Freitag der 13. Dezember

wird – so wie es aussieht – der Tag sein,an dem unsere unfreiwillige Offline-Existenz (begonnen am 30. Oktober) endet und wir „angeschaltet“ werden. Dazu bedurfte es vierer Gesprächstermine vor Ort, weil im Spracherkennungs-Online-System unser „Fall“ nicht vorgesehen war (Hausverwaltung stellt Kabel auf andere Firma um und die Signale unseres bisherigen Telefon- und Internetanbieters werden nicht mehr auf dem bisherigen Weg empfangen). Immerhin: Der katholische Kindergarten in unserer Nachbarschaft war ein Vierteljahr ohne Telefon und Internet.

Wir sind vorsichtig optimistisch.

 

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Balance finden in Zwiespältigkeiten

Mich mitfreuen können, daß einer, der für geringen Stundenlohn arbeitet, sich über die Jeans für sechs Euro freut. Und gleichzeitig um die Produktionsbedingungen wissen unter denen solche Jeans entstehen.

Mich freuen können über die große Menge Himbeeren von der Tafel. Gleichzeitig fassungslos sein über Himbeeren im November und, dass sie zu dieser Jahreszeit auf den Markt kommen, und wegen der Überproduktion letztlich bei der Tafel landen und weggeworfen werden würden, wenn es die Tafel nicht gäbe.

 

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Vom Reichtum eines ganz normalen Sonntags im November

Frühstück zu acht. Dabei über Kindergarten gesprochen, der in allen Sprachen am Tisch „Kindergarten“ heißt. Schoko-Mousse-Torte vorbereitet. Besuch vonAnna. Konflikt beruhtigt nicht gelöst. Zu Fuß zum Gedenkrundgang und unterwegs einige Bekannte getroffen. In der Herbstsonne gesessen und von einer schwierigen Situation erzählen können. Rundgan: Berliner Mauerweg eineinhalb Kilometer mitgegangen von der Jakobikirche bis zum Gemeindezentrum der Aleviten. Dabei viel Bewegendes, Schockierendes, Skandalöses und auch Ermutigendes von Zeitzeugen und aus Archiven gehört. Herr Marokko kommt beglückt vom Sprachtandem deutsch-französich zurück. Mit zwei Bewohnern aus Nordafrika Kaffee getrunken und Schokoladentorte gegessen. Dabei gehört und per Smartphone gezeigt bekommen, wie die traditionelle Kleidung von Frauen und Männern in diesen beiden Ländern aussieht und wie sie von jungen DesignerINNen weiterentwickelt und von Models präsentiert wird. Gespräche kreuz und quer zwischen Mitbewohnern. Einer macht den Essensplan für die kommende Woche in der Arbeitsstelle. Ein anderer freut sich, daß die Fortbildung,vor der er Angst hatte, gut gelaufen ist. Ein anderer ist gefrustet, dass noch kein Anmachholz zerkleinert wurde für den Kachelofen im Wohnzimmer. Ein anderer ist krank und mag nur Tee trinken. Eine Freundin der WG kommt und holt die Monatskarte ab, die sie uns für einige Tage geliehen hat. Ein Mitbewohner klärt, wann und wo er Brot holt. Ein trauriger Ex-Mitbewohner kommt und bringt Umzugskartons für die Sachen, die er noch bei uns hat und nächste Woche abholt. Herr Tunesien kocht ein Pilz-Gemüse-Gericht und unterzieht die Küche einer gründlichen Reinigung. Ein Brief wird per Hand geschrieben …

Alles und noch mehr an einem ganz normalen Sonntag im November.

Couscous-Finale: Marokko : Tunesien

Seit Wochen schwärmt unser tunesischer Mitbewohner vom Couscous seines Heimatlandes: Das beste, das es gibt. Optimal Dunkelrot. Marokkanisches Couscous ist auch lecker, aber kein Vergleich zum tunesischen. Das bleibt beim Vergleich auf der Strecke.

Unser marokkanischer Mitbewohner läßt uns wissen, daß das Couscous aus Marokko das wirklich aller- allerbeste ist. Einfach ein Spitzenprodukt. Sattes Gelb. Da kommt das tunesische einfach nicht mit, wenn es zugegebenermaßen auch lecker ist, aber gaaanz anders.

Am Dienstagabend ist es immer wieder spannend, was zum Kommunitätsabend auf den Tisch kommt. Herr Tunesien beschloß zu kochen, auch wenn er selber nicht da sein kann, weil er arbeiten muß. Aber sein tunesisches Spitzenprodukt sollte uns den Abend verschönern. So befand er unseren 7-Liter-Topf als zu klein und stellte sich mit dem 15-Liter-Topf an den Ofen. Assistenz: Herr Marokko.

Um halb drei fiel Herrn Tunesien auf, daß er zur Arbeit muß. Er übergab an Herrn Marokko. Das Ergebnis hat die Runde begeistert. Und so sah es aus:

marokkanisch-tunesisches Couscous

 

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Frühstücksgespräche (2) im Sommer

 

Unter der Woche frühstücken wir immer um 8.00 Uhr – also die BewohnerINNEN, die zuhause sind und nicht nachts gearbeitet haben. Manchmal kommt der eine oder andere Frühstücksgast dazu. Wenn Menschen aus so verschiedenen Ländern, Kulturen, Religionen und Alters zusammen sind, dann kommen ganz unterschiedliche Themen und Positionen ins Gespräch. In den Sommermonaten kamen wir über folgende Themen ins Gespräch:

  • Militärdienst: freiwillig oder Pflicht – wie lange – paramilitärische Ausbildung
  • freiwillige Feuerwehr: Aufgaben und Ausbildung
  • was bedeutet es, immer unter seinen Möglichkeiten arbeiten zu müssen
  • kleine Schwestern Jesu, wer war Charles de Foucauld, Film „von Göttern und Menschen“
  • Wie begrüßt man sich in unterschiedlichen Kulturen?
  • Verhältnis zu Eigentum / Diebstahl
  • Wer darf zu einem Schwarzen „Negerbruder“ sagen und wer nicht?
  • Einsamkeit hat viele Gesichter
  • Warum ist Pilgern in Deutschland so „in“?  Was tut ein Pilgerbegleiter?
  • Was ist ein Waldkindergarten?
  • Leben auf dem Dorf – Leben in der Stadt
  • Kinder und Großeltern: Das Miteinander in verschiedenen Kulturen
  • Ignatiusfest bei den Jesuiten in Kladow
  • welche Staatsangehörigkeit hat ein Kind aus einer bi-kulturellen Partnerschaft in den unterschiedlichen Ländern
  • welche Lautstärke beim Sprechen erleben wir bei unterschiedlichen Kulturen als angenehm oder unangenehm?
  • Opferfest
  • bi-kulturelle Ehen zwischen afrikanischen und europäischen Partnern
  • Wehrdienst – Zivildienst – soziale Freiwilligendienste
  • wie lernt man eine Fremdsprache?

 

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Caritas-Arztmobil angezündet …

Caritas-Arztmobil

„Das Arztmobil war heute gar nicht da. Machen die Ferien?“ – so fragten sich zwei unserer Bewohner, die beim Mittwochscafe in St-Marien-Liebfrauen in Kreuzberg ehrenamtlich mitarbeiten. Immer während der Öffnungs-zeiten von 15.00 Uhr bis 18.00 Uhr kommt gegen 16.00 h das von Frank Zander gespendete Arzt-Mobil, eine mobile Arztpraxis in der obdachlose und arme Menschen behandelt werden. Das Arztmobil fährt von Montag bis Freitag 15 Stellen im ganzen Stadtgebiet an. Auf der Seite der Caritas heißt es:

Das Caritas-Arztmobil befindet sich seit 1995 im Einsatz. Es ist ein Kleintransporter, der als einfacher Behandlungs-raum ausgestattet ist. Die Patienten werden dort besucht, wo sie leben. Menschen, die auf der Straße leben, gehen in den seltensten Fällen zum Arzt. Doch sie werden sehr oft krank, da ihre Lebensbedingungen, gerade im Winter, sehr hart sind. Das Caritas-Arztmobil bietet eine medizinische Grundversorgung, aber auch darüber hinausgehende Hilfe.

Das Team des Caritas-Arztmobils versorgt Obdachlose an diversen Standorten zuverlässig. Vor Suppenküchen, Not-übernachtungen oder an Bahnhöfen pflegen die Ärzte Wunden, geben Medizin und überführen, wenn nötig, die Kranken in ein Krankenhaus. Pro Jahr werden knapp 1800 Konsultationen durchgeführt, der Bedarf wächst stetig.

Das Arztmobil bietet aber nicht nur medizinische Versorgung an. Ziel der Ärztinnen und Ärzte, der Pflegekräfte und der Sozialarbeiter ist es, den Kontakt zu den Erkrankten zu halten und sie an weiterführende Hilfsangebote heranzuführen.

Vor einigen Tagen wurde es in der Nacht angezündet. Der Schaden ist so groß, daß es längere Zeit nicht im Einsatz sein wird. Die Reparatur wird teuer. Wer dazu einen Beitrag leisten kann und will, findet die Daten hier.

Zum Weiterlesen:
Artikel im deutschen Ärzteblatt über einen Einsatztag des Arztmobils
Über Armut in Berlin

Nachtrag 18. August 2019:
Das Caritas-Arztmobil ist wieder im Einsatz