Unter neuer Bewirtschaftung

Vor einigen Monaten stand ein Mann mittleren Alters an der Wohnungstür. Bei einer Tasse Kaffee am Wohnzimmertisch eröffnete er das Gespräch mit dem Satz: „Ich komme aus Tegel“. Ich dachte, daß er mir mitteilen will, in welchem Stadtteil (Tegel) er lebt. Aber ein paar Sätze später sagte er dann, daß er in Lichtenrade, einem recht bürgerlichen Viertel, eine Wohnung hat. Daraus schloß ich dann, daß „ich komme aus Tegel“  ein Hinweis auf den dortigen Knast und seine Entlassung war. Die Startbedingungen unseres Besuchers waren eigentlich gut. Arbeit und Wohnung sind ja keine Selbstverständlichkeit nach einem Gefängnisaufenthalt. Nun litt er unter seiner Einsamkeit, weil er in Lichtenrade keinen Anschluß findet – nicht einmal in der katholischen Kirchengemeinde: „Die wollen unter sich bleiben“ war sein Eindruck. Mit seinen ehemaligen Freunden wollte er nicht in Kontakt kommen, denn er befürchtete, dann „wieder abzurutschen“.

Im Gefängnis war er regelmäßig von einer christlichen Gruppe besucht worden. Camillo von den Emmaus-Leuten hat ihn auf die Naunynstraße aufmerksam gemacht. „Und den Christian Herwartz den kenne ich auch über meinen Pastoralreferenten. Der Camillo hat mir schon gesagt, daß der Christian Herwartz nicht mehr da ist. Das ist jetzt unter neuer Bewirtschaftung“.

 

Erinnerung an Franz Keller (2)

Vorgestern war der dritte Todestag von Franz Keller (SJ). Zum Abendessen gab es ein Lieblingsessen von Franz Keller, das er oft für die WG zubereitet hat: Pellkartoffeln mit Quark und Thunfischsalat. Dieses Mal hat es unser Mitbewohner Franz zubereitet. Er hat uns auch seinen Beitrag über Franz Keller für das EINFACH OHNE – Buch vorgelesen:

 

Meine Erfahrungen mit Franz Keller
Als ich ganz neu in der Naunynstraße wohnte, habe ich gesehen, dass Franz
ein ganz besonderer Mensch ist. Immer wenn er sich mir zuwandte und mit mir sprach, spürte ich seine Liebe und Wärme. Sein Lächeln strahlte so viel Freundlichkeit und Menschlichkeit aus! In der Bibel hatte ich gelesen: Gott ist die Liebe.Und in den Augen von Franz habe ich diese Liebe Gottes gesehen!

Im Gottesdienst der Kommunität habe ich immer neben Franz gesessen. Da habe ich ihn mehrmals gebeten, in einem konkreten Anliegen für mich zu Gott zu beten. Als Franz das für mich tat, passierte es mehrmals, dass meine Bitten in kurzer Zeit erfüllt wurden, auf wundersame Weise. Dadurch ist mein Vertrauen zu Gott immer größer geworden.

Franz war wie eine Brücke zwischen mir und Gott. Als ich schon begonnen hatte, an Gott zu glauben und erfahren hatte, dass Gott die Bitten erfüllt, die ich über Franz vor ihn bringe, bat ich Franz erneut, weiter in meinem Namen bei Gott zu bitten. Ich hielt dies für einen guten Weg, denn Franz war ein heiliger Mensch für mich, weil Gott offenbar auf ihn hörte. Aber eines Tages sagte Franz zu mir: „Du bist selbst ein Mensch, genau wie ich. Du selbst darfst Vertrauen zu Gott haben. Du selbst hast deine ganz eigene Beziehung, die direkt zu Gott geht. Du musst nicht den Umweg über mich nehmen.“ Während Franz so zu mir sprach, sah ich die Liebe Gottes in seinen Augen. Deshalb habe ich geglaubt, dass es wahr
ist, was er mir sagte. Deshalb habe ich es gewagt, selbst in Beziehung zu Gott zu gehen und ihm meine Bitten auf direktem Weg vorzutragen.

Durch Franz und Christian ist für mich die Liebe Gottes so deutlich geworden,dass sie mir das Liebste geworden sind, was ich auf Erden habe, gleich nach Gott Vater, Gott Sohn und dem Heiligen Geist.

Wolfgang, ein ehemaliger Mitbewohner und jetzt häufiger Samstagsfrühstücksbesucher schreibt:

In  der Stille habe   ich  an  Bruder Franz Keller gedacht. Eine  Kerze entzündet in der   St. Hedwigs Kirche, wo er gerne  die  Heilige  Messe  feierte. Immer wenn man inder Naunyn WG  ist, denkt  man   ihn, wie  er   mit   seinen  Mitbruder   Christian  Schmidt   gemeinsam  auf  der Bank saß und Ovomaltine  trank. Gerne erinnere ich mich  dankend zurück an gute geführte  Gespräche auch  im  Hinblick auf  Glaubensfragen. Seine  Eltern waren ihm präsent  in seinen Herzen und in seinem  Kopf.  Gern hat er über ein   Elternhaus erzählt. Er war eine  Seele  von  Mensch, tief gläubig. Besaß schweizerischen Charme. Er wird immerinmir weiter seinen  Platz  behalten.

Am Do 2. Februar 2017 um 18.30 h  wird der jährliche Gedenkgottesdienst für Michael Walzer zum 31. Todestag und jetzt auch für Franz Keller in St. Michael (Kreuzberg), Waldemarstr. 8, 10999 Berlin, U-Moritzplatz, Bus M 29 Oranienplatz stattfinden. Anschließend ist Zeit zum gemeinsamen Reden und Essen.

Ein Nachruf von Franz Keller ist hier oder auch hier.

Monster-Food

Am Morgen: Reformationsbrötchen. Am Abend gab es Monster-Food:

Monster-Food für Halloween

Monster-Food für Halloween

Wolfgang hat uns letzte Woche einen Riesenkürbis und Maronen vorbei gebracht. Wir hatten viel Spaß beim Zubereiten und Essen von Kürbissuppe, Wurst-Fingern (Fingernägel aus Zwiebeln) und Vanillepudding mit Glibberhänden aus rotem Tortenguß, der sich noch in der Backzutatenschublade befand und dessen Ablaufdatum 1 1/2 Jahrzehnte zurück liegt.

Reformationsbrötchen … und mehr

… gab es heute beim Montagsfrühstück in der Naunynstraße, denn zwei unserer Mitbewohner sind evangelisch. Die Reformationsbrötchen kommen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

reformationsbroetchen

Außerdem unterhielten wir uns über die Reformation. Die Perspektive besonders der migrantischen Bewohner betonte die Freiheit, die durch die Reformation möglich geworden ist: Jede/r kann die Bibel auf deutsch – also in der Landessprache – lesen und sich dazu eine eigene Meinung bilden unabhängig von der Obrigkeit. Auch ein Artikel aus der Frankfurter Rundschau – nämlich „Matin Luthers Reformation – der Islamismus des Christentums“ – regte uns an.