Muttertagsgruß vom Chefkoch

für alle Mütter, aber besonders die ukrainischen Mütter, die nicht wissen, wo ihre Söhne sind – und für die Mütter in Afghanistan, die unter den neuen Einschränkungen noch mehr leiden.

Muttertagsgruß 2022 vom Chefkoch

Alles Gute zum Muttertag und einen schönen Tag.

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An eurer Seite: Christian Herwartz – ein Leben jenseits der Komfortzone

ein Nachruf von Jörg Machel

Jesus war Schreiner wie auch sein Vater, viele seiner Weggefährten waren Fischer. Die ersten Christen würde man heute wohl eine Graswurzelbewegung nennen. Das religiöse Establishment misstraute ihnen. Seit die Kirche auf die Seite der Macht gewechselt ist, hat sie den Kontakt zur Arbeiterschaft verloren. So sah das mein Onkel. Der war ein sehr selbstbewusster VW-Arbeiter. Und mit der Kirche hatte er schon früh gebrochen. Die paktiert mit denen da oben, nicht mit uns. Meinte mein Onkel.

Christian Herwartz hätte meinen Onkel verstanden. Ja, so hat er die Kirche auch erlebt, egal ob katholisch oder evangelisch, weit weg von der Welt der Arbeiterklasse. Der Begriff klingt heute altmodisch. Aber in den sechziger, siebziger Jahren gab es noch die Rede vom „Klassenbewusstsein“. Da stand mein Onkel am Band. Und Christian Herwartz wurde Arbeiter-Priester. Missionar im Sinne dessen, was mein Onkel befürchtete, war Christian nicht. Seine Mission war es, verstehen zu wollen. Christian Herwartz wollte das Leben der Menschen teilen, im Betrieb und auf der Straße.

Sein Vater war U-Bootkapitän, später Offizier der Bundeswehr. Seine Kindheit war durch ständige Umzüge geprägt. In keiner Schule war er lange genug, um sich einzuleben, immer neue Klassenkameraden, neue Lehrer, neue Lernstoffe. Nur schnell raus aus der Schule. Das Maschinenbaupraktikum in Kiel gefiel ihm. Unter den Werftarbeitern fühlte sich Christian wohl. Von dort wechselte er zur Bundeswehr. Dann aber entschied er sich, das Abitur nachzuholen, auf dem Collegium Marianum in Neuss. Christian entdeckte seine Liebe – die Gemeinschaft der Jesuiten. Denen trat er bei, studierte Theologie und Philosophie und wurde Priester.

Die Achtundsechziger brachten eine Aufbruchszeit, auch bei den Jesuiten. Das Zweite Vatikanum ließ Hoffnungen keimen. Er ging nach Frankreich, dort gab es die Bewegung der Arbeiterpriester. Sie entstand in der Zeit der Resistance, als Priester sich solidarisch und unerkannt an die Seite der Zwangsarbeiter stellten. Eine Konsequenz für Christian war es, den Kriegsdienst nun doch noch zu verweigern. Er ließ sich von der Theologie der Befreiung inspirieren: der Ansatz, die Menschen nicht zu belehren, sondern ihnen zuzuhören, war genau das, was er wollte. Wie gestaltet sich euer Leben? Woran liegt es, dass euch die gute Botschaft von Jesus Christus nicht erreicht? Welche Fragen, welche Sorgen bewegen euch? Was kann ich von euch lernen?

Und Christian hat gelernt. Zunächst an der Werkbank. Er wurde in Frankreich Dreher, später sogar Ausbilder an einer hochmodernen Maschine aus Deutschland. Doch er war auch Gewerkschafter, sympathisierte mit den französischen Kommunisten. Die vertraten für Christian die Interessen der Arbeiterschaft am konsequentesten.

Die Zeit in Frankreich hat Christian Herwartz geprägt und blieb ihm immer präsent. Nach seiner Priesterweihe 1976 zog er nach Berlin, begann dort als Lagerarbeiter und Dreher. Er wohnte nicht in der komfortablen Unterkunft der Jesuiten am Lietzensee, sondern im Arbeiterwohnheim, zusammen mit vielen ausländischen Arbeitnehmern. Man kannte Christian im Betrieb als engagierten Gewerkschafter, nur wenige wussten, dass er ein Studierter war. Einige, die es wussten, misstrauten ihm. Für sie war er nicht als ein „Priester“, der sich im Blaumann versteckt. Manche Ordensbrüder hingegen sahen in ihm einen „Kommunisten“ unter der Soutane.

Als es bei einer Protestaktion vor den Werkstoren mal wieder zur Sache ging, die Polizei sich einem türkischen Kollegen gegenüber fremdenfeindlich äußerte: da ging Christian dazwischen. Wahrscheinlich auch mit Leidenschaft und Lautstärke. Es gab eine Anzeige, Christian Herwartz wurde verurteilt zu einer Geldstrafe. Er zahlte nicht. Das Angebot der Gewerkschaft, die Schuld zu übernehmen, nahm er nicht an. Es folgten zwei Wochen Gefängnis. Christian lachte, als er sich von den türkischen Freunden vor dem Gefängnistor verabschiedete. Sie verliehen ihm am Eingang des Tores den Titel „Löwe der Gerechtigkeit“.

 Hier gehörte er jetzt hin, zu den Ausgestoßenen, den Knackis. Christian Herwartz deshalb für einen Menschen zu halten, der das Martyrium suchte, wäre allerdings falsch. Er fand nur, dass man sich bei Anfeindungen nicht wegducken sollte. Und dass ihm sein Weg in den Knast eine Möglichkeit bot: eine fremde Welt kennenzulernen, die er sonst nur aus Erzählungen oder durch Besuche kannte.

In den achtziger Jahren suchte Christian Herwartz die Nähe zu den Angehörigen der RAF-Gefangenen. Mit ihnen diskutierte er die Haftbedingungen und setzte sich für eine menschliche Behandlung ein. Er erfuhr von Übergriffen auf vermeintliche Sympathisanten. Und sah doch eigentlich nur Familienangehörige, die den Terror zwar verurteilten, ihre Lieben aber nicht im Stich lassen wollten. Auch mit diesem Engagement machte er sich nicht nur Freunde innerhalb seines Ordens. Es gab da ja auch solche, die aus Familien kamen, die unter Morddrohung der RAF standen.

In Berlin-Kreuzberg kannte man Christian Herwartz durch seine Wohngemeinschaft über dem „Trinkteufel“ in der Naunynstraße. Viele Kreuzberger saßen irgendwann schon mal an dem großen Tisch zum Samstagsfrühstück. Da kann kommen wer mag, meist sind es ein gutes Dutzend, gelegentlich doppelt so viele. Und tatsächlich treffen sich dort Hinz und Kunz, von der Professorin bis zum Freigänger aus Tegel. Unten ist eine Klingel. Eine Gegensprechanlage gibt es nicht. Man klingelt, es surrt – komm rein, setz dich, Tee oder Kaffee? Das war´s, du bist da, du bist willkommen. Es gilt als unanständig zu fragen woher und wohin und warum. Du kannst erzählen und du darfst schweigen. Die meisten schweigen, jedenfalls über sich. Ansonsten wird viel geredet, laut gestritten, manchmal gesungen, geplant und verabredet. Wer keine Bleibe hat, kann nach einem Bett fragen. Ist eines frei, kannst du bleiben, wenn nicht, wir rücken zusammen, wird schon gehen. Siebzig Nationalitäten sind im Laufe der Jahre durch die WG gezogen, so hat Christian einmal überschlagen. Illegale, Halblegale, Untergetauchte, Abgedrehte. Eine Zeitlang stand häufig die Polizei vor der Tür und suchte nach Verdächtigen aus der Besetzerszene. Später nach Leuten, die sich der Abschiebung entziehen wollten. Man wusste ja, wie es hier zuging. Das hat nachgelassen in den letzten Jahren.

Wenn die Besucherinnen und Besucher von dieser speziellen Atmosphäre erzählen: sie schwärmen von der Offenheit und Freiheit, die in diesen abgewohnten Räumen herrscht. Das ist keine Sozialeinrichtung. Hier wird nicht von oben herab geholfen. Hier wird einfach nur gelebt. So als wäre die Menschheit eine Familie, in der jede und jeder ein Recht hat, dazuzugehören. Es darf nichts Wertvolles in der Wohnung sein, sonst müsste man ja aufpassen, kontrollieren. Das will Christian nicht. Was geklaut wird, war zu wertvoll oder einfach zu viel. Geradezu allergisch reagierte Christian, wenn man ihn zu einem Sozialpastor stempeln wollte. Schon mit der Zuschreibung als Helfer erhebt man sich über den anderen. Er wollte zusammenleben, Mitmensch sein, nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Etwas Urchristliches aber brachte er mit: das Bewusstsein, dass es sich bei jeder Begegnung mit einem Menschen um das Geschenk einer Begegnung mit Gott handelt. Mit jedem Hungernden, Dürstenden, Nackten, Wohnungslosen, der an deine Tür klopft, meldet sich Christus bei dir und gibt dir die Chance, sein Gastgeber zu sein.

Bei einem Samstagsfrühstück begann man die Knastjahre zusammenzuzählen, die zufällig am Tisch versammelt sind und kam auf sechzig Jahre. Es folgte eine intensive Diskussion was für Einzel-, Doppel- und Vierbettzellen spricht.

Wenn Christian von solchen Begegnungen erzählte, dann spürte man: das war kein Trick, um zu guten Taten zu ermuntern oder Bescheidenheit zu signalisieren. Sondern eine Erfahrung, die sich immer wieder bestätigt: Gott begegnet überall, auf der Straße, in der Wohngemeinschaft, im Betrieb, im Mitmenschen, jeden Tag.

Aus dieser Erfahrung heraus hat Christian Herwartz sein Konzept der „Exerzitien auf der Straße“ entwickelt und damit den geistlichen Übungen seines Ordens eine neue Gestalt gegeben. Dazu lud er Menschen ein, sich für einige Tage aus ihren gewohnten Bezügen zu befreien und das unkalkulierbare Leben der Straße zu führen. Als Quartier bot sich im Sommer eine unterbelegte Notunterkunft für Obdachlose an. Dort begann er die Übungen. Er las die Geschichte vom brennenden Dornbusch, in dem Mose eine Gotteserscheinung sah.

So läuft das, erklärte er. Schaut hin, wo es für euch brennt und dann zieht die Schuhe aus, das ist heiliger Boden, und nehmt wahr, was passiert. Die zweite Regieanweisung entlehnte er dem Lukasevangelium. Dort schickt Jesus die Jünger hinaus in die Welt. Zieht ohne Geld los, es gibt keine Sicherheit, nehmt keine Tasche mit, bittet wenn ihr etwas braucht, habt keinen Stock dabei, macht euch wehrlos, zieht die Schuhe aus, so dass ihr den Boden spürt, auf dem ihr geht und grüßt die Leute nicht, das heißt, versucht es ohne die eingeübten Konventionen. Du musst nicht alles befolgen, schau, was dich herausfordert und: lass dich überraschen!

Am Abend kommen die Straßenpilger zusammen und werten aus, was sie erlebt haben. Es ist erstaunlich, was diese kleine Übung in Achtsamkeit bei den meisten bewirkt. Gern lud er Leute aus seiner WG dazu ein. Fachleute in Straßenangelegenheiten. Ein Priester beispielsweise erzählte, wie er sich bei der Armenspeisung versorgte. Es gab Tüten mit einer Stulle, einem Saft und einem Schokoriegel. Der allerdings war seit zwei Jahren abgelaufen und so ließ er ihn unbemerkt verschwinden. Als sein Tischnachbar bemerkte, dass in der Tüte des Kollegen keine Süßigkeit war, teilte er seinen Riegel und war etwas enttäuscht, dass der die Gabe ablehnte. Der Mann von der Straße, der diesen Bericht hörte, schaltete sich ein und bemerkte etwas sarkastisch: weißt du eigentlich, dass du dem Mann die Kommunion verweigert hast?

Die Aufdeckung der Missbrauchsfälle am Canisiuskolleg erschüttert ihn, wie alle Brüder der Berliner Ordensgemeinschaft. Er hätte sich abwenden können. Euer Problem, ich gehörte nie dazu. Ich war extern, ich war in Kreuzberg. Doch so einfach machte er es sich nicht. Es ging bei all dem ja nicht allein um fehlgeleitete Sexualität, es ging um Machtmissbrauch. Und den gibt es überall. Die Anfrage traf also auch ihn. Die Frage der Gewalt und Gewaltvermeidung war immer wieder Thema, wenn sich die WG über dem ‚Trinkteufel‘ zusammenfand. Hat er da immer richtig reagiert? Hat er zu stark agiert oder zu wenig? Das trieb ihn um. In dieser Zeit schätzte er den engen Austausch mit Brüdern aus dem Orden, um sich abzugleichen. Und man schätzte ihn als Stimme von außen, um den Prozess im Orden voranzubringen.

Vor Jahren schon traf Christian die Diagnose Parkinson. Eine schleichende Krankheit, lange konnte er mit den Einschränkungen relativ gut leben. Auch sie: nur ein Aspekt der Lebenswirklichkeit. Es geht eben nicht darum, sich als Helfer zu betätigen. Hilflosigkeit zuzulassen, das ist die schwerste geistliche Übung. Christian legte die WG in der Naunynstraße in die Hände seiner Nachfolgerin und zog sich in die Betreuung des Jesuitenordens zurück. Ging zu denen, die sein Tun über Jahre mit einigem Misstrauen beobachtet hatten und denen er oft mit gehöriger Arroganz begegnet war. Auch dasE eine durchaus geistliche Übung, für beide Seiten.

Wäre er auf der Straße und ohne Papiere gestorben, man hätte wohl zunächst in der Obdachlosenszene recherchiert. Alter Mann, langer weißer Bart, tätowiert am ganzen Körper. Über die Tattoos wäre man ihm dann vielleicht auf die Spur gekommen, lauter religiöse Motive. Offenbar ein frommer Mann, der da gestorben ist.

Das hätte Christian gefallen, darüber hätte er herzhaft gelacht.

Dieser Nachruf ist vom Deutschlandfunk am 1. Mai gesendet worden. Man kann ihn  hier (knapp 15 Minuten) nachhören.

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Erinnerungen an Christian – Bruchstücke

Maria S. schreibt: 

Erinnerungen an Christian. Bruchstücke, unsortiert, einfach was oben auf ist.

Bei einem Besuch in Berlin. Durch die Straße gehend.
An einem Platz kommt ein Obdachloser auf uns zu. Er sagt ganz aufgeregt etwas , was ich nicht verstehe.
Christian erklärt „Er wollte Dich auf das Müllauto hinter uns aufmerksam machen. Dich warnen. Ihm ist es schon passiert, das er mit Müll zusammen eingesammelt wurde.“

In Basel, bei Exerzitien auf der Straße:
Abschluss Fußwaschung. Ich sage warum willst Du allen die Füße waschen? Wir können das einer nach dem anderen für den je anderen tun.  Christian greift das auf.  Im Nachhinein , auch heute noch, denke ich, dass das schmerzhaft war für ihn.

Erste Begegnung:
Beim Treffen der Arbeitergeschwister. In der Runde erzähle ich was von mir- ich bin Schwäbin-  Christian: „Kannst Du auch deutsch reden?“ Nachher kommt er her, er entschuldigt sich nicht, aber er greift gefühlsmäßig seine Barschheit auf und ist mir nahe. Das ist der Beginn eines Weges.

Bei einem Besuch in Berlin.
Wir sitzen auf einer Bank an einem See und teilen eine Schokolade.
Er spricht von Jesus als Freund. Es war leibhaftig spürbar, wovon er sprach.

Bei Straßenexerzitien.
Wir suchen einen Ort, an dem wir von Erfahrungen erzählen können.
Das Erzählen gehört zu den Exerzitien. Heute noch trage ich ein befreiendes Lachen in mir: Christian geht einfach los und sucht einen Ort, an dem wir erzählen. Ich gehe neben ihm und es ist als ob wir direkt in der Bibel spazieren gehen.

Bei einem Treffen der Arbeitergeschwister.
In einer Pause. Ich gehe mit Christian ein paar Schritte. „Was ist ein Priester?“  Christian: „Ein Priester erinnert dich an die Würde, die Du in Dir trägst. Prophet, König, Gesalbter.“

Bei einem Besuch in Berlin.
Wir gehen zu einer Wagenburg, Köpenick. Wir dürfen das zu Hause einer Frau besuchen, die dort lebt, sie arbeitet halbtags in einer Schulküche. Sie selbst ist nicht da. Eine Ikone steht unter ihrem Schlafplatz. Christian: „Spürst Du es?  …   Einheit….“
Ich : „Ja“.

Ein Besuch in Aalen.
Christian lässt einen Spruch da. „Gehe eine Meile um einen Kranken zu besuchen, zwei um einen Gefangenen zu sehen. Gehe drei Meilen (oder mehr) um bei einem Freund zu sein.“

Christian stirbt und die Worte mit denen er den Tod begrüßt sind so echt wie sein ganzes Leben.

(Anmerkung: Gemeint ist das Gebet, das Christian im Januar 2022 schrieb:
DANKE
Du Tod, Sprung ins Leben
Du kündigst dich an
Du bist die abschließende Freude
Ich danke Dir für Dein Kommen
         Amen   Christian)

Er hat mich öfters gebeten von meinen Erfahrungen zu sprechen. (Auch mit denE Teegläsern als Hilfsmittel), ich konnte es nie.

Jetzt, mit ihm zusammen zu sprechen, das geht.

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Zu Beginn der Karwoche – Hungertuch 2022

 

Hungertuch 2021 – Du stellst meine Füße auf weiten Raum

Gerade sehe ich, daß dieser Beitrag in der Warteschleife hängengeblieben ist. Am Anfang der Karwoche haben wir dieses Hungertuch im Wohnzimmer aufgehängt. Es ist eine Erinnerung an Christian, aus dessen Nachlaß wir es bekommen haben.

A ist eine Zeichnung, der ein Röntgenbild von einem Fuß zugrunde liegt, der durch Polizeigewalt in Südamerika schwer verletzt wurde. Im Mittelteil des Tryptichons kann man erkennen, daß es sich um einen komplizierten Bruch handelt.

Der Bibelvers, der dazu ausgewählt wurde, stammt aus Psalm 31 Vers 9: Du stellst meine Füße auf weiten Raum. In der Kombination mit diesem geschädigten, verletzten Fuß eröffnet das eine ganz neue Perspektive. Auch für Leben mit Brüchen, verletztes Leben gibt es eine Hoffnungsperspektive. In den Füßen spiegelt sich die Befindlichkeit von allen Organen (Reflexzonenmassage), also des ganzen Menschen.

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Nachruf im Tagesspiegel: Christian Herwartz (SJ)

Vor gut drei Wochen hat uns Jörg besucht. Viele Jahre war er Pfarrer der evangelischen Emmauskirche in Kreuzberg und mit Christian Herwartz immer wieder in diversen Anliegen verbunden. Jörg schreibt schon viele Jahre Nachrufe für den Tagesspiegel über ganz normale Berliner. Wir haben lang mit ihm gesprochen. Nun ist gestern – also im Tagesspiegel vom 10. April – eine sehr gekürzte Fassung erschienen und zwei Wochen später auch online – und zwar hier  

Nachruf Christian Herwartz im Tagesspiegel vom 10. April 2022

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Die vollständige Fassung des Nachrufs wird Anfang Mai in einem anderen Medium publiziert. Wir dürfen sie dann auf dem Blog übernehmen. Dieser ausführliche Nachruf wird dann unter dem Headerbild in der Spalte „Seiten“ abrufbar sein, aus presse- und medienrechtlichen Gründen nach der Erstveröffentlichung. Anhören kann man den Beitrag unter dem Titel „Christian Herwartz – ein Leben jenseits der Komfortzone“ beim Deutschlandfunk und zwar hier.

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Erinnerungsfoto (4): interreligiöses Friedensgebet

Die Anschlägen auf die Twin Towers in New York am 11. September 2001 waren der Anlaß für das interreligiöse Friedensgebet, das ab Januar 2002 jeden Monat am ersten Sonntag auf dem Gendarmenmarkt vor dem Deutschen Dom stattfand. Beim Vorbereitungstreffen wurde ein Text zu einem aktuellen Thema skizziert, den dann ein Mitglied der Gruppe – sehr oft Christian – ausformulierte. Dieser Text wurde dann am Anfang des Treffens verteilt, auch an interessierte Umstehende, von denen sich gelegentlich der eine oder die andere dazustellte. 

Betend den Mut finden zum Sprechen stand auf dem Transparent, das zwei der Teilnehmenden hielten. 

Interreligiöses Friedensgebet Gendarmenmarkt 2019 – Foto Anna Augustin

die Seite vom interreligiösen Friedensgebet Berlin ist hier

weitere Erinnerungsfotos sind hier

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Erinnerungsfoto (3): Kinderbesuch in Kladow

Vor zehn Jahren haben A. und M. aus den Niederlanden in Sankt Michael Kreuzberg geheiratet. Christian hat sie getraut. Letztes Jahr im Oktober waren sie an einem verlängerten Wochenende in Berlin. Als wir uns trafen, entstand die Idee, daß sie uns mit ihrem kleinen Sohn bald für einige Tage besuchen. Wegen Corona waren wir unsicher, wann das sein würde: Im Winter oder wenn es draußen schöner sein würde im Mai 2022. Die Entscheidung lag bei ihnen.

Wie gut, daß sie nach Weihnachten 2021 gekommen sind und an einem Tag mit ihrem kleinen Sohn nach Kladow gefahren sind. Christian hat sich sehr gefreut, den kleinen David kennenzulernen. 

Weitere Erinnerungsfotos sind hier

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Analoger und digitaler Nachlass von Christian Herwartz (SJ)

Christian hat drei Lesebücher / Textsammlungen herausgegeben, in denen BewohnerINNEN, Ex-BewohnerINNen, Freunde und Freundinnen sowie Weggefährten unserer Gemeinschaft zu Wort kommen. Zwei Titel sind noch erhältlich. Sie können bei uns in der WG abgeholt werden, liegen in Sankt Michael aus oder werden gegen Portokostenerstattung verschickt (außerhalb Berlins).

Cover


Geschwister erleben wurde 2010 von Christian Herwartz und Renate Trobitzsch herausgegeben. Anlaß war der 85. Geburtstag von Franz Keller, sein 60jähriges Ordensjubiläum und 30 Jahre in der Kommunität Kreuzberg in der Naunynstraße. Menschen in der Gemeinschaft und im Umfeld unserer WG – nah und fern – wurden eingeladen, sich durch Texte oder Bilder zu verschiedenen Themenbereichen einzubringen. Das Buch umfaßt 343 Seiten.


Folgende Schwerpunkte werden in den einzelnen Kapiteln aufgegriffen. 

  • Pilgern, Lebensentscheidungen, Exerzitien
  • Geschwister überall entdecken
  • Voll-, Teilzeit, Nichtbeschäftigung
  • Beziehungen zwischen Generationen, Machtmißbrauch
  • Mauern in und um Europa überwinden
  • Frieden, interreligiöses Gebet

Cover


Das Einfach-ohne-Buch hat Christian Herwartz zusammen mit Nadine Sylla 2016 herausgegeben. Auch hier tragen zahlreiche BewohnerINNen, Ex-BewohnerINNen und Weggefährtinnen zu unterschiedlichen Themenbereichen Texte, Bilder und Fotos bei. Rock’n Rollf (Rolf Kutschera) hat die einzelnen Kapitel-überschriften illustriert und das Cover gezeichnet. (288 Seiten)

 

Inhalt.

  • Einfach ohne Kolonialismus
  • Einfach ohne
  • Einfach ohne Vorgaben
  • Einfach ohne Schuhe
  • Einfach ohne Fragerei
  • Einfach offen
  • Einfach Mensch sein
  • Einfach in Fülle
  • Einfach gemeinsam
  • Einfach freiwerden
  • Einfach mit Solidarität
  • Einfach mit Hoffnung
  • Einfach mit Frieden
  • Einfach mit Geschichte
  • Einfach mit Zukunft

Christian hat zu den unterschiedlichen Themen, die ihm wichtig waren, Websites erstellt. Hier in der Wohngemeinschaft hat er die Exerzitien auf der Straße entdeckt. Die Seite wird schon seit einiger Zeit von Menschen aus der Gruppe der Begleiterinnen und Begleiter weitergeführt. 

Die jüngste Seite widmet sich den Arbeitergeschwistern und ihren Aktivitäten. Er schreibt dazu: „Mit dieser jüngsten Webseite laden wir interessierte Jüngere und Ältere ein, an unserem Weg eines gelebten Perspektivwechsels teil zu nehmen, einem politischen Schritt zur Menschwerdung aller. Unter uns finden sich Christen mit verschiedenen religiösen Traditionen und unterschiedlichem Engagement – darunter sind katholische Arbeiter-Priester, evangelische Arbeiter-Pfarrer*innen und besonders auch Engagierte ohne kirchliche Ämter.
Dokumente aus ihre solidarischen internationalen/interkonfessionellen Geschichte seit Anfang 1940 und aktuelle Fragestellungen werden greifbarer und sollen alle manuell arbeitenden Frauen und Männern verbinden, die sich für eine gerechtere, offene Gesellschaft engagieren. Das Thema des letzten europäischen Treffens in Essen 2017:
Prekarität und politischer Rechtsruck.“

Viele Jahre hat er im Flughafenverfahren dafür gekämpft, dass Mahnwachen vor dem Abschiebegefängnis (heute „Flughafengewahrsam“ stattfinden dürfen – bis hin zum Bundesverfassungsgericht, das ihm Recht gab. Er schreibt:

„Das Engagement für eine weitherzige Gastfreundschaft. Mit der langen Geschichte der „Ordensleute gegen Ausgrenzung“ in Berlin mit ihren Mahnwachen vor dem Abschiebegefängnis in Berlin-Köpenick, dem Widerstand gegen das Verbot der Mahnwachen vor dem neuen Abschiebegefängnis auf dem Flughafen Schönefeld und der gerichtlichen Klärung vor dem Bundesgericht, das entschied:
Straßen sind  auch in umzäunten Gebieten Straßen, also Orte öffentlich geschützte Meinungsäußerung. Nebenbei das Gericht sagte in der öffentlichen Verhandlung:
Straßen können auch die Gänge in Kaufhäusern sein.“

In unheilige Macht schuf er einen Austauschort zum Themenbereich „der Jesuitenorden und die Mißbrauchskrise“. Dazu erschien das gleichnamige Buch. Er schreibt dazu: 

„Diese Internetseite wurde im November 2012 als interaktiver Blog eingerichtet und nun in eine Webseite umgewandelt. Die Auseinandersetzungen der letzten fünf Monate sind weiter nachzulesen…“

Auch dieses Weblog über die Wohngemeinschaft in der Naunynstraße, gehört zu seinem Erbe.

Nachtrag:

 Das Buch „Gastfreundschaft – 25 Jahre Wohngemeinschaft Naunynstraße“ ist nicht mehr erhältlich. Der Inhalt steht komplett online auf Christians Blog „nackte Sohlen“ und zwar hier. Wir sind immer wieder entsetzt erstaunt, zu welch astronomischen Preisen es im Internet angeboten wird. Es war – wie alle von Christian herausgegebenen Büchern umsonst erhältlich, wurde verschenkt und wer wollte konnte eine Spende zu den Druckkosten geben. 

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#WMDEDGT im März 2022 – Abschiede

Seit April 2013 ruft die Nachbarbloggerin immer am 5. des Monats zum Tagebuchbloggen auf unter dem Motto „WMDEDGT?“ (kurz und knackig für „Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“). Manchmal melde ich mich auch hier im Blog zu Wort und dieses Mal habe ich wieder einiges zu erzählen. 

Ich bin der Tisch von der Wohngemeinschaft Naunynstraße. Was ich schon alles gehört und erlebt habe in den mehr als 40 Jahren hier, das geht auf keine Kuhhaut hat auf keiner Tischplatte Platz. Der fünfte des Monats- ein Samstag. Wenn Samstag ist, dann geht es besonders früh los, weil Schabbat ist. Um 0.00 Uhr ist der Gottesdienst zum Schabbateingang in der Central Synagogue in New York. Wegen der Zeitverschiebung ist es dort 18.00 h.

Aber eigentlich geht es noch früher los. In der jüdischen Tradition beginnt der Tag am Vorabend mit den drei ersten Sternen am Himmel. Weil man die in der Großstadt nicht unbedingt sieht, wird im jüdischen Kalender nachgeschaut, wann die Kerzen gezündet werden – so machen es orthodoxe Juden, denn in der Schöpfungsgeschichte heißt es: „Und es ward Abend und es ward Morgen …“. Danach folgt die Angabe des Tages („dritter Tag“). Deshalb beginnt der Tag am (Vor-)Abend. 

Bei uns beginnt der Schabbat, wenn die Vorbereitungen abgeschlossen sind. Das war gegen halb sieben. Alle waren um mich versammelt. Die Kerzen wurden mit einem Segensspruch angezündet. Danach wurde der Segen über den Traubensaft (Wein) und dem Schabbatbrot gesagt und ein Gebet für den Frieden in der Welt.

Schabbat-Beginn (Foto: C. Pieren)

Der Chefkoch hatte ein wunderbares Risotto mit Weißkohl vorbereitet, das allen sehr gut geschmeckt hat. Danach gab es einen bunten Obstsalat. Lange wurde der Abend nicht, denn der Samstag würde sehr intensiv werden. 

I. tauchte dann kurz vor Mitternacht wegen New York auf. Die Atmosphäre in der Central Synagogue war im Vergleich zu sonst sehr gedämpft – wegen dem Krieg in der Ukraine. Es gab einige sehr beeindruckende Gedichte, die die Stimmung aufnahmen und unterschiedliche Emotionen was den Krieg betrifft zum Ausdruck brachten.

Für das offene Samstagsfrühstück stand schon ein Stapel Teller auf mir. Einer, der spät nach Hause kam – ich verrate nicht WER – hat mich dann schon eingedeckt. Die Vorbereitungen für das Frühstück liefen eher still ab: Brötchen, Käse, Marmeladen, Wurst, Quarkspeise und Getränke (Kaffee und Tee) wurden auf den Tisch gestellt. Auch die Gäste würden etwas mitbringen.

Wer wohl kommen würde zu diesem besonderen Frühstück zwei Tage vor der Beerdigung von Christian, der vor mehr als vierzig Jahren mit Michael die Gemeinschaft ins Leben gerufen hat. Ich kenne ihn am längsten von allen. Ich war schon am ersten Standort in der Sorauer Straße dabei bevor es in die Naunynstraße ging. Zwei Frauen kamen zum ersten Mal, zwei habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Menschen, die Christian aus unterschiedlichen Lebensbereichen kannten, waren da und erzähl) ten aus der Herkunftsfamiilie, vom Eintritt in den Jesuitenorden, vom Leben als Arbeiterpriester in Frankreich und später in Berlin bei Siemens als Dreher, von der Gastfreundschaft und der Wohngemeinschaft als offenen Ort, vom monatlichen interreligiösen Friedensgebet auf dem Gendarmenmarkt, das nach den Anschlägen in New York begonnen wurde, von Gefängnisbesuchen und den Mahnwachen vor dem Abschiebegefängnis, das inzwischen „Flughafengewahrsam“ heißt. Auch die gegenwärtige politische Lage wurde in den Blick genommen – nah (Corona und die gesellschaftlichen Spaltungen) und fern (der Krieg in der Ukraine) …

Zum Abschluß hat unser Freund Roj, der für verstorbene Hindus priesterliche Dienste ausübt, wieder sein Segensgebet in Sanskrit gesungen. Man kann es hier  nachhören.

Als der Tisch abgeräumt und alles aufgeräumt war, wurden im kleinen Kreis noch letzte Details für das Requiem am Montag besprochen. Dann waren alle unterwegs oder haben sich ausgeruht. Zwei sind zur Tafel gegangen um Lebensmittel für die Gemeinschaft zu holen. Es gab viel Obst und Gemüse.

Am späten Nachmittag begannen die Vorbereitungen für ein besonderes Abendessen – ein Abschiedsessen für die kleinen Schwestern Jesu, die Berlin in zwei Wochen verlassen werden. Sie gehören seit den Anfängen der Wohngemeinschaft zu unseren. Freunden. Als Christian und Michael 1979 nach Berlin kamen, wohnten die Schwestern unter sehr einfachen Bedingungen im Wedding in der Liebenwalder Straße. Sie hießen Christian und Michael willkommen, die zwei Straßen weiter in einem Arbeiterwohnheim ihren ersten Ort gefunden hatten bevor es nach Kreuzberg ging. Christian hat oft von den Anfängen dieser Freundschaft erzählt. Die Schwestern verdienten halbtags durch einfache Arbeiten ihren Lebensunterhalt in der Großküche, in der Fabrik oder im Reinigungsgewerbe. Sie lebten ein einfaches Leben – zuletzt im Bauwagen und gehen an Orte, an denen Menschen leben, die in unserer Gesellschaft am Rand sind und oft übersehen werden. Mit vielen haben sie im Lauf der Jahre Freundschaft geschlossen. In den letzten Wochen bei den Abschiedsbesuchen sind viele Tränen geflossen.

 An diesem Abend wurde noch ein letztes Mal miteinander gegessen (Gemüsereis, Panier-Käse und eine Sauce mit Blumenkohl, Champignons auf Mango-Kokos-Basis), erzählt, gesungen und für den Frieden gebetet. Am übernächsten Sonntag wird es dann vor Sankt Michael Kreuzberg ein Abschiedsfest geben.

Die anderen Beiträge vom #Wmdedgt im März 2022 sind hier 

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Requiem Christian Herwartz

Das Requiem für Christian Herwartz wird am Montag 7. März um 10.30 h per Livestream übertragen und zwar hier:

Das Requiem kann auch nach der Aufnahme noch angesehen werden. Einfach auf den weißen Pfeil klicken. Die ersten zehn Minuten sind Standbild.

Am Do 28. April um 18.30 h findet ein Gedenkgottesdienst für Christian Herwartz in Sankt Michael Kreuzberg statt (Waldemarstr. 8-10 / Ecke Dresdner Straße).