Räume … (1)

Schon im Herbst wollten wir den Flur neu streichen, haben Farbkarten verglichen. Ein heller Gelbton war der Favorit. Immer wieder kam was dazwischen. Dann haben wir es auf den Frühling verschoben. Und nun, am Ende der ersten Woche, in der wir wegen des Kontaktverbots viel Zeit miteinander in der Wohnung verbracht haben, war es soweit:

Neugestaltung Flur

Tastend Räume suchen und finden, in denen wir uns geborgen fühlen. Jeder für sich und wir miteinander. Jeden Tag neu. Räume, in denen wir sein können. Einfach nur sein. In denen das Schweigen Raum gewinnt um in das Unvertraute hineinspüren zu können und mehr und mehr das Unwillkommene willkommen heißen.

 

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Privileg in diesen Zeiten

In diesen Zeiten,
– in denen wir Abstand halten – auch in der WG – so gut es geht;
– in denen keine öffentlichen G-ttesdienste gefeiert werden;
– in denen neue Räume und Formen der Begegnung im Internet entstehen,
die das persönliche Miteinander, die Gegenwart des anderen nicht ersetzen können
– in denen die ganz normale Gastfreundschaft an einem Schabbat nicht gelebt werden kann

bedeutet es umso mehr, in Gemeinschaft den Schabbat zu begrüßen

der Segensspruch über den Kerzen – wie schon so oft an diesem Tisch
der Segensspruch über dem Wein, ein Becher wie immer gefüllt mit Traubensaft wird dieses Mal nicht von einem zum anderem weitergegeben – wie sonst. Heute an jedem Platz ein Glas mit etwas Traubensaft
der Segensspruch über den Schabbatbroten. Die können wir teilen. Wie sonst.

Momente des Innehaltens. Einfach sein. Da sein. ER / SIE ist da am Schabbat Vajikra („er rief“). Welche Stimme hören wir. Welche überhören wir. Alles lassen können wie es ist. Die ungelösten Fragen sein lassen. Innehalten und warten auf den Raum, der sich öffnen wird. In uns. Um uns.

 

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Polen so nah – Polen so weit

Mitte der Woche ruft eine Gefängnisseelsorgerin an und fragt, ob eine junge Frau aus Polen für zwei oder drei Wochen zu uns kommen kann. Sie wird nächste Woche aus dem Gefängnis entlassen und will nach Polen zurück. Das geht aber nicht gleich. Wir sprechen darüber beim Frühstück:

– Man weiß nicht, mit wem sie Kontakt hatte
– Kann man nicht wissen. Bei niemand.
– Was willst du? Bessere Quarantäne als Knast gibt es nicht im Moment.
– Genau.
– Dann kann sie doch kommen.
– Weiß man, warum sie im Gefängnis ist?
– Warum willst du das wissen?
– Na ja, ich denke wegen Drogen. Weil Kottbuser Tor ist nah.
– Da kommt sie an alles dran.
– Also, wenn wegen Drogen, dann will ich nicht, daß sie kommt.
– Iris soll rausfinden, ob sie wegen Drogen sitzt.
– Wie geht das dann, daß sie nach Polen kommt. Die lassen doch keinen mehr rein.
– Die Grenze ist dicht.
– Eigene Staatsbürger müssen die nehmen.
– Wäre doch einfacher direkt vom Gefängnis. Wenn sie bei uns war, muß sie doch irgendwie in Quarantäne.
– Iris soll rausfinden, wie das genau gehen kann, daß sie zurück kann nach Polen
– Die Gefängnisfrau kann doch nachfragen, was bei der Entlassungsvorbereitung schon gelaufen ist.

Zwei Tage später meldet sich die Gefängnisseelsorgerin wieder. Sie hat mit der Gefängnissozialarbeiterin gesprochen. Die junge Frau kann direkt im Gefängnis die erforderlichen Personaldokumente bekommen und damit nach Polen ausreisen und braucht den Platz bei uns nicht.

 

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Einmal ist immer das erste Mal …

Beim Samstagsfrühstück tauschten wir uns dieses Mal in kleiner Runde mit acht BesucherINNEn aus. Eine Frau, die fast jeden Samstag dazu kommt, erzählte, daß ihre Tafel-Ausgabestelle geschlossen hat. In der letzten Zeit erzählte sie immer wieder, daß es sehr wenig sei, was sie dort noch erhält. Der Internetseite der Berliner Tafel sagt, daß im März 50 Prozent weniger Lebensmittelspenden hereingekommen seien – wohl aufgrund von Hamsterkäufen und mehrere Ausgabestellen geschlossen sind. Als am Nachmittag zwei Bewohner losgegangen sind, um für unsere Gemeinschaft Lebensmittel abzuholen, haben sie nichts erhalten.

Nachtrag:
Mo 16. März: Inzwischen sind 38 Ausgabestellen von Laib und Seele geschlossen

 

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fünf Bilder – eine leere Wand – ein Hungertuch

Hungertuch 2019 von Misereor

Letzten Mittwoch, am Aschermittwoch, dem Beginn der Fastenzeit in der christlichen Tradition, haben wir die fünf Bilder abgenommen, die sonst an der Wandseite mit der Bank hängen. Eine leere Wand. Dann das Hungertuch (Fastentuch ), das Christian uns letztes Jahr geschenkt hat. Das tiefe Blau bringt Dichte und Konzentration in den Raum. Es ist nicht zu übersehen und wird uns die sieben Wochen der Fastenzeit begleiten. Schon beim letzten Samstagsfrühstück haben wir mit Christian geschaut, was wir sehen und uns darüber ausgetauscht: Meer, Himmel, offenes Haus, goldener Ring, Inseln, Leuchtturm, Unendlichkeit …

40 Tage des Los-Lassens, 40 Tage des Teilens – ein Weg in neue Freiheit(en)

Im rabbinischen Judentum hat die Zahl 40 eine besondere Bedeutung. Der Zeiteinheit VIERZIG (Tage oder Jahre) wird im rabbinischen Judentum folgende Bedeutung zugeschrieben: 40 Tage war Moses auf dem Sinai und hat dort die Torah erhalten. 40 Jahre waren die Israeliten in der Wüste. 40 Tage dauerte die große Flut. Vierzig Tage war Elija unterwegs ohne Nahrung zu sich zu nehmen. 40 Tage waren die Kundschafter in Kanaan unterwegs. 40 Tage hatten die Bewohner von Ninive Zeit Buße zu tun .

Vierzig ist die Zeiteinheit, die erforderlich ist, daß etwas von den Anfängen bis zur Frucht kommt. So gingen die Rabbinen auch davon aus, daß der Zeitraum der Schwangerschaft, also von der Empfängnis bis zur Geburt, vierzig Wochen umfaßt.

zum Weiterlesen: 

Hinführung von Christian zum Hungertuch

Hungertuch in groß

 

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Frühstücksgespräche (5) im Februar

Unter der Woche frühstücken wir immer um 8.00 Uhr – also die BewohnerINNEN, die zuhause sind und nicht nachts gearbeitet haben. Manchmal kommt der eine oder andere Frühstücksgast dazu. Wenn Menschen aus so verschiedenen Ländern, Kulturen, Religionen und Alters zusammen sind, dann kommen ganz unterschiedliche Anliegen und Positionen ins Gespräch. Im Februar kamen wir über folgende Themen ins Gespräch:

  • Smartphone-Nutzung
  • Unterschiedliche Aspekte des Schnarchens: rhythmisch, arhythmisch, aufwachen vom eigenen Schnarchen, Schnarch-Chor
  • Vorurteile gegen Osteuropäer
  • Partnertausch im Papageienkäfig
  • die Berliner Obdachlosenzählung, ihr Ergebnis (2000 Obdachlose) und was davon zu halten ist; wie aussagekräftig ist sie
  • Haustiere und Nutztiere in verschiedenen Kulturen
  • Korruption bei Polizei und Behörden; was begünstigt sie?
  • Erfahrungen, wie unterschiedlich die Kontrolleure der BVG (öffentlicher Nahverkehr) mit Menschen umgehen, je nach dem, ob diese gut oder schlecht deutsch sprechen
  • Dackel Benni von unserem Freund Rudi ist verstorben; Rudi und seine Tiere
  • Ökonomie im Gesundheitswesen in unterschiedlichen Ländern
  • Alternativmedizin – Homöopathie und andere Heilverfahren
  • Fasching – Karneval – Rollenwechsel – Verkleiden
  • Klauen schneiden bei Schafen – verschiedene Techniken
  • Fasching – Karneval – Umzüge
  • Terroranschlag in Hanau
  • das Mittwochscafe und seine Gäste
  • Erfahrungen mit unterschiedlichen Moscheen
  • Ersatzprodukte für  vegane Ernährung (Käse, Wurst …)
  • das Hungertuch an unserer Wohnzimmerwand – woher kommt diese Tradition – was sehen wir im Hungertuch
  • Umgang mit dem Coronavirus
  • Was ist ein Gnadenhof
  • Prioritäten bei Feuerwehreinsätzen – Tierrettung

 

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