Fünf Jahre …

… sind es schon – auf den Tag genau, an dem wir mit fast 350 Menschen an einem Samstag im Refugio den 73. Gaburtstag von Christian gefeiert haben, seinen Abschied und die Übergabe der Verantwortung für die Wohngemeinschaft.

Unser Wohnzimmertisch, an dem wir uns zu den Mahlzeiten, zu Gesprächen, zum Kommunitätsabend, zum Gottesdienst feiern, mit Besucher*innen, zur Klärung von Konflikten, zum Feiern und zu vielen anderen Anlässen versammeln, erzählt in zwei Beiträgen vom Fest. Im dritten Beitrag hat dann Christian das Wort:

Ich bin der Tisch von der Wohngemeinschaft Naunynstraße. Seit 38 Jahren stehe ich nun schon hier mitten im im Wohnzimmer. Ganz viele Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und aus aller Welt haben sich schon an mir versammelt, gegessen, erzählt, gespielt, gearbeitet, gelacht und geweint … Mit dem Zählen habe ich schon lange aufgehört. Was ich schon alles gehört und erlebt habe, das geht auf keine Kuhhaut hat auf keiner Tischplatte Platz:

Tisch nach dem Dankgottesdienst vor der Michaelskirche mit den Resten vom Fest (Foto: Miriam Bondy)

Ein Tisch erzählt vom ‚Fest (1)
ein Tisch erzählt vom Fest (2)

ein Tisch als Zeichen der Gemeinschaft (3)

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Montagsfrage: Warum bloggst Du und wie hat das damals bei dir angefangen?

Header 3Immer montags wirft Herr Joel aus dem schönen Luxemburg eine Frage in den virtuellen Raum. Diese Woche geht es um die Anfänge des eigenen Bloggens. Ich habe an anderer Stelle vor gut zwei Jahrzehnten mit dem Bloggen begonnen und verbinde damit viele schöne und bereichernde Erfahrungen. Anfang 2015 bin ich in die Naunyn-WG (benannt nach der Straße mitten in Kreuzberg, in der wir leben) gezogen, in einer Zeit großer Umbrüche. Ein langjähriger Mitbewohner war im Jahr zuvor verstorben und absehbar war, daß der letzte Mitbewohner aus der Gründergeneration im Jahr darauf die WG verlassen würde.

In den – damals – 36 Jahren ihres Bestehens hatten Männer und Frauen – gelegentlich auch Kinder – aus über 70 Ländern in der WG gelebt. Ein großer Freundeskreis, zu dem sich Menschen aus vielen Ländern zählen, ist in dieser Zeit entstanden. Um in Kontakt zu bleiben und aus unserem WG-Leben zu erzählen wurde im Januar 2016 mit diesem Blog begonnen. Im ersten Blogeintrag hieß es:

Herzlich Willkommen …

…auf dem Naunynblog. 2016 wird für unsere Kommunität ein spannendes, von Umbrüchen geprägtes Jahr werden. Deshalb haben wir beschlossen dieses Blog zu starten um Freunden und Freundinnen der Naunynstraße und anderen Interessierten die Möglichkeit zu geben an unserem Leben Anteil zu nehmen.

Wir freuen uns über Mails unter naunyn (at) gmx (dot) de  und weiterhin natürlich über Euer Klingeln an unserer nach wie vor offenen Tür.

Viele von denen, die zu uns kommen – sei es zu Besuch oder zum Mitleben – sind in einer Notsituation und suchen nach einem Ort, wo sie zur Ruhe kommen und sich sortieren können. Alles kann hier aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht erzählt werden. Trotzdem bleibt noch Einiges, was hier geteilt werden kann. Das Spektrum reicht von „Alltagssplitter“ bis „Welt im Wohnzimmer“ und dazwischen liegt Vieles, wie etwa  „Aphorismen“ unseres ehemaligen ältesten Mitbewohners, „Armut“, „Besuche“, „BewohnerINNEN“, „Denkanstöße“, „Feste und Feiern“, „Frühstücksgespräche“, „Freunde“, „Kommunitätsabend“, „Kulinarisches“, „Kunst“, „Musik“, „Nachrufe“, „Politisches“, „Samstagsfrühstück“, „Straßenexerzitien“, „UnterstützerINNEN“, „Vielfalt“ …

Durch das Bloggen sind auch Kontakte zu Menschen entstanden, die uns (noch) nicht persönlich kennengelernt haben. Einige wollen uns besuchen sobald es die Corona-Situation erlaubt.

Mit diesem Beitrag werden es 519 Postings sein, die hier erschienen sind.

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Anstrengender Jahresbeginn

Einige, die den monatlichen Newsletter der Jesuiten erhalten und den geistlichen Impuls von Klaus Mertes gelesen haben, haben ganz richtig vermutet, daß es die momentane Situation in unserer Wohngemeinschaft ist, die er im ersten Absatz  thematisiert: 

„Bericht aus einer Wohngemeinschaft: Ein Mitbewohner, auf die 90 zugehend, ist seit drei Wochen zu einem schweren Pflegefall geworden. Die Einzelheiten zu beschreiben erspare ich mir und Ihnen, den Leserinnen und Lesern. Kurz nach Weihnachten dachten wir, er würde bald sterben. Es ist nicht so weit gekommen. In besonders schwierigen Phasen hält uns die Pflege und die Sorge gemeinsam 24 Stunden lang in Atem. Nachts wechseln sich drei von uns ab, um selbst genug Zeit zum Schlafen zu haben. Kurz nach Weihnachten müssen wir den Notarzt rufen, wegen akuter Schmerzen unseres pflegebedürftigen Mitbewohners. Der holt ihn ab, lässt ihn aber nach einigen Stunden mit dem Notarztwagen zurückbringen – die Schmerzursache ist beseitigt, aber das Krankenhaus ist eben kein Pflegeheim. Wie weiter?

Das benachbarte Pflegeheim hat keinen Platz. Dort steht er eigentlich auf der Warteliste. Mit Hilfe einer Freundin gelingt es uns, eventuell in einem anderen Pflegeheim vorübergehend einen Platz zu ergattern – vorausgesetzt, unser Mitbewohner ist negativ auf Corona getestet. Wir lassen ihn testen – vier Tage später ist der Befund da: Positiv. Daraufhin müssen wir alle für 14 Tage in Quarantäne. Zu beschreiben, was das im Einzelnen bedeutet, erspare ich mir und Ihnen ebenfalls. Wir sind ratlos. Da uns die Windeln fehlen, sind wir nun auf Freunde angewiesen, die sie uns besorgen und vor die Tür legen. Doch woher? Bei der Krankenkasse ist niemand erreichbar. Die Apotheken rücken nichts raus. Über verschlungene Wege, die vorerst ein Geheimnis bleiben sollen, gelingt es dann doch, Windeln für die nächsten beiden Tage zu bekommen. Wie es danach weitergeht, wissen wir noch nicht…“

So haben wir den Anfang des neuen Jahres in Quarantäne verbracht und uns über viele Nachfragen und Anteilnahme, wie es uns geht gefreut und auch über viel praktische Unterstützung, Ein befreundetes Paar hat uns zwei Mal einen ganzen Kofferraum voller Lebensmittel von den Schwestern von Mutter Theresa gebracht. Immer am Samstag bringen Händler der umliegenden Geschäfte Obst, Gemüse sowie am Wochenende ablaufende Milchprodukte zu den Schwestern, wo sie verteilt werden. Immer wieder wurden wir von Freunden gefragt, ob man Besorgungen für uns übernehmen kann.

Nur eine Frage ist immer noch offen: die nach den Windeln. Nachdem wir die Zeit zwischen den Jahren überbrücken konnten, hat die Hausärztin am 4. Januar die Verordnung an die Krankenkasse geschickt. Die Krankenkasse hat diese Verordnung an einen Fachhandel nach Süddeutschland weitergegeben, wo sie bis vorgestern nicht ankam. So geht das Ping-Pong hin und her. Der Fachhandel kann nichts schicken, weil keine Verordnung von der Krankenkasse vorliegt. Die Krankenkasse meint, man müsse warten bis die Verordnung beim Fachhandel eintrifft. Nach drei Wochen und mehreren Nachfragen ist immer noch nichts passiert. Der Vorschlag, die Verordnung nochmal zu übermitteln, da sie offenbar verloren gegangen ist oder ein Übermittlungs-fehler vorliegt, wird von der Krankenkasse nur zögerlich aufgenommen. Vorgestern lag dem Medizindienstleister noch nichts vor. Immerhin haben wir gestern per D-H-L – das wäre nochmal eine eigene Geschichte – ein Probepaket bekommen, damit wir „schon mal überbrücken können“ – Inhalt: 3 (in Worten: drei) Windeln. Gewickelt wird unser Mitbewohner seit 22. Dezember. 

Der Platz für unseren Mitbewohner im Pflegeheim ist frei, aber da das Pflegeheim derzeit unter Quarantäne steht, kann er nicht aufgenommen werden.

Die positive Nachricht: Niemand von uns hatte Symptome.

Wir halten Euch auf dem Laufenden, wie es weitergeht.

So ging es weiter:
Schneckenpost
Das etwas andere Care-Paket
Gut angekommen – Christians Umzug ins Marienstift

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Wohngemeinschaft mit Gott

 

Das Magazin 3_2020 zeigt die Lichtinstallation mit dem Hashtag #hope auf das Matterhorn

Was für eine Überraschung als letzte Woche die aktuelle Ausgabe von andere Zeiten – Magazin zum Kirchenjahr bei uns im Briefkasten lag. Reportagen, Betrachtungen und informative Texte eröffnen Zugänge zu den besonderen Tagen und Zeiten des Kirchenjahres – dieses Mal vom Franziskus-tag über das Rosenkranzfest, den-Reformations-tag und Buß- und Bettag bis hin zum Ewigkeitssonntag. Erst einmal blieb das Heft bis zum Wochenende liegen um mit mehr Zeit und Muße hineinzuschauen. Aber am Samstag war es dann soweit, gerade noch rechtzeitig vor dem Franziskusfest, das bei uns eine herausgehobene Rolle spielt, weil der Chefkoch an diesem Tag Namenstag feiert.  Die letzten Jahre waren immer einige von uns beim Transitus, einer Liturgie der franziskanischen Gemeinschaften am Vorabend des Namenstags, in dem der Heimgang von Franziskus im Mittelpunkt steht. Jedes Jahr lädt eine andere der franziskanischen Gemeinschaften in Berlin dazu ein. Und wir durften dazu kommen. Aber aus den bekannten Gründen fand dieses feierliche Treffen mit Gottesdienst und anschließendem Beisammensein mit einem schönen Essen und anregenden Gesprächen leider nicht in dieser Form statt. 

Ich nehme nun am Samstagabend das „andere Zeiten“ – Heft zur Hand, lese auf den ersten beiden Seiten einige kurze Hinweise und schlage dann auf Seite vier den ersten doppelseitigen Artikel auf: „Wohngemeinschaft mit Gott“ springt mir die Überschrift entgegen. Da steht auf einer Rasenfläche ein langer Tisch mit Gartenstühlen. Nicht unser Tisch – einen solchen Tisch haben wir nicht, aber es geht um uns, um unsere WG in Kreuzberg.

Zum Franziskusfest erzählt Schwester Birgitta Harsch, eine Franziskanerin aus Reute, wie die Frage „wie wir unseren einfachen und alternativen Lebensstil in unserer Gemeinschaft leben oder an manchen Stellen nicht leben“ sie auf neues Terrain führte, nämlich zu Exerzitien auf der Straße in unsere Wohngemeinschaft mitten in Kreuzberg, was sie erlebt hat und wie das ihren weiteren Weg in ihrem Ordensleben beeinflußt hat. Sie schreibt: 

„Moment mal … waren da vor meiner Zeit in der WG nicht auch Vorbehalte und Ängste gegenüber Menschen aus verschiedenen Kulturen und anderer Hautfarbe? Monate zuvor hatte ich die Sehnsucht verspürt, ganz einfach leben zu wollen. Und wo hatte Gott mich hingeführt? Wunderbare Menschen hatten mich unkompliziert und selbstverständlich abgeholt in ihre Gemeinschaft hinein und einer, Gott, war mittendrin, um mich zu empfangen – einfach! Er wußte um meine tiefe Sehnsucht …“

Wir wußten nichts von diesem Artikel. Er war und ist ein Geschenk. Wir haben ihn am Sonntagmorgen beim Feiertagsfrühstück zum Franziskusfest gelesen, waren sehr berührt und haben uns sehr gefreut. Was für ein schöner Tagesbeginn mit diesem Gruß von einer den meisten jetzigen Mitbewohnern unbekannten Schwester.

Wer das Magazin „Andere Zeiten“ kostenlos beziehen möchte, kann die aktuelle Ausgabe      hier bestellen. Es liegt dann drei Mal im Jahr im Briefkasten. 

Zum Weiterlesen:
Wer gastfreundlich sein will, muß Platz schaffen…  – ein Gespräch von Angela Krumpen (domradio) mit Christian Herwartz
Mehr zu Exerzitien auf der Straße

 

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Frühstücksgespräche nach Pfingsten im Juni (9)

Jetzt in Zeiten des Corona-Virus frühstücken wir unter der Woche immer um 8.30 Uhr – also die BewohnerINNEN, die zuhause sind und nicht nachts gearbeitet haben. Frühstücksgäste kommen nicht mehr dazu. Wenn Menschen aus so verschiedenen Ländern, Kulturen, Religionen und Alters zusammen sind, dann kommen ganz unterschiedliche Anliegen und Positionen ins Gespräch. Im Juni ging es um folgende Themen:

  • Warum ist Pfingstmontag in Deutschland ein Feiertag
  • sprachliche Mißverständnisse (engl.: gift, Geschenk, Gift)
  • welche Prozesse laufen im Körper ab, wenn wir Nahrung zu uns nehmen
  • Raucherentwöhnung – wie hört man am besten mit dem Rauchen auf
  • verschiedene Formen von Prostitution – welche Rolle spielt Zwangsprostitution
  • Besuch von Pfarrer Wiesböck
  • Älterwerden
  • Prägungen durch unterschiedliche Kolionalmächte (England / Frankreich) in verschiedenen afrikanischen Ländern
  • intergenerationelle Auswirkung von Sklaverei
  • schönste Städte
  • Heinrich, genannt „der Eiermann“, weil er jahrelang immer Eier zum Samstagsfrühstück mitbrachte, wird übermorgen beerdigt
  • Erfahrungen mit Heimerziehung
  • Pflanzen und ihre heilenden, schädigenden und berauschenden Wirkungen
  • Erlebnisse mit früheren Bewohnern oder Besuchern (Löwen-Klaus, Eiermann)
  • Länder und Landschaften: Wie werden sie von den jeweiligen Bewohnern und wie von Außenstehenden bezeichnet (Georgien – Grusinien, Marokko – Magreb)
  • Vornamen und ihre Beliebtheit in unterschiedlichen Kulturen
  • Tag der deutschen Einheit – in der alten BRD am 17. Juni begangen
  • Umgang mit Corona-Regeln in München und in Berlin
  • wie kann man Kinder stärken – Widerstandsfähigkeit
  • Wehrdienst in verschiedenen Ländern – „Begrüßungs“-Rituale für Neue – Umgang mit Hierarchien
  • die Berliner Kommunität der Franziskanerinnen bekommt Zuwachs: Die neue Schwester wird als Neurologin in einem Krankenhaus arbeiten
  • mit welchen Krankheitsbildern haben Neurologen zu tun („nur Parkinson – ist langweilig“)
  • wann ist es gut wenn ein Ehepaar im gleichen Unternehmen beruflich tätig ist
  • Was bedeutet es für Ehepartner und Kinder, wenn wegen des Berufs alle paar Jahre der Lebensort wechselt (Berufssoldaten, diplomatischer Dienst)
  • In welchen Kulturen werden Hunde gegessen und in welcher Form (Suppe, gebraten, gegrillt)
  • Tuberkulose: Wie wird sie weitergegeben, wo ist sie heute noch verbreitet und was gilt als Heilmittel (Serum, Luftkur, Hundefleisch essen, Ziegenmilch trinken)
  • Meinungen zur Neugestaltung der Foto-Wand mit den Bildern von verstorbenen BewohnerINNEn oder Freunden der Kommunität
  • Warum sind in Deutschland Friedhöfe zu bestimmten Zeiten abgeschlossen?
  • Welche öffentlichen Verkehrsmittel gibt es in welchen Städten (Bus, Tram, Oberleitungsbus, U-Bahn, S-Bahn, Regionalzug)
  • München und das Oktoberfest: Warum wird es gefeiert, findet es jedes Jahr statt, muß man Eintritt zahlen; welche anderen Feste und Festivals gibt es (Auer Dult, Jakobidult, Tollwood, Filmfest, Frühlingsfest, Magdalenenfest, Kirchweihdult, Kocherlball, Literaturfest, Stadtgründungsfest, Bennofest)

Noch mehr Frühstücksgepräche

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Der Fülle Raum geben

Ostersonne – Sankt Michael 2020; Foto: Sr. Rita

 

 

Ursprünglich eine Spirale aus Tüchern. Jeden Fastensonntag wurde ein Symbol für die jeweilige Lesung aus den Evangelien hinzugefügt. Am Karfreitag wurde alles mit schwarzen Tüchern bedeckt. In der Osternacht wurden die schwarzen Tücher weggenommen, und es erschien mit vielen Strahlen in Gelb- und Rottönen mit Tüchern gelegt – diese Ostersonne.

Wir haben sehr intensive Festtage verlebt und sind dankbar für das Viele, das uns geschenkt wurde im Miteinander und von anderen. Vielen Dank auch an dieser Stelle dafür. Es war immer wieder die Erfahrung des Beschenkt werdens auf verschiedenen Ebenen.

Ab Palmsonntag haben wir eine Ideensammlung gemacht, was und wie wir in den kommenden Tagen die Zeit miteinander gestalten wollen. Wir hatten leckere Mahlzeiten miteinander zu Pessach und den Kar- und Ostertagen. Ansonsten haben wir uns in unterschiedlichen Zusammensetzungen zusammengefunden zu Fernsehg-ttesdiensten mit Laptop und Kerze („Christian, jetzt kommt Papst. Willst Du sehen?“ Und anschließend: „Jetzt ist evangelisch“), zum Hörspiel „der Prozeß Jesu“, zum Kochen, Backen, Eierfärben, zu einem Film über Alfred Delp und Zeiten der Stille in Sankt Michael. Ein Bewohner hat am Freitagnachmittag eine Andacht zu den sieben Worten Jesu am Kreuz vorbereitet.

Erfahrungen der Fülle und des Verbundenseins in einer Zeit, die auch für uns fordernd und in manchen Punkten schwierig ist. Einer arbeitet als Sicherheitsmann in einer Klinik, ein anderer hat viel zu tun im Reinigungsgewerbe. Einer ist im Pausenstatus und sehnt sich danach bald wieder in seine Arbeitsstelle zurückkehren zu können. Alle anderen können nicht arbeiten und haben erstmal keine Arbeit in Aussicht.

 

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Frühstücksgespräche (6)

Unter der Woche frühstücken wir immer um 8.00 Uhr – also die BewohnerINNEN, die zuhause sind und nicht nachts gearbeitet haben. Jetzt in Zeiten des Corona-Virus haben wir das Frühstück auf 8.30 h verschoben.  Frühstücksgäste kommen nicht mehr dazu. Wenn Menschen aus so verschiedenen Ländern, Kulturen, Religionen und Alters zusammen sind, dann kommen ganz unterschiedliche Anliegen und Positionen ins Gespräch. Im März ging es um folgende Themen:

Früstückstisch in Zeiten des Corona-Virus

  • Sprachvergleiche
  • Kolonialgeschichte einzelner Länder, welche Kolonien hatte Deutschland
  • wie wird eine Notübernachtung organisiert
  • wie wird Bier gebraut – Alkoholkonsum und seine Akzeptanz in verschiedenen Ländern
  • Outdoor-Pinkeln im Kulturvergleich, wo ist es erlaubt und wo nicht und wie wird es sanktioniert
  • Prozeß der Käseherstellung, wie kommen die Löcher in den Käse (die Bakterien pubsen)
  • unser Samstagsfrühstück in Zeiten des Corona-Virus
  • Leben ohne Plastik
  • Abraham / Ibrahim: Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Querverbindungen in Judentum, Christentum und Islam
  • Corona-Virus: die ersten Tafel-Ausgabestellen und Essensausgaben (Suppenküchen) stellen die Verteilung ein
  • zahnmedizinische Behandlung in unterschiedlichen Kulturen
  • Hexenverfolgungen im Mittelalter und heute (Papua Neuguinea)
  • Nahtoderfahrungen
  • Eine Frau aus Polen wird aus dem Gefängnis entlassen. Kann sie kommen?
  • Geistheilung – live und geht das auch per Telefon
  • Machen wir weiter mit dem Samstagsfrühstück?
  • Umgang mit Kontakten in der WG und außerhalb
  • Umgang mit Corona in Unterschiedlichen Ländern

Noch mehr Frühstücksgespräche

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Vom Reichtum eines ganz normalen Sonntags im November

Frühstück zu acht. Dabei über Kindergarten gesprochen, der in allen Sprachen am Tisch „Kindergarten“ heißt. Schoko-Mousse-Torte vorbereitet. Besuch vonAnna. Konflikt beruhtigt nicht gelöst. Zu Fuß zum Gedenkrundgang und unterwegs einige Bekannte getroffen. In der Herbstsonne gesessen und von einer schwierigen Situation erzählen können. Rundgan: Berliner Mauerweg eineinhalb Kilometer mitgegangen von der Jakobikirche bis zum Gemeindezentrum der Aleviten. Dabei viel Bewegendes, Schockierendes, Skandalöses und auch Ermutigendes von Zeitzeugen und aus Archiven gehört. Herr Marokko kommt beglückt vom Sprachtandem deutsch-französich zurück. Mit zwei Bewohnern aus Nordafrika Kaffee getrunken und Schokoladentorte gegessen. Dabei gehört und per Smartphone gezeigt bekommen, wie die traditionelle Kleidung von Frauen und Männern in diesen beiden Ländern aussieht und wie sie von jungen DesignerINNen weiterentwickelt und von Models präsentiert wird. Gespräche kreuz und quer zwischen Mitbewohnern. Einer macht den Essensplan für die kommende Woche in der Arbeitsstelle. Ein anderer freut sich, daß die Fortbildung,vor der er Angst hatte, gut gelaufen ist. Ein anderer ist gefrustet, dass noch kein Anmachholz zerkleinert wurde für den Kachelofen im Wohnzimmer. Ein anderer ist krank und mag nur Tee trinken. Eine Freundin der WG kommt und holt die Monatskarte ab, die sie uns für einige Tage geliehen hat. Ein Mitbewohner klärt, wann und wo er Brot holt. Ein trauriger Ex-Mitbewohner kommt und bringt Umzugskartons für die Sachen, die er noch bei uns hat und nächste Woche abholt. Herr Tunesien kocht ein Pilz-Gemüse-Gericht und unterzieht die Küche einer gründlichen Reinigung. Ein Brief wird per Hand geschrieben …

Alles und noch mehr an einem ganz normalen Sonntag im November.