Markenzeichen für unsere Gemeinschaft

Ein Mitbewohner, der seit fast einem Jahr mit uns zusammenlebt, hat sich Gedanken über ein Markenzeichen, über ein Signet für unsere Gemeinschaft gemacht, so wie er sie sieht und erlebt. Er ist Agnostiker. In der religiösen Tradition, in der er aufgewachsen ist – erzählt er – steht die Farbe grün für Liebe, Leben, Paradies und Auferstehung:

 

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Begriffe und Bedeutungen

Immer wieder entdecken wir, wie unterschiedlich wir Begriffe verwenden und welche unterschiedlichen Bedeutungen und Konzepte wir damit verbinden. Unsere Frühstücksgespräche sind ein bevorzugter Ort dafür.

Im Französischunterricht der 1970iger Jahre in der alten BRD wurde unter dem Begriff der Magreb-‚Staaten Marokko, Algerien und Tunesien subsumiert. Plötzlich kommt es zu einem Perspektivwechsel, denn Mitbewohner Herr Marokko widerspricht. Al-Maghrib sei die Selbstbezeichnung seines Landes. In einem weiteren Sinn würden auch die Länder Marokko, Tunesien, Algerien, Libyen und Mauretanien als Magreb bezeichnet. Diese bilden auch eine Union, die politisch, wirtschaftlich und kulturell zusammenarbeitet (Union des arabischen Magreb).

So haben wir durch die internationale Zusammensetzung unserer Gemeinschaft immer wieder die Chance, unsere Wahrnehmung zu erweitern und dazuzulernen.

 

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Frühstücksgespräche Mai (8)

Unter der Woche frühstücken wir normalerweise immer um 8.00 Uhr – also die BewohnerINNEN, die zuhause sind und nicht nachts gearbeitet haben. Jetzt in Zeiten des Corona-Virus haben wir das Frühstück auf 8.30 h verschoben.  Frühstücksgäste kommen nicht mehr dazu. Wenn Menschen aus so verschiedenen Ländern, Kulturen, Religionen und unterschiedlichen Alters zusammen sind, dann kommen ganz unterschiedliche Anliegen und Positionen ins Gespräch. Im Mai haben uns folgende Themen bewegt:

  • Warum ist dieses Jahr am 8. Mai in Berlin Feiertag
  • Niederlage, Zusammenbruch, Kapitulation oder Befreiung? Wer hat welche Perspektive
  • Spätfolgen von Kriegsgefangenschaft oder Zwangsarbeit im Gulag auch in den nachfolgenden Generationen
  • Kannibalismus in sowjetischen Gulags und Nazi-Konzentrationslagern
  • Wie wirkt sich Kriegsgefangenschaft auf die nachfolgende Generation aus
  • 80-Millionen Jackpot ging nach Bayern
  • unterwegs mit Schrottautos
  • wann ist in verschiedenen Ländern das Ende des Arbeitslebens, der Beginn der Rente und gibt es eine Rentenversicherung
  • Bedürfnis nach Gurus – was steht dahinter
  • Muttertag und wie es ist, wenn man an diesem Tag schwer oder gar nicht Kontakt zur Mutter aufnehmen kann
  • Wann ist in welchen Ländern Muttertag
  • Wer sind die Eisheiligen – Wetterregeln rund um die Eisheiligen
  • Was fehlt uns besonders während Corona und ist nicht zu ersetzen
  • Jahrestag der Entführung von Adolf Eichmann (11. Mai)
  • Was sind Chia-Samen und wofür sind sie gut
  • Erfahrungen von „Filmriß“ nach Unfall, Alkohol- oder Drogengebrauch
  • Vergleich: Arbeiten auf Baustelle, beim Umzug oder Zimmerreinigung im Hotel
  • Haus- und Stalltiere und ihre Fähigkeiten
  • Schulden machen – auf Pump leben – wie ist das in unterschiedlichen Kulturen
  • erben und vererben
  • Ramadan während Corona in verschiedenen Ländern
  • Verschwörungstheorien rund um Corona
  • Geschwindigkeitsbegrenzungen in verschiedenen Ländern
  • Wo haben verschiedene Autobauer ihre Produktionsorte
  • Satelliten – ihr Weltraumabfall und die Langzeitfolgen
  • Vogelzug über Bosporus und Gibraltar – wie finden die Vögel ihren Weg (Magnetfelder)
  • Sprachgrenzen von bestimmten Wörtern in Deutschland (Kaminkehrer / Schornsteinfeger; Metzger / Schlachter / Fleischer, arbeiten / schaffen etc.)
  • beliebte Vornamen zu unterschiedlichen Zeiten
  • warum gibt es in Deutschland so wenig deutsche Vornamen
  • was für ein Feiertag ist das heute (Christi Himmelfahrt)
  • Film Mosaic über Parallelen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Synagogen und Moscheen in sechs zu unterschiedlichen Zeiten vom Islam geprägten Ländern (Usbekistan, Türkei, Iran, Ägypten, Marokko, Andalusien)
  • Warum segnen Priester Waffen
  • Militärseelsorge – wie ist sie in Deutschland und in den USA organisiert
  • Corona in kapitalistischen und kommunistischen Systemen. Wo läuft es besser?
  • Namenstage von Heiligen und mit ihnen verbundene Pflanz- und Gartenregeln
  • Wie wird in welchen katholischen und orthodoxen Ländern Namenstag gefeiert
  • wenn Kinder in Sekten aufwachsen
  • Unser Haus im Fernsehen
  • Wo bekommt man welche Medikamente: apothekenpflichtig – rezeptpflichtig
  • wie ist die Abgabe von Medikamenten in anderen Ländern geregelt
  • Obduktionen und wie unterschiedliche religiöse Traditionen das sehen
  • Wann sind die (ignatianischen) Exerzitien entstanden
  • Umgang mit schmerzhaften Erfahrungen und Erinnerungen aus früheren Zeiten
  • wie können sich große Altersunterschiede in Partnerschaften auswirken

Noch mehr Frühstücksgespräche

 

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Fundstück

Gestern haben einige Bewohner das Wohnzimmer renoviert. Nun sind auch hier Wände und die Decke frisch gestrichen, nachdem schon in den letzten Wochen der Flur, die Küche, alle drei Bäder und ein weiteres Zimmer renoviert wurden. Und wie das bei Renovierungsarbeiten immer wieder der Fall ist, findet sich auch bei uns dieser oder jener überraschende Gegenstand. So kam dieser Schlüsselbund zum Vorschein. Keiner der Schlüssel paßt in irgendeines der Schlösser – auch nicht im Keller. Da hier auch ehemalige BewohnerINNEN mitlesen nun die Frage: Weiß jemand etwas zu diesem außergewöhnlichen Schlüsselbund und der Geschichte dahinter? Eure Ideen könnt Ihr gern in den Kommentaren teilen. Wir sind sehr gespannt.

 

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Mitten in der Nacht …

Ein halbes Jahr hat Bruder Gerhard mit uns gelebt, unseren Alltag geteilt, viele Diskussionen über die Wachstumsideologie und Umweltfragen mit uns geführt, Holz gemacht und uns bei den gemeinsamen G-ttesdiensten mit der Gitarre begleitet. Am Donnerstag vor zwei Wochen haben wir uns von ihm verabschiedet mit einem leckeren Abendessen, einigen Liedern und einem Austausch, was uns in dieser Zeit und durch ihn wichtig geworden ist. Er zieht weiter mit seinem Fahrrad und seinem Fahrradanhänger und hat uns die folgende Geschichte – wie könnte es anders sein – aus der Landwirtschaft erzählt:

Vor langer Zeit wohnten zwei Brüder zusammen.  Die zwei Brüder waren fromm und lebten nach dem Gesetz des Ewigen. Der Jüngere von ihnen war verheiratet und hatte Kinder, der ältere war ledig und allein. Die beiden Brüder arbeiteten zusammen, pflügten gemeinsam das Feld und streuten miteinander den Getreidesamen aus. 

Zur Zeit der Ernte brachten sie das Getreide herein und teilten die Garben in zwei gleich grosse Haufen. Als es Nacht wurde, legte sich jeder der beiden Brüder bei seinen Garben nieder. Der ältere aber konnte nicht einschlafen und sprach in seinem Herzen: Mein Bruder hat eine Familie, ich bin allein und ohne Kinder. Trotzdem habe ich gleich viele Garben bekommen wie er. Das ist nicht gerecht. Er überlegte lange hin und her und konnte keine Ruhe finden, bis er aufstand, etwas von seinen Garben nahm und sie heimlich und leise zu den Garben seines Bruders schichtete. Dann legte er sich wieder hin und schlief sorgenlos ein. 

In der gleichen Nacht nun erwachte der jüngere Bruder von seinem Schlaf. Er hatte von seinem Bruder geträumt, der allein war und keine Kinder hat. Wer wird in seinen alten Tagen für ihn sorgen? Vielleicht war er selber bis dahin schon gestorben. Was sollte dann aus seinem Bruder werden? So stand er auf, nahm etwas von seinen Garben, die neben ihm lagen, und trug sie heimlich und leise hinüber zu dem Stoss des älteren. Als die Morgensonne aufging, erhoben sich die beiden Brüder. Jeder war erstaunt, dass die Garbenstösse dieselben waren wie am Abend zuvor. Aber keiner sagte dem anderen etwas von seinen verwunderten Gedanken, sondern sann weiter auf Abhilfe. 

In der zweiten Nacht wartete jeder ein Weilchen, bis er den Eindruck hatte, dass der andere sich im tiefen Schlaf befand. Dann erhoben sie sich und jeder nahm von seinen Garben, um sie zum Stoss des anderen Bruders zu tragen. Auf halbem Wege trafen sie plötzlich aufeinander und jeder erkannte, wie gerecht und gut es der andere mit ihm gemeint hat. Da ließen sie ihre Garben fallen und umarmten einander in brüderlicher Ergriffenheit. Gott im Himmel sah sie und sprach: Heilig ist mir dieser Ort! Hier will ich unter den Menschen wohnen! 

 

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Sacred space – heiliger Raum

Sonntagabend – Sankt Michael in Kreuzberg: Auf dem Alfred-Döblin-Platz vor der Kirche fahren Jugendliche Skateboard. Kinder haben mit farbigen Straßenkreiden aufs Pflaster gemalt. Getränkeverpackungen und Papiere von Schokoriegeln liegen auf dem Boden. Die Kirche ist geöffnet: Zum Schweigen, zum Verweilen, zum stillen Gebet, um eine Kerze anzuzünden, um an die verschiedenen Meditationsorte zu gehen, zum Innehalten, einfach da sein, nichts müssen, vielleicht ein Gebet aufschreiben oder die Vesper mitbeten …

leidender Jesus

Die beiden alevitischen Jungen von neulich  sind wieder da. Sie haben noch ein etwas größeres Mädchen und einen kleineren Jungen mitgebracht. Erst gehen sie zum Taufstein und betrachteten ihn ausführlich von den verschiedenen Seiten. Dann gehen sie weiter im Gänsemarsch zum Kreuzweg an der Kirchenwand. Das größere Mädchen dreht sich immer wieder zu den Jungen um legt den Zeigefinger auf den Mund. Sie schauen sich aufmerksam drei Kreuzwegstationen an. Dann sind sie auf dem Weg zum leidenden Jesus und stellen sich im Kreis auf. Der Kleinste steht rechts von der Jesusfigur. Nachdem er sie eine Zeitlang angeschaut hat, berührt er ganz behutsam und sanft die Schulter und streichelt sie. Dann nimmt er einen der Steine, die auf dem Boden liegen, in die Hand und versucht ihn in die Hand von Jesus zu legen. Weil die Hand absteht, mißlingen mehrere Versuche.  Er legt den Stein wieder auf den Boden. Nach einigen Augenblicken schweigenden Innehaltens verlassen alle zusammen die Kirche. Und wir anderen durften – sehend oder nicht – bemerkend oder nicht – dabei sein als sich dieser Moment, dieser Raum auftat.

Zum Weiterlesen:
Licht ist da zum Weitergeben
Mehr Infos zur Jesus-Figur im Pfarrbrief April / Mai 2020  (Seite 6)

 

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Zum Muttertag 2020

Für einige von den migrantischen Bewohnern ist es ein schwerer Tag, weil sie nicht bei ihrer Mutter sein können, möglicherweise nur per Telefon Kontakt haben können oder gar keine Verbindung aufnehmen können. Einer von ihnen hatte die Idee zu dieser Muttertagstorte. Sie ist allen Müttern gewidmet, und besonders denen im Umfeld unserer Wohngemeinschaft.

 

Foto: Marga Zitzmann

Er sagt: „Die Mutter ist für jeden wichtig. In meiner Kultur und Mentalität ist die Mutter besonders wichtig. Heute im Evangelium hat es geheißen, daß Jesus sagt: Ich gehe zum Vater. Dort sind viele Wohnungen. Ich bin sicher, daß Mutter dann die Tür aufmacht. In meiner Tradition sagt man: „Das Paradies ist unter den Füssen der Mütter“. Wenn Jesus sagt, da sind ganz viele Wohnungen, bin ich sicher, daß für jeden eine Wohnung da ist. Jeder bekommt eine Wohnung. Wenn ich an meine Mutter denke, dann geht es meiner Seele gut. Meine Mutter hat einen tiefen Wunsch, den ich ihr erfüllen soll. Ich wünsche mir die Kraft, daß ich das tun kann.

 

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zum 8. Mai 2020

In Berlin ein einmaliger Feiertag. Unter uns ganz unterschiedliche Perspektiven,  Familienerinnerungen und kollektiven Prägungen. Schwer in Worte zu fassen in der Vielfältigkeit. Einig in der Dankbarkeit über so eine lange Zeit des Friedens in Mitteleuropa. Und am Ende des Tages einige Gedichtzeilen von Hilde Domin:

„Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten“

 

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Neue Schwester … Ma-ri-hu-a-na

Bei den Schwestern von Mutter Teresa (missionaries of charity) in Kreuzberg gibt es eine neue Mitschwester, die den Konvent leitet. Sie hat einen Namen, der für die meisten schwer zu merken ist: Wir bemühten uns redlich, aber es wollte einfach nicht klappen. Schwester Mirana, Miranda, Mirona … oder so ähnlich. Den entscheidenden Tipp für eine Eselsbrücke hatte Schwester Annette von den Franziskanerinnen: „Ich merke mir einfach Ma-ri-hu-a-na  – dann ist es ganz einfach zu „Mi-ri-o-nia“

 

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