Oster-Geburtstag

Intensive Feiertage – Pessach und Ostern – liegen hinter uns. Am Ostersonntag feierten wir mit vielen lieben Gästen Christians Geburtstag. Rockn RollF hat einen Geburtstagscartoon gezeichnet: Christian, wie er bei der Papstaudienz Papst Franziskus die Doktorarbeit von Michael Schindler über Straßenexerzitien überreicht. Christian ließ uns an den Eindrücken seiner letzten Reise nach Wien teilhaben, die gerade in der Karwoche stattgefunden hatte. Kardinal Schönbohm, der Klaus Mertes sehr unterstützt hat als er die sexuellen Übergriffe im kirchlichen Raum öffentlich machte, hatte Christian eingeladen um für die Priester der Diözese zwei Vorträge zu halten, die auch Predigthilfen sein sollten: Wie kann es gelingen biblische Texte ganz neu zu lesen und so lebendig werden zu lassen, war eine der Fragestellungen. Viele Priester waren in den Stephansdom gekommen, denn in der Karwoche werden die Chrisamöle geweiht, die für verschiedene Sakramente verwendet werden (Taufe, Firming) oder bei der Weihe eines Altars. Außerdem erzählte er vom Entwurf eines neuen Buches. Es wird um Straßenexerzitien gehen und wie man danach wieder gut in den Alltag hineinkommt. Eine Freude war auch der Besuch von Rana, der uns von seinen ersten Monaten im Priesterseminar erzählte – muß wohl eine Mischung zwischen Jungeninternat, Schullandheim und Studentenwohnheim sein. Ajußerdem wurde von der Karfreitagsmahnwache, die am Mahnmal für Sinti und Roma stattfand, erzählt und wir durften teilhaben an den Erfahrungen der Comboni-Schwestern mit den jungen Frauen, die sich in Berlin auf ihren Einsatz als „Missionarinnen auf Zeit“ vorbereitet haben und an unterschiedlichen Orten waren, an denen Armut sichtbar wird. Roi hat vom ökumenischen Friedensgebet am Gendarmenmarkt erzählt und ein Gebet aus seiner Hindu-Tradition gesungen. Christian Schmidt rezitierte – wie bei für jedes Geburtstagskind – das Geburtstagsgedicht. Das ganze fand rund um unsere große Tafel mit einem leckeren Festessen statt: Franz hatte Lachs im Blätterteig, ein Reisgericht mit Mango-Gemüsesauce und Salat zubereitet. Zum Nachtisch gab es Geburtstagskuchen und Obstsalat.

Der Abend „Perspektiven Italiens“ (Teil 2) mit Bildern, Musik und Texten über Aosta und Spezziola schloß die Feiertage ab und entließ uns in den Alltag.

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Das Buch der Straße öffnen

FußsohleLore war die älteste Teilnehmerin bei den Exerzitien auf der Straße, die im Juli in Berlin stattfanden. Sie schreibt im Rückblick:

Der Begriff „Exerzitien“ war für mich besetzt von dem Verständnis eines Erlebens der inneren Hinwendung zu Gott. In den Strassenexerzitien fand ich ein ganz anderes Verständnis: Jesus unter den Menschen und zwischen den Menschen zu erleben. Er, der von sich sagt, dass Er die Strasse ist – „ich bin der Weg…..“ (Joh. 14,6) – Ihm wollte ich in und bei den Menschen begegnen und Seine Sprache verstehen, wenn Er sagt: „kommt her zu mir alle, die Ihr mühselig und beladen seid.“ (Mat 11,28).

Zum Weiterlesen geht es hier.

Ein Tisch … als Zeichen der Gemeinschaft

Ein Tisch erzählt … vom Fest (Teil 1)
Ein Tisch erzählt … vom Fest (Teil 2)
und hier der 3. Teil in anderer Form:

Samstagsfrühstück: der Tisch ist gedeckt

Samstagsfrühstück: der Tisch ist gedeckt

Christian Herwartz schreibt: Vor 40 Jahren zogen drei Jesuiten zusammen nach Kreuzberg. Eine Kommunität begann. Nach dem Tod von Franz Keller (Januar 2014) wurde deutlich, dass sie in der jetzigen Form nicht mehr weiterleben kann. Ein Generationswechsel stand an. Ein Generationswechsel in was?

Die Kommunität ist in den Jahren gewachsen. Menschen aus über 70 Ländern wohnten und prägten die WG. Bisher hatten die Jesuiten eingeladen und die Gastgeberfunktion übernommen. Nun mussten sie diese mangels Nachwuchs abtreten. War die Gastgeberfunktion nicht schon längst auf die jetzt hier lebende Gemeinschaft übergegangen?

Ja, die ganze Gemeinschaft trägt die Wohngemeinschaft mit ihren unterschiedlichen Gaben. Doch in ihr leben bei aller Beteiligung auch Schutzsuchende. Diese können nicht alle Dimensionen der Verantwortung selbst übernehmen. Mitten in den vielfältigen Verantwortungen braucht eine Gemeinschaft Personen, die von außen ansprechbar sind und sich auch um die innere Kommunikation bemühen. Wer könnte nach meinem Weggang diese Personengruppe sein? Wer will diese Verantwortung übernehmen?

Nach einer Schockphase berieten wir zusammen mit unseren FreundInnen: Was ist wichtig geworden und wie kann es weiter gehen?

Cover

Cover

Viele Perspektiven wurden genannt und auch wieder verworfen. In dem Buch „Einfach Ohne“ ist dieser Prozess ein wenig festgehalten. Mitten in all den Ängsten, inneren Turbulenzen und Umbrüchen kam Iris W eiss Anfang 2015 für ein paar Tage, um die WG etwas mehr von innen zu erleben, die sie bei Samstagsfrühstücken schon kennen gelernt hatte. Sie blieb, engagierte sich und wollte auch verantwortlich hier leben bleiben. Sie stieg in den Neuanfang ein, der ja jeder Generationswechsel ist.

Wer könnte noch dazu kommen? Michael Peck kommt wöchentlich regelmäßig zwei Tage von Münster und engagiert sich mit ihr und allen anderen zusammen bei der Neuausrichtung.

Vieles soll weitergehen. Anderes, was bisher dazugehörte, ist nicht vorrangig. Iris und Michael übernahmen die nötigen Absprachen mit dem Jesuitenprovinzial und wuchsen immer mehr in die Kommunität hinein. Die Kommunität war schwer in ihrem Kern zu umschreiben. Doch wurde die Hoffnung immer deutlicher: Sie wollen einen schon begonnenen Weg fortsetzen. In dem Lesebuch „Einfach ohne“ sammelten sich Beiträge von Freunden, die vor allem Nadine zusammenstellte und Rolf mit vielen Zeichnungen versah. Das Buch kann im Internet aber auch auf Papier gelesen werden. Noch können Exemplare in der WG – möglichst gegen eine Spende ­ bestellt werden.

Für ein halbes Jahr unterstützte Sr. Hilmtrud­ aus der Congregatio Jesu ­ den Übergang vor Ort, und viele andere auch.

In der Feier übergab ich mitten unter den versammelten Bewohnern und Unterstützern die beiden Seitenteile unseres Wohnzimmertisches an Iris und Michael als Zeichen der Übergabe der Verantwortung.
Foto: Miriam Bondy

Foto: Miriam Bondy

Im Februar hat Dorothea im Rahmen eines zweiwöchigen Praktikums in der Naunynstraße mitgelebt. Bei ihr ist daraus in den folgenden Wochen der Wunsch und die Bereitschaft gewachsen, in die Naunynstraße zu kommen und die Wohngemeinschaft zu unterstützen. Sie hat uns dies am Freitag vor dem Fest gesagt und sich dann beim Fest als zukünftige Mitbewohnerin vorgestellt.
 
Am nächsten Tag stand der ganze Tisch mitten in der Kreuzberger Michaelskirche und wir feierten an ihm Gottesdienst mit allen FreundInnen, wie wir es in der Gemeinschaft all die Jahre auch getan haben.
Tisch beim Gottesdienst (Foto: Miriam Bondy)

Tisch beim Gottesdienst (Foto: Miriam Bondy)

Der Tisch war über die Jahre hinweg Mittelpunkt bei den vielen schönen Essen, Diskussionen und Feiern, auch bei den notwendigen und nicht so notwendigen Auseinandersetzungen sowie den Rückbesinnungen in den Gottesdiensten mit ihrem Ruf nach Entschiedenheit und Versöhnung.

Tisch nach dem Dankgottesdienst vor der Michaelskirche mit den Resten vom Fest (Foto: Miriam Bondy)

Tisch nach dem Dankgottesdienst vor der Michaelskirche mit den Resten vom Fest (Foto: Miriam Bondy)

Hier erlebten Menschen, dass sie auch in extremen Notlagen sprechen konnten und gehört wurden, dass Fremdheit und Streit zugelassen wurde, dass niemand in Harmonie ertränkt wurde. Auch sehr einsame Menschen konnten an diesem Tisch Platz nehmen, Verunsicherungen wurden ihnen zugemutet und nicht einfach verschwiegen. Menschen, die in Exerzitien Gottes Spuren auf der Straße suchten, fanden an dem Tisch Begleitung und Ermutigung. Im Vertrauen auf eine größere, oft unsichtbare Gemeinschaft trafen sich alltäglich hier Menschen verschiedener Glaubensrichtungen, die ja alle dem Frieden zu dienen suchten.

Allen Menschen, die weiter an diesem Tisch Platz nehmen, wünsche ich Wege zum Frieden, der Streit zulassen kann und Versöhnungswege eröffnet.

Vor der Rückkehr ins Wohnzimmer (Foto: Miriam Bondy)

Tisch vor der Rückkehr ins Wohnzimmer (Foto: Miriam Bondy)

Rundbrief 2 von Christian

Christian hat gestern seinen zweiten Rundbrief verschickt – nicht ohne Komplikationen mit dem Mailprogramm. Er schreibt:

Die Verschickung dieses Rundbriefes wird auf Schwierigkeiten stoßen, da während der Reise alle Mailadressen und auch andere Funktionen verloren gingen. Ich bitte Euch um Nachsicht, wenn Ihr entdeckt, dass Ihr den Rundbrief nicht erhalten habt oder eure Exerzitienanmeldung untergegangen ist. Meldet Euch bitte, denn ich kann die Ausfälle nicht alle ahnen.

Zitty: Einer für alle

Logo_zwPhilipp Mangold hat für das Berliner Stadtmagazin ZITTY einen Artikel über Christian Herwartz aus säkularer Perspektive geschrieben:

 

Vor rund vierzig Jahren gründete Christian Herwartz in Kreuzberg eine WG, in der er jeden wohnen ließ, dem es schlecht ging. Jetzt ist der Jesuit ausgezogen. Die Geschichte eines Mannes, der fehlen wird …

zum Weiterlesen geht es hier .

 

Ein Tisch erzählt … vom Fest (2)

Ein Tisch erzählt … vom Fest: Teil 1

Am Samstagmorgen, dem großen Tag, versammelten sich alle, die da waren um 8.00 Uhr um mich um zu frühstücken. Das war ungewöhnlich früh, denn normalerweise findet das Samstagsfrühstück immer als offenes Frühstück von 9.30 h bis 12.30 h mit vielen Gästen in großer Runde statt. Es war das erste Mal, daß das Samstags-frühstück in dieser Form ausfiel – und zwar wegen der vielen Vorbereitungen für das Fest, das um 15.00 Uhr beginnen sollte.

Außer den Bewohnern saß noch ein Gast in der Frühstücksrunde: Dorothea aus Frankfurt. Die kannte ich schon von ihrem Aufenthalt im Februar als sie zwei Wochen in der Naunynstraße zu Gast war und in einer Flüchtlingsunterkunft mitgearbeitet hat und zwar im Rahmen eines Praktikums für die Ausbildung zur Exerzitienbegleiterin. Danach hat sie noch das Osterwochenende in der Naunynstraße verbracht. Sie wollte den Bewohnern und Bewohnerinnen etwas Wichtiges mitteilen. Es wurde ganz still. Dorothea erzählte, wie sehr die Zeit in der Naunynstraße sie berührt hat und die Gemeinschaft sie nicht mehr losgelassen hat. Darüber war sie mit verschiedenen Menschen im Gespräch und hat beschlossen, ihre Zelte in Frankfurt abzubrechen und zum September in die Naunynstraße zu ziehen. Was für eine Überraschung für die meisten. Christian und Iris haben es wohl schon gewußt.

Nach dem Frühstück ging es sehr turbulent zu. Es wurden noch einige praktische Absprachen getroffen. Vieles, was zum Fest benötigt wurde und in der Naunynstraße zwischengelagert wurde, mußte zusammengepackt werden und ins Sharehaus gebracht werden, wo das Fest stattfinden sollte.

Und dann – es war inzwischen Mittag geworden – kam eine noch größere Überraschung für mich. Ich wurde – im wahrsten Sinne des Wortes – auseinander genommen: Meine beiden Seitenplatten, die ausziehbar sind, wurden abgenommen und dann auch noch meine Tischplatte entfernt. Ich wurde von Dorothea und Michael zwei Treppen hinunter getragen und in Michaels Transporter verstaut.

Foto: Miriam Bondy

Mittelteil vom Wohnzimmertisch mit Dorothea und Michael; Foto: Miriam Bondy

Das erste Mal seit Jahrzehnten sah ich das Leben außerhalb der Wohnung in der Naunynstraße, von dem immer so viel erzählt wird. Es hat sich viel verändert seit ich das letzte Mal Straßenkontakt hatte. Für mich war das sehr aufregend. Die Fahrt hätte ruhig länger dauern können. Es ging nur ins nahe gelegene Neukölln – ins Sharehaus. Dort leben geflüchtete Menschen. Es gibt Kreativwerkstätten und im Erdgeschoß eine Cafeteria. Neben der Cafeteria befindet sich ein großer Saal, der früher ein Kirchenraum war. Das ist noch deutlich zu sehen. Dort nun sollte das Fest, Christians Geburtstag, sein Abschied, der Generationswechsel und die Übergabe an Iris und Michael gefeiert werden. Ich wurde durch den großen Saal getragen, ganz nach vorne, wo eine Bühne aufgebaut war. Dort wurde ich mit meinen Einzelteilen an die Wand gelehnt.

Mir war ganz schwummerig. Um mich herum im Saal war unglaublich viel los: Es wuselte und brummte. Lange Tischreihen waren von fleißigen Helferinnen und Helfern aufgebaut worden und liebevoll mit Kerzen und Servietten dekoriert. RocknRollF zeichnete Plakate, die auf die verschiedenen Programmpunkte hinwiesen oder deutlich machten, wo Toiletten sind und wo geraucht werden konnte und was es sonst so an Do’s und Don’ts gab. Blumen wurden im Raum verteilt, die Musik- und Lautsprecheranlage überprüft, Biertische und Bänke und viele Getränkekisten hereingebracht.

Cover

Cover

In einer Nische in der Wand an der Längsseite waren eine Menge Bücher aufgebaut: Mindestens 400 Exemplare vom Einfach-ohne-Buch, das an die Gäste verschenkt werden sollte. Ich kenne das Buch fast auswendig, weil die Beiträge auf mir sortiert wurden und Hilmtrud wochenlang das Korrekturlesen an mir durchgeführt hat.  Aber ich will nicht abschweifen.

Ein Kollege von mir mit ziemlich bombastischen Ausmaßen, der sonst im Olivenhandel auf den Wochenmärkten im Münsterland tätig ist, wurde an der gegenüberliegenden Längsseite aufgebaut um das Kuchenbüffet und später das Abendbüffet zu tragen. Ich winkte ihm freundlich zu und war froh, daß ich an diesem Tag nichts weiter zu tun hatte – dachte ich zumindest…

Fortsetzung:
Teil 3: Ein Tisch … als Zeichen der Gemeinschaft