denn er befürchtete, dann „wieder abzurutschen“.

Im Gefängnis war er regelmäßig von einer christlichen Gruppe besucht worden. Camillo von den Emmaus-Leuten hat ihn auf die Naunynstraße aufmerksam gemacht. „Und den Christian Herwartz den kenne ich auch über meinen Pastoralreferenten. Der Camillo hat mir schon gesagt, daß der Christian Herwartz nicht mehr da ist. Das ist jetzt unter neuer Bewirtschaftung“.

 

Wohngemeinschaft als Förderturm

Letzte Woche hat in einem Gespräch eine Freundin der Naunynstraße diesen Ort mit einem Förderturm verglichen. Als Kind des Ruhrgebiets hatte sie einen anderen Bezug dazu als die meisten von uns. Da mir das Bild nicht vertraut ist, habe ich ein Video gefunden, das die Aktivitäten bei der Förderung von Steinkohle zeigt. Das Bild vom Förderturm hat mir noch einmal einen anderen, einen neuen Zugang ermöglicht. Ich war ganz berührt von diesem Geschenk. Dabei fiel mir ein, daß von Steinkohle auch als „schwarzem Gold“ gesprochen wird. Das Video ist hier und dauert 14 Minuten:

Ein Tisch … als Zeichen der Gemeinschaft

Ein Tisch erzählt … vom Fest (Teil 1)
Ein Tisch erzählt … vom Fest (Teil 2)
und hier der 3. Teil in anderer Form:

Samstagsfrühstück: der Tisch ist gedeckt

Samstagsfrühstück: der Tisch ist gedeckt

Christian Herwartz schreibt: Vor 40 Jahren zogen drei Jesuiten zusammen nach Kreuzberg. Eine Kommunität begann. Nach dem Tod von Franz Keller (Januar 2014) wurde deutlich, dass sie in der jetzigen Form nicht mehr weiterleben kann. Ein Generationswechsel stand an. Ein Generationswechsel in was?

Die Kommunität ist in den Jahren gewachsen. Menschen aus über 70 Ländern wohnten und prägten die WG. Bisher hatten die Jesuiten eingeladen und die Gastgeberfunktion übernommen. Nun mussten sie diese mangels Nachwuchs abtreten. War die Gastgeberfunktion nicht schon längst auf die jetzt hier lebende Gemeinschaft übergegangen?

Ja, die ganze Gemeinschaft trägt die Wohngemeinschaft mit ihren unterschiedlichen Gaben. Doch in ihr leben bei aller Beteiligung auch Schutzsuchende. Diese können nicht alle Dimensionen der Verantwortung selbst übernehmen. Mitten in den vielfältigen Verantwortungen braucht eine Gemeinschaft Personen, die von außen ansprechbar sind und sich auch um die innere Kommunikation bemühen. Wer könnte nach meinem Weggang diese Personengruppe sein? Wer will diese Verantwortung übernehmen?

Nach einer Schockphase berieten wir zusammen mit unseren FreundInnen: Was ist wichtig geworden und wie kann es weiter gehen?

Cover

Cover

Viele Perspektiven wurden genannt und auch wieder verworfen. In dem Buch „Einfach Ohne“ ist dieser Prozess ein wenig festgehalten. Mitten in all den Ängsten, inneren Turbulenzen und Umbrüchen kam Iris W eiss Anfang 2015 für ein paar Tage, um die WG etwas mehr von innen zu erleben, die sie bei Samstagsfrühstücken schon kennen gelernt hatte. Sie blieb, engagierte sich und wollte auch verantwortlich hier leben bleiben. Sie stieg in den Neuanfang ein, der ja jeder Generationswechsel ist.

Wer könnte noch dazu kommen? Michael Peck kommt wöchentlich regelmäßig zwei Tage von Münster und engagiert sich mit ihr und allen anderen zusammen bei der Neuausrichtung.

Vieles soll weitergehen. Anderes, was bisher dazugehörte, ist nicht vorrangig. Iris und Michael übernahmen die nötigen Absprachen mit dem Jesuitenprovinzial und wuchsen immer mehr in die Kommunität hinein. Die Kommunität war schwer in ihrem Kern zu umschreiben. Doch wurde die Hoffnung immer deutlicher: Sie wollen einen schon begonnenen Weg fortsetzen. In dem Lesebuch „Einfach ohne“ sammelten sich Beiträge von Freunden, die vor allem Nadine zusammenstellte und Rolf mit vielen Zeichnungen versah. Das Buch kann im Internet aber auch auf Papier gelesen werden. Noch können Exemplare in der WG – möglichst gegen eine Spende ­ bestellt werden.

Für ein halbes Jahr unterstützte Sr. Hilmtrud­ aus der Congregatio Jesu ­ den Übergang vor Ort, und viele andere auch.

In der Feier übergab ich mitten unter den versammelten Bewohnern und Unterstützern die beiden Seitenteile unseres Wohnzimmertisches an Iris und Michael als Zeichen der Übergabe der Verantwortung.
Foto: Miriam Bondy

Foto: Miriam Bondy

Im Februar hat Dorothea im Rahmen eines zweiwöchigen Praktikums in der Naunynstraße mitgelebt. Bei ihr ist daraus in den folgenden Wochen der Wunsch und die Bereitschaft gewachsen, in die Naunynstraße zu kommen und die Wohngemeinschaft zu unterstützen. Sie hat uns dies am Freitag vor dem Fest gesagt und sich dann beim Fest als zukünftige Mitbewohnerin vorgestellt.
 
Am nächsten Tag stand der ganze Tisch mitten in der Kreuzberger Michaelskirche und wir feierten an ihm Gottesdienst mit allen FreundInnen, wie wir es in der Gemeinschaft all die Jahre auch getan haben.
Tisch beim Gottesdienst (Foto: Miriam Bondy)

Tisch beim Gottesdienst (Foto: Miriam Bondy)

Der Tisch war über die Jahre hinweg Mittelpunkt bei den vielen schönen Essen, Diskussionen und Feiern, auch bei den notwendigen und nicht so notwendigen Auseinandersetzungen sowie den Rückbesinnungen in den Gottesdiensten mit ihrem Ruf nach Entschiedenheit und Versöhnung.

Tisch nach dem Dankgottesdienst vor der Michaelskirche mit den Resten vom Fest (Foto: Miriam Bondy)

Tisch nach dem Dankgottesdienst vor der Michaelskirche mit den Resten vom Fest (Foto: Miriam Bondy)

Hier erlebten Menschen, dass sie auch in extremen Notlagen sprechen konnten und gehört wurden, dass Fremdheit und Streit zugelassen wurde, dass niemand in Harmonie ertränkt wurde. Auch sehr einsame Menschen konnten an diesem Tisch Platz nehmen, Verunsicherungen wurden ihnen zugemutet und nicht einfach verschwiegen. Menschen, die in Exerzitien Gottes Spuren auf der Straße suchten, fanden an dem Tisch Begleitung und Ermutigung. Im Vertrauen auf eine größere, oft unsichtbare Gemeinschaft trafen sich alltäglich hier Menschen verschiedener Glaubensrichtungen, die ja alle dem Frieden zu dienen suchten.

Allen Menschen, die weiter an diesem Tisch Platz nehmen, wünsche ich Wege zum Frieden, der Streit zulassen kann und Versöhnungswege eröffnet.

Vor der Rückkehr ins Wohnzimmer (Foto: Miriam Bondy)

Tisch vor der Rückkehr ins Wohnzimmer (Foto: Miriam Bondy)

geistliche Auszeit: Atem holen in der Naunynstraße

Platz nehmen
sich setzen lassen
den Schmerz, die Freude
und in Schönes verwandeln,
das niemanden und nichts
verdrängt

„Atem holen“ ist ein Programm der Evangelischen Landeskirche in Bayern, das kirchlichen MitarbeiterINNEn eine Auszeit für drei bis sechs Wochen ermöglicht. Annette hat die letzten drei Wochen bei uns mitgelebt und schreibt: 

Naunynstr. 60Ich hatte im April dieses Jahres für eine geistliche Auszeit angefragt: Meine Landeskirche finanziert das so genannte ‚Atem holen‘ für drei bis sechs Wochen. Einzige Bedingung ist die geistliche Begleitung in Form von zwei Gesprächen pro Woche. Eine mir bekannte Seelsorgerin in Berlin wäre dazu bereit. Nun möchte ich fragen, ob ich für einen solchen Zeitraum evtl. in der WG Naunynstr. unterkommen könnte, das heißt mitleben?“ Bei Telefonkontakten mit Iris hatte ich etwas mehr vom Leben der WG erfahren – und sie von mir.


Am 17. Juli kam ich abends in der Naunynstraße 60 an. Ich hatte mich darauf eingestellt, mit einer Frau das Zimmer zu teilen… nun bekam ich
durch glückliche Umstände ein Zimmer für mich allein, und sogar zur ruhigen Hofseite hinaus!

Schon beim zweiten Frühstück (Montag bis Freitag gemeinsam ab 8 Uhr und meistens bis gegen 9 Uhr dauernd) kam meine ganze ziemlich komplizierte Lebenssituation auf den Tisch und fand Verständnis. Bei den Mahlzeiten in den knapp drei Wochen meines Aufenthalts erlebte ich interessante Gespräche zu den verschiedensten ThemenAuch wegen aktueller Gewalttaten in Deutschland (Würzburg, München, Ansbach) ging es oft um äußere und innere Bedrohungen für Leben und Gesundheit, um die destruktive Seite des Menschen an sich, sowie Armenhass und Armutsfurcht der Reichen – aber auch um heilsame Kräfte in Erinnerung und Hoffnung, in Humor, Liebe und Spiritualität.

Noch intensiver waren die Gottesdienste an demselben Esstisch, der auch ohne Eucharistie dem Wortgottesdienst eine sakramentale Dimension verlieh – sodass mir beim Warten darauf (während der zwischen Abendessen und Gottesdienst am Kommunitätsabend üblichen Zeit des Austauschs) die Liedzeile in den Sinn kam
„… bis nach der Zeit den Platz bereit an Deinem Tisch wir finden.“
(Gotteslob alt 473 neu 216, Evangelisches Gesangbuch 222).

Auch bei diesem Austausch hätte ich anwesend sein dürfen, doch ich wollte nicht zu viel mitbekommen vom Innenleben der WG, wo ich doch so viel mit mir selbst zu tun hatte. Ein roter Faden in dieser Auszeit war das Thema „Platz einnehmen“. Schon sensibilisiert für die Problematik der Gentrifizierung (laut Wikipedia „Veränderungen in ursprünglich preisgünstigen Stadtvierteln, in denen Immobilien zunehmend von wohlhabenderen Eigentümern und Mietern belegt und baulich aufgewertet werden. Bewohner mit einem niedrigeren Sozialstatus werden ersetzt oder verdrängt), traf mich der Text eines Plakats in der Gitschinerstraße: „Macht die Stadt nicht noch schöner, sonst muss ich gehn.“

Platz nehmen in Kreuzberg 2016

Als ich kurz darauf im „Gitschiner 15 ankam, dem „Zentrum für Gesundheit und Kultur gegen Ausgrenzung und Armut“, nach dem ich gesucht hatte, schrieb ich einen kleinen Text:

Platz nehmen
sich setzen lassen
den Schmerz, die Freude
und in Schönes verwandeln,
das niemanden und nichts
verdrängt

Schönes … fand ich in der WG vor bzw. erlebte es mit. So wurden mir Bild-Kunstwerke von Denver und Bruder Schmidt gezeigt; ich durfte die Musik von RockN RollF genießen – und die Kochkunst von Franz. Als ich dann zusätzlich ins Theater gehen und für eine Solo-Performance 8 Euro ausgeben wollte (für mich wenig Geld, für andere aber sehr viel), ergab sich eine Diskussion über Kultur der Armen und der Reichen, die für mich ein lehrreicher Denkanstoß war. Ja, zu den kulturellen Unterschieden, den diese WG in sich vereint, gehört auch der zwischen Arm und Reich, oder Ärmer und Reicher. Einmal habe ich spontan das einzige italienische Lied, das ich kenne, angestimmt und es dann zu Beginn eines Kommunitätsabends nochmals gesungen: „Comme bello, comme la gioia, con fratelli e le sorelle siamo insieme“ (Wie schön, was für eine Freude, wenn wir als Brüder und Schwestern zusammen sind.) Damit meine ich alle Bewohnerinnen und Bewohner, mit ihrer Fröhlichkeit und Ernsthaftigkeit, die mich so freundlich aufgenommen haben.

Die Straßenexerzitien bekam ich vor allem durch den beeindruckenden Abschluss-gottesdienst in St. Michael mit, den Christian Herwartz SJ leitete. Besonders verbunden fühlte ich mich mit der Wohn-Gemeinschaft, als wir am Abend auf ihn warteten, weil das festliche Abendessen nicht ohne ihn, den früheren Leiter, beginnen sollte. Da habe ich angefangen, in meinem Exemplar vom „Einfach ohne“-Buch die Autogramme von allen zu sammeln… Herzlichen Dank allen – und Auf Wiedersehen!

Annette R.odenberg, Pfarrerin in Naila bei Hof/Saale

PS: Ich hänge noch ein Foto von der Haustür an – der Aufkleber „Refugies welcome“ blieb ja nicht lange hängen, wurde von unbekannter Hand entfernt. Deshalb habe ich ihn wieder hineinmontiert.